Nunzia hatte ihm nichts weiter erklärt. Sie hatte ihn nur gebeten, ihr am folgenden Dienstag nach Ladenschluss den Raum mit den reduzierten Büchern für ein paar Stunden zur Verfügung zu stellen. Sie hatte auch dafür gesorgt, dass er dreißig Exemplare von Daphne du Mauriers Rebecca orderte.

»Dreißig Stück? Bist du wahnsinnig? Das ist viel Geld! Und dann für einen Roman, der alt, ja uralt ist. Natürlich ein Meisterwerk, aber das Buch hat seine Zeit gehabt. Wann soll ich die je verkaufen? Die werde ich sofort remittieren müssen, und Remittenden kosten Geld.«

Sie hatte ihn wieder angelächelt und ihn beruhigt: »Keine Sorge, du wirst sehen, damit wirst du nicht mal auskommen.«

Montecristo hatte ihr also vertraut und die dreißig Stück geordert. Innerhalb weniger Tage waren sie verkauft, und er musste noch ein Dutzend nachbestellen. An dem bewussten Dienstag hatte er nur noch ein einziges Exemplar. Bei Ladenschluss war sein Geschäft von einer Gruppe Leuten gestürmt worden, fast alle über sechzig. Am Ende waren es fünfundzwanzig, die sich in dem kleinen Raum zusammendrängten, der fast aus allen Nähten platzte. Und alle hielten ein Exemplar von Rebecca, das sie in seiner Buchhandlung erworben hatten, in der einen Hand, und in der anderen eine Tüte mit Essen oder Getränken. Unter Anleitung von Nunzia hatten sie dann ein kleines improvisiertes Büfett aufgebaut.

Am Ende der Diskussion hatte Nunzia wieder das Wort ergriffen und das Buch hochgehalten, um das es am folgenden Dienstag gehen würde: Die vier Gerechten von Edgar Wallace, ein Klassiker der Kriminalliteratur. Sie hatte betont, dass man nur eins tun musste, um an der Diskussion teilzunehmen: Das Buch hier in der Buchhandlung kaufen, und es wäre sehr freundlich, wenn man es gleich bei der

»Hm, ich denke, das hat gut funktioniert«, hatte Nunzia bemerkt, während sie Montecristo beim Aufräumen half.

»Und ob, Nunzia! Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ganz ehrlich.«

»Schau mal, wie viel Essen übrig geblieben ist. Davon kannst du dich eine ganze Woche ernähren. Hast du einen Kühlschrank?«

Montecristo hatte genickt. »Wer sind denn die ganzen Leute? Woher kennst du sie?«

Nunzia hatte gelacht. »Weißt du noch, wie ich gesagt habe, dass Krimiliebhaber so etwas wie eine Sekte sind? Und das stimmt wirklich. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Nur eins fehlte uns, ein Versammlungsort, an dem wir uns treffen können.«

»Na, ich würde sagen, den habt ihr jetzt gefunden.«

»Genau. Es gibt für alles eine Lösung, mein Sohn«, hatte sie ihn bestärkt und ihm mütterlich über den Rücken gestrichen. »Man braucht nur Geduld und Durchhaltevermögen. Darf ich dir noch einen Rat geben?«

»Na klar.«

»Nimm es mir nicht übel, aber dieser Bart … Also an deiner Stelle würde ich ihn abrasieren. Er schreckt Menschen ab, besonders die älteren. Und du hast ja das Publikum von heute Abend gesehen. Das sind fast alles alte Leute, die sind konservativ und hängen immer noch der Idee an, dass ein anständiges Aussehen gleichbedeutend mit Professionalität ist.«

»Ich glaube kaum, dass du so weit gehen musst. Du wirst sehen, das nächste Mal sind wir noch mehr. Gute Nacht, mein Lieber.«

Nachdem er die Rolltür heruntergelassen hatte, war Montecristo auf einen Stuhl gesunken und beim Anblick der Tageseinnahmen und des übrig gebliebenen Essens in Tränen ausgebrochen wie ein Kind, weil ihn die Großzügigkeit dieser Menschen einfach überwältigt hatte.