Während ich meine Mangobrause trinke, in winzigen Schlucken, denke ich über Pigrit nach. Darüber, ob er etwas ausrichten wird. Vielleicht. Sein Vater ist ein kluger Mann; gut möglich, dass ihm eine Lösung einfällt.
Ich hoffe es jedenfalls. Mehr als hoffen kann ich schließlich nicht.
Zum bestimmt hundertsten Mal schaue ich auf die Uhr. Eine Stunde ist vorbei. Allmählich kommt es mir wie Zeitverschwendung vor, hier nur herumzusitzen und zu warten. Wenn Frau Brenshaw sich bis in einer Viertelstunde nicht gemeldet hat, beschließe ich, rufe ich sie selbst noch einmal an.
Pigrit … Vielleicht, überlege ich, hat sein manchmal geradezu radikales Eintreten für die Wahrheit etwas mit der Beziehung seiner Eltern zu tun. Wahrheit ist das, worüber man nicht streiten kann. Streiten kann man nur über Ansichten, Meinungen, Standpunkte. Die Wahrheit dagegen ist, was sie ist, ganz unabhängig davon, was jemand sagt, glaubt oder denkt.
Für jemanden, der mit solchen Eltern aufgewachsen ist, muss die Wahrheit doch etwas ungemein Erstrebenswertes sein, oder?
Irgendwie ist mir, als stecke in diesem Gedankengang noch mehr, aber genau in dem Moment meldet sich Frau Brenshaw. Endlich! Eine Stunde und fünf Minuten hat sie gebraucht.
»Also«, beginnt sie. »Ich habe mit meinem Mann gesprochen. Er sucht jetzt nach einer Lösung, zusammen mit unserer ganzen Organisation.«
»Gut, und wie lange wird das dauern?«, frage ich.
»Das kann ich beim besten Willen nicht sagen.«
Ich bin sprachlos. Und dafür habe gewartet? Das nützt uns gar nichts!
»Frau Brenshaw«, sage ich, so ruhig ich kann, »so lange können wir nicht warten.«
Sie nickt fahrig. »Ja, natürlich nicht. Da müssen wir eine Übergangslösung finden. Ich habe mit einem Kontaktmann in Sydney gesprochen, einem Meeresbiologen. Er hat vorgeschlagen, dass du dich mit ihm triffst. Er besorgt gerade Lebensmittel für die Submarines, die du dann mitnehmen kannst.«
Das klingt schon besser. Wenn auch noch nicht richtig gut. »Wir brauchen außerdem einen Lagerplatz. Ein Versteck.«
»Daran arbeiten wir.«
Das ist alles enttäuschend wenig, aber zumindest werde ich nicht mit leeren Händen zu den anderen zurückkehren. »Also gut«, sage ich. »Wo und wie kann ich ihn treffen?«
Frau Brenshaw nickt. »Am besten gibst du mir deinen genauen Standort, dann suche ich einen Treffpunkt aus.«
»Moment.« Ich gehe ins Menü und übermittle ihr die Standortdaten. Dann beobachte ich ihre Augenbewegungen; offensichtlich hat sie den Stadtplan von Sydney vor sich und lässt sich Wege ausrechnen.
»Gut, South Head Hotel, das ist problemlos«, meint sie schließlich. »Du folgst der Promenade, bis du zu einem größeren Strand kommst, dem Liberation Beach. Das ist von dir aus etwa ein Kilometer, immer an der Bucht entlang. Gar nicht zu verfehlen.«
»Der Promenade entlang bis zum Strand«, wiederhole ich und frage mich, wieso sie mir nicht einfach den Treffpunkt schickt, dann könnte die Tafel mich leiten.
»Aber pass auf, vorher kommt noch ein kleinerer Strand«, mahnt sie. »Den meine ich nicht. Ich meine den ersten Strand, an dem auch Häuser stehen.«
»Verstehe. Und dann?«
»Dort ist ein großer Platz, ein Kreisverkehr. In der Mitte steht eins von diesen Denkmälern, die an die Bürgeraufstände erinnern. Eine Ausfahrt führt auf einen Parkplatz. Dort wartest du.« Sie runzelt die Stirn. »Pass auf, zur Sicherheit schicke ich dir einfach den Treffpunkt. In Ordnung?«
»Klasse«, sage ich und hoffe, es klingt nicht allzu sarkastisch. »Und diesen Meeresbiologen, wie erkenne ich den?«
»Sein Name ist James Farnsworth.« Sie ruft ihre Tastatur auf und schreibt mir den Namen auf. »Ich hab leider kein Bild von ihm greifbar, aber ich hab ihm eins von dir geschickt; er wird dich erkennen. Er muss etwas älter sein, grauhaarig … aber er wird dich erkennen.«
»Na gut.« Irgendwie hab ich kein besonders gutes Gefühl bei der ganzen Sache. »Hoffen wir es.«
»Du kannst dir übrigens Zeit lassen. Er ist noch unterwegs, wie gesagt, und wird bestimmt länger brauchen als du. Ich meine, wenn du jetzt losgehst, bist du in spätestens einer Unit dort, eher weniger. Zehn Minuten, wenn du zügig marschierst.«
»Alles klar.« Das heißt, weiter warten. Wenigstens werde ich meine Mangobrause in Ruhe austrinken können.
