Hatte Marzio Montecristo bis vor zwei Jahren noch eine halbe Stunde gebraucht, um den Raum für den Leseklub vorzubereiten, benötigte er nunmehr nur noch knapp eine Minute. Zu Nunzias Zeiten hatten sie drei bis vier Klapptische für all das Essen und die Getränke aufstellen müssen. Jetzt reichte ein kleiner Cafétisch für den Imbiss.
»Ich hatte ganz vergessen, dass heute Abend wieder euer Treffen der anonymen Krimileser ist«, sagte Patricia, während sie ihren Chef von der obersten der fünf Stufen beobachtete, die ins Untergeschoss hinabführten.
»Anonyme Krimileser …«, wiederholte Montecristo amüsiert und schüttelte den Kopf.
»Worüber werdet ihr diese Woche sprechen?«
Er zeigte ihr ein Exemplar von Mord nach Maß von Agatha Christie. »Hast du das schon mal gelesen?«
»Nein.«
»Solltest du aber. Darin wird sehr schön erklärt, dass es oft der größte Fluch auf Erden sein kann, das zu bekommen, was man sich wünscht.«
»Das habe ich schon längst kapiert«, erwiderte die junge Frau mit einer brüsken Handbewegung. »Ich musste nur anfangen, hier zu arbeiten. Dabei habe ich mir das so sehr gewünscht. Ich dachte, dass ich dann nichts anderes tun würde als lesen und mich freundlich mit interessanten Kunden unterhalten, die Literatur zu schätzen wissen … Tatsächlich habe ich nie so wenig gelesen wie jetzt, seit ich hier arbeite, ich habe einen Hexenschuss bekommen vom Ausladen der Ware und Einpacken der Remittenden und sogar eine Milbenallergie entwickelt beim Abstauben der Regale. Und dann muss ich noch jeden Tag mit einem grantigen Chef auskommen, der ständig ein langes Gesicht zieht und nichts anderes macht, als mit den Kunden rumzustreiten und mich wüst zu …«
»Da hast du ja Glück, dass du noch nicht mit dem Trinken angefangen hast, um dich der Vergessenheit anheimzugeben«, versicherte ihr Montecristo. »Alkoholismus ist sehr verbreitet unter Buchhändlern. Warte nur mal zwei, drei Jahre, dann wirst du schon sehen, dass auch du …«
Die beiden starrten sich an und brachen in Gelächter aus.
»Du kannst immer noch kündigen. Also du würdest doch überall einen Job finden.«
»Ach nööö. Ich habe die Katzen lieb gewonnen. Sie würden mir zu sehr fehlen.«
»Die Katzen also … Dann fordere doch nächsten Monat deinen Lohn bei ihnen ein.«
»Nur keine Eifersucht. Du weißt doch, dass ich dich mag, Boss.«
»Und nenn mich nicht immer ›Boss‹.«
»Okay, badrone. Ich haben Schicht fertig, badrone. Viel Spaß beim Treffen der anonymen Krimileser, badrone.«
»Patricia, du kannst mich jetzt echt …«
Ehe er den Satz beenden konnte, war die junge Frau schon verschwunden und ließ im Raum nur den Nachhall ihres herrlichen ansteckenden Lachens zurück, das sie noch schöner und anmutiger machte.
»Verschließ die Kasse und lass die Tür auf!«, schrie er ihr vom Untergeschoss hinterher.
»Jawohl, badrone«, schrie sie ebenso laut zurück.
Marzio Montecristo lächelte wehmütig. Ein wenig beneidete er sie. Sie war achtundzwanzig und somit nur zehn Jahre jünger als er, aber sie verkörperte noch die Unbekümmertheit und den Glanz der Jugend. Sie war ein Sonnenschein, immer fröhlich und lächelnd, und keine Sorgen schienen ihr Wesen verdüstern zu können. Die Kunden liebten sie, und dass die Buchhandlung immer noch nicht ihre Pforten hatte schließen müssen, verdankte er nur ihr und Miss Marple und Poirot, den beiden schwarzen Katzen.
Früher warst du auch mal so, sagte sich Montecristo. Was ist nur aus dem jungen Mann geworden?
Er schloss die Augen und sah wieder den gewalttätigen Vater vor sich, den er zusammengeschlagen hatte. Das Blut hatte seine Heiterkeit fortgewaschen und den Lauf seines Lebens für immer verändert.
War es das wert gewesen?, fragte er sich und starrte in die verlassene Buchhandlung.
Dann rief er sich den Rücken dieses Jungen in Erinnerung, der von den blauen Flecken verunstaltet war, und spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
»Aber hundertprozentig«, sagte er zu den vielen hundert Büchern, die ihn stumm beobachteten.