»Man müsste dich mal zu Forschungszwecken untersuchen: Es kann doch nicht sein, dass alle durchgeknallten, schwierigen und nervigen Kunden immer bloß zu dir kommen«, hatte Patricia erklärt, kaum eine halbe Stunde nachdem Montecristo in der Buchhandlung eingetroffen war, womit er – jedenfalls ihrer Ansicht nach – diesen erfolgreichen ruhigen Tag ruiniert hatte. Und sie hatte recht: Genau in dem Moment, als Montecristo seinen Dienst hinter dem Verkaufstresen angetreten und damit begonnen hatte, liegen gebliebene Arbeit am Computer zu erledigen, war eine Kundin hereingekommen und so zielstrebig auf ihn zugegangen, als würde sie ihn kennen. Montecristo war sicher, dass er sie noch nie gesehen hatte. Er hätte sich bestimmt an sie erinnert, sagte er sich, da die Dame, um es euphemistisch auszudrücken, ziemlich ausgefallen gekleidet war: Jedes Teil, das sie trug, hatte eine andere Farbe, und alle waren grell, ihre Erscheinung war insgesamt ein optischer Faustschlag ins Gesicht.

Würde man ihr ein Chamäleon auf die Schulter setzen, so würde es innerhalb weniger Sekunden schizophren werden, hatte Montecristo gedacht, während er dieses kunterbunte Farbenkarussell betrachtete.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Ja, ich möchte ein Buch kaufen, das ich gestern im Fernsehen gesehen habe.«

Na, das fängt ja gut an, dachte Montecristo.

»Gern. Wissen Sie noch Titel oder Autor?«

Montecristo sah sich um. Allein in seiner kleinen Buchhandlung gab es schon jede Menge Bücher mit einem roten Cover. »Das scheint mir ein wenig zu vage zu sein«, hatte er ihr erklärt und dabei verkrampft gelächelt. »Erinnern Sie sich nicht noch an etwas anderes?«

»Nein. Na ja, aber wie viele Romane wird es schon geben, die ein rotes Cover haben? Das kann doch nicht so schwer zu finden sein, oder?«

Beruhige dich und leg den Tacker wieder in die Schublade zurück, hatte er sich befohlen, und während er gehorsam das Gerät losließ, hatte er stumm die Hände gerungen, um sie dann hinter dem Rücken zu verschränken. Atme tief durch und verhalte dich wie ein Profi.

Er hatte wieder sein verbindliches Lächeln aufgesetzt. »Entschuldigen Sie. Ich war einen Moment lang abwesend. Die Farbe des Covers nützt mir leider nicht viel, Signora. Versuchen wir es doch mal mit der Sendung, in der Sie das Buch gesehen haben. Welche war das?«

»Tja …«

»Okay. Wissen Sie noch, wer sie moderiert hat?«

»Nein.«

»Waren die Autorin oder der Autor im Studio?«

»Ich glaube nicht.«

»Kam er oder sie aus Italien oder nicht?«

Schulterzucken.

»Um was für ein Genre handelt es sich denn?«

»Wer erinnert sich schon an so was! Aber das Cover war rot.«

Montecristo hatte sich auf die Zunge gebissen. Als er sich umsah, bemerkte er Patricia: Sie sah ihn grinsend an und schien nur darauf zu lauern, dass er explodierte. Er hatte sich fest vorgenommen, ihr nicht diese Genugtuung

»Also … War es ein dickes Buch, so der klassische Wälzer, oder eher dünner, also ein kurzer Roman?«

»So mittel.«

»Ausgezeichnet. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mir das weiterhilft, was Sie gesagt haben, vielen Dank. War ein Bild auf dem Cover?«

Als die Frau nickte, hatte er sie gefragt: »Und erinnern Sie sich an dieses Bild?«

»Ja, das war rot.«

»Natürlich. Dumm von mir, dass ich Sie danach gefragt habe … Wissen Sie noch, ob es sich um ein aktuelles Buch handelt, ob es gerade erst veröffentlicht wurde oder schon vor ein paar Jahren?«

