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Ich nehme an, du bist jetzt ziemlich überrascht«, sagt er und zupft etwas verlegen an seinem Graureiter-Zopf.

Ich schnappe nach Luft. Mein erster Impuls ist, ihm um den Hals zu fallen, aber … aber das geht irgendwie nicht.

»Ziemlich überrascht ist gar kein Ausdruck«, bringe ich schließlich hervor. »Ich dachte, du wärst tot!«

»Ich schlage vor«, mischt sich Herr Farnsworth ein, ehe Sechs-Finger antworten kann, »wir setzen uns ins Auto und fahren zum South Head. Und unterwegs erzählen wir dir die ganze Geschichte.«

Und so machen wir es.

Die Kurzfassung ist ganz und gar unfassbar: Sechs-Finger ist ein Mischling, genau wie ich, und Herr Farnsworth ist sein Vater. Der Unterschied zwischen Sechs-Finger und mir ist aber, dass es für ihn äußerst schmerzhaft ist, von einem Medium ins andere zu wechseln – und dass danach sehr viel Zeit verstreichen muss, ehe er zurückkann. Das heißt, wenn er vom Atmen von Wasser auf das Atmen von Luft übergeht, ist er sozusagen erst einmal an der Luft gefangen.

Und genau das ist ihm passiert. Während seines wilden Ritts, mit dem er die U-Boote von uns weggelockt hat, hat eine Explosion in unmittelbarer Nähe den Wal so in Panik versetzt, dass er blindlings davongerast und gestrandet ist, an einer menschenleeren Küste in einer nördlich von Sydney gelegenen Agrarzone. Glück im Unglück war, dass gerade Flut herrschte und das Wasser stieg, sodass es Sechs-Finger gelang, Kleiner-Fleck wieder ins Meer zu befördern und damit vor dem Tod zu bewahren.

Er selber aber konnte nicht mehr zurück ins Wasser. Also hat er sich zu seinem Vater nach Sydney durchgeschlagen.

»Ich habe Kleidung von einer Wäscheleine gestohlen«, bekennt er. Inzwischen stehen wir auf einem Stellplatz auf dem Gelände des South Head Hotels, aber ich kämpfe immer noch mit der Angst, alles nur zu träumen. »Dann habe ich Leute gefragt, wie ich nach Sydney komme. Ich hab erzählt, ich sei bei einem Ausflug verloren gegangen, und eine Frau hat mich schließlich einfach hergefahren.«

»War eine ziemliche Überraschung, als er so plötzlich vor der Tür stand«, meint Herr Farnsworth schmunzelnd.

Ich fasse es immer noch nicht. Sechs-Finger ist wie ich – ein Mischwesen. Und ich habe es nicht einmal geahnt!

»Warum hast du mir nie etwas davon gesagt?«, will ich wissen.

Er verzieht das Gesicht. »Das ist eine lange Geschichte.«

»Ich hab heute schon so viel Zeit verplempert, da kommt es darauf auch nicht mehr an«, erwidere ich. Eins ist mir klar: Das – dass er ein Mischling ist wie ich – war es, was von Anfang an zwischen uns gestanden hat. Deswegen will ich mich jetzt nicht noch einmal vertrösten lassen, sondern Bescheid wissen.

Und so erfahre ich die ganze Geschichte: James Farnsworth ist vor rund zwanzig Jahren auf eine meeresbiologische Forschungsstation auf einer Insel der Philippinengruppe gekommen. »Die Wissenschaftler dort waren eine ausgesprochen lässige Truppe«, erzählt er. »Wir haben uns in erster Linie eine angenehme Zeit gemacht. Wenn neben den Partys noch Zeit für die Forschung blieb, prima, und wenn nicht, dann eben nicht. Konsequenzen hatte das keine; es hat sich eh niemand sonderlich für unsere Arbeit interessiert.«

James Farnsworth war damals ein guter Freitaucher, nicht hinsichtlich der erreichten Tiefe, aber was die Tauchdauer anbelangte. Das nutzte er für seine Untersuchungen über das Verhalten von Delfinen, denen er auf diese Weise näher kam als mit Taucherausrüstung.

Da er der einzige Freitaucher der Gruppe war, tauchte er oft alleine. (»Was man als Freitaucher natürlich nie tun sollte«, gesteht Herr Farnsworth.)

Und bei einem dieser Tauchgänge traf er eine Submarine-Frau.

