Ispettore Flavio Caruso und Sovrintendente Angela Dimase von der Kriminalpolizei Cagliari betraten sichtlich amüsiert die Buchhandlung.

»Oh Mann, wir haben draußen nur fünf Minuten Zigarettenpause gemacht, und in der Zeit konnten wir zusehen, wie zwei Tussis schäumend vor Wut und laut fluchend aus deinem Laden rauskamen. Du hast es echt drauf mit der Kundenbindung, was, Montecri’? Was haben die dir denn getan?«, fragte Caruso lachend.

»Das waren keine Kundinnen. Nur Nervensägen«, antwortete der Buchhändler seinem Gegenüber, dem man deutlich anhörte, dass er aus Rom und nicht aus Sardinien kam.

»Der Tag geht ja gut los. Und es ist gerade mal neun.«

Montecristo musterte Caruso: Er war ein attraktiver Mann um die fünfzig, der ein Double von Marcello Mastroianni hätte sein können. Er trug einen schwarzen Anzug mit gleichfarbiger Krawatte und dazu ein blütenweißes Oberhemd. In der Hand hielt er eine Sonnenbrille von Versace. Montecristo wusste, dass Caruso nach außen etwas nonchalant wirkte, aber sich hinter dieser Art ein guter Mann und tougher Polizist verbarg. Angela Dimase hatte ihm erzählt, dass Caruso vor ein paar Jahren in einen tragischen Fall verwickelt gewesen war und gerade noch einmal die Kurve gekriegt hatte, bevor er im Meer der Schuldgefühle versank.

»Das Absurde am heutigen Tag ist, dass er so gut

»Hör mal, wie geschliffen er redet …«, sagte Caruso zu seiner Kollegin. »Man merkt doch gleich, dass das ein Mann von Kultur ist.«

»Kultur?«, fragte Angela Dimase entrüstet und sah sich um. »Seit wann sind Krimis Kultur?«

»Was möchtest du damit andeuten?«, fragte Montecristo pikiert.

»Ach nichts, gar nichts«, wiegelte sie ab, während sie weiter misstrauisch die Regale beäugte, auf denen Hunderte Thriller und Kriminalromane versammelt waren. Les Chats Noirs war eine kleine Buchhandlung, die sich auf Kriminalliteratur spezialisiert hatte; in der ganzen Stadt gab es kein vergleichbares Angebot in diesem Genre.

»Hm, ich folgere, dass ihr nicht gekommen seid, um etwas zu kaufen.«

»Da hast du recht«, erwiderte Caruso. »Wir müssen so viele Akten, Protokolle und andere Dokumente lesen … und dann auch noch Bücher? Ausgerechnet Bücher über Morde und Ermittlungen? Nein, bitte nicht.«

»Das tut mir leid für euch. Ihr wisst nicht, was euch entgeht. Also, warum seid ihr hier?«

»Du musst uns einen Gefallen tun«, begann Angela Dimase.

Montecristo sah sie an. Ihr üppig gelocktes, lila gefärbtes Haar war zu einem Bob geschnitten: Die fluoreszierenden Strähnen hatten Glanzeffekte in Lila und Lavendel, die im Dunkeln leuchteten wie Neonfarben. Ihre hochgewachsene, schlanke und muskulöse Figur kam in dem kurzen bordeauxfarbenen Ledermantel und einer schwarzen hautengen Jeans besonders gut zur Geltung, die

»Was für einen Gefallen?«, fragte Montecristo, bemüht, sich nicht von ihrem athletischen Körper ablenken zu lassen, sondern ihr in die Augen zu schauen. Sie waren beide um die vierzig, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund sah Angela Dimase mindestens zehn Jahre jünger aus.

»Einen von der Sorte, die du nicht ablehnen kannst«, antwortete sie.

»Vergiss es. Ich habe meine Schuldigkeit getan und werde mich nicht noch einmal zur Verfügung stellen.«

Caruso und Dimase tauschten einen verschwörerischen Blick.

»Diesmal liegt der Fall anders«, erklärte Caruso. »Es dauerte auch nicht lange. Versprochen.«

»Auf gar keinen Fall. Ich habe ein Unternehmen zu führen.«

»Na, die Geschäfte laufen ja prächtig, wie ich sehe«, spottete Angela Dimase, vollführte eine demonstrative Drehung in der leeren Buchhandlung und tänzelte auf ihn zu. Sie wusste sehr genau, wie verführerisch sie auf ihn wirkte und ließ keine Gelegenheit aus, ihn zum Erröten zu bringen. Und das gelang ihr regelmäßig.

