»Guten Tag!«, rief eine schrille Frauenstimme.
Montecristo, der beim Umräumen von schweren Kartons ganz in seine Gedanken zu den Morden versunken war, richtete sich vor Schreck so ruckartig auf, dass er beinahe einen Hexenschuss riskierte.
Dass dich doch der Teufel hole, verfluchte er innerlich die Frau mittleren Alters, die ihn von der anderen Seite des Tresens anlächelte. Er schluckte seinen Ärger hinunter und brummte, während er sich die Lendenwirbel massierte: »Guten Tag, Signora. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«
»Ich suche ein Buch.«
Was könnte man wohl sonst in einer Buchhandlung suchen? Einen Satz Kochtöpfe?, dachte er, aber zum Glück war er vernünftig genug, diesen Kommentar für sich zu behalten. »Dafür bin ich ja da«, sagte er stattdessen entgegenkommend. »Erinnern Sie sich an den Titel?«
»Aber sicher: Von uralten Bäumen.«
»Es tut mir leid, das haben wir nicht.«
Die Dame sah ihn irritiert an. »Wollen Sie nicht wenigstens im Computer nachsehen?«
Warum nur wollen mir alle beibringen, wie ich meinen Job zu machen habe?, fragte Montecristo sich zum x-ten Mal. »Das muss ich nicht, gute Frau. Wir haben es nicht, weil es in dieser Buchhandlung keine Bücher über Botanik gibt. Wir sind auf Krimis spezialisiert.«
»Ganz genau. Das ist ja auch kein Buch über Botanik, es ist ein Roman!«, empörte sich die Frau mit erhobener Stimme, schließlich hatte man sie soeben für ziemlich dumm erklärt. »Und außerdem gibt es in der Geschichte auch eine Krimihandlung.«
»Von uralten Bäumen? Ein Kriminalroman? Aber sind Sie sich mit dem Titel sicher?«
»Natürlich. Das ist übrigens ein Bestseller.«
»Werte Dame, seien Sie mal ehrlich: Sie wollen mich gerade verarschen, oder?«
Ehe die Frau über ihm einen Kübel Unflat ausgießen konnte, tauchte aus dem Nichts Patricia auf, die der Kundin ein Exemplar von Unter den hundertjährigen Linden von Valérie Perrin in die Hand drückte.
»Da ist es ja. Perfekt, junge Frau. Man sieht, dass Sie kompetent sind. Genau das habe ich gesucht.«
»Himmel, da ist aber schon ein Unterschied zwischen den beiden Titeln, meinen Sie nicht?«, schimpfte Montecristo.
»Ach was, das ist doch fast dasselbe …«
»Na klar. Geradezu identisch, genau.«
»Wie auch immer, dann geben Sie mir nun bitte einen Rabatt, da Sie so …«
Montecristo ließ sie nicht ausreden. »Rabatt?«, knurrte er. »Warum sollte ich …«
»Aber sicher doch, Signora«, sagte Patricia und schubste ihn zur Seite. »Ich gebe Ihnen etwas Skonto, und außerdem schenke ich Ihnen ein Lesezeichen. Was sagen Sie zu diesem hier mit dem Blättermuster, genau passend zum Thema des Buches?«
»Ach wie hübsch, vielen Dank. Sie sind wirklich auf Zack, sympathisch und freundlich. Im Gegensatz zu diesem Brummbär dort. Warum entlassen Sie den nicht?«
»Ja, früher oder später werde ich das tun. Aber wissen Sie, er tut mir leid. Schauen Sie ihn sich doch an, den Ärmsten. Haben Sie gesehen, wie mager und ausgezehrt er ist? Ich habe ihn aus Mitleid eingestellt. Davor hat er auf der Straße gebettelt.«
Montecristo durchbohrte seine Kollegin mit tödlichen Blicken.
»Man sieht sofort, dass Sie eine empfindsame Frau sind. Er sollte das nicht zu sehr ausnutzen. Könnten Sie es mir noch einpacken?«
»Aber selbstverständlich. Ach bitte, Marzio, sei so nett und pack das für die Signora hübsch ein.«
»Geh mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse«, flüsterte Montecristo Patricia ins Ohr, als er das Buch ergriff, das sie ihm mit einem falschen Lächeln hinhielt. Sie liebte es, sich mit den Kunden gegen ihn zu verbünden.
»Und denken Sie daran, den Preis abzukleben«, erinnerte ihn die Kundin.