Sie hieß Mutiges-Herz und er muss ihr gefallen haben, denn sie kam immer wieder und sie freundeten sich nach und nach an. Er beherrschte damals die Gebärdensprache noch nicht, aber er kapierte, was sie mit den Händen machte, fand irgendwo im Netz einen Schnellkurs und den Rest brachte sie ihm bei. Hilfreich war, dass sie eine ziemlich gute Luftatmerin war. Sie hielt es bis zu zwei Stunden an der Luft aus und so konnte sie ihn in der einsam gelegenen Bambushütte besuchen, die er am Meer für sich hatte.

Schließlich verliebte er sich in sie und sie sich in ihn. Eins kam zum anderen und gemeinsam machten sie die biologisch interessante Entdeckung, dass eine Wasserfrau von einem Luftmann schwanger werden kann. Aus dem Forschungsobjekt war längst eine Beziehung geworden und James Farnsworth gab die Idee auf, einen aufsehenerregenden Bericht über die Wassermenschen zu veröffentlichen. Im Gegenteil, er war inzwischen überzeugt, dass er alles tun musste, um die Existenz der Submarines vor der Welt geheim zu halten.

Das Kind hatte sechs Finger an jeder Hand, war ansonsten aber gesund. Die ersten drei Jahre lebte es bei seiner Mutter, deren Schwarm regelmäßig durch dieselben Gegenden zog, sodass er seinen Sohn immer wieder zu sehen bekam.

Eines Tages, als die Mutter gerade wieder in der Nähe von Farnsworths Hütte lagerte, beschloss sie, auszuprobieren, ob ihr Kind ihre Gabe geerbt hatte und ebenfalls ein guter Luftatmer war. Im Alter von drei Jahren, erklärte sie Farnsworth, könne man das schon verlässlich feststellen, und das sei etwas, das die Eltern eines Kindes üblicherweise gemeinsam unternähmen.

Also hievten sie den kleinen Sechs-Finger unter dessen Protest an die Luft. Dort schrie er erst mal und japste und bekam Panik, bis er nach ein paar Minuten tatsächlich Luft atmete und sich wieder beruhigte.

Doch zum Entsetzen beider Eltern gelang der umgekehrte Weg nicht mehr. Was sie auch versuchten, Sechs-Finger, der drei Jahre lang unter Wasser gelebt hatte, konnte es nicht mehr. Schließlich gaben sie ihre Anstrengungen auf, weil sie Angst bekamen, er könnte ertrinken. Sie beschlossen, dass der Junge eben von nun an beim Vater leben solle.

Auf diese Weise kam der unverheiratete Meeresbiologe James Farnsworth zu einem Kind, das er aufziehen musste. Seine Kollegen wunderten sich nicht sonderlich darüber. Sie gingen davon aus, dass es sich um ein Kind handelte, das er mit einer lebenslustigen Insulanerin hatte; eine nicht gerade seltene Konstellation.

So wuchs Sechs-Finger bei ihm auf. Er lernte von seinem Vater Englisch und weiterhin die Gebärdensprache, später besuchte er mit den philippinischen Kindern der umliegenden Dörfer, mit denen er auch spielte, die Grundschule. Weder seine sechs Finger noch seine Kiemen oder seine Schwimmhäute waren ein Diskussionsthema, eher schon, dass Sechs-Finger natürlich ein äußerst guter Schwimmer war.

Ach ja: Und sein Vater gab ihm den Namen Leon.

»Leon Farnsworth«, wiederhole ich, lasse mir den Namen auf der Zunge zergehen. »Hmm – Sechs-Finger gefällt mir besser.«

Den Namen Sechs-Finger aber, das schärfte ihm sein Vater vom ersten Tag an ein, müsse er für sich behalten. Genauso, wie er niemandem erzählen dürfe, wer seine Mutter sei. Das alles sei ein Geheimnis, das sie unter allen Umständen bewahren müssten.

»Witzigerweise haben die älteren Kinder in der Schule irgendwann von sich aus angefangen, mich Sechs-Finger zu nennen«, erzählt er lachend. »Bis die Lehrerin es ihnen streng verboten hat.«

Ab und zu nahm James Farnsworth seinen Sohn Leon auch mit nach Sydney, wo sich, wie er wusste, niemand an einem Kind mit sechs Fingern stören würde.

So vergingen die Jahre. Sechs-Finger wurde älter und wäre wohl ein ganz normaler Luftmensch geworden, hätte ihn nicht eines Tages seine Mutter bei einem ihrer seltenen Besuche zu einem gemeinsamen Tauchgang überredet. Sie hatte einen besonders schön schimmernden Stein auf dem Meeresgrund gefunden, den sie ihm zeigen wollte. Was sie sich nicht klarmachte, war, dass diese Tiefe die meisten Luftmenschen überforderte, und sie überforderte auch ihren inzwischen achtjährigen Sohn. Der wollte sich jedoch nichts anmerken lassen, und als ihm die Luft da unten auszugehen drohte, begann er unwillkürlich, wieder Wasser zu atmen.

