Einige Tage später

Der Tag hatte für Montecristo nicht gerade gut angefangen. In den ersten beiden Stunden war kein einziger Kunde in seinen Laden gekommen. Als dann am späten Vormittag endlich eine Signora eintrat, hatte er sein schönstes Lächeln aufgesetzt, die potenzielle Kundin begrüßt und sie gefragt, ob er ihr helfen könne.

»Ja, vielen Dank. Wissen Sie, ich muss zu einem Geburtstag …«, hatte sie begonnen und sich misstrauisch umgesehen, und schon da wusste Montecristo, dass das Ganze nicht gut enden würde. »Also, kurz gesagt, ich möchte jemandem ein Buch schenken, der ungern liest.«

Montecristos Miene war zu Eis gefroren.

»Jemandem, der ungern liest?«

»Genau.«

»Zu seinem Geburtstag?«

»Ja.«

»Und Sie wollen ihm ein Buch schenken?«

»So ist es.«

»Kann es sein, dass Sie diesen Menschen nicht leiden können, Signora?«

»Wie kommen Sie denn auf die Idee?«

»Dann sind Sie vielleicht sadistisch veranlagt?«

»Überhaupt nicht. Warum zum Teufel vermuten Sie das?«

»Nun, Sie wollen einem Menschen, der ungern liest, ein Buch schenken. Was verleitet Sie zu der Annahme, dass er Ihr Geschenk schätzen könnte?«

»Sicher, aber wenn ich auf jemanden stoße, der so ein …«

Zum Glück hatte Patricia eingegriffen und ihn zumindest vor einer Klage gerettet, indem sie ihn zum Regaleabstauben in den Raum mit den reduzierten Büchern verbannt hatte.

Zehn Minuten später war Montecristo in den Verkaufsraum zurückgekehrt, wo die »Sadistin« gemeinsam mit Patricia immer noch damit beschäftigt war, dieses garantiert unwillkommene Geburtstagsgeschenk auszusuchen.

Im gleichen Moment hatte ein neuer Kunde den Laden betreten und sich selbstbewusst und ein wenig kurz angebunden an den Buchhändler gewandt.

»Verzeihung, haben Sie das neue Buch von Carrisi?«

»Sicher, warten Sie, ich hole es Ihnen.«

Montecristo war zielstrebig auf den Tisch mit den Neuheiten zugesteuert, auf dem die beiden schwarzen Katzen Hof hielten.

Endlich mal ein einfacher Verkauf und ein normaler Kunde, hatte er gedacht und ein Exemplar des Thrillers geholt, der in diesen Wochen auf Platz eins der Bestsellerliste stand. Als er ihn dem Mann gab, hatte der ihn verdutzt mit spitzen Fingern angefasst, als wäre er mit Schlamm überzogen.

»Was haben Sie denn verstanden?«, hatte er sich beschwert. »Ich meine den Sänger Carrisi. Albano.«

»Hat jetzt sogar Al Bano zur Feder gegriffen?«

»Ja sicher! Ich habe das Buch zwei Mal gelesen. Mir sind richtig die Tränen gekommen …«

»Das tut mir leid für Sie … Aber diese Buchhandlung ist auf Krimis spezialisiert, mein Herr«, hatte Montecristo erwidert. »Ich bin untröstlich.«

»Also haben Sie das Buch nicht?«

»Wie lange dauert das?«

»Drei oder vier Tage.«

»Nee, dann nicht. Die Party ist heute Abend.«

»Gehen Sie auch zu dem Typen, der ungern liest?«

»Wie bitte? Sagen Sie, haben Sie irgendein Problem? Man merkt doch gleich, dass Sie keine Lust haben zu arbeiten …«

Montecristo schloss die Augen und rief sich in Erinnerung, wie es das letzte Mal ausgegangen war, als er jemanden körperlich angegriffen hatte. »Auf Wiedersehen, mein Herr. Und einen schönen Tag noch.«

»Den schönen Tag können Sie sich sonst wohin stecken! Ich werde überall erzählen, was für eine lausige Buchhandlung das hier ist!«

Montecristo hatte den Eindruck, dass diese verfluchten Katzen insgeheim in sich hineingrinsten. Er wandte dem Al-Bano-Fan den Rücken zu und ging entschiedenen Schrittes wieder auf den Raum mit den reduzierten Büchern zu, bevor er hier noch ein Blutbad anrichtete.

 

Montecristo wollte gerade wieder nach unten gehen, als ihn eine vertraute Stimme aufhielt.