»Ach, das höre ich heute ja zum ersten Mal«, knurrte Montecristo und ging zu dem Tischchen, auf dem sie normalerweise die Bücher einpackten. Während er das Geschenkpapier um das Buch wickelte, spürte er auf einmal eine unheilvolle Präsenz in seinem Rücken. Er drehte sich um, weil er befürchtete, dass eine der beiden Katzen ihn gleich anfallen würde – aber weder Miss Marple noch Poirot hatten etwas damit zu tun. Stattdessen sah er sich der Kundin gegenüber, die ihn wie ein Rabe misstrauisch belauerte und jede seiner Bewegungen genau verfolgte.
»Haben Sie auch nicht vergessen, den Preis abzukleben?«
»Natürlich nicht. Hören Sie, warum schauen Sie sich nicht ein wenig um, während ich das hier fertig mache? Es ist nicht angenehm, bei der Arbeit so unter Beobachtung zu stehen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die Schleife in pink oder gelb?«, fragte die herbeieilende Patricia, die ein meisterhaftes Gespür dafür hatte, wenn ihr Chef kurz davor war zu explodieren.
»Hm. Pink.«
Patricia reichte Montecristo das Band und gab ihm wortlos zu verstehen, dass er nun besser den Mund hielt und still weitermachte, zum Wohle der Buchhandlung und seines Bankkontos.
Widerwillig gehorchte Montecristo. »Bitte sehr«, sagte er nach einigen Minuten und überreichte der Kundin ein wunderbar nach allen Regeln der Kunst als Geschenk eingepacktes Buch.
Die Frau starrte wenig überzeugt auf das Päckchen. »Ich bin sicher, dass Ihre Chefin das besser hinbekommen hätte … Haben Sie auch wirklich den Preis abgeklebt?«
»Halten Sie mich für taub oder für vorzeitig dement geworden?«, schnaubte der Buchhändler.
»Sie wirken etwas nervös auf mich. Sie sollten besser auf koffeinfreien Kaffee umsteigen.«
Ehe Montecristo ihr sagen konnte, dass sie ihn an seinem Allerwertesten lecken solle, nahm Patricia die Dame beim Ellenbogen und geleitete sie freundlich zum Ausgang. Montecristo hörte die beiden verschwörerisch lachen.
Jetzt lästern die verfluchten Weiber bestimmt noch weiter über mich ab, sagte er sich und wandte sich mit düsterer Miene wieder seinen schweren Kartons zu.
»Guten Tag, haben Sie Die Bärte der Finzi-Contini??«
Als Montecristo diese Stimme hörte und das darauffolgende fröhliche Lachen, musste er grinsen. Er drehte sich zu Signora Solinas um, der Dienstagsdetektivin, die blutrünstige Thriller und Skandinavienkrimis so sehr liebte.
»Hat man dich wirklich schon mal so verballhornt nach Bassanis Gärten der Finzi-Contini gefragt?«, wollte die sympathische ältere Dame wissen.
»Sie haben ja keine Ahnung, wie oft das schon vorgekommen ist. Einmal habe ich zurückgefragt: ›Ach, von Giorgio Gassani?‹«
»Und wie hat man darauf reagiert?«
»Man hat ihn wüst beschimpft, was sonst«, antwortete Patricia für ihn und begrüßte Camilla Solinas.
»Und was war dein bester Versprecher, meine Liebe?«, erkundigte sich Signora Solinas.
»Hm, lassen Sie mich überlegen.« Patricia fing an zu grübeln. »Vielleicht Der Name der Hose von Umberto Eco.«
Die drei lachten laut auf, gleichgültig beäugt von den Katzen.
»Was führt Sie hierher, Camilla?«, fragte Montecristo.
»Zunächst möchte ich das neue Buch von Lee Child«, sagte sie, denn sie liebte Jack Reacher, den ikonischen Protagonisten aus dessen Thrillern. »Und dann wollte ich dich fragen, ob du mich zu Nunzia bringen könntest.«
»Ich bin mit dem Motorrad hier …«
»Genau. Meinst du vielleicht, dass es fürs Motorradfahren eine Altersbeschränkung gibt?«
»Nein, nein. Soll ich Ihnen einen Helm holen oder wollen Sie das berauschende Gefühl vom Wind in den Haaren erleben?«
»Das fragst du noch?«, fragte die ältere Dame lächelnd.