Der Mörder betrat ein Antiquitätengeschäft in der Via Dante Alighieri, jener Straße, die früher eine der renommiertesten der Stadt gewesen war und nun mit jedem weiteren Jahr einen unaufhaltsamen Niedergang erlebte. Er begrüßte mit einem Kopfnicken den Geschäftsinhaber, der mit einem Kreuzworträtsel beschäftigt war, und gab damit zu verstehen, dass er sich nur umsehen wollte. Gelassen schlenderte er dann zwischen den historischen Möbeln und antiken Gegenständen herum. Der Plan, den er mit so viel Geduld und Präzision ersonnen hatte, näherte sich seiner Vollendung. Nur noch eine Person musste beseitigt werden. Die letzte. Erst dann würde er wieder zu seinem Leben zurückkehren können, mit der befriedigenden Gewissheit, dass er etwas Konkretes getan hatte. Für sie.
Aus der Werkstatt im hinteren Teil des Geschäfts drangen chemische Gerüche von den Substanzen, die für die Restaurierung von Möbeln verwendet wurden. Dieser Gestank vermischte sich mit dem charakteristischen Duft des Holzes, dem herben Geruch von Naphtalin und den süßlichen Ausdünstungen der Stuhl- und Sesselpolsterungen, die nun, ihrer einstigen Besitzer verwaist, Staub ansetzten. Fast niemand interessierte sich noch für all diesen »alten Plunder«, wie es ein Pärchen bezeichnet hatte, das sich einige Sekunden im Laden umgesehen hatte. Auch der Mörder hegte kein besonderes Interesse an diesen antiquierten Gegenständen. Vielmehr stimmten sie ihn traurig, weil sie in seinen Augen den offensichtlichen Beleg für die unerbittlich und grausam verstreichende Zeit darstellten, jene Zeit, die ihn in dem tosenden Meer seiner Einsamkeit zu ertränken suchte.
Wie poetisch du heute bist, zog er sich selbst auf. Du wirst wirklich alt.
Der Mann streifte zwischen Kommoden, Kredenzen, Vitrinen und allen möglichen Möbelstücken aus dem 19. Jahrhundert herum. Er durchforstete mit den Augen Porzellan, verknitterte Drucke, Tafelsilber, in die Jahre gekommene Kleidungsstücke, verrostete Kerzenhalter, alte Puppen von verstörendem Aussehen und Handschuhe von kleinen Mädchen, die inzwischen seit Jahrhunderten tot waren, doch das, wonach er suchte, konnte er nirgends entdecken. Er hätte den Ladenbesitzer fragen können, der wie viele seiner Kollegen den Eindruck eines verhärmten und misstrauischen Einzelgängers machte, der es leid war, von den Kunden wie ein Trödler behandelt zu werden und nicht wie ein Händler antiker Kunstgegenstände. Aber seine Nachfrage hätte dem Verkäufer womöglich einen Floh ins Ohr gesetzt und ihn damit in einen unbequemen Zeugen verwandelt. Also wappnete er sich mit Geduld und setzte seine mühselige Suche fort, in der festen Überzeugung, dass unter all dem Kram das Objekt seiner Begierde zum Vorschein kommen würde.
Als er beinahe die Hoffnung verloren hatte, entdeckte er sie. Sie versank fast in einer Truhe, die dem Vergessen anheimgegeben worden war und in die der Antiquitätenhändler Trophäen aus dem Freiheitskampf Garibaldis, Nippes, verblichene Zeitschriften und anderen Krempel, der keine prominentere Platzierung verdiente, achtlos hineingeworfen hatte. Der Mörder nahm sie in die Hand und wischte den Staub fort, wodurch er wertvolle, ins Holz geschnitzte Ornamente freilegte. Er drehte sie um und sah dem feinen Sand zu, wie er von einem Glaskolben in den anderen rieselte, wobei er sich fragte, wann die Körnchen wohl zum letzten Mal den Platz gewechselt hatten.
Vielleicht warst du da noch nicht einmal geboren, sagte er sich.
Vorsichtig sah er sich um. Er war allein im Geschäft, und der Eigentümer saß in einer Ecke, aus der er ihn nicht sehen konnte, außerdem war er immer noch mit seinem Kreuzworträtsel beschäftigt. Langsam ließ der Mörder die Sanduhr in eine seiner weiten Manteltaschen gleiten. Dann schlenderte er nonchalant zur Kasse, in der Hand ein halbes Dutzend alter Liebesromane, die er aus einem Regal gezogen hatte, wo sie wild übereinandergestapelt waren.
Der Antiquitätenhändler musterte ihn neugierig.
»Die sind für meine Mutter. Sie ist sehr alt und lässt sich diese Geschichten gerne vorlesen. Sie erinnern sie an ihre Jugend.«
Der Händler lächelte höflich. Er hatte den Diebstahl nicht im Geringsten bemerkt. »Soll ich sie Ihnen einpacken?«
»Nein danke, das ist nicht nötig«, erwiderte der Mörder und legte den fälligen Betrag in bar auf den Tresen.
»Niemand liest mehr solche Romane«, bemerkte der Händler, als er ihm das Restgeld gab. »Diese Schriftstellerinnen sind inzwischen alle vergessen. Sehr bedauerlich.«
»Wir haben inzwischen alle nur noch ein sehr kurzes Gedächtnis. Das ist die wahre Krankheit dieses Jahrhunderts«, gab der Mörder zurück, während er die Bücher in einen Leinenbeutel packte.
»Da haben Sie recht.« Der Händler sah seinem anonymen Kunden hinterher, bis dieser den Laden verlassen hatte. Nachdem er das Geld im Innenfach der Kasse verstaut hatte, kehrte er wieder zu seinem Kreuzworträtsel zurück und hatte diesen Verkauf schon wieder vergessen. Ganz so, wie der Mörder es sich gewünscht hatte.