Kaum waren die beiden Ermittler ausgestiegen und hatten ein paar Schritte in seine Richtung gemacht, da überfiel sie Montecristo schon mit dem Satz, den der Mörder zum Vater seines ehemaligen Schülers gesagt hatte.

»›Du weißt, warum ich das getan habe. Denk immer daran, dass nicht ich sie umgebracht habe. Das warst du‹«, zitierte er. »Relata refero.«

»Relata refero?«, fragte Caruso irritiert. Er wandte sich an seine Partnerin: »Was soll das bitte heißen?«

»Das ist Latein, und niemand sollte das besser wissen als du, Caruso«, sagte Montecristo und schüttelte mit gespielter Empörung den Kopf. »Das bedeutet: Ich berichte Dinge, die andere gesagt haben. In diesem Fall handelt es sich um einen Satz, den Lorenzo eben erwähnt hat. Er hat sich daran erinnert, dass der Drecksack das zu seinem Vater gesagt hat, direkt nachdem er den Abzug gedrückt hat.«

»Geht’s vielleicht auch weniger hochtrabend, Montecri’?«

»Hat er diesen Satz so zitiert, wie du ihn gesagt hast?«

»Wort für Wort«, bestätigte Montecristo.

»Wiederhol ihn doch bitte noch mal.« Dimase zückte ihren Notizblock.

»›Du weißt, warum ich das getan habe … Denk immer daran, dass nicht ich sie umgebracht habe. Das warst du.‹«

Die beiden Polizeibeamten erschauerten und sahen sich beunruhigt an.

»Das bringt den Mörder in direkten Zusammenhang mit

»Warum hat der Junge dir das nicht gleich beim ersten Mal gesagt, als du mit ihm gesprochen hast?«, fragte Caruso, misstrauisch wie immer.

»Wahrscheinlich wegen des Schocks«, antwortete Montecristo. »Der hat ihn bestimmt blockiert. Die Psychologin, die ihn betreut, hat ihm geholfen, sich an diese Einzelheit zu erinnern.«

Angela Dimase nickte und fragte ihren Kollegen: »Was meinst du, können wir uns auf den Jungen verlassen?«

Zur Antwort holte Caruso eine Marlboro aus seinem Päckchen und zündete sie sich mit den fließenden Bewegungen eines gewohnheitsmäßigen Rauchers an. Dieses kleine Ritual half ihm dabei, sich zu konzentrieren. »Er ist ein Kind und hat den Mord an seiner Mutter und den Selbstmord seines Vaters mitansehen müssen«, sagte der altgediente Polizist, nachdem er den ersten Zug genommen und den Rauch wieder ausgestoßen hatte. »So gern ich ihm auch glauben möchte, wir müssen diesen Satz unter Vorbehalt betrachten.«

»Angesichts der Umstände bin ich ganz deiner Meinung«, erwiderte Montecristo. »Aber wir können etwas tun, um sicherzugehen, dass Lorenzo die Wahrheit sagt.«

»Und was?«, fragte Dimase.

»Die andere Überlebende, Silvana Atzori, befragen, ob auch sie etwas Ähnliches gehört hat?«, war Carusos Vermutung.

»Ganz genau.«

»Na, dann gehen wir doch gleich hin. Du kommst auch mit, Montecri’. Ein Paar Augen und Ohren mehr können nicht schaden.«

»Lass dir mal einen gut gemeinten Rat geben, mein Junge: Je weniger du dich in dieser Buchhandlung blicken lässt, umso besser ist das fürs Geschäft.«

»Na, besten Dank, Caruso. Genau das habe ich heute noch gebraucht.«

»Hm, so ganz unrecht hat er ja nicht, Marzio«, stand Dimase ihrem Kollegen bei.

»Ach, leck mich doch am Arsch, Angie.«

»Aha, er ist überführt. Verhafte ihn einfach wegen Beamtenbeleidigung, dann können wir ihn gegen seinen Willen ins Krankenhaus mitnehmen. Auf geht’s, ich will diese Geschichte endlich zu Ende bringen.«

»Soll ich die Handschellen nehmen?«, zog Dimase Montecristo auf. »Stehst du auf Fesselspiele, Süßer?«

Montecristo errötete wie ein kleiner Junge und folgte widerwillig mit seinem schlaksigen Gang den beiden hämisch lachenden Beamten.