Silvana Atzori zeigte sich über diesen spontanen Besuch nicht gerade erfreut und gab sich auch keinerlei Mühe, ihren Unwillen zu verbergen. »Wir haben doch schon stundenlang über diesen Abend gesprochen … Es reicht. Ich habe Ihnen alles gesagt, was es zu sagen gibt«, stieß sie abweisend hervor, auf die Bitte um einen neuerlichen Bericht.

Montecristo – den Caruso recht vage als einen nicht näher bestimmten »Kollegen« vorgestellt hatte – betrachtete die Frau von der Tür des Krankenzimmers, in dem sie nun nach ihrem gescheiterten Selbstmordversuch rund um die Uhr überwacht wurde. Die Verbände um die Handgelenke ließen ihn vermuten, dass sie ihrem Leben mit einer Klinge ein Ende hatte setzen wollen.

Ihr Schuldgefühl hat sie bis zum Selbstmordversuch getrieben, dachte er. Das ist die Folter, die dieser Bastard seinen Opfern auferlegt: In Wirklichkeit tötet er auch diejenigen, die mit ihren Gewissensbissen zurückbleiben, weil sie entscheiden mussten, wer geopfert werden sollte. Oder in Silvana Atzoris Fall diejenige, die sich zu keiner Entscheidung hatte durchringen können, womit sie beide Eltern zum Tode verurteilt hatte. … Wie sollte man ihr das verdenken?

»Wir brauchen wirklich nur eine Minute«, beruhigte sie Caruso und holte seinen Notizblock hervor.

Das Opfer ignorierte ihn und starrte wortlos in eine leere Zimmerecke.

Nichts.

»Dieser Mann hat deine Eltern kaltblütig ermordet, Silvana. Willst du wirklich, dass er ungestraft davonkommt?«, fragte Dimase.

Nicht einmal diese Provokation konnte sie aufrütteln.

Caruso war sehr deutlich gewesen, als er dem Buchhändler angeordnet hatte, auf keinen Fall den Mund aufzumachen. Aber nun hatte Montecristo das Gefühl, dass Silvana Atzori nicht mit den Polizeibeamten reden würde, weder aus freien Stücken noch unter Androhung von Maßnahmen. Daher brach er das Versprechen, das er Caruso gegeben hatte.

»Silvana, wir haben gesehen, dass ihr im Wohnzimmer einen sprachgesteuerten virtuellen Assistenten habt. Wo man nur was sagen muss, und schon schaltet er sich ein. Das ist deiner, oder?«

Die Ermittler bedachten ihn alle beide mit bösen Blicken. Montecristo kümmerte sich nicht darum, sondern schaute allein auf die Frau vor ihm, die fast unmerklich nickte.

»Du weißt, dass diese Geräte jeden Befehl oder jedes Geräusch, das sie hören, aufnehmen und dann für mindestens zwei Wochen speichern?«

Keine Reaktion.

»Wenn du nicht die Defaulteinstellungen änderst, dann hören diese fleißigen Haushaltshelfer alles, was du sagst, und verarbeiten es weiter … Wusstest du das?«, fragte Montecristo.

Nichts. Nicht einmal ein Zucken der Augenlider.

»Also. Die Spurensicherung konnte auf deinem Gerät alles abhören, was in dieser Nacht passiert ist. Worte, Schritte, Geräusche, Seufzer, Schüsse … Alles. In solchen Fällen, also nach einem so tragischen und schrecklichen

Da Caruso und Dimase erkannten, worauf Montecristo hinauswollte, beschlossen sie mitzuspielen und hielten sich zurück, allerdings ließen sie Silvana Atzori nicht aus den Augen, um jede Gefühlsregung zu erfassen, die sich in ihrem undurchdringlichen Gesichtsausdruck zeigen würde.

»Auf Grundlage dessen, was ich dir gerade gesagt habe, also wegen der Stimmaufzeichnungen und allem anderen, sind wir gekommen, um dich zu fragen, ob du deine Aussage ändern möchtest«, erklärte Montecristo. »Insbesondere wollen wir eines von dir wissen: Nachdem der Mörder deine Eltern erschossen hatte – hat er noch etwas zu dir gesagt, ehe er gegangen ist?«

Silvana Atzori starrte ungerührt ins Leere.

»Was du gesagt hast, sind offizielle Erklärungen, Silvana. Sie sind Teil der Akten, die auf dem Schreibtisch des Staatsanwalts landen und dann protokolliert werden, um später bei Gericht verwendet zu werden«, erklärte Dimase. »Bleibst du bei deiner Aussage oder nicht?«

Keinerlei Reaktion.

»Also hat der Kerl nichts zu Ihnen gesagt?«, bohrte Caruso nach.

Das Opfer schüttelte leicht den Kopf.

»Dann nehmen wir also zu Protokoll, dass du deine Aussage bestätigst. Der Unbekannte hat nach den Morden nicht gesprochen«, sagte Dimase.

Die Frau nickte zustimmend. Der Arzt, der sie betreute, hatte das ganze Gespräch schweigend mitverfolgt, doch

»Vielen Dank, Silvana. Entschuldigen Sie noch einmal die Störung«, sagte Caruso und ging zur Tür.

Draußen vor den Aufzügen gab Caruso Montecristo einen Klaps auf den Hinterkopf. »Verdammt noch mal, was hatte ich dir gesagt? Zum Henker mit dir!«

»Sie hat gelogen«, sagte Montecristo, während er sich den Hinterkopf rieb.

»Worauf du Gift nehmen kannst«, pflichtete ihm Caruso bei.

»Ja«, sagte auch Dimase. »Ich frage mich allerdings, warum?«

»Vielleicht ist sie nicht so unschuldig, wie es scheint«, erwiderte Montecristo.

»Hör mal, damit ich das richtig verstehe: Diese Sache mit dem Sprachassistenten, der jede Unterhaltung aufzeichnet – stimmt die?«, fragte Caruso neugierig.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, gestand Montecristo, während er in den Aufzug stieg.

»So ein Schlitzohr … Ist das auch so ein Trick aus diesen Schundbüchern, die du verkaufst?«

»Aber sicher doch.«

»Wirst sehen, Dimase, die Antwort auf diesen Fall steht bestimmt schon in einem dieser Krimis, die dieser Halsabschneider in seinem Geschäft hat.«

Montecristo ging auf diese Frotzelei gar nicht weiter ein; er hatte das Gefühl, dass Caruso damit der Lösung des Falles weit nähergekommen war, als er selbst ahnte.