Montecristo hatte sich für das Luchia entschieden, ein angenehmes Freiluftlokal am Viale Buoncammino, einer langen Allee, die den Einwohnern von Cagliari Gelegenheit zu einem wunderschönen Spaziergang mit Panoramablick außerhalb der Stadtmauern bot. Auf der Terrasse des Lokals oberhalb von Cagliari lag einem die ganze Stadt zu Füßen: im Osten von Villanova nach Poetto und vom Stagno di Molentargius bis zu den Sette-Fratelli-Bergen; im Westen vom Monte Arcosu bis Santa Gilla und weiter zum Amphitheater aus römischer Zeit. Dieser Blick war so überwältigend, dass selbst Autofahrer, die diese Straße nahmen, meist abbremsten oder sogar stehen blieben, nur um hingerissen die Aussicht zu genießen. Abends tummelten sich zahlreiche Touristen auf dem Viale Buoncammino, um einen der atemberaubenden Sonnenuntergänge über der Lagune von Santa Gilla zu beobachten, deren Widerschein im Wasser funkelte und die Wolken rosa und silbern färbte. Im Sommer dagegen boten die Kiefern, Zypressen und Ulmen, die der Straße Schatten spendeten, ein wenig Erleichterung von der Hitze, die die Stadt wie ein feuchter heißer Saunamantel umhüllte. Der Viale Buoncammino war einer der höchstgelegenen und luftigsten Orte von Cagliari, und es wimmelte dort von Ständen, an denen die Bewohner bei einem Aperitif oder einem Eisbecher ein wenig Abkühlung finden konnten.
»Oh, was für ein romantisches Fleckchen … Muss ich mir Sorgen machen?«, zog Angela Montecristo auf.
Der errötete wie ein kleiner Junge. Der Viale Buoncammino war früher der bevorzugte Ort für junge Liebespärchen gewesen: Zahllose Jugendliche hatten schon auf den Bänken dieses idyllischen Aussichtspunkts geflirtet und im sanften Licht der Laternen geknutscht. Jetzt, fiel Montecristo auf, waren sie zu sehr damit beschäftigt, Selfies zu machen und ihre Fotos dann gegenseitig auf Instagram zu kommentieren, um etwas von all der Schönheit mitzubekommen, die dort unter ihnen lag – oder von der Schönen, die neben ihnen saß.
»Und du hast dich wirklich von Fabrizio getrennt? Ich kann es kaum glauben«, wechselte Montecristo das Thema, wie meist, wenn er in Verlegenheit kam.
»Ja. Er hat den Bogen überspannt. Es ist vorbei.«
Marzio, Angela und Fabrizio hatten einander vor vielen Jahren am Strand von Poetto kennengelernt. Angela war gerade von Turin nach Cagliari gezogen, mit ihrem Vater, einem Staatsanwalt, dem man dort ein neues Aufgabengebiet übertragen hatte. Montecristo war ein schüchterner introvertierter Junge gewesen, der die Nase in Bücher steckte und mit dem Kopf in den Wolken schwebte, genau das Gegenteil von Fabrizio: ein attraktiver und sportlicher Typ, draufgängerisch und unbekümmert im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Beide hatten sich in Angela verliebt, obwohl sie versuchten, sich das nicht anmerken zu lassen. Schließlich hatte Fabrizio sich jedoch ein Herz gefasst und ihr seine Liebe gestanden, womit er Marzio zuvorgekommen war – der ein wahrer Meister der verpassten Gelegenheiten war. Angela kam also mit Fabri zusammen, und Montecristo wurde für den Rest seiner Tage zu »einem Freund« heruntergestuft. Er musste fortan zahllose Unternehmungen zu dritt ertragen, bei denen er gezwungenermaßen das fünfte Rad am Wagen war, eine Rolle, in der er dank seiner ausgeprägten Tendenz zur Selbsterniedrigung eine seltene Meisterschaft erreichte.
Vielleicht ist ja noch nicht alles verloren, dachte Montecristo und schlürfte seinen Mojito, um sich Mut anzutrinken. Das war die Gelegenheit, auf die er seit einer Ewigkeit gewartet hatte.
»Also, vielen Dank noch mal für heute«, sagte Angela, den Blick auf ihr Glas gerichtet, an dessen Außenseite sie mit den Fingerspitzen die Kondenswassertropfen verwischte. »Ich weiß, wie schwer das für dich gewesen sein muss.«
»Lorenzo war mal mein Schüler, Angie. Ich fühle mich immer noch für ihn verantwortlich, glaub mir. Ich habe das gern getan und wäre lieber eine größere Hilfe gewesen.«
»Du hast uns sehr wertvolle Informationen geliefert. Ich möchte, dass du das weißt.«
»Haben sie euch denn genützt?«
»Momentan noch nicht.«
»Wenn das alles stimmt, was der Junge erzählt hat …«
»Die ersten Ergebnisse der Spurensicherung scheinen ihm recht zu geben«, unterbrach ihn Dimase.
»Das macht das Szenario noch besorgniserregender. Der Mistkerl hat mit vollem Vorsatz und in Kenntnis der Umstände gehandelt, er hat alles bis ins kleinste Detail geplant. Die Frage ist nur, warum? Welchen Grund hatte er?«
»Die Videokamera legt nahe, dass er das Geschehen aufgenommen hat, um es sich wieder anzusehen.«
»Oder es wieder zu erleben. Dies könnte ein Hinweis auf einen Serientäter sein.«
»Genau das befürchten wir«, gab Dimase zu.
Montecristo sah hinauf zum sternefunkelnden Himmel und seufzte. Das Ganze kam ihm so unwirklich vor. Er war es gewohnt, solche Geschichten in den Romanen zu lesen, die er verkaufte, aber dass ihm ein kleiner Junge mit zitternder Stimme erzählte, wie jemand seine Mutter kaltblütig ermordet hatte, war etwas ganz anderes.
»Wenn das stimmt«, sagte er und sah nun wieder Angela an, »dann könnte er wieder zuschlagen.«
Sie nickte. »Die Eine-Million-Euro-Frage ist nur: bei wem?«