»Wenn wir an der Annahme festhalten, dass es immer dieselbe Person ist, die die Verbrechen begeht, dann scheint sie hier ihre eisige Gelassenheit verloren zu haben«, bemerkte Montecristo, nachdem die Ermittler ihren Bericht vom dreifachen Mord in Saronno beendet hatten. Nach dem Besuch im Krankenhaus waren sie auf einen Kaffee in eine Bar gegangen, da Montecristo darum gebeten hatte, auf den neusten Stand der aktuellen Entwicklungen im Fall gebracht zu werden.
»Stimmt. Eins können wir jedoch als gesichert annehmen: seine ungeheuerliche Skrupellosigkeit – sollten daran noch Zweifel bestanden haben«, sagte Caruso. »Denn, Leute, um einen behinderten alten Mann im Rollstuhl zu töten, da musst du wirklich ein verkommener Mensch sein …«
»Es sei denn, das Opfer ist auch Objekt seiner Rache. Habt ihr seine Vergangenheit durchleuchtet?«
»Wir mögen ja gerade feststecken, aber so blöd sind wir dann auch nicht, Montecri’. Er ist sauber. Zumindest soweit wir das überblicken konnten. Und ich weiß ja nicht, wie das bei dir ist, aber mit der Befragung von Toten habe ich so meine Schwierigkeiten.«
»Was hätte ihn dazu bringen können, so die Kontrolle zu verlieren?«, fragte Montecristo, unbeeindruckt von dieser Spitzfindigkeit.
»Vielleicht hat ja einer von den dreien – wer, das müssen wir noch rausfinden – sein Spiel nicht mitgespielt«, erwiderte Dimase.
»Falls dem so gewesen ist, also wenn die betreffende Person niemanden als Opfer ausgewählt hätte, dann hätte der Mörder die anderen beiden getötet, aber die dritte Person am Leben gelassen, so wie bei der Atzori, oder nicht?«, gab Caruso zu bedenken.
»Immer vorausgesetzt, dass Silvana uns die Wahrheit gesagt hat. Wir drei sind uns ja einig, dass sie vorhin im Krankenhaus gelogen hat. Das könnte sie auch gemacht haben, als sie euch beschrieben hat, was in der Mordnacht geschehen ist … Sie wirkt auf mich nicht wie eine verlässliche Zeugin.«
Die beiden Polizeibeamten nickten gereizt. Leider mussten sie ihm recht geben.
»Ihr müsst herausfinden, warum sie uns dieses Lügenmärchen aufgetischt hat.«
»Ach, gibt der uns jetzt schon Befehle?«, fragte Caruso voller Sarkasmus seine Teampartnerin.
»Hey, ihr habt mich da reingezogen und mich um Hilfe gebeten. Wenn euch was nicht passt, dann auf Wiedersehen.« Aufgebracht erhob sich Montecristo und warf ein paar Münzen für den Kaffee auf den Tisch.
»Reg dich ab, war doch nur Spaß«, sagte Caruso. Das war das, was einer Entschuldigung am nächsten kam, zu mehr war er nicht in der Lage. Montecristo ließ es dabei bewenden und sank zurück auf seinen Stuhl.
»Habt ihr auch was Schriftliches über den Fall in Saronno?«, fragte er stattdessen.
Dimase holte aus ihrer Tasche eine Akte und reichte sie ihm. »Aber pass gut darauf auf. Es sind extrem vertrauliche Unterlagen.«
Montecristo nickte. »Wie hat die Polizei vor Ort eigentlich einen Zusammenhang zwischen diesem dreifachen Mord und eurer Ermittlung herstellen können?«
»Weißt du, was PRECOBS ist?«, fragte Dimase.
Montecristo schüttelte den Kopf.
