Das Buch, über das sie bei jenem Dienstagstreffen sprechen wollten, war Brief an meinen Richter von George Simenon, einem Schriftsteller, auf den sich sämtliche Mitglieder des Leseklubs hatten einigen können, auch wenn dieser Roman an sich kein Krimi war, sondern ein anspruchsvoller psychologischer Noir.

Alle saßen schon um Montecristo versammelt, in fiebernder Erwartung, dass die Diskussion über das Buch endlich begänne. Denn diese Geschichte einer absoluten und besitzergreifenden Liebe hatte allen vieren überaus gut gefallen: Sie handelte vom ruhigen bürgerlichen Landarzt Charles Alavoine, den diese allumfassende Liebe in den Strudel emotionaler Besessenheit, Eifersucht und ungebremsten Kontrollwahns, von Besitzdenken und Unterwerfung hineinzieht und ihn schließlich zu einem Mord bewegt.

Doch obwohl auch er dieses literarische Kleinod sehr genossen hatte, war Montecristo schweigsamer als sonst und wirkte in sich zurückgezogen.

»Was beunruhigt Sie, Marzio?«, fragte Vittorio Scalabrini und verlieh damit der Sorge Ausdruck, die sie alle erfüllte. Er schenkte ihm von dem Carignano del Sulcis Superiore Arruga aus dem Weingut Pater di Sant’Antioco nach, den er für diesen Abend ausgewählt hatte. Im Glas erschien er granatrot mit rubinroten Reflexen, und er duftete so intensiv, dass man meinte, mitten in der Mittelmeermacchia zu stehen, umfangen von der Brise, die vom nahen Meer herüberweht. Scalabrini hatte seinen Hut auf der

Montecristo nahm einen kräftigen Schluck Wein, als müsste er sich etwas Mut antrinken.

Die Mitglieder des Leseklubs sahen ihn besorgt an.

»Willst du uns etwa sagen, dass die Buchhandlung schließen wird?«, wagte sich Fra Raimondo vor.

Gerade noch rechtzeitig, bevor Montecristo ihn zum Teufel jagte, erinnerte er sich, dass er es mit einem Mann der Kirche zu tun hatte, deshalb beschränkte er sich darauf, sich zur Abwehr von Unheil ganz ungeniert an seine Kronjuwelen zu greifen, was allgemeines Gelächter auslöste. »Oh Gott, auf keinen Fall!«, sagte er dann leise und klopfte noch zusätzlich auf das Holz seines Stuhls, um den Schutzeffekt zu verdoppeln.

»Was ist es dann?«, fragte Signora Solinas, die für den Abend eine mit Aprikosenmarmelade gefüllte Sachertorte gebacken hatte. Und Montecristo, der Schokolade in allen Varianten ungeheuer liebte, hatte nicht einmal einen Krümel davon gekostet, was noch beunruhigender war als seine düstere Schweigsamkeit.

»Ihr erinnert euch doch noch an Angela, die Polizistin, mit der ich befreundet bin?«

»Wie könnten wir die vergessen …«, hatte Maina erwidert, während sie Miss Marple streichelte, die auf ihrem Schoß saß. »Diese unsympathische arrogante Kuh, in die du hoffnungslos verliebt bist.«

Montecristo wurde knallrot. »Das ist nicht wahr! Und sie ist weder unsympathisch noch arrogant.«

»Heute Vormittag ist sie zu mir gekommen.«

Gespannte Erwartung machte sich unter den Krimifans breit.

Montecristo legte Simenons Noir hin und holte aus einem Regal die Akte über die Sanduhrmorde.

»Wahrscheinlich habt ihr noch nicht davon gehört – die Polizei hat es ziemlich gut geschafft, die Presse im Dunkeln zu lassen –, aber hier in der Stadt wurden drei … sagen wir mal … sehr ungewöhnliche Morde verübt, anscheinend vom selben Täter. Und ich spreche nicht von einem Cold Case, sondern von Verbrechen, die sich erst vor wenigen Tagen hier ereignet haben.«

Die vier Leseklubmitglieder hingen an seinen Lippen, ihre Augen flehten ihn geradezu an fortzufahren.

»Um es kurz zu machen, Angela und Caruso haben bislang absolut nichts herausgefunden. Es sind bizarre Morde, wie aus einem Thriller. Und …«

»Und …?«, wiederholten die vier gespannt und wie aus einem Munde.

»Sie haben uns das bisher zusammengetragene Material der Ermittlungen hiergelassen und uns gefragt, ob wir uns das mal ansehen könnten, um eine andere Meinung zu hören. Natürlich ganz inoffiziell … So ungefähr wie das letzte Mal mit dem Mord im Sinnai. Nur dass der Mörder hier noch auf freiem Fuß ist. Also ist das Risiko höher. Aus diesem Grund wollte ich mit euch reden, bevor … Na, ihr habt sicher schon begriffen, worauf ich hinauswill. Also, was meint ihr?«

»Das fragst du uns noch?«, platzte Fra Raimondo heraus, und sprach damit auch für die anderen. »Na los, erzähl uns alles.«