Nach dem zwangsläufigen Ausscheiden von Nunzia hatte die Buchhandlung schwere Zeiten durchlebt. Die Kunden waren immer weniger geworden, bis sie schließlich ganz wegblieben. Währenddessen wurden ständig Neuerscheinungen angeliefert, füllten die Regale und leerten Montecristos Konto, denn die Bücher – ob sie nun verkauft wurden oder nicht – mussten zumindest neunzig Tage lang bezahlt werden, was die Ersparnisse des Buchhändlers dahinschmelzen ließ. Darüber hinaus hatte Montecristo während des »goldenen Zeitalters« Patricia zu seiner Unterstützung angestellt, aber seit die Kasse nicht mehr klingelte, wusste er nicht, wie er ihren Lohn bezahlen sollte, und hatte mit großem Bedauern schon ernsthaft darüber nachgedacht, sie zu entlassen, den Laden dichtzumachen und in irgendein exotisches Land zu flüchten, wo die Gläubiger ihn nicht finden konnten.
Um etwas Geld zu sparen, hatte Montecristo wieder seine alte Gewohnheit aufgenommen, in der Buchhandlung zu schlafen, sehr zum Leidwesen seiner Wirbelsäule. In langen schlaflosen Nächten, in denen ihn die Sorgen wegen der Schulden und seiner Zukunft plagten, hatte er sich schon zurechtgelegt, mit welchen Worten er Patricia seinen Entschluss erklären wollte, ehe er sie ziehen ließ.
An dem Morgen, als er sich endgültig entschlossen hatte, ihr zu gestehen, dass er sich ihr Gehalt nicht mehr leisten konnte, war jedoch etwas Ungewöhnliches passiert: Kurz nach Ladenöffnung – Montecristo war gerade dabei, die ausgestellten Neuerscheinungen abzustauben, während Gene Deer im Hintergrund sein gequältes »Midnight Healing« sang – waren zwei schwarze Katzen hochmütig durch die Tür der Buchhandlung spaziert, hatten sich indigniert umgesehen und schließlich auf zwei Stapeln mit Krimis von Agatha Christie eingerollt.
»Fühlt euch ruhig wie zu Hause«, hatte Montecristo gemurmelt und sie angestarrt. Als einzige Antwort hatten die Katzen seinem Blick stolz standgehalten, bis der Buchhändler amüsiert den Kopf geschüttelt hatte.
»Wer sind denn die zwei?«, hatte Patricia gefragt, nachdem sie gleich beim Betreten der Buchhandlung die beiden Katzen bemerkt hatte. »Ich wusste gar nicht, dass du ein Katzenfreund bist.«
»Das bin ich auch nicht. Die waren auf einmal da. Seit einer halben Stunde bewachen sie nun Agatha Christie.«
»Hast du ihnen schon einen Namen gegeben?«
Montecristo hatte die beiden Tiere etwas aufmerksamer betrachtet. Das eine, von dem er annahm, dass es ein Weibchen war, war lebhafter und neugieriger – und wirkte irgendwie wie ein Klatschmaul –, das andere schien dagegen immer hochmütig, eitel, pingelig und vollkommen von sich überzeugt. »Sie da ist Miss Marple und der Narziss dort drüben ist Poirot«, hatte er verkündet.
Patricia hatte amüsiert gelächelt und dann ein Foto von den Katzen gemacht, um es als Profilbild auf die Social-Media-Kanäle der Buchhandlung hochzuladen und die beiden neuen »Katzenbuchhändler« willkommen zu heißen – zum Wohle der Geschäfte betreute nun sie die Internetkommunikation, denn Montecristo war es gelungen, sogar in den Kommentaren unter seinen Posts mit den Kunden Streit anzufangen.
Ein paar Stunden später waren die beiden Fellnasen immer noch da. Es sah so aus, als hätten sie sich keinen Millimeter bewegt. Mehr aus Spaß hatte Patricia dann eines der von Montecristo empfohlenen Bücher – einen Krimi von Peter Swanson, einem von ihm hochgeschätzten Autor – genommen und neben die beiden Katzen gestellt. Auch davon hatte sie ein Foto gemacht und es auf Instagram, Twitter, Facebook und TikTok mit dem Untertitel »Katzenliteraturtipps« veröffentlicht. Sie und Montecristo hatten ein wenig gelacht, und das Thema war erledigt. Danach hatten sie sich wieder darangemacht, die ältesten Titel aus den Regalen zu räumen, um sie zu verscherbeln und wenigstens noch ein paar Euro rauszuholen. Darüber hatten sie das Foto ganz vergessen.
Eine halbe Stunde später war die erste Kundin gekommen – eine etwa zwanzig Jahre alte Frau – und hatte genau nach Peter Swansons Die Gerechte gefragt, dem Titel, den die beiden »Katzenbuchhändler« empfohlen hatten. Montecristo und Patricia hatten sich ungläubig angesehen und es ihr verkauft. Wenige Minuten später kam noch eine Kundin mit demselben Wunsch. Diese fragte allerdings, ob sie noch ein Selfie mit ihrer Neuerwerbung und den beiden Katzen machen dürfe.
»Nur zu«, hatte Patricia erwidert.
Am Ende dieses Tages waren alle Exemplare des Buches verkauft, dank des »Tipps« von Miss Marple und Poirot.
»Hm, ich glaube, sie haben sich ihr Abendessen redlich verdient, meinst du nicht auch?«, hatte Patricia angeregt.
Montecristo hatte genickt und sie losgeschickt, um einen Vorrat Katzenfutter zu kaufen.
»In fünf Minuten müsste ich den Laden schließen, meine Herrschaften«, hatte er sich schließlich an die beiden Katzen gewandt. Als Antwort hatten sie sich auf dem Tresen mit den Neuerscheinungen zusammengerollt, waren eingeschlafen und hatten angefangen lautstark zu schnarchen.
»Total verrückt …«, hatte Montecristo geseufzt.