24
Sie war so plötzlich wach geworden, dass sie erschrak. Wo war sie? Was war geschehen? Eine Decke lag über ihr – nein, keine Decke, sondern eine Jacke. Das Licht brannte.
Anne fuhr unvermittelt hoch.
»Pst!«, sagte eine Stimme leise. »Es ist noch nicht vorbei.«
Langsam kam die Erinnerung: Meisters Wohnung, die Geheimkammer, Wolfgangs Besuch. Sie hatte sich hingelegt und war eingeschlafen.
»Sind wir noch immer …?«, flüsterte sie.
»Ja. Aber ich habe die Tür leicht geöffnet, damit das Licht angeht. Solange es draußen hell ist, sieht man es von unten nicht. Die beiden warten noch immer vor dem Haus.«
Anne rappelte sich auf. Es war seine Jacke, die er über sie gelegt hatte.
»Ausgeschlafen?«, fragte er. Er stand direkt hinter ihr.
»Irgendwie schon«, sagte sie. »Danke für die Jacke.«
»Kein Problem. War eh zu warm hier drin.«
»Hast du schon Neues herausgefunden?«
»Und ob. Da wirst du staunen.« Er ließ sich im Schneidersitz neben ihr nieder, den Ordner auf seinem Schoß. »Die Listen da enthalten Informationen zu Gegenständen, Antiquitäten.«
In Anne stieg ein Verdacht auf.
»Ist die Liste dabei, die die Männer draußen gesucht haben?«
Elder zuckte mit den Schultern.
»Möglich. Aber ich glaube, das wäre zu einfach. Der Kerl plapperte etwas von ›einer Liste‹. Das hier sind mehrere, mindestens zwei Dutzend.«
»Was enthalten sie sonst?« Anne war neugierig geworden.
»Ich konnte nicht genau nachprüfen, ob das eine oder andere wieder aufgetaucht ist, aber ein paar Dinge weiß man einfach.«
Er deutete auf einen Namen: »Franz Marc: ›Turm der blauen Pferde‹. Das ist ein Gemälde, das nach dem Ende des Dritten Reiches verschwunden ist. Man hat bislang angenommen, es sei verschollen. Ob verbrannt, zerstückelt, gestohlen, ist eigentlich egal. Es gilt seit 1945 als unauffindbar. Aber hier stehen Jahreszahlen, Preise, Namen. Letztere allerdings verschlüsselt. Alle Daten beziehen sich auf eine Zeit nach 1945. Das Bild ist wohl in den Kriegswirren 1945 in Berlin gestohlen worden und irgendwie hier gelandet, um dann weiterveräußert zu werden.«
Anne schaute überrascht die Papiere in Elders Hand an.
»Fazit: ›Der Turm der blauen Pferde‹ existiert also noch – und Hans Meister hatte dabei seine Finger im Spiel!«
»So kann man das sagen. Hier: Iccanders Original der ›Kurtzgefaßten sächsischen Kern-Chronicon‹. Ebenfalls nach 1945 verschwunden. Ich kenne den Titel, weil mein Prof für Geschichte von ihr geschwärmt hatte. Anfang 18. Jahrhundert. Offenbar ebenfalls hier gewesen. Da steht. Verkauft 1962.«
Elder blätterte Seite um Seite durch. Da gab es Hunderte von Gegenständen, von der kleinen römischen Vase bis hin zu Gemälden.
»Es sind hinter den Informationen immer zwei Zahlen ausgewiesen: Unter der Rubrik ›Ragnarök‹ eine größere Zahl, unter der Rubrik ›Jakob Fugger‹ eher ein Pfennigbetrag.«
»Was schließen wir daraus?«, fragte Anne.
Elder lehnte sich zurück. »Dass das Zeug, das hier noch herumsteht, richtig wertvoll ist. Kein Krimskrams, den man aus dem Urlaub mitnimmt oder in gut sortierten Antiquariaten findet, sondern Originale, Raritäten, Unikate. Das ganze Programm eben. Die Zahlen dahinter sind die Preise – und irgendwelche Umrechnungszahlen oder was Ähnliches.«
»Hat Hans Meister diese Dinge selbst aufgekauft und gesammelt?«
»Ich würde noch einen Schritt weiter gehen. Er hat diese Gegenstände verkauft. Heimlich verkauft. Meister-Antiquitäten hat Henrike gesagt, nicht wahr?«
»Dr. Fritsch hat auch so etwas verlauten lassen. Aber das war kein normales An- und Verkaufsgeschäft. Das war ein umfassender Handel.«
»Ich würde weiter gehen und Schmuggel sagen! Hat Henrike darüber hinaus vielleicht noch etwas entdeckt, was sie uns nicht mehr sagen konnte?«
»Wir sollten sie ohnehin besuchen«, sagte Anne. »Dann könnten wir sie fragen.«
»Dazu müssten wir aus der Wohnung herauskommen, ohne dass die beiden dort unten uns abpassen.«
Anne erhob sich. Ihre Glieder waren steif.
»Wir können nicht ewig hier bleiben«, sagte sie. Sie öffnete die Tür und spähte ins Wohnzimmer. Ihr Laptop stand noch immer dort, wo sie ihn abgestellt hatte. Ansonsten war der Raum leer.