»Pre Crime Observation System«, übersetzte Dimase das Anagramm. »Kurz gesagt, das ist eine Software zur Kriminalitätsprognose, die mit einer Datenbank verbunden ist, in der alle Informationen zu Mordfällen und Gewaltverbrechen gesammelt werden, in denen die Polizei ermittelt. Damit können Ermittler den Tatort, den Modus Operandi und das Opferprofil mit denen anderer Fälle mit ähnlichen Details vergleichen. Wenn man einige Fragebögen ausfüllt, kann man eine Kreuzermittlung und automatische Analyse sämtlicher Informationen durchführen lassen, die im Laufe der Jahre von verschiedenen Kriminalfällen gespeichert wurden. Wir kennen die Software gut, weil zwei unserer Kolleginnen mit dem Kriminologen zusammenarbeiten, der dieses Projekt betreut.«
»Jedes Mal, wenn wir über ein Gewaltverbrechen ermitteln, legen wir Ordner mit jeder Menge Fotos und Tatortberichten an und laden alles in die Datenbank der Software hoch«, fuhr Caruso fort. »Natürlich haben wir auch Material von den letzten Verbrechen und das Detail mit der Sanduhr eingegeben. Und dank dieser Besonderheit haben die Kollegen vom zuständigen Präsidium in Busto Arsizio bei Saronno ihren Mordfall mit unseren Morden in Verbindung gebracht und uns kontaktiert.«
»Verstehe … Und hat sich dabei noch eine andere Gemeinsamkeit ergeben, abgesehen von denen, die wir kennen?«
Caruso holte ein Tablet hervor, öffnete eine Datei und zeigte ihm verschiedene Fotos, die die Spurensicherung an den Tatorten aufgenommen hatte: Auf allen waren Fußabdrücke.
»Eines der wenigen Dinge, die wir im Moment sicher wissen, ist, dass der Mörder Schuhgröße vierundvierzig hat, um die fünfundsiebzig Kilo wiegt und zwischen eins achtzig und eins fünfundachtzig groß ist. Die Fußabdrücke in der Wohnung der Patteri sind dieselben, die auch in den anderen Wohnungen gefunden wurden. Also immer dasselbe Modell: Unser Mann wechselt nie die Schuhe, wenn er sich zum Morden aufmacht.«
»Habt ihr auch herausgefunden, um welches Modell es sich handelt?«
Dimase zog aus der Akte das Bild von einem Paar dunkler Militärstiefel hervor, die aus verschiedenen Perspektiven fotografiert worden waren. »Das sind dieselben, die die Sondereinheiten der Carabinieri, der Polizei und der Armee benutzen.«
»Das ist doch ein gutes Indiz, oder nicht?«
»Nicht unbedingt«, entgegnete Caruso. »Die kann man auch in jedem Waffengeschäft oder Laden für Militärklamotten kaufen. Das ist die x-te Nadel im Heuhaufen dieser Ermittlung.«
»Seid ihr wirklich ganz sicher, dass es keine Verbindung zwischen den Opfern gibt?«
»Wir suchen und überprüfen schon seit Tagen Verbindungen, aber bis jetzt haben wir noch nichts gefunden«, antwortete Dimase.
»Könnt ihr mir Fotos von allen Opfern geben? Also nicht von den Leichen, sondern von ihnen, als sie noch am Leben waren?«
»Wozu brauchst du die?«
»Ich möchte sie Lorenzo zeigen.«
Caruso nickte. »Gute Idee. Wir bringen sie dir so bald wie möglich in die Buchhandlung.«
»Apropos Buchhandlung. Ich sollte jetzt besser gehen …«
»Ach ja, bist du sicher?«, spöttelte Caruso. »Warum die Tageseinnahmen mit deiner traurigen Gestalt ruinieren? Was meinst du, Dimase?«
»Flavio hat recht, Marzio. Ich sag’s dir gerne noch einmal: Je länger du wegbleibst, desto besser ist das für dein Geschäft. Wir meinen es bloß gut mit dir. Geh shoppen, betrink dich sinnlos, knall dich zu, verprass dein Geld an Spielautomaten, aber halt dich fern von deinem Laden …«
»Ihr könnt mich alle beide mal am Arsch lecken. Meine Kunden lieben mich«, erwiderte Montecristo, steckte die Akte in seinen Lederrucksack und stand auf. »Sobald ihr was Neues erfahrt, sagt Bescheid.«
»Wird gemacht, Commissario«, sagte Caruso und salutierte zackig.
Kopfschüttelnd ging Montecristo. Schon nach wenigen Schritten waren die beiden Ermittler von seinem geistigen Radar verschwunden. In seinem Kopf waren die unterschiedlichen Gedanken zu diesem Fall wie Eisenstaub, der unter der Anziehungskraft eines Magneten vibrierte. Und dieser Magnet war der Satz, den Nunzia über Poes Entwendeten Brief gesagt hatte.
»In Wirklichkeit ist alles ganz simpel, und die Antwort liegt da, wo du sie am wenigsten erwartest, verborgen unter einer Schicht von Belanglosigkeiten«, hatte die Präsidentin gesagt.
Je länger Montecristo darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass des Rätsels Lösung wohl genau in diesen Worten verborgen war.