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Die Woche danach ist das reinste Chaos.

Noch am selben Tag kommt es zu Verhaftungen und Durchsuchungen in vielen Konzernzentralen. In den Nachrichten sieht man, wie Leute in Geschäftsanzügen abgeführt und Kisten voller Computer aus Büroräumen getragen werden, wie Polizeikreuzer auf hoher See Schiffe ohne Kennung aufbringen und Seebomben sicherstellen.

Und auch ich bin wieder in den Nachrichten. Doch diesmal macht es mir nichts aus, im Gegenteil. Es ist gut, dass ich sagen kann, was gesagt werden muss.

Parallel dazu wird die Seerechtskonferenz verlängert. Organisatorisch ist das ein Albtraum – es gilt, Hunderte von Hotelzimmern umzubuchen, Dutzende anderer Veranstaltungen abzusagen oder zu verlagern und vieles mehr. Ferner trifft sich der Weltmeeresrat zu einer außerplanmäßigen Sitzung und schaltet sich per Holo-Konferenz zu. Meeresbiologen, Mediziner, Genetiker und andere Wissenschaftler brechen sofort nach Sydney auf, um die Submarines zu begutachten.

Denn die stehen natürlich im Zentrum all dieser Aktivitäten. Zunächst muss geklärt werden, wohin sie sollen und wie man sie dorthin bringen kann. Dass sie nicht im Aquarium des Ocean Dome bleiben können, ist klar, doch niemand hat Lust, über die glitschige Leiter zurück in die alten Tunnel zu klettern. Zudem wäre abwärtszuklettern weitaus gefährlicher als unser Weg hinauf.

Zum Glück stellt sich heraus, dass hinter dem Fütterungsbecken am anderen Ende des Aquariums eine Schleuse für Wartungsarbeiten existiert, von der aus es eine Verbindung direkt ins Meer gibt. So springe ich zwischen zwei Fernsehterminen zu den anderen ins Hafenbecken und begleite sie die Küste entlang bis zum Institut für Meeresbiologie der Universität von Sydney. Hier wartet ein großes, schönes Becken mit gereinigtem Wasser und vor allem freiem Zugang zum Meer auf sie – sie sind also nicht länger eingesperrt.

Natürlich findet unser »Umzug« nicht ohne Zuschauer statt. Wir werden von Schiffen mit Glasböden begleitet, von Unterwasser-Kameradrohnen und von Tauchern. Unter den Wissenschaftlern, die sich für die Submarines interessieren, ist sogar ein Freitaucher, ein junger Immunologe namens Lionel Cook, der immer wieder minutenlang mit uns schwimmt, als gehöre er dazu.

Er scheint es Strich-am-Bauch schwer angetan zu haben; jedenfalls will sie, dass ich ihn frage, ob er schon eine Frau hat. Und weil sie nicht lockerlässt, gehe ich, als er wieder einmal auftauchen muss, um Luft zu holen, mit ihm nach oben und frage ihn tatsächlich.

»Nein«, sagt er keuchend. »Wieso?«

»Ich soll Sie das fragen«, erwidere ich. »Aber ich darf Ihnen nicht verraten, wer es wissen will.«

Er lacht. »Oh, ich glaube, ich kann es mir denken.« Er ist nett, hat helle, krause Haare und lebhafte Augen.

Ich tauche wieder ab, während er noch durchatmen muss, und verrate Strich-am-Bauch, was er gesagt hat.

Sie ist begeistert. Wenn ich ein Kind mit ihm bekäme, überlegt sie verzückt, dann könnte es später vielleicht auch zwischen dem Wasser und der Luft wechseln, genau wie du. Oder? Was meinst du?

Ich muss lachen. Du hast Ideen …!

Schade, dass er unsere Sprache nicht spricht, meint sie betrübt. Dann hellt sich ihr Gesicht auf. Vielleicht kann ich sie ihm ja beibringen?

Gute Idee, erwidere ich. Es gibt viel zu wenige Luftmenschen, die mit den Händen sprechen können.

Das ist tatsächlich gerade eines der dringendsten Probleme: Leute zu finden, die Gebärdensprache dolmetschen können. Die Wissenschaftler, die die Submarines befragen wollen, suchen buchstäblich die ganze Welt danach ab. So kommt es, dass ich kurz darauf einem grauhaarigen, freundlichen alten Afrikaner begegne, einem Lehrer für Gebärdensprache, der Eskindir Asman heißt und behauptet, meine Tante Mildred zu kennen.