»Was würde passieren, wenn wir einfach unten auftauchen würden?«, fragte sie schelmisch. Sie spähte aus dem Fenster und sah vor der Tür den Mann stehen, den sie in dem vorbeifahrenden Auto gesehen hatte. Er rauchte und schnippte gerade seine Kippe in den Rinnstein.
Elder überlegte. »Sie würden sich Gedanken darüber machen, wo wir die ganze Zeit gewesen sind.«
»Wenn es uns gelänge, hinter das Haus zu kommen, ohne von vorne gesehen zu werden, und die Wohnung von vorne abzuschließen, dann könnten wir sie täuschen. Sie würden glauben, wir hätten die Wohnung längst vor ihnen verlassen. Niemand käme auf den Gedanken, es gäbe einen geheimen Teil der Wohnung.«
»Dann ran ans Werk«, sagte Elder.
Sie bemühten sich, nicht in die Nähe des Fensters zu kommen, damit nicht irgendwelche Schattenwürfe oder Bewegungen sie verrieten. Doch ihr Wachposten sah gar nicht hoch. Er qualmte eine Zigarette nach der anderen. Nur wenn er sie anzündete und die Flamme an den Glimmstängel hielt, warf er einen kurzen Blick nach oben zum Fenster. Wolfgang hatte ihn zu Recht der Unachtsamkeit gescholten, dachte Anne.
Elder und sie begutachteten die Rückseite des Gebäudes und stellten fest, dass es keinen anderen Ausgang gab. Alle Fenster waren vergittert. Der einzige Zugang war über die Treppe.
»Das kann doch nicht sein. Hans Meister war offenbar ein Ausbund an Vorsicht. Er muss an einen gesonderten Ausgang gedacht haben. Ansonsten hätte er ja in der Falle gesessen«, schimpfte Anne.
Sie wiederholten ihre Suche, bis Anne innehielt.
»Ich glaube, ich habe es! Das geheime Zimmer! Nur von dort ergibt ein Fluchtweg einen Sinn. Das ist der einzige Ort, an dem wir noch nicht nachgesehen haben.«
»Es wäre auch der bescheuertste Ort. Denk doch mal nach. Da hortet jemand Antiquitäten vom Feinsten – und die wären von außen einfach so zugänglich. Verrückt.« Elder fasste sich an den Kopf. »Auf so eine Idee kann nur eine Frau kommen.«
»Ach ja? Dann prüfen wir es nach. Du wirst sehen, wir entdecken Hans Meisters weibliche Seite.«
Widerstrebend gab Elder nach. Sie schlüpften in den Nebenraum, bevor das Licht anging. Wieder standen sie im Finsteren.
»Gute Idee«, maulte Elder. »Wo sollen wir anfangen zu suchen?«
Sie spürte, wie seine Hände an ihr herumzutatschen begannen.
»Untersteh dich!«, zischte Anne, lachte jedoch über den Gag. »Ich habe nachgedacht. Es muss einen Lichtschalter geben!«
»Na, hoffentlich hat es nicht wehgetan«, seufzte Elder.
»Was wehgetan? Das Nachdenken? Warte, mein Freundchen.«
Anne hatte sich erinnert, dass sie an ihrem Wohnungsschlüssel eine kleine LED-Taschenlampe hängen hatte, um auch im Dunkeln rasch das Schlüsselloch ihrer Tür zu finden. Sie kramte kurz in der Tasche, und schon leuchtete es blau auf. Es dauerte keine zehn Sekunden, da ging im Inneren die Deckenbeleuchtung an.
»Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa«, rezitierte Elder.
»Ministrant gewesen?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.
Anne suchte die Regale ab, versuchte sie zur Seite zu bewegen, schaute nach einer verborgenen Tür. Nichts. Fast glaubte sie, Elders Triumph schon in seiner Art zu atmen zu hören. Doch sie wollte nicht aufgeben. Sie wollte vor allem nicht zugeben, dass er recht haben könnte. Sie verstärkte ihre Anstrengungen, während Elder bereits aufgehört hatte, den Zimmerschlauch abzulaufen.
»Es gibt hier keinen Ausweg!«, sagte er versöhnlich.
Da quietschte es unter ihrem Schuh. Anne verharrte kurz, dann ging sie den Schritt zurück. Wieder quietschte es eigenartig. Natürlich knarrte der Holzfußboden. Das Haus stammte schließlich aus dem 16. Jahrhundert. Aber das hier war kein Knarren, es war ein Quietschen.
»Hörst du das?«, fragte sie leise.
Sie bewegte sich vor und zurück und erzeugte immer das gleiche Geräusch.
Anne kniete sich hin. Der Boden war mit einem Teppich ausgelegt. Sie fuhr über den Teppichboden und spürte eine Unebenheit dort, wo gerade noch ihr Fuß gestanden hatte.
»Ein Eisenring«, sagte sie. »Das hier ist eine Falltür – oder so etwas Ähnliches!«
Sie versuchten gemeinsam, die Tür zu öffnen, doch es gelang ihnen nicht. Als wäre die Klappe durch ein Schloss versperrt. Doch sie fanden keinen Schlüssel.
