Silvana Atzori wachte mit dröhnendem Kopf auf, so wie bei einem Kater. Aber das konnte nicht sein, denn sie hatte seit ihrem Studium keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Sie hatte Mühe, ihr eigenes Zimmer klar zu erkennen, wo sie sich noch vor einigen Minuten vom Bett aus die letzte Staffel von This Is Us angesehen hatte. Sie erinnerte sich, einen Albtraum gehabt zu haben. Darin war ein unbekannter maskierter Mann in ihr Zimmer gekommen, mit …
Als sie schließlich die Augen ganz geöffnet hatte, überfiel sie die Realität mit all ihrer Brutalität. Es war kein Albtraum gewesen. Der maskierte Mann stand wirklich vor ihr. Er winkte ihr mit einer Hand zu, während die andere eine Pistole mit Schalldämpfer hielt.
Silvana klapperte mit den Lidern, als wollte sie damit diesen Schrecken aus ihrem Gesichtsfeld vertreiben.
»Guten Morgen. Du wirst noch ein paar Minuten brauchen, bis du wieder ganz da bist«, sagte der Unbekannte.
Sie bemerkte, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war. Wegen des feuchten Lappens in ihrem Mund brachte sie kein Wort hervor. Während sie langsam alles wieder klar zu sehen begann, entdeckte sie weitere Details. Sie befand sich im Wohnzimmer des Einfamilienhauses, in dem sie mit ihren alten Eltern lebte. Der Eindringling war schwarz gekleidet und trug Latexhandschuhe, ebenfalls schwarz. Rechts von ihm war eine Videokamera auf einem Stativ aufgebaut, die jede ihrer Regungen aufzunehmen schien. Knapp einen Meter von ihr entfernt stand eine antik aussehende Sanduhr aus Holz auf dem Boden.
»Atme durch die Nase. Ganz tief. Das hilft dir, wieder zu dir zu kommen«, riet ihr der Mann.
Meine Eltern … Wo … Bevor sie ihre Befürchtungen zu Ende denken konnte, sah sie ihre Mutter und ihren Vater in Embryohaltung auf dem Boden liegen. Dieser Mistkerl hatte sie ebenfalls gefesselt und geknebelt. Auf den ersten Blick schienen sie nicht verletzt zu sein.
»Keine Sorge: Sie sind nicht tot, ich habe sie nur betäubt. Aber sie sind alt. Sie brauchen etwas länger, um zu sich zu kommen.«
Silvana richtete ihren Oberkörper auf und schwankte dabei wie ein Kegel, der gerade von einer Bowlingkugel gestreift wurde. Sobald sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte, warf sie dem Mann in ihrer Verzweiflung flehentliche Blicke zu.
Doch dieser schüttelte unerbittlich den Kopf. »Betteln wird dir hier nichts nützen. Aber keine Sorge: Ich habe überhaupt nicht vor, dir etwas anzutun. Alles wird in wenigen Minuten vorbei sein … Ich möchte von dir nur, dass du eine Entscheidung triffst.«
Silvana sah ihn verwirrt an. Diese Bemerkung ließ die Situation, die ohnehin schon der Gipfel der Seltsamkeit war, noch bizarrer erscheinen.
Ein Windstoß drang ins Wohnzimmer und trocknete den Schweiß auf ihrer Stirn. Silvana wandte sich um und stellte fest, dass die Balkontür weit offen stand. War der Mann vielleicht von dort hereingekommen?, überlegte sie.
Unmöglich, beantwortete sie sich ihre Frage selbst. Wir sind hier im dritten Stock. Da müsste er schon ein Akrobat sein.
Sie sah, wie der Körper ihres Vaters zuckte und sich schließlich schüttelte, wie von einem elektrischen Schlag getroffen.