»Mildred Leeds, natürlich erinnere ich mich«, meint er. »Es ist lange her, aber sie und ihre Familie waren meine ersten Schüler in Australien. Wie geht es ihr?«

»Oh, gut, glaube ich«, stottere ich. Sie hat von all dem, was hier passiert, aus den Nachrichten erfahren, ist mächtig stolz auf mich, aber vor lauter Interviews kommen wir nicht dazu, länger als fünf Minuten zu telefonieren.

»Richte ihr Grüße von mir aus, bitte.« Er deutet entschuldigend auf die zwei jungen Männer in seiner Begleitung, die ungeduldig auf den Zehenspitzen wippen. »Ich muss weiter, fürchte ich. Dass ich einmal für Wassermenschen dolmetschen würde, hätte ich auch nie gedacht …«

Am Anfang habe ich ebenfalls gedolmetscht, doch das geht inzwischen nicht mehr, denn ich werde von einem Interview zum nächsten gereicht. Als ich das erste Mal in einem Studio bin und für ein Live-Gespräch hergerichtet werde, ist alles noch sehr aufregend, aber beim zehnten Auftritt innerhalb von drei Tagen ist es schon Routine. Ich höre bald auf zu zählen, mit wie vielen Channels, Portalen und Agenturen ich spreche; ich habe das Gefühl, dass ich hundertmal dasselbe erzähle – allerdings sind es auch immer dieselben Fragen.

Doch je öfter ich sie beantworte, desto mehr wird klar, was das bedeutet, was ich in jenem Moment hinter dem Rednerpult im Ocean Dome zum ersten Mal gespürt habe: dass ich meinen Platz gefunden habe. Dass mein Platz nicht entweder hier oder dort ist, sondern genau dazwischen. Dass ich tatsächlich eine Mittlerin sein muss, um mich am richtigen Platz im Leben zu fühlen – denn nur als Mittlerin zwischen den Luft- und den Wassermenschen kann ich etwas bewirken, und würde ich mich dieser Rolle verweigern, müssten viele Menschen leiden.

Sechs-Finger dagegen hilft den Wissenschaftlern, die mit den Submarines reden wollen, und so sehen wir uns kaum. Erstaunlicherweise schafft er es, das Geheimnis seiner eigenen Herkunft zu wahren. Die Journalisten sind so auf mich fixiert, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, sich mit ihm zu befassen.

Er ist eben ein äußerst geübter Geheimniswahrer, der Prinz der Graureiter.

Die ersten Forschungsarbeiten drehen sich um die Frage, was Submarines gerne essen und was nicht. Das finden alle vom Schwarm sehr interessant, vor allem die Kinder, die zum ersten Mal im Leben Dinge wie Bonbons (zu süß), Schokolade (faszinierend) oder Äpfel (herrlich) zu kosten bekommen. Im Gegenzug rücken auch die Submarines ein paar Nahrungsmittel aus ihrer Reserve heraus und dann ist die Reihe an den Wissenschaftlern, zu probieren und zu bewerten. Über die meisten Sachen sind sie sich uneinig, aber die Paste aus grünen Algen, erfahre ich, löst einhellige Begeisterung aus. Lange-Frau verrät das Rezept dafür und einer der Soziologen meint nachher, das sei nun der erste kulturelle Austausch zwischen den beiden Welten.

Doch schließlich kommt die Zeit des Abschiednehmens. Die Konferenz im Ocean Dome endet mit ersten Beschlüssen, wie hinsichtlich der Beziehungen zwischen Land- und Wasserbewohnern künftig zu verfahren sei, und einer Menge weiterem Diskussionsbedarf. »Das wird noch jahrelang Thema Nummer eins bleiben«, prophezeit Pigrits Vater.

Beim Abschied schüttele ich die Hände vieler wichtiger Leute. Zonenräte aus aller Welt wünschen mir alles Gute, die Oberste Richterin des Weltgerichtshofs gratuliert mir zu meinem »mutigen Auftritt« (wenn sie wüsste, wie klein ich mich da oben auf der Bühne gefühlt habe!) und der Vorsitzende eines der Tiefseekonzerne, die nicht an der Verschwörung beteiligt waren, verspricht mir, sich um gute Beziehungen zu den Submarines zu bemühen.