»Wenn das Ding hier ebenfalls durch einen Code versperrt ist?«, spekulierte Anne.
»Oder sie lässt sich mit der Tastatur dort hinten öffnen«, sagte Elder. Er deutete mit dem Daumen über seinen Rücken hinweg. »Mit der haben wir uns noch gar nicht beschäftigt – und ich finde, wir sollten es tun.«
Anne nickte frustriert und stierte trotzig auf ihre Fernbedienung.
»Was ich richtig scheiße finde, ist, dass wir irgendwelchen Dingen hinterherjagen, die uns unserer Aufgabe keinen Schritt näherbringen«, brach es aus ihr heraus. »Was geht mich das ganze verkorkste Leben dieses Nazi-Arschlochs mit seinen Antiquitätengeschäften an? Ich will nur einen Nachkommen finden.«
Elder legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Anne ließ es zu. In den letzten Tagen hatte er ihr trotz seiner spöttischen Art das Gefühl gegeben, sie nicht zu verurteilen, sondern auf ihrer Seite zu stehen. Sie neigte den Kopf und drückte ihre Wange gegen seine Finger.
»Danke. Es geht schon«, sagte sie. »Manchmal muss es einfach raus.« Sie hielt die Fernbedienung in die Luft.
»Eine Idee, welcher Code hier passen könnte?«
»Das musst du wissen, Anne. Den Zugang hat uns das Bild gezeigt. Gibt es noch Informationen auf dem Bild, die nützlich sein könnten?«
»Du meinst, das Bild mit dem Dreirad ist eine Art Gedächtnisstütze für die Codes, mit denen man die Türen öffnet?«
Sie leuchtete mit dem blauen Strahl der LED-Lampe Elder in die Augen. Der verzog das Gesicht.
»He. Das blendet. LED-Licht ist für die Augen gefährlich.«
Anne schloss die Augen und dachte nach. Auf dem Bild war das Geburtsdatum des Mädchens verschlüsselt. Zu sehen waren vermutlich noch die Mutter des Mädchens und Hacker beziehungsweise Meister.
»Was ist, wenn er die Geburtsdaten als Codes verwendet hat?«
»Banal – aber denkbar. Kennst du das Geburtsdatum deiner Großmutter?«, fragte Elder.
»Warum meiner Großmutter?«, fauchte Anne ihn an. Der Zusammenhang, den Elder da konstruierte, gefiel ihr gar nicht. »Ein Zufall muss noch keine Konsequenz bedeuten.«
»Das will ich auch gar nicht sagen. Doch man sollte diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen.«
Anne murmelte ärgerlich vor sich hin, weil sie nicht von Elders Logik überzeugt war, fügte sich aber. Sie sprach leise, als würde sie nur zu sich selbst reden.
»Warte. Oma Hildegard wurde 1941 geboren, wie wir wissen im Lebensborn-Heim Steinhöring, am 7. Mai.«
»Wieder exakt sechs Ziffern: 7-5-1-9-4-1. Versuch es mal. Sollte es nicht klappen, dann müssen wir es weiter versuchen.«
Anne gab nur ein Brummen von sich, tippte die Reihenfolge aber in die Fernbedienung ein. Sie lauschten auf eine Regung, auf ein Knacken, Knistern, Klacken. Nichts geschah.
»Siehst du!«, sagte Anne spöttisch.
»Du musst den Mechanismus aktivieren, wie beim Safe«, sagte Elder sanft. »Roter Knopf zuerst, dann die Ziffernfolge. Bitte.«
Anne stöhnte, gab sich aber geschlagen. Sie drückte den roten Einschaltknopf. Tatsächlich hörten sie beide ein leises Klicken. Das zumindest hatte funktioniert. Schließlich gab Anne langsam die Ziffernfolge ein.
Wieder geschah nichts, doch dann begann ein Elektromotor zu summen, und ein Klackgeräusch, das unter ihren Füßen zu spüren war, entriegelte die Falltür.
»Bingo. Ich habe anscheinend doch einen guten Riecher. Du sollest mir mehr Glauben schenken«, sagte Elder schlicht.
Anne war erschüttert. Das konnte doch nicht sein. Die Geburtsdaten ihrer Großmutter und ihrer Mutter spielten eine Rolle bei dieser ganzen Sache.
Elder hatte sich inzwischen erhoben und öffnete die Falltür. Eine Treppe kam zum Vorschein, die in einem engen Schlauch steil nach unten zu einer Tür führte.
»Los komm«, sagte er. Er stieg leise hinab. Anne folgte ihm, froh, jetzt keinen Rock zu tragen, sondern eine Hose, weil Elder nach oben schaute und ihr seine Hand hinstreckte.
»Ich bin nicht gehbehindert!«, fauchte sie kurz und bereute ihre patzige Art sofort. Elder hob zur Entschuldigung beide Arme, sagte aber nichts.
Die Treppe war zur unteren Wohnung hin abgetrennt. Als Anne über ihnen die Falltür schloss, klickte und summte es sofort, und ein Riegelmechanismus versperrte den Zugang erneut.
