Vier Tage danach

Marzio Montecristo machte sich nichts vor: Dieser Morgen hatte zu gut begonnen, als dass er noch genauso vielversprechend weitergehen konnte. Obwohl heute der Altglascontainer geleert wurde, hatten ihn die Müllleute nicht wie üblich um drei Uhr nachts aus dem Schlaf gerissen, indem sie einen Riesenlärm veranstalteten, als würde es ihnen Vergnügen bereiten, das gesamte Viertel aufzuwecken. Efisietto, der Pinscher von Signora Puddu, die in der Wohnung über ihm lebte, hatte nicht um zehn vor sechs angefangen zu bellen, als würde man ihm die Kehle durchschneiden, womit er normalerweise ohne Unterlass bis acht Uhr weitergemacht hätte. Nachdem er seine Espressokanne auf den Herd gestellt hatte, war Montecristo nicht mit den Ellenbogen auf den Tisch gestützt wieder eingenickt und hatte die Kanne ihrem Schicksal überlassen, wie es ihm oft passierte: Dann blubberte der Kaffee, stieg hoch, spritzte auf den Herd, und in der Küche roch es verbrannt, ein Geruch, der erst nach Wochen wieder verschwand. Er hatte den Kaffee auf dem Balkon genossen, gestreichelt von den ersten unsicheren Sonnenstrahlen, im Hintergrund ein melodischer Gesang von Vögeln, der das Wachwerden noch versüßte und einen krassen Gegensatz darstellte zum gewohnten Geschrei der Mütter, die mit ihren trödelnden Kindern schimpften, oder Ehefrauen, die wütend mit ihren Männern zeterten, weil die allein wieder mal kein Paar zusammenpassende Socken fanden.

Überzeugt, dass hinter der nächsten Ecke schon ein Tiefschlag auf ihn lauerte, verließ Marzio Montecristo das Haus und ging zu seiner Moto Guzzi, einer Eldorado aus dem Jahr 1973. Er hielt bereits ein Päckchen Papiertaschentücher in der Hand, um das Wasser vom Sattel abzuwischen, das bestimmt von der Wäsche auf ihn heruntergetropft war, die die Mieterin aus dem dritten Stock jeden Morgen ausgerechnet über seiner Moto Guzzi aufhängte. Als Montecristo mit einer Hand leicht über das Leder des Sattels strich, konnte er es kaum glauben: Der war trocken! Er sah hinauf zu dem bewussten Balkon und stellte fest, dass die nassen Kleidungsstücke diesmal am linken Ende der Wäscheleine hingen.

»Na gut, aber jetzt ist mindestens meine Batterie leer«, brummte er, zunehmend irritiert von dieser übergroßen Güte des Schicksals.

Seine Moto Guzzi startete beim ersten Versuch, was wohl seit 1973, als sein Vater sie gekauft hatte, noch nie vorgekommen war. Montecristo fuhr in Richtung Stadtzentrum, ohne auf den üblichen dichten Verkehr zu stoßen. Kein Autofahrer hatte es auf sein Leben abgesehen, und er musste vor keiner roten Ampel halten. Im Stampace-Viertel angekommen fand er direkt vor der Buchhandlung Les Chats Noirs einen freien Parkplatz. Einer Buchhandlung, die trotz seiner erheblichen Schulden bei einigen

Montecristo nahm seinen Motorradhelm ab und schüttelte ungläubig den Kopf. Es war neun Uhr morgens, und er hatte noch nicht ein einziges Mal geflucht. So etwas war seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Er zog die Rolltür vor seiner Buchhandlung hoch und stellte fest, dass er entgegen seinen Erwartungen nicht einmal vergessen hatte, das Licht auszumachen. Die beiden Katzen schliefen noch und begrüßten ihn deshalb nicht mit den gewohnten mörderischen Blicken. Er fuhr den Computer hoch und sah sich prüfend um. Alles war in bester Ordnung, es gab keine Kartons mit Büchern, die man auspacken und ins Warenwirtschaftssystem aufnehmen musste. Er entdeckte sogar noch ein letztes Kaffeepad in der Packung und machte sich einen Kaffee in der Maschine, den er trank, während er in Obscura blätterte, einer schönen illustrierten Gesamtausgabe der Erzählungen von Edgar Allen Poe, einem seiner Lieblingsautoren, und dabei im Radio »Burning Down the Prairie« lief, der perfekte Song, um gut in den Tag zu starten.