»Was für eine idiotische Idee, dass sie eine wirtschaftliche Gefahr für uns seien«, meint er kopfschüttelnd. »Es gibt so viel, was sie gern von uns haben möchten, und so viel, was sie im Gegenzug dazu für uns tun können – Dinge, die uns unter Wasser schwerfallen oder die wir gar nicht hinbekommen. Allein, bis jeder Wassermensch ein gutes Messer hat! Schnüre und Beutel aus Kunststoff! Kleidung für kältere Gebiete!«

»Sie führen allerdings ein sehr anderes Leben als wir«, erwidere ich. »Submarines in einem Job von 33 bis 66 – das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Na, diese Art Jobs hat ja sowieso kaum noch jemand«, winkt er ab. Offenbar kennt er die neotraditionalistischen Zonen nicht. »Aber Bedürfnisse sind jedenfalls auf beiden Seiten da und ich sag mal so: Mit den Menschen in den Reservatszonen treiben wir schließlich auch Handel, nicht wahr? Ohne dass uns interessiert, wann die morgens aufstehen.«

Solche Gespräche führe ich viele und jedes davon zeigt mir, dass es eine Menge zu tun geben wird für eine Mittlerin. Dass jemand die Submarines davor beschützen muss, von den Vorstellungen der Luftmenschen einfach überrollt zu werden, und dass ich dieser Jemand sein muss.

Ich verabschiede mich auch von der Frau, deren Vortrag ich unterbrochen habe. Mit ihr habe ich mich in der Zwischenzeit sogar angefreundet; sie heißt Paradise Chang und ist weitaus netter, als ich zuerst den Eindruck hatte. Wir tauschen unsere Kontaktdaten und ich muss ihr versprechen, mich zu melden, falls es mich einmal nach Hongkong verschlagen sollte.

Was wenig wahrscheinlich ist. Unter allen freien Zonen gilt Hongkong als die, in der es am bizarrsten zugeht, und mir reicht Sydney schon völlig.

Tatsächlich habe ich mittlerweile fast so etwas wie Heimweh nach Seahaven!

Auch von den Submarines muss ich mich verabschieden. Auf mich wartet, trotz allem, erst noch die Schule. Tante Mildred hat mir das Versprechen abgenommen, auf alle Fälle den Abschluss zu machen, und ich will es auch selber. Und der Schwarm hat beschlossen, wieder aufzubrechen und sich auf den Weg nach Norden zu begeben, ehe der Herbst anbricht. Zweifellos eine gute Idee, denn es ist bereits März und man merkt abends, dass der Sommer nicht mehr lange anhalten wird. Und zurück nach Norden bedeutet, aus eigener Kraft schwimmen zu müssen!

Eigentlich hätte ich mir gewünscht, sie noch ein Stück hinaus ins Meer zu begleiten und ein Zusammen-zusammen zu machen, ehe sich unsere Wege trennen, doch Sechs-Finger schüttelt nur den Kopf, als ich das erwähne.

»Da hast du etwas nicht verstanden«, meint er. »Ein Zusammenzusammen macht man mit denen, mit denen man zusammen bleiben will, nicht mit jemandem, der den Schwarm verlässt.«

Also lasse ich diese Idee fallen, und als es so weit ist, ziehe ich mich einfach aus, tauche zu ihnen ins Becken und verabschiede mich von jedem einzeln.

Nur-ein-Fuß ist der Erste, der sich verabschiedet. Wir sind alle sehr stolz, dass die Mittlerin mit uns geschwommen ist, erklärt er feierlich. Auch wenn viele von uns – er grinst dabei verlegen – sie lange Zeit nicht erkannt haben. Aber auch das ist schließlich so prophezeit worden.

Schwimmt-schnell verspricht mir, dass sie allen Schwärmen und Kundschaftern, denen sie begegnen, erzählen werden, was geschehen ist. Eine neue Zeit hat begonnen, meint er. Das müssen alle erfahren.

Tu das, erwidere ich.

Vielleicht, fügt er hinzu, findest du auf diese Weise deinen Vater doch noch. Wenn er erfährt, dass seine Tochter die Mittlerin ist, dann kommt er bestimmt.

Ja, das wäre schön. Inzwischen frage ich mich, wie ich je auf die irre Idee kommen konnte, in den Weiten des Ozeans nach einer einzelnen Person zu suchen.

Aber alles in allem war es trotzdem gut, dass ich es versucht habe. Manchmal tut man das Richtige aus den falschen Gründen.

Und wer weiß – so, wie es Schwimmt-schnell beschreibt, könnte es womöglich sogar funktionieren.

Auf jeden Fall, füge ich hinzu, danke ich dir, dass du mich begleitet hast.

Er winkt ab. Ich bin es, der sich bedanken muss.

Strich-am-Bauch hat sich tatsächlich in den jungen Immunologen verliebt, den sie Rundes-Haar nennt. Ich will gar nicht weg, gesteht sie mir beinahe verzweifelt.

Die Liebe ist halt doch nicht immer leicht, erwidere ich.

Sie schüttelt den Kopf. Nein. Manchmal ist sie auch ganz schön schwer.

Lacht-nicht-mehr lässt allen anderen den Vortritt, weil sie mich als Letzte umarmen will. Was sie sehr ausgiebig und sehr kraftvoll tut. Dann hält sie mich mit beiden Händen, schaut mich an und – strahlt!