»Hoffentlich kommen wir hier wieder raus«, sagte sie leise.
»Zumindest wird es der Mieter unten riechen, wenn wir hier verrecken!«, sagte Elder spitz.
Die Treppe führte auf einen Absatz, der so breit war wie die Tür.
»Eigentlich ein geniales Prinzip. Jeder, der ums Haus schleicht, glaubt, das sei der Hinterausgang der unteren Wohnung. Dabei führt die Treppe in den ersten Stock hinauf. Auf diese Idee kommt niemand.«
»Brauchen wir einen Schlüssel?« Annes Skepsis war nicht unberechtigt, denn es gab kein richtiges Schloss, sondern einen Kasten, der aussah wie die Vorrichtung für eine Fluchttür.
Anne schaute sich um, ob es irgendwo einen Schlüsselkasten gab, doch da war nichts.
»Probieren geht über studieren«, sagte Elder. Er sah zu Anne hoch, die eine Stufe über ihm stand. Anne konnte beobachten, wie er ihr sekundenlang auf den Busen starrte, der auf Augenhöhe lag. Sie konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Männer blieben eben Männer, egal in welcher Situation.
»Es muss schnell gehen. Wenn sich die Tür öffnen lässt, schlüpfen wir raus und schließen sie sofort wieder. Gut?«
Anne nickte.
»Dann los. Eins. Zwei. Drei!« Elder drückte den Griff nach unten. Man hörte, wie sich im Türrahmen mehrere Bolzen zurückzogen, dann ließ sich die Tür aufdrücken. Elder ging hinaus, Anne folgte ihm. Die Tür hatte außen nur einen metallenen Griff. Sie schloss sich von selbst wieder und verriegelte sich.
»Da müsste man das Haus abreißen, wenn man hier einbrechen wollte«, sagte Anne.
»Hochsicherheitstrakt«, bestätigte Elder.
Sie sahen sich um. Zur Straße hin standen jede Menge farbiger Mülltonnen, die ihnen den Weg versperrten. Das Haus besaß offenbar einen freien Umgang. Sie liefen zur hinteren Ecke und bemerkten, dass der Weg tatsächlich ganz um das Haus herumführte. Hinten schloss der Nachbargarten an. Allerdings hätten sie über die Mauer klettern müssen, was Anne sofort ausschloss. Elder dagegen sprang kurz hoch, hielt sich an der Mauerkrone fest und lugte in den Nachbargarten hinein.
»Das würde passen«, sagte er. »Wir steigen hier drüber, gehen durch den Nachbargarten und kommen von der Straße her zurück. Als wären wir beim Essen gewesen.«
»Niemals«, sagte Anne und schaute die mannshohe Brüstung hoch. »Bin ich ein Eichhörnchen?«
Elder betrachtete demonstrativ ihre Rückseite.
»Es fehlt tatsächlich der buschige Schwanz!«
Ohne auf ihre Widerworte zu achten, schwang er sich die Mauer hoch. Der verwitterte Stein gab den Schuhspitzen Halt, und kurz darauf saß er rittlings auf der Umfassung.
»Hoffentlich ist die nicht mit Scherben belegt«, sagte Anne.
»Das hätte ich bemerkt. Aber ich habe mir den Arsch noch nicht aufgerissen!«
»Du bist vulgär«, sagte Anne und streckte ihm ihre Hand entgegen. Sie reichte ihm zuerst den Ordner mit den Listen, die sie aus dem Versteck mitgenommen hatten. Dann griff er nach ihrer Hand.
»Das ist mein Problem«, sagte er gepresst, während er sie mit einem Ruck nach oben zog. »Du bist ja leicht wie eine Feder.« Er war ganz außer Atem vor Anstrengung.
»Danke für das Kompliment«, grinste sie.
»Leicht wie die Metallfeder eines Lkw«, ergänzte Elder, während er sie auf der anderen Seite wieder hinunterließ und ihr den Ordner zuwarf. Dann schwang er seine Beine über den Rand und sprang hinterher. »Geschafft.«
Anne wartete, bis er sich wieder aufgerichtet hatte, und gab ihm eine leichte Ohrfeige.
»Wofür habe ich die verdient?«, lächelte er sie etwas verzerrt an und langte theatralisch an seine Wange.
»Für deine Frechheiten gegenüber dem weiblichen Geschlecht«, zischte sie.
Sie klopften sich gegenseitig sauber, wobei Anne das Gefühl hatte, als würde er sich über Gebühr lange mit ihrem Hintern beschäftigen.
»Das genügt«, sagte sie schließlich und entzog sich ihm.
»Du bist da aber immer noch dreckig«, behauptete Elder.
Anne antwortete ihm nicht mehr, sondern lief los. Locker vor sich hin plaudernd, schlenderten sie aus dem Nachbargarten, der zur Nebenstraße hinausführte. Sie bogen von der Kohlergasse in die Lange Gasse ein, unterhielten sich weiter, ohne auf die Gestalt auf der gegenüberliegenden Seite zu achten, die gerade ihre halb gerauchte Zigarette in den Rinnstein warf und nach einem Handy griff.
Der Rest ging schnell.