Diesmal war es ihm unmöglich, danach an die Luft zurückzukehren. Die Zeit bei seinem Vater war also auf einen Schlag zu Ende und es blieb Sechs-Finger nichts anderes übrig, als fortan wieder bei seiner Mutter zu leben.

Der fiel diese Umstellung alles andere als leicht. Sechs-Finger hingegen gewöhnte sich rasch wieder an das Leben unter Wasser, und als seine Mutter sich kurz darauf den Graureitern anschloss und die Gefährtin Hohe-Stirns wurde, war er ein Submarine wie jeder andere. Er war überglücklich, von den Walen als Reiter akzeptiert zu werden, und das war fortan sein Lebensinhalt.

Auch seine Mutter schärfte ihm ein, niemandem etwas über seine Herkunft und seine Besonderheit zu verraten – aber aus einem anderen Grund als sein Vater: Sie diente Hohe-Stirn nämlich als Spion bei den Luftmenschen und sie fürchtete, dass dieser auch ihren Sohn an Land schicken würde, wenn er dessen Geheimnis erfuhr.

»Sie sagte immer: ›Du weißt nicht, wie oft du im Leben vom einen ins andere wechseln kannst‹«, erzählt Sechs-Finger, dessen Stimme mir übrigens gut gefällt.

»Ich hätte ihm bestimmt nichts verraten«, sage ich.

Er mustert mich mit hochgezogenen Brauen. »Bist du sicher?«

Nein, bin ich nicht. Er hat recht. Ich habe erlebt, was für ein Verführer Hohe-Stirn sein kann.

Als wir auf dem Parkplatz des Hotels sind, meint Sechs-Fingers Vater: »Ich glaube, ihr beiden müsst euch mal eine Weile aussprechen, ohne dass ich dabei bin. Ich packe derweil die Lebensmittel ein.«

Gute Idee, sage ich mir, aber dann beschleicht mich ein beklommenes Gefühl, als wir aussteigen und ich mit Sechs-Finger in Richtung Ufer gehe. Eine Weile sagt keiner von uns etwas. So viel zum Thema »aussprechen«.

Dann, als wir das Geländer erreicht haben, das Hotelgäste davor bewahren soll, in den Ozean zu fallen, frage ich noch einmal: »Warum hast du mir nichts davon gesagt? Wir waren tagelang da draußen unterwegs, wir hätten jede Menge Zeit gehabt …«

Sechs-Finger nickt betreten. »Ja. Hätten wir. Ich … Ich wollte es dir sagen. In dem Moment, in dem wir uns geküsst haben, wollte ich dir alles erzählen, alles. Ich wollte, dass du alles über mich weißt. Aber im nächsten Augenblick hab ich Angst bekommen, dass du vielleicht denkst, dass ich bloß neidisch bin, dass ich dir deinen Status absprechen will als die prophezeite Mittlerin und so –«

»Was?«, platze ich heraus. Ich fasse es nicht. »Wegen dieser blöden Prophezeiung?«

Er hebt unglücklich die Schultern. »Was hätte ich denn machen sollen, wenn du verlangt hättest, dass ich es beweise? Hätte ich ja nicht können. Und bezeugen können hätte meine Geschichte niemand – meine Mutter ist irgendwo, keine Ahnung, wo, und sonst weiß niemand davon.« Er seufzt. »Also hab ich beschlossen, ich erzähl’s dir einfach gar nicht. Wozu auch? Ich hatte ja nicht vor, je wieder an Land zu gehen. Und dann … dann hab ich mir gesagt, dass du eh nicht bleiben wirst. Dass du am Ende doch wieder an Land gehst.«

Seine Stimme bricht mit dem letzten Satz. Er schaut weg, schaut übers Meer, als gäbe es dort draußen irgendwas Wichtiges zu sehen.

Ich strecke zögernd die Hand aus, greife nach der seinen – und er lässt es zu, entzieht sie mir nicht.

»Ist das wahr?«, frage ich. »Hast du gedacht, ich liebe dich nicht genug, um bei den Graureitern zu bleiben?«

Er sieht mich wieder an, grinst schief. »Schau dir doch an, wo wir jetzt sind.«

Ich mustere ihn, versuche zu kapieren, ob er das jetzt ernst meint. Jungs! Kann frau überhaupt je verstehen, wie die ticken?

Immerhin: Die Mauer ist weg. Ich nehme das mal als Fortschritt.