Du lachst wieder, stelle ich fest und freue mich.

Ja, meint sie. Seit alles wieder gut wird. Deswegen ist das mein neuer Name – Lacht-wieder.

Großartig, erkläre ich.

Sie sieht mich streng an. Egal, ob du die Mittlerin bist oder nicht, du bist meine Freundin und du musst uns irgendwann wieder besuchen. Wenn wir in der Nähe deiner Stadt lagern, werde ich Schwimmt-schnell schicken, damit er dich holt.

Ich komme ganz bestimmt, verspreche ich. Mein Leben wird künftig sowieso darin bestehen, ständig zwischen Wasser und Luft zu wechseln. Flüchtig denke ich daran, was mir immer klarer wird: Das größte Problem der unmittelbaren Zukunft – und die größte Aufgabe, die ich bewältigen muss – wird sein, die Submarines dazu zu bringen, irgendeine Art Gremium zu bilden, das im Namen aller Submarines mit den Luftmenschen verhandeln und gültige Vereinbarungen treffen kann.

Abwarten. Sie lacht wieder. Eines Tages wirst du feststellen, dass es bei uns am schönsten ist, und dann wirst du einfach bleiben.

Ja. Ich lache mit. Gut möglich.

Und schließlich heißt es auch, Abschied von Sydney zu nehmen.

Was mir, ganz ehrlich, nicht schwerfällt. Denn: Sechs-Finger kommt mit mir nach Seahaven. Wir nehmen den Küstenzug, der für die Strecke bis Cooktown zweieinhalb Tage braucht. Dort wird uns Frau Brenshaw abholen, die auch versprochen hat, sich darum zu kümmern, dass Sechs-Finger in Seahaven untergebracht wird. Und: Sie spendiert uns ein Zweierabteil mit Panoramafenster. Der Zug fährt abends um 76 Tick ab – erstaunlicherweise ohne dass ein einziger Journalist im Bahnhof auftaucht. Unser gemeinsames Abendessen im Speisewagen ist die erste ungestörte Mahlzeit seit über einer Woche.

»Du hast Hohe-Stirn mit keiner Silbe erwähnt«, meint Sechs-Finger, als die Vorspeise auf dem Tisch steht. »Oder die Graureiter. Oder den Krieg, den er führen will.«

»Ich wollte die Dinge nicht unnötig verkomplizieren«, erwidere ich.

»Aber dir ist klar, dass das noch ein Problem werden wird?«

Der Speisewagen ist weitgehend leer, wir können uns unterhalten, ohne dass jemand mithört. Einmal mehr wird mir bewusst, wie gut mir Sechs-Fingers Stimme gefällt: ungewöhnlich tief für jemanden in seinem Alter, ungewöhnlich selbstsicher – und mit einem süßen philippinischen Akzent.

»Ja«, sage ich. »Das wird noch ein Problem. Das weiß ich.«

Als wir am nächsten Morgen aufwachen, ist schon heller Tag, und wir sehen vom Bett aus auf eine atemberaubende Küstenlandschaft. Ich habe keine Ahnung, wo wir gerade sind, aber das ist auch nicht wichtig.

»Warum bist du eigentlich mitgekommen?«, frage ich Sechs-Finger.

»Weil du zwar die Mittlerin bist, aber im Grunde keine Ahnung vom Leben der Wassermenschen hast«, erwidert er trocken. »Weil du jemanden brauchen wirst, der dich berät.«

»Dich, meinst du.«

»Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens im Wasser gelebt – du gerade mal zwei Monate. Du wirst Hilfe brauchen, glaub mir.«

»Ja, schon«, sage ich und fahre mit den Fingernägeln über seine Brust. »Aber eigentlich hatte ich gehofft, du sagst, dass du mit mir kommst, weil du mich liebst und keine Stunde mehr ohne mich sein willst. Oder so.«

Er seufzt überaus theatralisch. »Und ich dachte, ich könnte Geheimnisse für mich behalten.«

Einige Zeit später – wir liegen immer noch im Bett – sagt er: »Ich liebe dich, Saha. Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt. Trotzdem werde ich eines Tages versuchen, ins Meer zurückzukehren.«

Das gibt mir einen kleinen Stich. »Weil du der Prinz der Graureiter bist?«

»Nein. Weil ich ins Meer gehöre, nicht an Land. Ich bin kein Mittler. Ich bin hier nur gestrandet. Und eines Tages will ich dahin zurückkehren, wo ich hingehöre.«

»Eines Tages«, wiederhole ich. »Aber nicht heute.«

Dann küsse ich ihn.