Caruso war froh, dass die Akte der »Sanduhrmorde« – wie Dimase sie genannt hatte – bei der stellvertretenden Staatsanwältin Tiziana D’Ambrosio gelandet war. Er hatte schon in der Vergangenheit mit ihr gearbeitet, vor und nach seiner »schwarzen Phase«. Die Staatsanwältin hatte ihn nie verurteilt, sondern stets seinem Instinkt und seiner Erfahrung als Polizeibeamter vertraut, trotz des ihm anhaftenden Stigmas.

Nun beobachtete Caruso, wie sie den Beutel der Spurensicherung, der die Sanduhr enthielt, in den Händen drehte und dabei immer wieder angespannt zu ihm hinüberblickte. Sie war eine attraktive Frau, eine typische mediterrane Schönheit: Ihr Teint war olivfarben, die dunklen Haare lang und seidig, sie hatte klassische Gesichtszüge, eine schmale Taille und einen fülligen Busen. Aber vor allem wurde man von ihrem Blick in Bann gezogen: Sie hatte betörende Augen wie Kirke. Im Gericht kursierte das Gerücht, dass ihr Aussehen ihrer Karriere behilflich gewesen und sie nur deswegen auf der Überholspur gelandet sei. Caruso wusste, dass das nicht stimmte. Seit er damals Seite an Seite mit ihr an dem kompliziertesten Fall ihres jeweiligen Berufslebens – dem Verschwinden der Virginia Piras – gearbeitet hatte, wusste er ihre Kompetenz und ihre Unfähigkeit, sich auf fragwürdige Kompromisse einzulassen, zu schätzen.

»Der Ablauf scheint derselbe zu sein wie beim Mord an den Vincis’. Dieser Bastard liebt es, Menschen zu

»Sie wissen doch, wie das ist, Dottoressa: Wenn sie normal sind, dann gefallen sie uns nicht.«

»Machen Sie ruhig Ihre Scherze, Caruso, aber ich bin ernsthaft besorgt. Nachdem nun die Hypothese einer persönlichen Rache vom Tisch ist, nimmt das verbotene Wort immer mehr Gestalt an. Und das darf auf keinen Fall an die Öffentlichkeit dringen.«

Das besagte Wort war »Serienkiller«, denn das würde aus diesem Fall ein Medienspektakel machen. Fürs Erste war es ihnen noch gelungen, die Presse auf Distanz zu halten, aber früher oder später würde einer von ihnen herausfinden, was passiert war, und dann würde die Hölle losbrechen.

»Ich hoffe, dass es nicht so ist, Dottoressa, denn mit dieser Durchgeknalltenscheiße kenn ich mich nicht aus.«

»Ob Sie wollen oder nicht, Sie werden sich wohl damit befassen müssen, Caruso«, bestimmte die Staatsanwältin knapp.

Der Beamte nickte widerwillig. Aber innerlich verfluchte er die Tatsache, dass Giulia Riva, sein Schützling und seine ehemalige Teampartnerin, ihn bei diesem vertrackten Fall nicht unterstützen konnte, weil sie gerade eine Fortbildung an der Polizeihochschule in Rom abschloss.

»Sagen Sie mir nur eins: Hat Dimase genügend Erfahrung, um einen solchen Fall zu übernehmen?«

»Ehrlich gesagt hat das niemand hier, Dottoressa. Aber Angela ist patent. Ich traue ihr das zu.«

»Er war einer seiner Schüler. Ohne ihn hätte der Junge niemals den Mund aufgemacht. Marzio ist in Ordnung. Der hat nur gute Absichten.«

»Gut. Dann werde ich mein Placet für das Gespräch geben.«

Sie gingen zu dem Raum, in dem Silvana Atzori zusammen mit Sovrintendente Dimase auf das Eintreffen der Staatsanwältin für eine Erstbefragung wartete. Nachdem die Polizei am Tatort eingetroffen und sie befreit worden war, hatte man sie ins Krankenhaus gebracht und erstversorgt. Nach wenigen Stunden hatte sie jedoch darauf gedrungen, nach Hause zu gehen und hatte – gegen die Empfehlung der Ärzte – die Entlassungspapiere unterzeichnet.

»Glauben Sie, dass wir sie unter Personenschutz stellen müssen?«

»Sie ist die einzige Zeugin des Verbrechens. Also ja. Solange wir den Täter nicht gefunden haben, will ich, dass sie rund um die Uhr beschützt wird. Neues von der Gerichtsmedizin?«

Kurz davor hatte die Staatsanwältin zusammen mit den beiden Polizeibeamten das Haus besichtigt, wo der Doppelmord stattgefunden hatte, und die Genehmigung für den Abtransport der Leichen erteilt, für die sie eine schnellstmögliche Autopsie angeordnet hatte, auch wenn die Todesursache offensichtlich war.

»Der erste Eindruck ist: Tod durch Schusswaffeneinsatz aus nächster Nähe. Wie im Fall der Vincis’ sind auch hier die Opfer zunächst betäubt worden. Näheres wird die Autopsie ergeben.«

»Haben Sie überprüft, ob es in der Vergangenheit schon

»Soweit wir sehen, nein. Die beiden hatten eine blitzsaubere Weste, genau wie die Tochter.«

»Können Sie mir bestätigen, dass ihre Putzhilfe den Notruf gewählt hat?«

»Ja, sie hatte die Wohnungsschlüssel und war um acht Uhr morgens zur Arbeit erschienen. Sie fand die Überlebende unter Schock vor, immer noch gefesselt und geknebelt, und hat uns sofort alarmiert. Wir haben ihre Aussage, falls Sie ein Auge darauf werfen wollen.«

»Ich möchte lieber gleich bei der Atzori anfangen. Es ist schon viel Zeit vergangen. Ich möchte nicht, dass ihre Erinnerung verschwimmt.«

»In Ordnung«, sagte Caruso und öffnete die Tür zum Raum für die Befragung von Opfern. »Nach Ihnen, Dottoressa.«