Silvana Atzoris Zeugenaussage deckte sich vollständig mit der des Kindes. Natürlich nur bis zu dem tragischen Epilog, als ihre Unfähigkeit, sich zu entscheiden, zur Hinrichtung ihrer Eltern geführt hatte. Ansonsten waren die Versionen identisch, fast als wäre der Mörder demselben Drehbuch gefolgt.

»Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung, Signora Atzori«, sagte die Staatsanwältin, nachdem die Augenzeugin ihre Aussage beendet hatte. »Ich weiß, wie schwer das alles für Sie sein muss, und ich schätze das wirklich sehr, glauben Sie mir. Ich bitte Sie, uns noch ein paar Minuten zu schenken, dann lassen wir Sie gehen.«

Aus den Unterlagen, die die Ermittler ihr übergeben hatten, ging hervor, dass Silvana Atzori neununddreißig Jahre alt war, in der Verwaltung einer Privatklinik etwas außerhalb von Cagliari arbeitete, nicht verheiratet war, keine Kinder hatte und im Moment auch keine feste Beziehung. Caruso hatte sie gerade gefragt, ob jemand über sie verärgert sein könnte – irgendein Exfreund, jemand aus dem Kollegenkreis –, aber sie hatte energisch den Kopf geschüttelt.

Dimase zeigte ihr nun auf einem Tablet die Fotos der Familie Vincis und fragte, ob sie jemanden von ihnen kenne.

»Nein. Ich glaube nicht … Nein, ich würde sagen, nein«, stammelte Silvana Atzori, während sie die Bilder überflog. Im Krankenhaus hatte man ihr wohl eine Infusion gelegt und etwas gegen die Nachwirkungen des

Keine persönliche Verbindung zwischen den Opfern, notierte sich Caruso im Geiste.

Da vibrierte sein Handy. Es war eine SMS von der Staatsanwältin. Wir sollten ihr Telefon abhören und ihre Aktivitäten in den sozialen Netzwerken und ihre Mails überwachen. Ebenso muss ihr Anschluss auf eventuelle Hackerversuche in den vergangenen Wochen überprüft werden. Ich unterschreibe Ihnen die entsprechenden Anordnungen, sobald wir hier fertig sind.

Caruso sah zu D’Ambrosio hinüber und nickte.

»Silvana – ich darf dich doch duzen, oder?«, fragte Dimase. Ihre Bitte war Teil einer mit Caruso abgesprochenen Strategie: Während er und D’Ambrosio eher ein formelles Behördenimage verkörpern sollten, würde Dimase – auch weil sie jünger und eine Altersgenossin der Befragten war – versuchen, zu der Zeugin eine persönlichere, emotionale Beziehung aufzubauen, um ihr Vertrauen zu gewinnen und ihre Neigung zur Zusammenarbeit zu stärken.

Silvana Atzori nickte.

»Hast du vielleicht bemerkt, ob der Unbekannte einen besonderen Akzent hatte oder ob seine Ausdrucksweise etwas über seine Herkunftsregion verraten hat?«

»Eher nicht. Ich glaube, er war kein Sarde. Er sprach ohne Akzent. Auf jeden Fall hatte er keinen sardischen Akzent.«

Dimase nickte und notierte sich alles in ihr Notizbuch. »Augenfarbe?«

»Dunkel. Dunkelbraun. Fast schwarz.«

»Ist Ihnen ein Detail aufgefallen, das sein Alter verraten könnte?«, fragte die Staatsanwältin.

Die Staatsanwältin stupste Caruso leicht mit dem Knie an den Oberschenkel als Aufforderung, mit der Befragung fortzufahren.

»Signora Atzori, entschuldigen Sie, wenn ich noch einmal zu diesem schrecklichen Moment zurückkehre«, übernahm daher Caruso. »Also nachdem der Mann den Abzug gedrückt hat – könnten Sie noch einmal wiederholen, was dann passiert ist?«

Silvana Atzori seufzte. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und sprach, ohne von dem Taschentuch aufzusehen, das sie in ihren Händen hielt. »Ich bin sofort zu meinen Eltern. Ich konnte nicht glauben, dass er das wirklich getan hat … Ich dachte, er würde bluffen, dass alles ein Spiel wäre oder so etwas. Stattdessen … Als ich wieder aufgesehen habe, war er nicht mehr da. Nur die Sanduhr stand noch da.«

Die drei Ermittler nickten.

»Sind Sie sicher, dass er nichts zu Ihnen gesagt hat, bevor er gegangen ist?«, hakte Caruso nach.

»Ja. Nichts.«

»Haben Sie die Geräusche gehört, als er das Stativ einpackte oder die Tür zum Wohnzimmer schloss?«, übernahm nun die Staatsanwältin.

»Auch das nicht. Ich habe geschrien, oder zumindest habe ich es versucht … Ich habe nichts bemerkt.«

»Nicht einmal, dass er sich gebückt hat, um die Patronenhülsen aufzuheben?«, insistierte Caruso.

»Nein. Ich sage es noch einmal: Ich war zu sehr mit meinen Eltern beschäftigt. Ich habe gehofft, ich könnte … sie aufwecken. Ich weiß, dass das dumm klingt, aber …«

»Das ist absolut normal, glauben Sie mir … Ich weiß,

Silvana Atzori schüttelte den Kopf, vor lauter Schluchzen brachte sie kein Wort heraus.

»Deine Eltern haben nie Drohungen erhalten?«, fragte Dimase.

»Soweit ich weiß nicht. Sie hätten es mir bestimmt gesagt. Also nein.«

»Hast du in den letzten Tagen jemals das Gefühl gehabt, dass du beobachtet wurdest oder dass dir jemand gefolgt ist? Oder ist dir mehrmals dieselbe unbekannte Person begegnet?«

»Nein.«

Die Staatsanwältin nickte. »Eine letzte Sache noch. Wir bitten Sie natürlich, für den Moment absolutes Stillschweigen zu wahren über das, was passiert ist, und auch nicht mit der Presse und dem Fernsehen zu reden, aber gibt es noch etwas, das Sie uns sagen wollen? Etwas, das Sie für wichtig erachten und das wir wissen müssten?«

Silvana Atzori schüttelte den Kopf.

Die drei dankten ihr und versicherten, dass sie alles in ihrer Macht Stehende unternehmen würden, um den Mörder zu fassen, dann gingen sie resigniert aus dem Raum.

Sie hatten gehofft, ihn mit etwas Handfestem verlassen zu können.

Stattdessen hatten sie nichts erreicht.