Die letzten Dinge, an die sich Samuele Patteri erinnerte, ehe ihn Dunkelheit umfing, waren der Song A Million Miles Away von Rory Gallagher, den seine Kinder und er gerade hörten, und das Lachen von Elena, seiner jüngeren Tochter, über die Schilderungen ihres Bruders, wie er vergeblich versuchte, mithilfe einer Dating-App eine Freundin zu finden. Dann hatte es an der Tür geläutet. Samuele hatte keine Ahnung, wie weit fortgeschritten der Abend schon war, aber es musste ziemlich spät sein, denn Elena war erst vor Kurzem vom Mailänder Flughafen Linate bei ihm in Saronno angekommen, nachdem Riccardo und er länger auf sie gewartet hatten, damit sie alle gemeinsam zu Abend essen konnten.
»Erwartest du etwa Besuch, Papa?«, hatte Riccardo spöttisch gefragt. »Eine Pflegerin der Nachtschicht, die du uns bislang verschwiegen hast? Deswegen sind die Rechnungen immer so gepfeffert …«
»Ach hör doch auf, du Quatschkopf«, hatte der Vater abgewinkt und zum Steuerhebel des Elektrorollstuhls gegriffen, um zum Eingang zu gelangen.
»Ich geh schon«, hatte Elena ihn aufgehalten und war zur Tür geeilt.
»Na klar, das muss der Nachbar sein«, war Samuele Patteri eingefallen. »Morgen wird der Müll abgeholt, und normalerweise kommt er vorbei, um zu fragen, ob er ihn für mich mit nach unten nehmen soll. Aber es scheint mir auch für ihn reichlich spät.«
Riccardo hatte gleichgültig mit den Schultern gezuckt und weiter seinen Whisky geschlürft. Patteri hatte ihn beneidet: Seitdem bei ihm selbst eine amyotrophe Lateralsklerose diagnostiziert worden war, die ihn innerhalb weniger Monate an den Rollstuhl gefesselt hatte, musste er auf vieles verzichten. Darunter auch Spirituosen, und das machte ihm schwer zu schaffen.
»Sag mal, wie lange braucht die denn?«, fragte Riccardo nach einigen Minuten. »Elena?«
Nichts.
»Schau doch mal nach«, hatte der Vater ihn aufgefordert, da er keine Stimmen hörte.
Der Sohn war aufgestanden und ebenfalls verschwunden.
Patteris Gehör war nicht mehr so gut wie früher, aber es war ihm so vorgekommen, als hätte er ein dumpfes Geräusch gehört, wie von einem Körper, der zu Boden fällt. Er hatte mit der Fernbedienung die Stereoanlage ausgeschaltet und den Rollstuhl Richtung Wohnungstür gedreht.
Absolute Stille.
»Alles in Ordnung, ihr zwei?« Er hatte mit seiner schwachen Stimme nach seinen Kindern gerufen. In den letzten Wochen hatte ihm die ALS die ersten Atemprobleme beschert, was wiederum Auswirkungen auf seine Stimme hatte. Die Ärzte waren nicht sehr optimistisch: Ihren Prognosen zufolge würde er in einigen Monaten rund um die Uhr künstlichen Sauerstoff benötigen, wenn sich der Krankheitsverlauf nicht verlangsamte.
»Elena?«, hatte er geflüstert. »Riccardo?«
Nachdem er auf den Gang eingebogen war, der zur Eingangstür führte, hatte er Tochter und Sohn in verdrehter Haltung und bewusstlos auf dem Boden liegen sehen.
»Kinder«, hatte er vergeblich versucht zu schreien. Plötzlich nahm er hinter sich eine Bewegung wahr, doch als er sich umdrehte, schloss er instinktiv die Augen, als eine feuchte Wolke sein Gesicht einnebelte.
Wenige Sekunden danach hatte er die Besinnung verloren.