»Den Preis als bester Buchhändler des Jahres kannst du wohl auch diesmal vergessen … Warum hast du nur eine Buchhandlung aufgemacht und keine Pizzeria?«

Montecristo hatte sich umgewandt, als er diese heisere Frauenstimme mit dem leichten Turiner Akzent hörte, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt. »Mein Steuerberater war derselben Meinung wie du.«

»Du hättest auf ihn hören sollen.«

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft ich bedauert

Die Polizeibeamtin lächelte und folgte ihm nach unten. »Na komm, lass uns einen Espresso trinken, den brauchen wir jetzt beide.«

»Genau: Solange es Kaffee gibt, besteht Hoffnung.«

Montecristo kochte Espresso und kam mit den Tassen zu Dimase, die es sich auf einem der beiden Sofas vor dem Kamin im Veranstaltungsraum bequem gemacht hatte.

»Hier trefft ihr Anonymen Krimileser euch also, richtig?«

»Ja. Willst du dem Klub beitreten?«

»Nein danke … Du siehst aber ziemlich fertig aus, finde ich.«

Montecristo stöhnte. »Kein Vergleich zu damals, als mich ein Kunde nach einem Push-up-Buch fragte.«

Angela schüttelte grinsend den Kopf. »Was hast du ihm geantwortet?«

»Ich hab ihn zum Intimissimi-Shop geschickt.«

Diesmal musste sie lachen.

»Sag schon, was du willst – ich nehme mal an, dass du nicht gekommen bist, um mit mir über meine Missgeschicke mit den Kunden zu reden, und auch kaum, um meinen miserablen Espresso zu trinken.«

»Ach, so schlecht ist der gar nicht … Aber du hast recht«, sagte Angela und holte aus ihrer Tasche ein Dossier, das sie auf das Tischchen vor ihnen legte. »Wir sind bei den Untersuchungen an einem toten Punkt angekommen. Es gab keine Entwicklung in dem Fall, die Ergebnisse der Spurensicherung haben nichts erbracht, unser Chef macht uns Druck, und wir haben Angst, dass wir uns irgendwo festfahren.«

»Tut mir leid. Aber was habe ich denn damit zu tun?«

»Meinst du das ernst? Willst du den Klub in diesen Fall hineinziehen? Ihr müsst wirklich am Ende sein, wenn ihr eure Hoffnungen auf eine Handvoll Krimifans setzt.«

Angela antwortete ihm nicht, woraus Montecristo schloss, dass die Polizisten diesmal wirklich keinen Plan hatten.

»Weiß Caruso Bescheid?«

»Es war sogar seine Idee.«

Montecristo schüttelte lächelnd den Kopf. »Ach? Jetzt steigt er also von seinem hohen Ross herab?«, bemerkte er spöttisch.

»Wir wollen ja nur eine Einschätzung von euch, mehr nicht. Heute ist doch euer Treffen, richtig?«

»Ein miesepetriger Rentner, ein vor Temperament überschäumender Mönch, eine Achtzigjährige, die auf Serienmörder fixiert ist, eine junge Frau im Gothic-Look, die davon träumt, jemanden umzubringen – und ein Buchhändler, der am Rande des Ruins steht. Sieht so das Ermittlerteam aus, dem du deinen Fall anvertrauen willst?«

»Wir wollen bloß, dass ihr euch das Ganze einmal anschaut und uns dann sagt, was ihr denkt. Halb so wild, oder?«

»Ja, aber …«

»Bist du denn gar nicht neugierig, mehr Details über den zweiten Mordfall zu erfahren?«

»Verführerische Schlange …«, brummte Montecristo.

Dimase zerzauste ihm liebevoll die Haare, als wäre er ein kleiner Junge, und stand auf. »Danke für den Espresso, und … für alles andere.«

»Du hast ja noch gar keine Antwort von mir bekommen.«

»Angie, also, ich glaube nicht, dass …«

Aber Dimase war schon in den oberen Stock verschwunden.

»Das ist doch völlig verrückt«, murmelte Montecristo. Dann bemerkte er, dass Miss Marple und Poirot urplötzlich neben ihm aufgetaucht waren und sich auf dem anderen Sofa zusammengerollt hatten. »Was soll ich tun, was meint ihr?«

Wie üblich schauten ihn die beiden nur von oben herab an.

»Vielen Dank für eure Hilfe. Sehr freundlich, wie immer …«, sagte er leise.

Montecristo schaffte es immerhin, fast eine Minute der Versuchung zu widerstehen, bevor er die Akte zu den Mordfällen öffnete und darin zu lesen begann.