»Da ist schon der Erste«, sagte der Unbekannte und beobachtete, wie der alte Mann die Augen öffnete. Kurz darauf war Silvanas Mutter an der Reihe. »Und die Zweite …«
Der Eindringling drehte sich auf dem Stuhl um und wandte sich an Silvana, wobei er ihr direkt in die schreckgeweiteten Augen sah: »Wie gesagt, es dauert nur ein paar Minuten, dann kannst du dir wieder deine Lieblingsserie ansehen. Aber jetzt hör mir genau zu, denn ich habe nicht die Absicht, mich zu wiederholen. Siehst du die Sanduhr dort? Wenn ich sie umgedreht habe, braucht der Sand genau eine Minute, um von der einen Hälfte in die andere zu fließen. Nach Ablauf der Minute wirst du mir sagen müssen, wen von deinen Eltern ich töten soll, deine Mutter oder deinen Vater. Einen von beiden.«
Silvana fühlte, wie sie zu Eis erstarrte.
»Wenn du dich nicht entscheiden kannst, werde ich beide töten, und dich lasse ich am Leben, dir werde ich kein Haar krümmen … Es ist doch sinnlos, dass beide sterben, stimmt’s? Aber du musst diese Entscheidung treffen.«
Silvana starrte ihn wie betäubt an, als er die Sanduhr umdrehte. Der Sand begann, in den unteren Glaskolben zu rieseln.
»Dann wähl mal schön«, forderte er sie auf und richtete die Waffe auf sie, um jeden Anflug von Widerstand im Keim zu ersticken.
Die beiden alten Leute sahen einander verstört und ungläubig an. Wie ihre Tochter waren sie urplötzlich in dieser Atmosphäre eines Horrorfilms gelandet und konnten es nicht fassen. Silvana fürchtete sogar, ihr Vater, der akute Herzprobleme hatte, könnte jeden Moment wieder einen Infarkt erleiden.
»Tempus fugit, Silvana … Na, wen hast du lieber? Die Mama oder den Papa? Wen soll ich verschonen und wen töten?«
Silvana wusste mit einiger Sicherheit, dass der Mann es ernst meinte: Ihr Instinkt schrie ihr das geradezu entgegen. Er war fest entschlossen in seinem Plan: Wenn sie nicht mitspielte, würde er beide töten.
Die Kamera lief weiter und nahm die ganze Qual ihrer Entscheidung auf.
»Vierzig Sekunden«, zählte die Stimme des Eindringlings unerbittlich weiter, der man seine Herkunft nicht anhörte.
Silvana presste die Lider zusammen. Tränen liefen über ihr von Angst verzerrtes Gesicht. Sie schüttelte den Kopf. Ich kann mich nicht entscheiden, besagte diese Geste.
»Fünfzig Sekunden … Es ist Zeit.«
Silvana Atzori neigte sich vor, sie wollte sich opfern. Los, mach schon, töte mich, forderte sie ihn in Gedanken und mit ihrem Blick auf. Verschone sie. Schieß auf mich. Ich könnte nicht weiterleben mit der Last dieser Entscheidung.
Das letzte fallende Sandkörnchen zeigte an, dass die Zeit abgelaufen war.
»Der Moment des Abschieds ist gekommen. Zeige mit dem Kinn auf den, der sterben soll.«
Silvana schüttelte den Kopf und blickte fest in die kalten Reptilienaugen des Verbrechers.
»Damit hast du sie beide zum Tod verurteilt, ist dir das klar?«
Ich will dein Spiel nicht mitspielen, du Mistkerl.
»Wie du willst …«
Mit knappen Bewegungen feuerte der Unbekannte zwei Patronen auf Silvanas Eltern ab und tötete sie beide mit einem Schuss in die Stirn.
Fassungslos sah Silvana, wie ihre Körper von der Druckwelle des Schusses nach hinten geworfen wurden und auf dem Boden zusammensackten wie zwei überdimensionale Stoffpuppen. Ihre silbernen Haare färbten sich mit Blut.
Das kann er doch nicht getan haben, dachte sie und wurde von heftigem Zittern und Schluchzen geschüttelt, während sie den Blick über die beiden Leichen wandern ließ. Das ist nicht wahr …
Der Mann ließ noch ein paar Sekunden verstreichen, bevor er die Aufzeichnung unterbrach. Teilnahmslos verstaute er die Videokamera in einer Sporttasche und schob das Stativ zusammen.
»Du weißt, warum ich das getan habe … Denk immer daran, dass nicht ich sie umgebracht habe. Das warst du«, sagte er und blickte der Frau direkt in die Augen. Dann verschwand er in der Nacht.