Sie stiegen rasch in die Wohnung hinauf. Anne packte ihren Laptop. Dann sperrten sie die Tür ab, liefen die Metalltreppe hinunter, schlossen das Gitter unten wieder und gingen langsam zu ihrem Wagen. Sie stiegen ein und fuhren los, bevor der Anruf ihres Bewachers den nötigen Erfolg gehabt hatte. Sie sahen, wie der Kerl fluchte und hinter ihnen herstarrte. Sie flüchteten über den Hofgarten und die Dominikanergasse hinaus zur Frauentorstraße. Erst als sie auf der Ulmer Straße stadtauswärts fuhren, drehte sich Elder zu Anne.
»Wir müssen irgendwann noch einmal zurück«, sagte Elder. »Die Tresortastatur im Inneren des Sammlungsraums interessiert mich.«
»Zuerst sollten wir Henrike besuchen. Also ab ins ZK.«
Anne erschrak bei diesem Stichwort. Über all den Notwendigkeiten und Wirrnissen der letzten Stunden hatte sie ihre Mutter ganz vergessen. Wie konnte sie nur? Sie spielte hier Detektiv, während ihre Mutter im Sterben lag.
»Ja, Henrike Heine. Und meine Mutter!«, setzte sie schuldbewusst hinzu.
Auf dem Weg ins Krankenhaus erzählte sie Elder von den Auswirkungen des zweiten Schlaganfalls ihrer Mutter. Im Zentralklinikum angelangt, ließen sie sich die Nummer für das Zimmer der Journalistin geben. Während Anne zur Stroke Unit hinauffuhr, begab sich Elder ein paar Stockwerke tiefer zu Henrike Heine.
»Ich komme so rasch wie möglich nach«, sagte sie, bevor sie sich verabschiedeten.
Die Unterlagen aus dem Versteck trug sie in der Tasche mit sich. Sie waren für Henrike Heine nicht notwendig und mussten von ihnen zuerst genauer geprüft werden.
Wieder wartete sie eine schier endlose Zeit vor der verschlossenen Tür der Intensivstation. Sie fragte sich ernsthaft, ob einer dieser Weißkittel schon davon gehört hatte, dass die Zuwendung von Angehörigen oft größere Fortschritte erzielte als viele der oft unnützen Apparate. Ihr einziger Trost war, dass diese Herren und Damen irgendwann in ihrem Leben in einer ähnlichen Situation sein würden – und sie wünschte ihnen nichts mehr als einen Arzt, der ihren Verwandten den Zugang verwehrte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, obwohl sie im Zeitfenster der Besuchszeiten wartete, erbarmte sich endlich eine Krankenschwester und ließ sie ein. Sie rannte beinahe zum Zimmer ihrer Mutter.
Amelie Müller lag da und starrte mit offenen Augen die Decke an.
»Mama?«, sagte Anne. Dann korrigierte sie sich und rief laut: »Mama?«
Ihre Mutter lächelte, als sie Annes Stimme vernahm, konnte jedoch nicht lokalisieren, wo sich ihre Tochter befand.
»Ich bin hier, Mama!«, sagte Anne und lehnte sich in das Gesichtsfeld ihrer Mutter.
»Ach, Anne, du bist hier. Du bist hier«, sagte sie.
»Wie geht es dir?«, fragte Anne. Sie wusste die Antwort natürlich. Ihrer Mutter ging es sichtbar schlechter als vorgestern. Ihre Wangen waren eingefallen, und ihre Nase war ziemlich spitz geworden. Außerdem hatte sie tiefe Schatten unter den Augen. Sie lag schief im Bett, als könne sie ihre Körpermitte nicht finden. Auch das hatte sich wieder verschlimmert.
»Ihre Mutter hat die erneute Einblutung gut überstanden«, sagte eine Stimme hinter ihr.
»Ah, Dr. Ruszku. Warum warte ich eigentlich immer endlos, bis hier jemand die Tür öffnet?«, schnauzte sie ihn an, schärfer, als sie eigentlich gewollt hatte.
»Weil wir uns um die Patienten kümmern, nicht um die Besucher.«
Anne hielt die Hand ihrer Mutter. Diesmal entzog diese ihr die Hand nicht. Sie fühlte sich kraftlos an.
»Ich dachte immer, Ärzte kümmerten sich vor allem um ihre Geldbeutel.«
»Die Patienten brauchen eine besondere …«
»Reden Sie doch kein Blech.« Anne war verärgert. »Am liebsten hätten Sie gar keinen Besuch. Zum Wohle der Patienten, versteht sich. Damit Sie sich um den Kranken kümmern könnten.«
»Besser wäre es«, stimmte er ihr zu.
»Dumm nur, dass diese Patienten keine Maschinen sind, bei denen es ausreicht, wenn man an ihnen herumschraubt. Es sind Menschen. Und Menschen brauchen eben nun mal Menschen.«
Anne kämpfte gegen die Tränen. Sie musste die ganze Zeit ihre Mutter ansehen, die immer so stark gewesen war und jetzt hilflos dalag, verkabelt mit irgendwelchen piepsenden und blinkenden Geräten, die ihren Blutdruck, den Herzrhythmus und die Sauerstoffsättigung des Blutes anzeigten.