»Ich glaube kaum, dass dir enorme Einnahmen entgehen, wenn wir dich für ein Stündchen von hier entführen, oder?«, fuhr sie fort. »Und um halb zehn kommt sowieso Patricia, um dich zu unterstützen …«

»Ja, aber …«

»Nur eine Stunde, versprochen«, bezirzte sie ihn, indem sie ihm eine Hand auf die Brust legte und ihn mit ihrem Blick in ihren Bann zog.

Wie immer ergab sich seine Vernunft in ihrer Gegenwart

»Ich bin mit dem Motorrad hier«, stammelte er.

»Wissen wir. Dieses Schrottteil ist nur schwer zu übersehen«, bemerkte Caruso.

Montecristo warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Heute regnet es nur Komplimente, was?«

»Komm schon, Dimase, Abmarsch … und du, beweg dich, Montecri’. Wir erwarten dich im Präsidium.«

»Der Bart steht dir wirklich gut, weißt du?« Angela Dimase strich ihrem Jugendfreund über die stoppelige Wange. »Das bisschen Grau darin stört überhaupt nicht. Das lässt dich irgendwie wie einen Mann von Welt wirken.«

»Hör auf, mir zu schmeicheln. Kannst du mir wenigstens sagen, was ihr von mir wollt?«

»Das ist leider nichts Angenehmes«, sagte Dimase leise und war schlagartig wieder ernst.

»Na klar …«, erwiderte Montecristo. »Ich wusste doch, dass es ein Scheißtag werden würde.«

»Sei aber vorsichtig auf deiner Klapperkiste, hörst du?«

»Von wegen Klapperkiste.«

Die Polizistin lachte und folgte ihrem Kollegen.

Während er ihr nachsah, wie sie mit wiegenden Hüften verschwand, bemerkte Marzio Montecristo, dass seine beiden schwarzen Katzen aufgewacht waren und sich auf dem Tresen ausgestreckt hatten. Ihre Blicke galten ebenfalls Angela. Aber im Gegensatz zu ihm lag in ihren bernsteinfarbenen Augen tiefes Misstrauen.

»Sie hasst Kriminalromane, das ist eine Todsünde. Aber ich bin schon verrückt nach ihr, seit ich ein Teenager war«, erklärte er Miss Marple und Poirot, den beiden Katzen, die sich einfach selbst in der Buchhandlung niedergelassen und sie in Besitz genommen hatten.

»Ich weiß, ich weiß, aber manche Schwärmereien legen sich nie«, antwortete Montecristo. Miss Marple schien verschwörerisch zu blinzeln, voller Verständnis.

»Jetzt redest du auch schon mit den Katzen?«, hörte er eine Frauenstimme hinter sich sagen. Es war Patricia, eine junge Frau mit eritreischen Wurzeln, die ihm in der Buchhandlung aushalf.

»Sonst hört mir ja niemand zu. Anwesende eingeschlossen.«

Die junge Frau lächelte. »Ich bin Angela und Caruso begegnet. Waren sie deinetwegen hier?«

»Genau. Ich muss mit ihnen weg. Aber es dauert nur eine Stunde.«

»Ach, hat dich endlich mal ein Kunde angezeigt?«

»Sehr witzig.«

»Soll ich einen guten Anwalt für dich anrufen?«, fuhr Patricia fort und streichelte dabei die beiden Katzen, die der Buchhandlung Namen und Glanz verliehen.

»Hör sofort auf, oder ich schmeiß dich raus.«

»Tut mir leid, das glaub ich dir nicht. Du bist der typische Brummbär, Chef. Du bellst, aber du beißt nicht.«

»Leck mich doch, Patricia … Du bist auch so eine Frau, die mich nur ausnutzt.« Montecristo griff sich Helm und Jacke. »Ich geh mal und höre, was diese beiden Nervensägen von mir wollen. Wenn du mich brauchst, ruf an, dann komm ich sofort zurück.«

»Okay, Boss.«

»Und nenn mich nicht ›Boss‹, verdammt noch mal. Wenn das jemand hört, bei deiner Hautfarbe, dann gelte ich auch noch als Rassist.«

»Okay, Herr«, verspottete Patricia ihn. »Besser so?«

»Ja, ich weiß, ich soll dich am Arsch lecken.«

»Gutes Mädchen«, sagte Montecristo grinsend, während er die Tür hinter sich schloss.