Als er hörte, wie sich die Tür der Buchhandlung öffnete, war er sicher, dass sich dieser Moment der Gnade nun in Trostlosigkeit auflösen würde.

Und in der Tat kam eine Frau auf ihn zu, aufrecht und mit entschlossener Miene wie ein Soldat, und wedelte mit einem Bündel Dokumente.

»Machen Sie hier Kopien?«, fragte sie, ohne einen Gruß an ihn zu richten.

»Und warum nicht?«, schnauzte ihn die Frau an, verärgert über seine Antwort.

Montecristo atmete einmal tief durch. »Weil dies hier eine Buchhandlung ist, Signora, und kein Copyshop. Das ist ein feiner Unterschied.«

»Aha … Dann machen Sie keine Kopien hier?«

»Nein, Signora. Wir verkaufen hier Bücher, wie Sie sehen können.« Montecristo unterdrückte seinen Grimm und zeigte auf die Bücherregale an den Wänden.

»Sie machen keine Kopien!«, brüllte die Frau und knallte die Papiere auf den Tresen. »Und dann beschwert ihr euch, dass die Buchhandlungen schließen müssen, und bettelt um staatliche Hilfen. Schämt euch! Euch sollte man in die Minen zum Arbeiten schicken. In die Minen!«

Montecristo ballte die Hände zu Fäusten und biss sich auf die Zunge bei dem Gedanken daran, welch höchste Harmonie seinen Morgen bis zu diesem Moment begleitet hatte. Er beschloss, die Frau lächelnd zu ignorieren, weil Nichtbeachtung so etwas wie ein Leck mich im Abendanzug ist.

Als die »Kundin« schimpfend den Laden verließ, seufzte er erleichtert auf und gratulierte sich zu seiner Selbstbeherrschung. Dann blätterte er weiter in der wunderschönen Ausgabe von Poes Erzählungen und ließ sich von den Country- und Bluesklängen Ian Noes einlullen.

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür zur Buchhandlung erneut, und wieder trat eine Frau ein. Diese ließ sich zumindest zu einem »Guten Tag« herab.

»Guten Tag, Signora«, grüßte Montecristo zurück. Er beobachtete, wie die Dame mit misstrauischem Blick

Es gab nur eine Sorte Kunden, die Montecristo noch mehr verachtete als die, die Kopien haben wollten: die Sorte, die nach Rabatten fragte.

»Sicher, Signora. Heute gibt es zwei Bände von Leck mich zum Preis von einem«, erwiderte er. »Ein Supersonderangebot. Wollen Sie zuschlagen?«

»Was erlauben Sie sich! Sie wissen selbst, dass Bücher im Supermarkt …«

»Dann gehen Sie doch in den Supermarkt und mir nicht mehr weiter auf den Sack!«, knurrte der Buchhändler und zeigte sein wahres Gesicht, das eines bärbeißigen und aufbrausenden Menschen.

Die Frau ging hocherhobenen Hauptes davon, während sie eine Salve von Flüchen auf ihn abfeuerte, und Montecristo schloss das Buch mit Poes Erzählungen, denn ihm war klar, dass dieser Tag nun hoffnungslos ruiniert war. Aller schlechten Dinge sind drei, dachte er, als er hörte, wie sich die Ladentür wieder öffnete. Er blickte grimmig drein, um mögliche lästige Besucher abzuschrecken. Doch sein abweisendes Gesicht reichte nicht aus, um die Neuankömmlinge zu entmutigen; es handelte sich um zwei Polizeibeamte im Dienst.