»Keiner Ihrer Apparate kann meiner Mutter das geben, was sie braucht«, sagte Anne und konnte ihr Schluchzen nicht mehr zurückhalten.
Sie erwartete eine Widerrede, etwas wie »Warum sind Sie dann so selten da, wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Mutter benötigt Ihre Zuneigung so dringend«. Doch nichts dergleichen geschah. Anne drehte sich um. Der Arzt hatte das Zimmer verlassen. Er war einfach gegangen.
Sie war einerseits verblüfft und andererseits verärgert. Die Weißkittel lebten in einer Welt, die so weitab der Normalität war, dass sie Argumenten längst nicht mehr zugänglich waren. Mehr noch. Sie waren über diese Dinge erhaben und brauchten sie sich nicht mehr anzuhören. Obwohl der Vergleich fürchterlich hinkte, der ihr dazu einfiel, hatte er etwas Bestechendes: Wie bei der Bankenkrise, als die Banker ein ehernes Gesetz festzuschreiben gedachten, glaubten die Weißkittel, sie seien »to big to fail«, zu groß beziehungsweise zu bedeutend, um auf die Gesellschaft zu hören und unterzugehen. Doch sie täuschten sich. Ärzte, die nur an die Mechanik im Menschen dachten, waren entbehrlich wie Pickel auf der Haut.
Anne betrachtete ihre Mutter, die jetzt mit einem Lächeln schlief, ihre Hand fest in der ihren. Sie wollte daran glauben, dass allein der Händedruck ihrer Mama Kraft gab, diese Krankheit zu überstehen und sich wieder aufzurappeln.
Ihre Mutter wachte nicht auf, und so beschloss Anne nach einer halben Stunde, wieder zu gehen. Auf dem Gang traf sie auf Dr. Ruszku.
»Tut mir leid«, sagte sie tonlos.
»Schon gut. Ich kann das verstehen«, sagte er. »Wir versuchen, früher für Besucher zu öffnen. Sie haben ja recht.«
»Geht es ihr gut?«, fragte Anne.
»Sie hat die zweite Blutung gut überstanden. Es ist wohl nicht mehr zerstört worden als bislang. Wenn wir Glück haben, dann wird sie wieder. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass sie nie wieder laufen kann. Es fehlt ihr das Gefühl der Körpermitte. Das kann auf Dauer bleiben.« Offenbar sah er ihr entsetztes Gesicht: »… muss es aber nicht«, setzte er schnell hinzu.
Anne nickte. Sie zog ihren blauen Kittel aus, desinfizierte sich die Hände beim Hinausgehen und stieg die Treppe hinunter in das Stockwerk, in dem Henrike Heine lag.
Sie kam von oben und wunderte sich, als unter ihr eine der Zugangstüren aufgerissen wurde und schnelle Schritte zu hören waren, als würde eine Person rasch nach unten springen. Offenbar nahm sie mehrere Stufen auf einmal und sprang auf die Zwischenabsätze hinab. Dann hörte Anne, wie eine der Feuertüren weiter unten aufgerissen wurde. Langsam verklang das Geräusch.
Anne hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Sie musste noch einen Absatz nach unten, dann öffnete sie die Tür zum Stockwerk und trat auf den Flur hinaus. Der Geruch nahm ihr fast den Atem. Krankenhäuser rochen alle gleich. Die Orientierung fiel ihr schwer. Als sie endlich das Zimmer erreichte, stolperte ihr Elder entgegen. Ihm lief das Blut aus der Nase, und sein linkes Auge begann aufzuschwellen.
»Was ist denn mit dir passiert?«
Elder schreckte hoch und hätte beinahe zugeschlagen. Er hatte die Hand bereits erhoben, doch dann schien er Anne zu erkennen.
»Sie haben mich …«, nuschelte er. »Verflucht und zugenäht.«
»Bist du überfallen worden?«, fragte Anne. »Was ist mit Frau Heine?«
Elder winkte ab.
»Der geht es gut. Ich hab sie verteidigt«, nuschelte er weiter. »Sie haben mir die Tasche geklaut.«
»Wichtiges drinnen?«
Elder schüttelte den Kopf. »Alles Wichtige ist bei dir. – Ich muss mich waschen!«, sagte er und tropfte Blut auf den Boden.
»Warum?«
Sie begleitete ihn zur Besuchertoilette. »Die ist für Männer«, sagte Elder, als sie mit hineinging.
»Ja und? Ich werde niemandem etwas wegschauen. Frauen sind da gefestigter als Männer.«
»Aha«, sagte er nur. Er beugte sich übers Waschbecken und betrachtete das Ergebnis.
»Es ging alles so schnell«, sagte er, während er den Bluterguss am Auge abtastete. »Ich saß gerade bei Frau Heine am Bett. Sie ist noch immer bewusstlos. Sie waren wieder zu zweit, kamen ins Zimmer, sahen mich, stürmten auf mich zu, entrissen mir meine Tasche, schlugen mich nieder, weil ich mich gewehrt habe, und hauten wieder ab.« Elder machte eine Pause. »Als hätten sie gewusst, dass ich hier sitze.«
Anne tupfte ihm das Blut aus dem Gesicht. Aus der Nase lief noch ein kleines Rinnsal, das sie aber mit einem kalten Tuch im Nacken stillte.
