«Was ich nicht verstehe», sagte Holly, «ist, weshalb Brace Ihnen überhaupt von Robbie Marshall erzählt hat. Weshalb ist er das Risiko eingegangen? Selbst wenn er sich Sorgen um Patty machte, gab es doch noch genug andere Leute, die er hätte bitten können, nach ihr zu sehen.»
Sie schlenderten die Uferzeile von Whitley Bay entlang. Vera hatte ihnen einen Teamausflug versprochen und allen eine Portion Fish and Chips spendiert, und jetzt aßen sie Eis und blickten hinaus aufs Meer. Vera verspürte eine ungewöhnliche Ruhe. Die Ermittlungen waren nun in andere Hände übergegangen. Noch immer war eins ihrer Handgelenke bandagiert, wegen der Verbrennungen, die sie sich bei der Flucht aus ihrem Haus zugezogen hatte, was sie aber nicht daran hinderte, die kühle, knusprige Eiswaffel zu halten, von der sie gerade abbiss. «Weil er wusste, dass die Leichen früher oder später ohnehin entdeckt worden wären, und die Kontrolle darüber behalten wollte, wie es passiert. Er war schon immer ein Kontrollfreak. Hilflos im Knast zu sitzen und abzuwarten, wie sich alles entwickelt, das ertrug er einfach nicht. Dass ich zu diesem Vortrag in Warkworth aufgekreuzt bin, muss ihm wie ein Zeichen erschienen sein. Er glaubte, er könnte uns davon überzeugen, dass es sich bei der zweiten Leiche um Mary-Frances handelt.»
Vera deutete mit dem Kinn in Richtung Landspitze und St. Mary’s Island. «Wenn sie erst mal mit den Bauarbeiten für dieses nigelnagelneue Restaurant anfangen, müssen sie auch Entwässerungsgräben und die Baugrube für das Fundament ausheben. Brace bezweifelte, dass die Leichen dabei unentdeckt geblieben wären. Also wollte er uns glauben machen, dass eine der beiden Leichen die von Mary-Frances wäre. Er dachte, die Knochen wären mittlerweile schon so stark zersetzt, dass wir die Leichen nicht mehr eindeutig identifizieren könnten. Allerdings haben sich die Methoden seit seiner Inhaftierung weiterentwickelt. Seine Geschichte, er hätte in dem Abwasserrohr keine zweite Leiche gesehen, war natürlich geschwindelt. Er wusste, dass wir beide finden würden. Auf diese Weise hoffte er, alle endgültig glauben lassen zu können, Mary-Frances wäre tot.»
«Ich bin mir gar nicht so sicher, dass das neue Restaurant auch tatsächlich gebaut wird.» Charlie hatte sein Eis in Windeseile verschlungen, bevor es auch nur die Chance hatte, zu schmelzen und ihm am Kinn herunterzulaufen. «Zwar hat der Gemeinderat Sinclair mit offenen Armen empfangen, aber da wussten sie noch nicht Bescheid über seine Vorgeschichte. Mein Kumpel bei der BBC meint, er hätte genug zu Sinclairs ehemaligen Verstrickungen in die Glasgower Bandenszene in der Hand, um es dem Gemeinderat ein bisschen blümerant werden zu lassen. Sollte es mit dem Bau wirklich noch mal vorangehen, dann jedenfalls nicht so bald.»
«Was passiert jetzt mit Mary-Frances?», fragte Joe.
Vera zuckte die Achseln. «Sie will nicht reden. Ich glaube, um sich selbst macht sie sich gar nicht so viele Sorgen. Das Leben im Gefängnis ist ihr nicht fremd. Seit sie ihren Abschluss in Durham gemacht hat, arbeitet sie in Gefängnissen. Aber sie möchte in der Nähe von Brace bleiben. Sie möchte ihn während seiner Krankheit begleiten. Die Staatsanwaltschaft glaubt, für eine Anklage gegen sie nicht genug Beweise zu haben. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass sie es war, die Marshall umgebracht hat. Judith mag ja bis zum Hals mit im Sumpf von Sinclairs Machenschaften stecken, aber was Brace betrifft, hatte sie recht. Einen Freund zu töten, das hätte er nicht über sich gebracht. Ohne ein Geständnis ist es allerdings unmöglich, das nach all der Zeit noch zu beweisen. Und auch wenn Mary-Frances am Mord an Keane beteiligt war, glaube ich nicht, dass sie es war, die ihn erstochen hat. Das war Professor Bradford, und der ist jetzt ebenfalls tot.» Sie holte tief Luft. «Wussten Sie, dass Mary-Frances im Shaftoe House Lesen und Schreiben unterrichtet hat? Dabei hat sie immer darauf geachtet, nie zur selben Zeit dort zu sein wie Laura Webb.»
«Ein guter Mensch», sagte Joe.
Worüber Vera nachdenken musste. Konnte eine Mörderin ein guter Mensch sein? Vielleicht ja. Aber, wie sie es schon Bradford gesagt hatte, das zu beurteilen war nicht ihre Aufgabe. Alles, was sie zu tun hatte, war, das Recht durchzusetzen. Sie drehten um und bummelten gemächlich zu ihren Autos zurück.
«Was haben Sie jetzt eigentlich mit Ihrem Haus vor?» Offenbar stellte Holly heute nur schwierige Fragen. Sie war diejenige, die Vera anstachelte, wieder aktiv zu werden.
Einstweilen wohnte Vera in Jack und Joannas Gästezimmer und wurde morgens mit einem Frühstück im Bett und jeden Abend mit einem richtigen Abendessen verwöhnt.
«Mit dem Geld von der Versicherung könnten Sie es doch abreißen und was Komfortableres dahin bauen lassen.» Typisch Holly, sie ließ einfach nicht locker. Holly hatte kein Eis gewollt und marschierte, die Hände in den Taschen ihrer Jacke, neben ihnen her, ungeduldig, weil sie so langsam gingen. «Oder irgendwohin ziehen, wo Sie der Zivilisation ein bisschen näher sind.»
Vera schüttelte den Kopf. Sie hatte den Mund voller Schokolade- und Vanilleeis. Bradford hatte recht gehabt. Sie würde nie aus den Bergen wegziehen.
«Ich bin nie dazu gekommen, die Versicherungsbeiträge zu zahlen», sagte sie. «Jack meint, er kann das Gebäude für mich wieder zusammenflicken.» Und dachte, dass Hectors Haus seit jeher komfortabel genug für sie gewesen war.