Die Intuition von Sovrintendente Dimase hatte sich als goldrichtig erwiesen. Sie saß zusammen mit Caruso an einem der Außentischchen der Bar Vidal im Park Monte Urpinu und beobachtete, wie ihr Jugendfreund sich mit dem Jungen unterhielt. Wenige Meter entfernt überwachte eine Sozialpädagogin das informelle Gespräch, gemeinsam mit einer Therapeutin, die das Jugendgericht geschickt hatte.

»Du hattest recht«, sagte Caruso und steckte sich eine Marlboro an.

»Tja, ich hatte es dir ja gesagt: Er mag Erwachsenen gegenüber mürrisch sein, aber zu Kindern ist er einfach zauberhaft.«

Seit sie am Tatort erschienen waren, hatte es keine Möglichkeit gegeben, Lorenzo zum Sprechen zu bewegen: Er hatte sich in absolutes Schweigen gehüllt, nicht einmal den Polizeipsychologen war es gelungen, dieses aufzubrechen. Der Junge stand unter Schock und schien jeden Versuch zu scheuen, sich die Mordnacht wieder vor Augen führen zu müssen, sodass die Ermittler den Ablauf der Ereignisse nicht rekonstruieren konnten, was wiederum die für die Lösung eines Falls so entscheidende Anfangsphase der Ermittlung verzögerte. Bei der Durchsuchung seines Zimmers war Angela Dimase auf das Foto gestoßen, das ihn zusammen mit Marzio Montecristo zeigte. Sie wusste genau, dass ihr Freund ein geradezu magisches Gespür für Kinder hatte: Seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler

»Fragen wir doch Marzio«, hatte sie ihrem Teampartner Caruso vorgeschlagen. »Lorenzo hat beide Elternteile verloren, es scheint keine anderen wichtigen Bezugspersonen in seinem Leben zu geben, und wenn er in seinem Zimmer ein Foto von seinem Lehrer behalten hat, nun, dann muss ihre Beziehung schon sehr eng gewesen sein. Lass es uns einfach versuchen.«

»Warum nicht?«, war Carusos knappe Antwort gewesen. Der Richter hatte seine Zustimmung erteilt unter der Bedingung, dass das Gespräch im Beisein einer der Sozialpädagoginnen des Heims geführt wurde, dem das Kind vorübergehend anvertraut worden war. Den Vorschlag mit dem Park hatte Montecristo selbst gemacht: In seinen Augen war die nüchterne, kalte Umgebung des Polizeipräsidiums wenig geeignet für ein Kind und hätte nur ihr Gespräch behindert. Daher hatte er sich mit Lorenzo in die Nähe eines Spielplatzes gesetzt, und nach ein paar Minuten konnten die beiden Ermittler beobachten, wie der Junge sich öffnete und zu erzählen begann. Plötzlich war Lorenzo in Tränen ausgebrochen: Montecristo hatte ihn in die Arme genommen, getröstet und der alten Freundin einen tief betroffenen Blick zugeworfen. An seiner steifen Haltung und den nervösen Zuckungen im Gesicht konnte man erkennen, dass die Erzählung des Kindes ihn hatte erstarren lassen.