»Woher sollten sie gewusst haben, dass du bei Frau Heine bist?«
Elder zuckte mit den Schultern. »Bin ich Gott? Weiß ich alles?«
Zehn Minuten später waren sie fertig.
Der eine Mann, der in der Zwischenzeit ein Urinal benutzte, sah sie zwar verwundert an, sagte aber nichts.
»Eine kleine Unstimmigkeit, wie sie in jeder Ehe vorkommt«, erklärte Anne ihm ungefragt und lächelte ihn dabei zuckersüß an. Der Mann sah zu, dass er aus der Toilette verschwand.
»Ach, eine Meinungsverschiedenheit in der Ehe«, spottete Elder.
»Was haben die Kerle gesucht?«, fragte Anne endlich.
»Was weiß denn ich? Vielleicht haben sie geglaubt, wir hätten die Liste.«
»Haben wir vermutlich ja auch«, sagte Anne und klopfte auf ihre Tasche. »Wir haben sie nur nicht sauber durchgesehen.«
»Das sollten wir aber rasch tun, bevor sie dich auch erwischen, Anne.«
»Wenn wir nur wüssten, wer!«, sagte sie gedankenverloren. »Und vor allem, warum?«
Anne drückte ihre Tasche eng an sich, während sie das Krankenhaus verließen. Doch sie wurden nicht behelligt. Als sie beide im Wagen saßen, fragte sie nur: »Zu mir oder zu dir?«
Elder grinste sie an. »Zu einer anderen Zeit hätte mir die Frage gut gefallen«, sagte er.
Anne verdrehte die Augen und steuerte den BMW in das Baustellenlabyrinth der Innenstadt. Wenig später saßen sie am Schreibtisch ihres Büros. Anne kontrollierte zum zweiten Mal, ob sie das Sicherheitsschloss eingehängt hatte, damit sie nicht von unliebsamen Gästen überrascht werden konnten.
Schließlich legte sie die Mappe auf den Tisch und öffnete den Ordner.
Er enthielt die Listen von Kunstgegenständen aller Kunstrichtungen, mit denen sie oberflächlich bereits Bekanntschaft gemacht hatten.
»Geordnet sind sie nach Jahreszahlen. Die jüngsten Listen ganz oben, die ältesten«, Anne blätterte zurück, »ganz hinten. Sie beginnen mit dem Jahr 1945.«
Elder hatte Annes Laptop aufgemacht und eine Seite geöffnet, die im Dritten Reich verschollene Kunstgegenstände auflistete.
»Hier: Van Gogh, ›Liebespaar‹. Wo ist das Werk jetzt?«, fragte Anne.
Elder gab den Begriff ein.
»Stammt aus der Sammlung Göring. Also eines der vom Reichsmarschall zusammengeklauten Bilder. Verschwindet in den Kriegswirren. Verbleib unbekannt. Heutiger Wert: circa fünfzig Millionen Euro.«
»Aber hallo«, sagte Anne. »Das Werk taucht in einer Liste Hans Meisters auf und verschwindet – warte mal – 1946 ins Ausland. Preis: achtzigtausend für ›Ragnarök‹. Paraguay.«
»Dorthin sind doch ehemalige Nazis geflohen! Mengele, Eichmann und andere.«
Anne blätterte die Liste systematisch durch, ohne sich an Elders Spekulation zu beteiligen.
»Gerard Ter Borch, ›Die Toilette‹?«, fragte sie Elder.
Der musste lachen: »Toilette? Was hat der gemalt? Ein Klo?«
»Blödsinn«, knurrte Anne. »Eine Frau, die sich zurechtmacht.«
Wieder gab er die Stichwörter ein, und kurz darauf meldete er einen Treffer.
»Suermondt-Ludwig-Museum. Steht dort in deren Schattengalerie verschwundener Werke. Ist auch im Zweiten Weltkrieg verschollen. Verbleib unbekannt.«
Wieder pfiff Anne durch die Zähne.
»Hier steht, dass es 1947 nach Peru abging. Per Diplomatenpost.«
Beide sahen sich an. Diplomatenpost. Das war der Schlüssel.
»Da drängt sich doch unwillkürlich der Verdacht auf, dieser Hans Meister hatte womöglich über seine Security Verbindungen zum Auswärtigen Amt und damit zu ehemaligen SS-Freunden. Die halfen ihm, per Diplomatenpost, die im Dritten Reich von allen Nazigrößen erbeuteten Kunstgegenstände peu à peu außer Landes zu schaffen.«
Anne nickte versonnen.
»Ein weiterer Grund, die Familie Meister aus dem Weg zu räumen. Wären sie ihm dahintergekommen und hätten sie ihn verpfiffen, wäre ihm nicht nur ein lukratives Geschäft durch die Lappen gegangen, die Organisation der SS wäre nachhaltig beschädigt worden.«
»Und die Zufluchtsorte im Ausland womöglich aufgeflogen«, ergänzte Elder.
