Camilla Solinas hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Balkonblumen vor Nunzias Zimmer zu kümmern. Ihr lag sehr viel daran, dass ihre beste Freundin von all der Schönheit und Farbenpracht umgeben war, die sie vor ihrer Krankheit so geliebt hatte.
»Ich hole noch etwas Wasser und suche einen etwas größeren Untersetzer. Bleibst du bei ihr?«
»Na klar. Gehen Sie ruhig.«
Sobald sie alleine waren, wandte sich Nunzia an Montecristo. »Entschuldigung, Herr Doktor. Aber wer ist diese Alte?«
»Camilla?«, fragte er und zeigte auf die Tür, durch die die Dame gerade verschwunden war.
»Camilla?«, fragte Nunzia verwirrt. »Ist das auch eine Patientin von Ihnen? Wenn ja, könnten Sie sie vielleicht in ein anderes Zimmer verlegen lassen? Bitte tun Sie mir diesen Gefallen. Ich mag keine alten Klatschweiber.«
»Nunzia, also zunächst einmal bin ich kein Doktor. Zweitens: Das hier ist kein Krankenhaus. Und drittens: Diese Frau ist keine Patientin, sondern deine beste Freundin, Camilla Solinas.«
»Sie sind kein Arzt?«, fragte Nunzia überrascht.
»Nein. Und meine Brieftasche könnte dir das bestätigen, wenn du hineinschauen würdest.«
»Ich hätte es mir denken können. Tatsächlich habe ich noch nie einen Arzt in einem solchen Penneraufzug getroffen …«, murmelte Nunzia überheblich vor sich hin.
»Vielen Dank. Du bist immer so freundlich«, erwiderte Montecristo und setzte sich vor die Präsidentin des Leseklubs. »Wie ist das Buch?«, fragte er und zeigte auf Der Widersacher von Michael Connelly, mit dessen Lektüre Nunzia seit fünf Monaten immer wieder anfing, ohne über die ersten Seiten hinauszukommen.
»Nett. Dieser Bosch ist interessant. Das könnte ein richtig erfolgreicher Protagonist werden.«
Montecristo nickte verständnisvoll. Seit seinem letzten Besuch hatte sich Nunzias Zustand drastisch verschlimmert, zumindest nach Aussage der Ärzte, und nun konnte er sich selbst davon überzeugen, als er merkte, dass sie beunruhigt eine leere Zimmerecke anstarrte. »Was ist da? Was schaust du so?«
Sie kam näher und flüsterte besorgt: »Wer sind diese beiden Frauen da?«
Das Zimmer war bis auf sie beide leer. »Da ist niemand, Nunzia. Was für Frauen?«
»Die zwei Harpyien, die miteinander tuscheln. Den ganzen Tag über höre ich sie schon. Die haben es auf mich abgesehen. Sie warten nur darauf, dass ich einschlafe, um mir etwas anzutun. Die wollen mich vergiften … Bringen Sie mich bitte fort von hier. Ich habe Angst.«
Montecristo konnte es kaum glauben, dass von dem brillanten, analytischen und intuitiven Verstand der Präsidentin nur noch so wenig übrig geblieben war. Eine so plötzliche und heftige Verschlimmerung der Krankheit hatte er nie erwartet. Die Neurologen hatten optische und akustische Halluzinationen als eine Schwellengrenze der Demenz beschrieben, jenseits derer die Zunahme der Verwirrtheit noch dramatischer werden würde. Ab diesem Moment, so hatten sie ihn gewarnt, müsste man auf das Schlimmste gefasst sein.
Montecristo legte ihr eine Hand auf die Schulter, streichelte sie und suchte Augenkontakt zu der alten Dame. »Schau mich an, Nunzia. Schau mich an. Du musst keine Angst haben. Hier bist du in Sicherheit. Niemand will dir etwas antun. Im Gegenteil. Alle mögen dich, weil du eine liebenswerte Dame bist.«
»Vielen Dank, mein Lieber«, sagte sie und legte ihm in einem inzwischen höchst seltenen Anflug von Zärtlichkeit eine Hand auf die Wange. »Wo ist mein Mann?«
Bestürzt zögerte Montecristo: Er wusste nicht, ob es angesichts ihrer Situation besser wäre, ihr die Wahrheit zu sagen oder sie in ihrem Glauben zu bestärken, dass ihr Mann noch lebte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, kam ihm Signora Solinas zu Hilfe, indem sie ins Zimmer zurückkehrte und ihn so vor dieser Frage rettete.
»Wer ist die da?«, flüsterte Nunzia und musterte Camilla Solinas auf dem kleinen Balkon, wo sie damit beschäftigt war, die Untersetzer unter den Blumentöpfen zu wechseln.
