Wie immer traf als erster »Detektiv« Signor Scalabrini ein. Vittorio Scalabrini, um genau zu sein. Montecristo erkannte ihn am Rhythmus der Schritte auf dem abgenutzten Holzparkett, das fortwährend knarrte, als könnte es jeden Moment nachgeben. Dann hörte das Knarren plötzlich auf. Scalabrini hatte die Treppe erreicht, auf der eine dünne Schicht Teppichboden die Trittgeräusche dämpfte.

Scalabrini erweckte immer den Eindruck, er zöge den Herbst hinter sich her. Auch mitten im Frühling oder Sommer erschien er stets im gleichen gepflegten, nicht der Jahreszeit entsprechenden Aufzug: Trenchcoat, Pulli, Hut im Retroschick und manchmal auch Handschuhe. Er war nicht verschroben, vielmehr wirkte er, als wäre er aus einer anderen Zeit gefallen: den fünfziger oder sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

An diesem Abend trug er einen langen schwarzen Mantel aus Schurwolle im klassischen Schnitt, der an ihm ausgezeichnet saß und seinen Körper noch größer und schlanker wirken ließ, als er ohnehin schon war. Den Kopf bedeckte ein Hut – ebenfalls dunkel, mit breiter Krempe und hoher Krone, um die rundum ein Band aus rabenschwarzer Seide lief –, der sein Gesicht verdunkelte, nur die mächtige Adlernase und die knochigen, spitzen Züge stachen deutlich heraus.

Unten angekommen neigte Scalabrini das Kinn zum Gruß, entledigte sich mit bedächtigen Gesten seiner

Alles in allem kam dieser distinguierte Herr mit den eleganten Manieren ihm so vor, als wäre er direkt einem der Noirs von Simenon oder einer Schauergeschichte von Lovecraft entstiegen, Autoren übrigens, deren Bücher Scalabrini begierig verschlang.

»Alles in Ordnung, Marzio? Sie sehen noch blasser aus als sonst.«

»Ja, ausnahmslos alles in Ordnung, danke. Heute habe ich die Präsidentin besucht, und sie hatte einen schlechten Tag. Das ist mir aufs Gemüt geschlagen«, gestand er.

Scalabrini nickte verständnisvoll. »Auch ich habe sie besucht, das war vor einer Woche. Leider war sie nur wenig bei sich.«

»Was haben Sie uns heute Abend mitgebracht?«, fragte Montecristo, um das Thema zu wechseln.

Aus einem Leinenbeutel zog der ältere Herr eine Flasche Rotwein. Nachdem der Leseklub sich ausgedünnt hatte, war es ihm mit seiner liebenswerten Vornehmheit vergangener Zeiten zur Gewohnheit geworden, zu jedem Treffen eine Flasche Wein mitzubringen, und zwar immer einen anderen.

»Nastasìa«, las Scalabrini das Etikett vor. »Ein Cannonau, hergestellt von einer Winzergenossenschaft aus Tissi. Er soll ausgezeichnet sein. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns selbst davon zu überzeugen.«

Tissi war ein Dorf in der Provinz Sassari im Norden von Sardinien. Montecristo wusste, dass der Wein hervorragend sein würde: Scalabrini hatte eher gehobene Qualitätsansprüche und legte großen Wert darauf, stets nur ausgezeichnete Rotweine mitzubringen.

»Ach, seid ihr zwei schon beim Trinken angelangt?«

Beide Männer drehten sich in die Richtung, aus der eine raue Frauenstimme sie angesprochen hatte.

»Maina!«, sagte Montecristo überrascht und starrte die junge Frau an, die es sich bereits auf einem der Sessel bequem gemacht hatte. »Du musst damit aufhören, hier so plötzlich zu erscheinen wie die Madonna von Lourdes.«

Maina war die Abkürzung von »Mai ’na gioia« – »Niemals ’ne Freude« –, der Spitzname, den ihr Ispettore Caruso verpasst hatte, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, und der ihre pessimistische und dekadente Lebenseinstellung perfekt erfasste. Von da an war die junge Frau für alle zu Maina geworden, ob ihr das passte oder nicht. Und sie selbst – die zum Glück mit einer ordentlichen Portion Selbstironie ausgestattet war – hatte beschlossen, diesen Namen auch in ihren sozialen Netzwerken zu verwenden. Sie war ein Riesenfan von Krimis, die in der viktorianischen Zeit spielten. Aus persönlicher Erfahrung wusste Montecristo, dass Maina ganze Absätze aus Werken von Wilkie Collins auswendig kannte, da er mit eigenen Ohren gehört hatte, wie sie diese bei einigen Diskussionsrunden des Leseklubs zitiert hatte. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren senkte sie das Durchschnittsalter des Dienstagskrimiklubs erheblich. Wenn Vittorio Scalabrini den Herbst im Schlepptau zu haben schien, dann brachte Maina mit ihrer