Das mache ich auch, nachdem Frau Brenshaw die Verbindung beendet hat. Ich schaue mich um, beobachte die Kellnerin, die mit einem Kollegen, der die gleiche Uniform trägt wie sie, vor einer Durchreiche zur Bar steht. Weil nichts los ist, schäkern sie miteinander. Er versucht immer, sie am Schwanz zu ziehen, sie weicht ihm kichernd aus. Schließlich knallt sie ihm mit der Schwanzspitze auf die Finger, ab da lässt er es.
Dann kommt ein älteres Paar aus dem Gebäude, gebrechlich und schlecht gelaunt wirkend. Sie schauen sich nach einem Tisch um, können sich nicht entscheiden. Die Kellnerin und ihr Kollege beobachten die beiden; es sieht aus, als würden sie sie schon kennen – und nicht mögen. Als sie sich endlich auf einen der vielen freien Plätze geeinigt haben, ist es einer in dem Bereich, für den er zuständig ist. Er zückt lustlos seine Tafel und geht los, während sie vor sich hin grinst.
Ich stelle das leere Glas ab und habe keine Lust mehr, noch länger hier zu warten. Also packe ich meine Tafel ein, stehe auf und schultere den Rucksack. Ich winke der Kellnerin zum Abschied zu; sie lächelt und winkt zurück. Dann gehe ich.
Sobald ich das Hotelgelände verlasse, wird die Promenade schmaler. Sie lässt einen Streifen entlang des Wassers unbenutzt, auf dem hohes, dürres Gras wächst. Gleich hinter dem Gelände passiere ich eine Siedlung von Wohnsärgen – ich weiß nicht, wie diese Dinger offiziell heißen, jeder nennt sie nur so: Wohnungen, die kaum größer sind als ein Bett, in denen man höchstens sitzen kann, aber nicht stehen. Die Anlage sieht aus, als stünden da Hunderte geräumiger Schließfächer mit gläsernen Türen, wobei die meisten Türen auf milchig gestellt sind. Hinter den durchsichtigen sehe ich Leute, die auf dem Rücken liegen und auf einen Bildschirm an der Decke schauen, oder die im Schneidersitz dahocken und etwas essen.
Gerade als ich – langsam und staunend – daran vorbeigehe, öffnet sich in der fünften Ebene eine der Türen. Ein Kopf schaut heraus, eine Leiter kommt angefahren. Als sie vor dem Wohnsarg angelangt ist, zwängt sich ein Mann durch die Öffnung, der einen Geschäftsanzug aus metallisch schimmerndem Stoff trägt sowie eine Aktentasche. Sorgsam schließt er die Tür, klettert herunter und steigt dann in ein automatisches Taxi, das in diesem Augenblick herangleitet und den Einstieg öffnet.
Ob das auch eine Art Hotel ist? Oder gibt es Leute, die immer so leben?
Irgendwie will ich das gar nicht so genau wissen.
Kurz darauf passiere ich den kleinen Strand, von dem Frau Brenshaw gesprochen hat. Er liegt verlassen da, nur ein klappriger alter Roboter stakt auf und ab und sammelt angeschwemmten Müll ein. Seevögel landen auf seinem Kopf und lassen sich in aller Ruhe von ihm herumtragen.
Hinter dem Strand schließt sich, von links kommend, eine Swisher-Piste an. Auf der ist nicht nur ziemlich dichter Verkehr, die Leute fahren auch wesentlich schneller, als ich es aus Seahaven gewöhnt bin. Wo, zugegeben, Swisher eher die Ausnahme sind.
Ich bleibe eine Weile stehen und schaue mir das an, weil es mir so vorkommt, als müsse sich jeden Moment jemand den Hals brechen. Aber das passiert nicht. Dafür sehe ich die seltsamsten Typen vorbeiswishen: ein dicker Mann, nackt bis auf eine Krawatte und über und über mit blauer Farbe bemalt. Niemand scheint ihn sonderlich zu beachten. Eine Frau balanciert im Fahren etwas auf dem Kopf, einen rechteckigen Gegenstand, an dem kleine Lichter blinken. Ich lerne, dass es auch ganz schmale Swisher gibt, auf denen man nur mit einem Fuß steht, während der andere frei in der Luft hängt; ein Mann biegt auf so einem Ding von der Piste ab, kommt vor einem Haus zum Stehen, springt ab, klappt den Swisher mit einem Griff zusammen und klemmt ihn sich im Weitergehen unter den Arm.