»Als wir unterwegs waren, auf der Flucht vor den Graureitern und den Bomben«, fährt Sechs-Finger fort, »da hab ich gedacht, ich hab es sowieso verpatzt. Dass du mir das nicht verzeihst, dass ich dich nicht vor Hohe-Stirn gewarnt habe. Dass ich dir nicht eher geholfen habe. Dass ich …« Er hält inne, hebt wieder die Schultern. »Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Und du hast dauernd von irgendeiner Mauer angefangen …«

Möglicherweise, dämmert mir, hab ich mich auch nicht besonders geschickt angestellt. Wie auch, schließlich hab ich in diesen Dingen null Übung.

»Aber du hast mich doch vor Hohe-Stirn gewarnt«, sage ich.

»Schon. Aber nicht eindringlich genug.«

»Und du hast mich befreit.«

»Aber erst so spät. Weil ich Angst hatte, ich lande neben dir am Pfahl. Dann wären wir beide gestorben.«

»Das wäre ziemlich schlecht gewesen«, gebe ich zu. »War deutlich besser, dass du auf einen geeigneten Moment gewartet hast.«

»Dann verzeihst du mir das alles?«

»Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dir deswegen Vorwürfe zu machen«, erwidere ich. »Ich dachte die ganze Zeit einfach nur, du hast halt eine andere. So als Prinz.«

Er schüttelt heftig den Kopf. »Ich hatte keine andere.« Er zögert. »Ich hatte schon Mädchen geküsst, das schon. Aber mit keiner war es so wie mit dir. Nicht einmal annähernd.«

Dann ist ein Moment der Stille, aber es ist eine gute Stille. Überhaupt ist nur wichtig, dass wir uns endlich, endlich in die Arme schließen.

Und dann reden wir nichts mehr.

Irgendwann dringt die Stimme seines Vaters zu uns durch. »Ich unterbreche euer junges Glück wirklich nur ungern, aber ich fürchte, wir sollten uns beeilen.«

Er hat recht, also lassen wir einander los und ich schaue mir an, was Herr Farnsworth angeschleppt hat: ein riesiges Tragenetz voller Obst, Gemüse und Fischkonserven.

»Sind Sie sicher, dass Submarines das essen können?«, frage ich skeptisch. Konserven? Gut, es sind solche, die man mit einem Handgriff öffnen kann – trotzdem …

Herr Farnsworth schmunzelt. »Oh, da bin ich mir sehr sicher. Ich hatte in den letzten Tagen eine exzellente fachliche Beratung, was das anbelangt«, fügt er mit einem Blick auf seinem Sohn hinzu.

Lauch und Paprika? Da bin ich mal gespannt.

»Ziemlich viel Zeug«, fällt mir auf.

»Wir dachten, es darf ruhig ein bisschen was wiegen, schließlich geht es ja nur nach unten«, erklärt Sechs-Fingers Vater gelassen. »Wir tragen es dir natürlich bis ans Wasser.«

Ich räuspere mich. »Öhm … ich habe Frau Brenshaw gesagt, dass ich nicht nur Lebensmittel für meinen Schwarm brauche, sondern auch ein Versteck, wo wir sicher sind.«

Er lächelt. »Ja, das hat sie mir auch gesagt. Und ich weiß da auch was.«

Nachdem er mir alles erklärt hat, wird es Zeit, mich zu verabschieden, vorläufig zumindest. Da es ausgeschlossen ist, das riesige Paket durch den Mini-Urwald zu schleppen, suchen wir eine andere Stelle, an der kein Geländer ist und ich unauffällig in den Ozean abtauchen kann. Der Lendenschurz der Graureiter wird wohl an dem Ast hängen bleiben müssen, an den ich ihn gehängt habe.

Ein letzter Kuss. Der sich doch wieder zieht, sodass Herr Farnsworth noch einmal meckern muss. Schweren Herzens lasse ich Sechs-Finger wieder los, ziehe mein Kleid aus, verstaue es in meinem Rucksack. Gemeinsam hieven wir das Fresspaket ins Wasser. Ein letzter Blick, dann tauche ich damit ab.

Die Sachen stoßen tatsächlich auf helle Begeisterung; es hätte sogar noch mehr Lauch sein können. Und die Konserven finden alle ganz großartig: Nicht nur, dass der Fisch darin höchst interessant schmeckt, man behält hinterher auch noch Metall übrig, aus dem man etwas machen könnte! Alle bedauern, dass dafür im Augenblick keine Zeit ist.

Wie es denn nun weitergehe, werde ich gefragt.

Heute Nacht lagern wir hier, schlage ich vor und deute auf die steil aufragende Felswand, oberhalb derer das South Head Hotel steht. Und morgen führe ich euch in ein Versteck, wo wir sicher sind.

Alle sind begeistert.

Bis auf Nur-ein-Fuß, der das alles mit steinernem Gesicht verfolgt hat.