Es war halb vier Uhr morgens, und an Schlaf war immer noch nicht zu denken. Nachdem er mit Angela im Luchia etwas getrunken hatte, war Montecristo nach Hause gefahren, hatte geduscht und sich ins Bett gelegt. Aber anstatt wie jede Nacht schnell in traumlosen Tiefschlaf zu versinken, kehrte sein Kopf immer wieder zu dem Verbrechen an Lorenzos Eltern zurück. Schuld daran waren auch die Tatortfotos, die Caruso ihm gezeigt hatte und die ihn immer wieder quälten, sobald er die Augen schloss. Deshalb hatte er sich ins Lesen geflüchtet, die einzige Beschäftigung, bei der er zur Ruhe kam.

Nachdem er das Buch, das ihn durch die vergangenen Abende begleitet hatte, zu Ende gelesen hatte, öffnete er befriedigt die Nachttischschublade und holte die »Liste der Schande« hervor, wie er sie nannte: ein Verzeichnis von ungefähr einhundertfünfzig Klassikern der Literatur, Bücher, von denen jeder behauptete, er habe sie immer und immer wieder gelesen, wobei das schamlos gelogen war. Montecristo war da keine Ausnahme. Jahrmarkt der Eitelkeit, Ulysses, Rot und Schwarz, Der Mann ohne Eigenschaften, Little Women, Betty und ihre Schwestern, die Buddenbrooks und viele mehr. Seine Kunden gingen davon aus, dass er diese Romane gelesen, ja gründlich studiert hatte, aber in Wahrheit hatte er sie nicht einmal überflogen, so sehr hatte er sich vertieft in jenes missachtete Kind eines niederen Gottes, den Kriminalroman. Natürlich kannte er mehr Klassiker als der Durchschnitt – er

Eine halbe Stunde lang hatte er der Kundin immer zugestimmt, hatte den russisch-amerikanischen Schriftsteller in den höchsten Tönen gelobt, aber dann, als die Signora ihm plötzlich eine Detailfrage zum Buch stellte, hatte sich Montecristo erst einige Minuten gewunden, während die Dame ihn immer skeptischer und zunehmend peinlich berührt ansah, bis er sich schließlich entschuldigt und seine große Bildungslücke eingestanden hatte. Die Signora war zurückgewichen, als hätte er sie geohrfeigt, und hatte ein empörtes »Schämen Sie sich!« ausgestoßen, bevor sie stocksteif die Buchhandlung verließ und nie wieder einen Fuß hineinsetzte.

Montecristo, der sich so ungebildet vorkam wie der letzte Idiot, hatte sich vorgenommen, um jeden Preis zu vermeiden, dass er noch einmal eine so jämmerliche Figur abgeben würde. Zu Hause angekommen hatte er diese »Liste der Schande« verfasst und sich auferlegt, seine großen Lücken im Bereich Literatur so schnell wie möglich zu schließen. Als Erstes hatte er selbstverständlich Lolita gelesen. An diesem Abend strich er Der Mond und die auf seiner Liste ab und sagte sich, dass Pavese wirklich ein großartiger Schriftsteller war. Als er sein Verzeichnis durchging, stellte er fest, dass er gerade mal ein Viertel der aufgeführten Titel gelesen hatte.

Verzagt holte er sich von einem Regal Thomas Manns Zauberberg, aber nachdem er etwa zehn sehr anspruchsvolle Seiten gelesen hatte, legte er das Buch gelangweilt auf den Nachttisch. Stattdessen nahm er Der große Schlaf von Raymond Chandler zur Hand, ein Meisterwerk des Noirs.

»Jedem die Klassiker, die er verdient«, brummte er verächtlich und begann zu lesen. Obwohl er den Roman bereits einige Male gelesen und wiedergelesen hatte, gingen ihm die ersten fünfzig Seiten so runter wie ein eiskaltes Bier nach einem schwülheißen Sommertag. Er musste sich zwingen, diesen Zauber zu durchbrechen: Es war schon vier Uhr früh, und in wenigen Stunden würde Efisetto, der Pinscher von Signora Puddu, sein übliches Gejaule anstimmen, als würde man ihn kastrieren. Und Montecristo brauchte wenigstens zwei Stunden absolute Ruhe.

Schweren Herzens trennte er sich vom Fall seines geliebten Philip Marlowe und streckte sich aus, den rechten Unterarm über den Augen. Wieder musste er an seinen ehemaligen Schüler und dessen verlorenen Blick denken. Er nahm sich vor, ihn so bald wie möglich zu besuchen.

Was tat der Mann, der die Mutter umgebracht hatte, wohl gerade? Hatte er vielleicht noch einmal getötet?

»Gut möglich«, flüsterte er in die Leere des Raums.

Er hatte keine Angst davor gehabt, einen lästigen Zeugen zurückzulassen. Das bedeutete entweder, dass er sich seiner sicher war, oder dass er einen bestimmten Plan verfolgte und diesen so schnell wie möglich ausführen würde, ohne die Befürchtung, dass man ihn vorher fassen könnte, überlegte Montecristo.

»Du bist wirklich ein Idiot, Marzio Montecristo«, murmelte er leise.

Dann fiel er endlich in einen erlösenden Schlaf.