Als sich die Tür des Zimmers öffnete, in dem sich Lorenzo lustlos auf der Playstation durch irgendwelche Videospiele klickte, blickte der Junge auf und ließ bei Montecristos Anblick sofort den Joystick fallen, um sich in seine Arme zu werfen.
»Wie schön, dass du da bist!«
»Das hatte ich dir doch versprochen, nicht?«, erwiderte Montecristo und strubbelte ihm durch die Haare, dann begrüßte er die junge Psychologin, die den Jungen betreute.
»Soll ich Ihnen einen Kaffee machen?«, bot sie an.
»Sehr gern, danke.«
»Wie geht es dir, Lorenzo?«, fragte Montecristo, doch er bereute sofort, ihm eine so banale Frage gestellt zu haben.
»Ich bin total müde. Nachts kann ich nicht schlafen, weißt du. Ich habe ständig Albträume … Immer wieder sehe ich vor mir, was passiert ist.«
Montecristo nickte mitfühlend und strich ihm liebevoll über den Rücken. »Glaub mir, das ist ganz normal. Das hat dir sicher auch …«
»Ilaria Saccon«, stellte sich die Therapeutin vor und reichte Montecristo einen Kaffee.
»… Ilaria gesagt«, führte er seinen Satz zu Ende. »Vielen Dank … He, Lorenzo, ich habe dir was zu lesen mitgebracht.«
Montecristo holte aus seinem Rucksack ein paar Bände aus der Serie Gregs Tagebuch hervor und ein Dutzend Mangas, die gerade sehr angesagt waren. Als er sah, dass sich auf Lorenzos Gesicht ein leises Lächeln stahl, spürte er, wie sich sein Herz zusammenzog.
»Warum lassen die uns denn nicht allein?«, fragte der Junge und zeigte dabei auf die Psychologin und die Polizeibeamtin, die wenige Meter von ihnen entfernt auf einem Sofa saßen und sich unterhielten. Die Bedingungen der Untersuchungsrichterin waren nicht verhandelbar gewesen: Ilaria und eine Polizeibeamtin, die zum Schutz des Jungen abgestellt war, würden die ganze Zeit beim Gespräch anwesend sein.
»Das ist zu deinem Schutz. So ein Erwachsenending. Das begreife nicht mal ich«, hatte Montecristo versucht, es ins Lächerliche zu ziehen, aber der Junge hatte die Ironie dahinter nicht erfasst.
»Ich fühle mich schuldig.«
»Warum?« Montecristo zog überrascht die Augenbrauen hoch.
»Weil ich noch am Leben bin. Mama und Papa … sie sind nicht mehr da, und Mama ist gestorben, um mich zu retten … Warum?«
Die beiden Frauen unterbrachen ihr Geplauder und sahen gespannt zu ihnen hin.
»Weil sie dich mehr als alles andere geliebt hat. Sogar mehr als ihr Leben.«
Lorenzo schien darüber nachzudenken und drehte dabei die Bücher in seinen Händen. »Und warum hat sich Papa dann umgebracht? Warum hat er mich alleingelassen? Um mich zu bestrafen?«
Montecristo schüttelte energisch den Kopf. »Nein, auf keinen Fall. Er fühlte sich dir und deiner Mutter gegenüber schuldig. Der Schmerz und die Angst, die er empfand, waren zu stark, da hat er instinktiv reagiert, ohne nachzudenken.«
Die Psychologin nickte, um ihm zu signalisieren, dass er es gut machte und dass es gesund für den Jungen war, unter seiner Anleitung die Fragen anzugehen, die ihn quälten.
»Dich trifft keine Schuld, Lorenzo«, erklärte Montecristo ihm mit Nachdruck. »Es gibt nur einen Schuldigen, und das ist dieser Mann.«
»Haben sie ihn gefasst?«
Montecristo konnte und wollte ihn nicht belügen. »Noch nicht, aber sie sind ihm ganz dicht auf der Spur. Es ist nur eine Frage der Zeit. Und sobald sie ihn haben, sind all diese Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr nötig.«
»Kommst du mich weiter besuchen?«
»Na klar, darauf kannst du jeden Eid schwören. Und du kommst zu mir in die Buchhandlung. Dann kannst du dir jedes Buch oder jeden Comic nehmen, den du willst, großes Ehrenwort.«
Der Junge verzog das Gesicht leicht zu einem traurigen Lächeln. Kurz darauf stellte er eine weitere Frage, die mitten ins Herz traf: »Warum hat er das gemacht? Warum hat er sich uns ausgesucht?«
»Das kann ich dir nicht sagen, Lori. Aber ich werde es herausfinden. Versprochen.«
Lorenzo nickte. »Magst du mit mir zocken?«
»Klar. Aber sei nachsichtig mit mir: Ich bin bei so was überhaupt nicht gut.«
Während sie gegeneinander spielten, stellte sich Montecristo eine Frage, die ihn bisher nur am Rande gestreift hatte: Was wäre gewesen, wenn Lorenzos Vater sich entschieden hätte, den Jungen zu opfern und nicht seine Mutter? Was hätte dieser Mistkerl dann getan? Hätte er ein Kind getötet?