Wenig später erweitert sich das Ganze um eine Spur für automatische Autos, die dicht gedrängt dahinsummen. Die meisten Insassen haben ihre Tafeln in der Hand und lesen etwas oder telefonieren, ohne die Leute in den anderen Fahrzeugen eines Blickes zu würdigen. Manche schlafen, andere rasieren oder schminken sich. Während ich staunend einem Mann hinterherschaue, der sich die Augenbrauen färbt, nähert sich eine kleine Lastdrohne, die einen Becher Kaffee transportiert. An einem der Wagen öffnet sich das Verdeck, eine Hand kommt zum Vorschein. In der setzt die Drohne das Getränk ab und schwirrt wieder davon.
Hier stehen die Häuser dicht an dicht, alle terrassenmäßig angelegt, wohl, weil jede Wohnung einen Blick aufs Wasser haben soll. Dachgärten scheinen sehr in Mode zu sein. Auf Höhe der Straßen schaut man in lauter Glaskästen, in denen Leute irgendeiner Tätigkeit nachgehen, an Schreibtischen, Maschinen oder Verkaufstheken. Überall flimmern riesige Tafeln, die Werbung zeigen, Nachrichten oder einfach nur bunte, unruhige Farbspiele.
Ich erreiche den großen Strand. Ein paar Kinder spielen im Wasser, beaufsichtigt von einer in dicke Tücher gehüllten Frau, ansonsten ist der Sandstreifen leer. Dahinter erheben sich Häuser, deutlich höher und dichter gebaut als die bisherigen. Die Straße, der ich folgen muss, führt landeinwärts. Ich tauche ein in ein hektisches Gewimmel aus Leuten, die entweder durch bizarres Make-up oder bizarre Kleidung auffallen wollen oder aber ganz grau und unauffällig daherkommen, einander zum Verwechseln ähnlich.
Der Kreisverkehr, an dem ich diesen Herrn Farnsworth treffen soll, liegt im Schatten einer Hochstraße, auf der riesige Lastwagen dahingleiten. Die Sonne spiegelt sich in den steil aufragenden Gebäuden rings um den Platz, was hier unten, wo ich gehe, ein verwirrendes Zwielicht schafft.
Da ist der Parkplatz, von dem Frau Brenshaw gesprochen hat. Er ist nur zur Hälfte gefüllt und automatischen Taxis vorbehalten, die hier auf Abruf warten. Weit und breit ist kein grauhaariger Mann zu sehen, genau genommen überhaupt niemand, also setze ich mich auf eine hüfthohe Plastikbox am Rand des Geländes, die vermutlich ein Server ist oder Schaltschrank oder dergleichen, und warte. Mal wieder.
Es ist eigenartig, still zu sitzen, während um mich herum das Stadtleben tobt. Ab und zu fährt eines der Taxis los oder es kommt eines an und parkt, aber sie sind immer leer. Ein paar Leute swishen vorbei und unterhalten sich dabei schreiend; es geht um irgendeine Party. Ein Roboter putzt die Glaskästen von außen, eine Scheibe nach der anderen, ganz gemächlich, und niemand außer mir beachtet ihn. Einmal biegt ein Party-Bus ab; ein ausladendes Fahrzeug mit einer großen Glaskuppel, unter der Leute an Tischen sitzen, essen und angeregt plaudern; andere tanzen zu unhörbarer Musik.
Dann, endlich, biegt ein Wagen auf den Parkplatz ein, in dem jemand sitzt. Das muss dieser Meeresbiologe sein.
Oder auch nicht. Die Scheiben spiegeln in dem seltsamen Licht hier, aber ich sehe, dass zwei Personen darin sitzen. Also bleibe ich lieber erst mal, wo ich bin.
Der Wagen parkt. Ein älterer, gebückt gehender Mann steigt aus. Er hat tatsächlich graue Haare und außerdem einen grauen Kinnbart.
Er schaut zu mir herüber. »Du musst Saha Leeds sein«, meint er.
»Ja«, sage ich und stehe auf.
Er kommt auf mich zu, schüttelt mir die Hand, ganz altmodisch. »Farnsworth«, sagt er. »Ich hab dir jemanden mitgebracht.«
»Jemanden?«, wiederhole ich misstrauisch. »Ich dachte, etwas? Etwas zu essen für die Submarines?«
»Das auch«, meint er leichthin und winkt in Richtung des Wagens.
Nun steigt der zweite Insasse ebenfalls aus. Es ist ein Junge, etwa in meinem Alter. Nicht nur das, er kommt mir seltsam bekannt vor, als er zu uns herüberschlendert.
Dann erkenne ich ihn und mein Herz bleibt stehen.
Es ist Sechs-Finger!