Die stellvertretende Staatsanwältin Tiziana D’Ambrosio hatte die Ermittler mehrfach angewiesen, sich auch mitten in der Nacht mit ihr in Verbindung zu setzen, falls im Laufe der Untersuchung irgendetwas auftauchen sollte, das den Fall in einem neuen Licht erscheinen ließ. Und da Caruso klar war, dass das, was der Buchhändler und seine Hobbydetektive entdeckt hatten, von fundamentaler Wichtigkeit für die Ermittlungen war, hatte er noch zu später Stunde die Staatsanwältin angerufen und sich alle erforderlichen Genehmigungen ausstellen lassen, um im universitären Umfeld recherchieren zu können. D’Ambrosio hatte auch keine Miene verzogen, sondern sofort ihr Einverständnis gegeben und darum gebeten, stets in Echtzeit auf dem Laufenden gehalten zu werden. Anschließend hatte Caruso das gesamte Verwaltungspersonal an der Juristischen Fakultät der Universität Cagliari aus dem Bett geholt und tatsächlich eine vollständige Liste aller Teilnehmer des Studiengangs erhalten, den auch die Opfer besucht hatten: Das Wort »Mordermittlung« machte alle Angestellten unverzüglich gefügig und ließ sie beflissen mit dem Polizeibeamten zusammenarbeiten.
»Schau mal, was ich ausgegraben habe, Montecri’«, verkündete er nun freudestrahlend, als er sein Büro auf dem Revier betrat, wo Montecristo und Dimase schon auf ihn warteten. Mit triumphierendem Lächeln schwenkte er ein Bündel Unterlagen.
»Was du ausgegraben hast? Wenn ich dir nicht gesagt hätte, wonach du suchen sollst, wärst du doch noch keinen Schritt weiter, Caruso.«
»Hör einfach zu«, fuhr der Polizeibeamte kurz angebunden fort, während er sich die Lesebrille aufsetzte. »Emanuele Cogoni, selber Jahrgang wie Nicola Vincis und Kommilitone von ihm wie auch von Silvana Atzori und den beiden Patteri. Auch er hat im selben Monat das Studium abgebrochen und sich in einer anderen Fakultät eingeschrieben.«
»Ja und?«, fragte Montecristo skeptisch.
»Er hat vor zwei Jahren Selbstmord begangen … Schon äußerst merkwürdig, oder?«
Montecristo und Dimase wechselten einen Blick: Diese Nachricht untermauerte ihren Verdacht.
»Hier ist der Bericht der Kollegen vom Tatort. Der Kerl hat sich aufgehängt und einen Abschiedsbrief hinterlassen: ›Ich bitte alle um Verzeihung, aber ich kann mit dieser Last auf der Seele nicht weiterleben. Möge Gott uns vergeben, was wir getan haben‹ … Dieses ›wir‹ ist doch gruselig, nicht wahr?«
Die beiden anderen nickten besorgt.
»Zwei Opfer, zwei Selbstmorde und dazu noch eine, die versucht hat, sich das Leben zu nehmen, alle aus ein und demselben Kurs. Marzio hat recht, Flavio«, sagte Dimase. »Die haben etwas Schlimmes getan, und irgendjemand lässt sie nun dafür bezahlen.«
»Morgen gehen wir zu der Atzori und bringen sie dazu, mit der Wahrheit herauszurücken«, kündigte Caruso an.
»Hast du etwas gefunden, das eindeutig belegen würde, dass Vincis, die Atzori und die Patteri sich kannten?«, fragte Montecristo.
»Ich habe mir die Anwesenheitslisten von einigen Examensterminen und verschiedenen Pflichtseminaren geben lassen. Alle vier waren dort. Beziehungsweise alle fünf, wenn man Cogoni dazuzählt.«
»Bingo«, seufzte Dimase.
Caruso nahm die Brille ab und nickte. »Ja … Es gibt nun allerdings ein kleines Problem.«
»Und das wäre?«, fragte Montecristo.
Caruso zeigte ihnen eine Liste mit achtzig oder gar hundert Namen. »Das sind die Kommilitonen der Opfer aus diesem Seminar beziehungsweise aus diesem Semester.«
»Gütiger Himmel … Wie viele sind das denn?«
»Wenn man unsere fünf abzieht, bleiben immer noch fünfundachtzig.«
»Oh Shit … Da kommen wir ja nicht mal durch, wenn wir die ganze Nacht durcharbeiten«, jammerte Dimase.
»Na ja, es gibt durchaus eine Möglichkeit, die Liste zu verkürzen«, sagte Montecristo.
»Und die wäre?«
»Wenn wir auf dieser Liste das nächste Opfer finden wollen, dann müssen wir nur dem Muster der anderen folgen. Wir müssen suchen, wer von den Studenten das Studium im selben Monat abgebrochen hat.«
Caruso deutete wild gestikulierend mit dem Zeigefinger auf ihn. »Hör auf mich, Dima’«, sagte er dann an seine Teampartnerin gewandt. »Heirate den Kerl. Er mag ja keinen Geschäftssinn haben und sich wie ein Penner anziehen, aber er hat definitiv Grips im Kopf.«
Montecristo wurde rot und murmelte: »Jetzt halt die Klappe und gib lieber die Liste her. Am besten teilen wir sie unter uns auf, dann sind wir doch noch vor morgen früh damit fertig.«