»Ich liebe deine Leichenblässe«, sagte Maina und starrte bewundernd auf Montecristos Teint, während sie weiter die Katze streichelte. »Welche Schminke hast du benutzt?«

»Keine. Das ist die Farbe, die meine Haut angenommen hat, als ein Kunde mich gefragt hat, ob ich ein Exemplar vom Grasenden Roland hätte. Er meinte das bitterernst, das kann ich euch versichern.«

Scalabrini und Maina grinsten amüsiert.

»Auf jeden Fall immer noch besser als damals, als ein kleiner Junge mich nach einem Buch gefragt hat, das er für die Ferien lesen musste: Der Tag der Beule von Leonardo Schaschlik … Gänsehaut, Leute. Gänsehaut pur.«

Diesmal brachen die beiden in lautes Gelächter aus, ein eher ungewöhnliches Ereignis angesichts ihrer üblichen Zurückhaltung.

»Ach, ihr amüsiert euch ohne mich?«, tönte es schrill aus dem oberen Geschoss herunter.

»Aber nein, was reden Sie denn da«, gab der Gastgeber von unten zurück. »Brauchen Sie Hilfe?«

Als perfekter Gentleman wartete Scalabrini nicht auf eine Antwort. Er erhob sich, ging der neu angekommenen Dame – Signora Solinas – entgegen und reichte ihr die Hand, um sie beim Hinabsteigen der Stufen zu stützen.

Camilla Solinas war Nunzias beste Freundin. In den Dokumenten der beiden Frauen stand dasselbe Alter, und auch äußerlich hatten sie sich im Laufe der Zeit angeglichen: klein und so zierlich, dass sie geradezu ätherisch wirkten. Wie bei jedem Treffen balancierte die alte Dame auch an diesem Abend ein Tablett mit einem Kuchen. Sie hatte elfenhafte Hände, die kaum zu ihrem literarischen Geschmack passten: Sie war buchstäblich verrückt nach

Signora Solinas war die Witwe von drei Ehemännern, die im Laufe der Jahre mutig aufeinandergefolgt waren. Mutig, weil einer nach dem anderen auf unerklärliche Weise im Schlaf verstorben war. Momentan ging die »unschuldige« alte Dame mit einem rüstigen Fünfundachtzigjährigen aus. Tief in ihren Herzen waren Montecristo, Scalabrini und Maina davon überzeugt, dass auch dessen Tage gezählt waren.

»Was duftet hier so lecker?«, fragte Maina und rieb sich die Hände.

»Pastiera Napoletana«, erwiderte Camilla stolz, die mit ihrem intensiven blumigen Parfüm und den Kleidern in leuchtenden Farben immer einen frischen Frühlingswind in die Buchhandlung mitbrachte.

»Sie verwöhnen uns«, sagte Scalabrini.

»Das ist doch wohl das Mindeste. Ihr seid meine wahre Familie. Auch wenn ihr, gestattet mir diese Bemerkung, immer nur langweilige Bücher lest, in denen nie einer

»In denen nie einer stirbt?«, fragte Montecristo entrüstet.

»Na gut, sie sterben jedenfalls alle gut. Wenn einer stirbt, dann muss er das richtig nach allen Regeln der Kunst tun.«

»Und die wären?«, fragte Maina provozierend nach.

»Geviertelt von einer Motorsäge. Von einem Beil enthauptet. Von einem Maschinengewehr zu Brei geschossen. Von einem mit Ketamin zugedröhnten Rudel Pitbulls zerfetzt. Erbarmungslos kastriert von …«

»Wir haben’s kapiert, Camilla. Herr im Himmel, wir haben’s kapiert … In Zukunft werden wir ein paar Bücher aussuchen, die mehr nach Ihrem Geschmack sind. Versprochen.«

»Na klar. Das sagt ihr jedes Mal, aber letzten Endes sehe ich immer viel zu wenig Blut fließen.«

Scalabrini, Maina und Montecristo wechselten amüsierte Blicke und dachten mal wieder, wie sehr das harmlose Erscheinungsbild der alten Dame in die Irre führte.