»Die haben es gestern im Fernsehen gezeigt. Gestern ist ziemlich aktuell, oder?«

»Ja, aber … Ach, lassen wir das, sonst überhitzt sich Ihr Hirn, und dann geschieht noch ein Unglück.«

Die Frau hatte ihn misstrauisch angesehen. »Wollen Sie mich beleidigen?«

»Auf gar keinen Fall. Ich will Ihnen nur helfen.«

»Haben Sie hier keinen anderen Kollegen? Sie scheinen mir Ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein.«

Vom anderen Ende des Raums hörte Montecristo ein Glucksen: Patricia krümmte sich, um nicht laut loszulachen.

»Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?«, hatte er sie am Ende seiner Kräfte gefragt.

»Okay.«

»Sind Sie zufällig farbenblind?«

»Warum das denn?«

Montecristo musterte ihren Aufzug. Nur ein kurzer

»Was alles?«

»Dass diese Buchhandlung ein Floß der Vernunft ist, das auf dem endlosen Ozean des allgemeinen Chaos treibt und deshalb all jene anzieht, die eine Ordnung wiederherstellen wollen.«

»Wie bitte?«

»Sehen Sie, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, eine ihrer Grundlagen, besagt, dass jedes System, das sich selbst überlassen wird, von Ordnung in Unordnung übergeht, falls keine Energie von außen darauf einwirkt.«

»Was zum Teufel soll das heißen?«

»Das heißt, ich verkaufe Bücher, Signora. Ich bin kein Sozialarbeiter, Pfarrer oder Psychologe, und vor allem ist es nicht meine Aufgabe, die unaufhaltsame Zunahme der allgemeinen Entropie einzudämmen, wie sie im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik beschrieben wird. Und trotzdem kommt ihr immer weiter hierher und verlangt von mir, dass ich Ordnung in euer mentales Chaos bringe …«

Die Kundin starrte ihn immer verwirrter an.

»Deshalb hören Sie mir jetzt einmal gut zu. Verlassen Sie meinen Laden, hundert Meter weiter rechts finden Sie eine Apotheke. Gehen Sie da rein. Fragen Sie nach einem starken Phosphorpräparat gegen Vergesslichkeit, warten Sie ein paar Wochen, bis die Behandlung gewirkt hat und kommen Sie erst wieder, wenn Sie wenigstens Titel oder Autor wissen!«, hatte er so laut gebrüllt, dass die arme Frau ängstlich zurückwich, sich ruckartig umwandte und unter einer Schimpftirade den Laden verließ.

Patricia hatte sich auf ihn gestürzt und ihn angeschrien, sie müsse schließlich von irgendetwas ihre Miete zahlen,

»Kapierst du nicht, dass die mich schlecht behandeln und nicht umgekehrt? Hast du die gehört? Ein Buch mit einem roten Cover und das muss reichen, also geht’s noch?«

Bevor Patricia ihn in Stücke reißen konnte, betrat jemand die Buchhandlung und rief: »Warten Sie, Patricia, lassen Sie mich ihm wenigstens die letzte Ölung erteilen! Dann retten wir zumindest die Seele dieses Unseligen.«

Fra Raimondo lachte herzlich und lautstark. Nach und nach kamen auch die anderen Dienstagsdetektive und schützten Montecristo vor Patricia. Er hatte sie angesichts der Dringlichkeit ihres Treffens früher zusammengerufen.

Der Buchhändler lächelte erleichtert. Noch nie war er so froh gewesen, sie zu sehen.

»Kaum zu glauben, dass wir den Laden immer noch am Laufen halten können, so wie du dich aufführst. Aber glaub nicht, dass du mir so davonkommst!«

»Sicher, sicher. Wir reden später weiter.« Montecristo wandte Patricia den Rücken zu und ging hinunter in den kleinen Raum. »Jetzt haben wir zu tun.«