»Das ist deine beste Freundin. Auch sie ist eine leidenschaftliche Krimileserin. Sie war Teil deines Lesekreises, Nunzia. Der Krimiklub, erinnerst du dich?«
»Nur sehr dunkel … Warum habe ich so ein Durcheinander im Kopf? Das sind die Medikamente, die ihr mir gebt, oder? Ich habe noch nie Medikamente gebraucht. Warum verabreicht ihr sie mir jetzt? Und was wollen diese beiden Weiber da hinten?«
Sie starrte wieder ins leere Eck.
»Schließ die Augen und mach sie dann wieder auf. Du wirst sehen, dass sie dann verschwinden.«
Nunzia gehorchte. Dieser kleine Trick schien zu funktionieren und zauberte ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht, das sein Herz erwärmte. Die Ärzte hatten gesagt, dass in Momenten akuter Verwirrtheit Musik helfen könnte, das würde sie besänftigen und ihre herumirrenden Gedanken zur Ruhe bringen. Daher schaltete Montecristo das kleine Transistorradio ein und suchte nach einem Kanal mit alten Songs: Das entspannende »Footsteps in the Dark« der Isley Brothers ergoss sich ins Zimmer und beruhigte die Patientin für einige Minuten.
»Herr Doktor, können Sie nicht ein gutes Wort für mich einlegen, damit ich nach Hause kann? Meine Enkelkinderchen brauchen mich.«
Soweit Montecristo wusste, hatte Nunzia keine Enkelkinder. Aber diesmal beschloss er, auf sie einzugehen. »Keine Sorge. Ich kümmere mich darum. Wir machen noch ein paar letzte Untersuchungen, und dann schicken wir dich heim zu deinen Enkelkindern.«
»Vielen Dank, Herr Doktor.«
»Gern geschehen.«
»Ich habe noch eine Frage, Herr Doktor.«
»Nur zu, meine Liebe.«
Nunzia zeigte ihm einen Notizblock, auf den sie vor einigen Tagen den Namen von Lorenzo geschrieben hatte, dem Jungen, der den Überfall des Sanduhrmörders überlebt hatte. »Wer ist das? Warum habe ich diesen Namen aufgeschrieben? Den ganzen Tag versuche ich schon, mir einen Reim darauf zu machen.«
Montecristo seufzte. »Es ist ein Junge, den man … Sagen wir so, der seine Eltern verloren hat. Eine schlimme Geschichte, Nunzia. Camilla, deine alten Freunde vom Leseklub und ich versuchen, ihm zu helfen. Wir müssen herausfinden, wer der Familie etwas antun wollte, aber das ist nicht einfach. Sein Fall ist verdammt komplex.«
Nunzia hatte einen unverhofften Anflug von Hellsichtigkeit und verkündete: »Die schwierigsten Fälle sind immer die banalsten. Sie sind nur deshalb so kompliziert, weil der Ermittler das Verbrechen mit einer Komplexität belastet, die sich ihm aufdrängt, die aber nur das Ergebnis seiner Vorurteile ist, und so verdammt er sich dazu, nach einer Antwort zu suchen, wo es keine gibt. In Wirklichkeit ist alles ganz simpel, und die Antwort liegt da, wo du sie am wenigsten erwartest, verborgen unter einer Schicht von Belanglosigkeiten. Genau wie in Der entwendete Brief von Poe.«
Camilla Solinas und Montecristo starrten sie ungläubig an. Mehr als ein Jahr war vergangen, seit sie zum letzten Mal eine so lange und ausgefeilte Rede aus ihrem Mund gehört hatten, wo sie doch sonst nur bruchstückhaft sprach, nur das Elementarste und völlig unzusammenhängend. Für ein paar Augenblicke war es so gewesen, als wären sie in der Buchhandlung bei einer der brillanten Buchvorstellungen ihrer alten Präsidentin.
Doch dann holte Nunzia sie unverzüglich wieder in die bittere Realität zurück. »Wer ist die da?«, flüsterte sie Montecristo zu und zeigte wieder auf Camilla Solinas.
»Ich bin Camilla, deine Busenfreundin. Wir haben zusammen im Viale Merella gespielt, als wir kleine Mädchen waren.«
»Kleine Mädchen? Das muss schon eine ganze Weile her sein, wenn ich mir deine hässlichen Falten so ansehe.«
Signora Solinas und Montecristo tauschten einen bestürzten Blick und lachten dann.
»Beste Freundin, soso«, kommentierte Montecristo.
Mit rührender Sanftheit nahm Camilla ihre alte Freundin am Arm und führte sie nach draußen. Während er die beiden beobachtete, dachte Montecristo über die Überlegungen nach, die Nunzia zu Fällen gemacht hatte, die auf den ersten Blick komplex erschienen, und dazu die Erzählung von Poe zitiert hatte.
Und wenn sie recht hat? Wenn es wirklich viel einfacher ist, als wir gedacht haben?