»Ebenso wie die Transportwege der Kunstgegenstände.«
Anne blätterte weiter. Je näher sie der Gegenwart kamen, desto weniger Beutekunst fand sich in den Listen. Dafür kamen andere Gegenstände hinzu: Goldmünzen, Krüge, Metallfiguren, Ketten …
»Das entwickelt sich zu einem Schmuggel von Raubantiquitäten. Dieser nach außen hin unbescholtene und unauffällig lebende Hans Meister war Hehler für Grabräuberei. Die Gegenstände gehen weniger nach Übersee als in die Schweiz. Aber immer noch per Diplomatengepäck.«
»Langsam wird mir der Zusammenhang mit HAME-Security klar. Die Personenschützer, so stand es jedenfalls in dem Dossier, das die Heine uns zugespielt hat, operieren europaweit. Sie haben deshalb auch Diplomatengepäck transportiert. So ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes braucht noch nicht einmal mitbekommen zu haben, dass in seinem Gepäck auch eine römische Gemme gereist ist.«
Anne zog die Augenbrauen zusammen.
»Was ist?«, fragte Elder.
»Die Spalte ›Ragnarök‹ verstehe ich nicht recht. Am Ende jeder Zeile ist in ihr eine Zahl eingetragen. Meist gerade: 200, 650, 1000, einmal sogar 15.000. Mehr nicht. Nur für den van Gogh 80.000.«
»Provisionssummen?«, fragte Elder.
»Wie vermutet. Aber was ist ›Ragnarök‹?«, fragte Anne.
»Die Götterdämmerung der nordischen Sage. Ende und Untergang der Asen. Was allerdings eine Fehlinterpretation ist. Eigentlich müsste es ›Schicksal der Götter‹ heißen. Im letzten Teil der Ragnarök wird von der neuen Welt, die nach dem Untergang entstehen wird, erzählt.«
»Was könnte es aber in diesem Zusammenhang bedeuten?« Anne tippte mit dem Finger auf das Blatt Papier.
»Wenn du mich so fragst, dann sage ich: Ich würde mich für die Dienste bezahlen lassen. Schließlich muss ich von irgendetwas leben. Das würde ich sparen, denn ich habe ja eine eigene Firma.«
»Du glaubst also, es handelt sich um Provisionsbeträge für erfolgreich durchgeführte Transaktionen?«
»Ziemlich sicher.«
»Gut. Das wäre auch für uns ein Anhaltspunkt. Wenn ich Geld sammle, dann vermache ich das einem Erben. Wenn ich geschickt genug bin, lege ich das Geld schon für diesen Erben an, oft ohne dass der es weiß. Wenn Hacker/Meister das ebenso gemacht hat, sollten wir nach ›Ragnarök‹ fahnden.«
Elder und Anne grinsten sich an.
»Dem Weg des Geldes zu folgen ist immer der erfolgversprechendste Weg«, sagte Elder. »Geld und Safe gehören zusammen. Wir sollten also noch einmal in die Wohnung zurück. Vielleicht hat er ja die Scheinchen einfach gehortet, und sie liegen dort, wo wir sie nicht gesucht haben: im Verstecksafe!«
»Ein kleines Geheimnis enthalten die Listen noch«, sagte Elder. »Jakob Fugger! Kleine Beträge, kaum der Rede wert, im Verhältnis zu den anderen.«
»Ebenfalls ein Konto?«, spekulierte Anne. »Portokasse für kleinere Anschaffungen. Steuer?«
»Steuern? Spinnst du? Doch nicht Hans Meister. Aber wir werden wohl noch einmal in die Wohnung müssen, um das aufzuklären.«
Anne stöhnte bei diesem Gedanken.
»So schnell schießen die Preußen nicht, Tobias. Ich habe Hunger. Wenn ich nichts zu essen habe, bekomme ich Kopfschmerzen und kann nicht mehr denken. Außerdem ist es schon spät. Das kann alles bis morgen warten. Das Geld wird sich schon nicht auflösen.«
Anne wollte den Ordner schließen, als sie stutzte.
Elder hatte sich bereits erhoben und war auf dem Weg zur Toilette.
»Tobias, schau dir das an!«, sagte sie nur.
»Einen kurzen Moment. Ich muss für kleine Jungs!«
Auf der obersten und damit letzten Liste waren ganz am Ende drei Daten eingetragen. Akkurat, aber mit einer etwas zittrigen Schrift. Das Datum des ersten Deals war in vier Tagen, die beiden anderen beiden lagen in der darauffolgenden Woche. Die Beträge unter der Rubrik »Ragnarök« zeigten jeweils fünfstellige Summen an. Die Gegenstände waren eine etruskische Vase, ein keltischer Goldbecher mit Verzierungen und ein bronzener Merkur. Anne konnte sich erinnern, die etruskische Vase im Versteck gesehen zu haben. Also mussten auch die übrigen Antiquitäten dort deponiert sein.
Als Elder vom Klo zurückkam, sah er Anne ganz aufgeregt mit dem Arm wedeln.
»Setz dich, ich weiß, warum die Kerle hinter uns her sind.«