Montecristo merkte, wie sein Handy in der Tasche vibrierte, und löste seine Augen von der Geometrieaufgabe, die Lorenzo gerade beendete. Es war eine Nachricht von Angela Dimase. Als er sie las, begriff er, dass absurderweise wieder alles in seinen Händen lag. Oder besser: in denen seines ehemaligen Schülers.

Während der Junge den Umfang und die Fläche der Raute aus seiner Aufgabe berechnete, schrieb Montecristo an die Dienstagsdetektive, die sich auf verschiedenen »Missionen« befanden, um Elemente zusammenzutragen, die ihre These untermauern würden. Gibt’s was Neues?, tippte er ein. Einer nach dem anderen antwortete, dass sich aktuell noch keine neuen Entwicklungen ergeben hätten.

Beunruhigt wandte Montecristo sich wieder den Berechnungen des Jungen zu.

»Bitte sehr«, sagte Lorenzo schließlich und reichte ihm das Heft.

Montecristo überprüfte die Aufgaben und wuschelte ihm schließlich mit einem zufriedenen Lächeln durch die Haare. »Sehr gut. Wenn ich dein Lehrer wäre, dann würde ich dir dafür eine Zwei plus geben. Deine Klassenarbeit wirst du mit der vollen Punktzahl schaffen.«

»Danke.«

»Aber nicht doch … Jetzt räum die Hefte und den Schulrucksack weg. Bevor ich gehe, muss ich dir noch was zu den Ermittlungen zeigen. Meinst du, du schaffst das? Es dauert nur eine Minute.«

Während der Junge den Tisch leer räumte, ging Montecristo zu Ilaria Saccon und erklärte ihr leise, was er im Sinn hatte, um sich ihr Einverständnis einzuholen.

»Die Staatsanwältin weiß darüber Bescheid?«

»Natürlich. Sonst hätte sie mir auch niemals die Erlaubnis erteilt hierherzukommen.«

Die Therapeutin zögerte – sie befürchtete, dass das, was Montecristo vorhatte, jenes Minimum an psychologischem Gleichgewicht untergraben könnte, das Lorenzo gerade wiedererlangt hatte. »Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist … Ist das wirklich notwendig?«

Montecristo kontrollierte noch einmal sein Smartphone: keine neue Nachricht, weder von den Polizeibeamten noch von seinen Freunden aus dem Lesekreis. »Ja«, sagte er deshalb und blickte ihr fest in die Augen. »Es ist von absoluter Wichtigkeit für die Lösung der Mordfälle.«

Ilaria Saccon verschränkte besorgt die Arme vor der Brust, nickte aber schließlich.

»Fertig«, verkündete Lorenzo, als Montecristo zu ihm zurückkam. »Was wolltest du mir denn zeigen?«

»Ich muss dir ein paar Bilder zeigen. Und du sagst mir einfach, ob du eine dieser Personen kennst.«

Aus einer Aktenmappe, die ihm Caruso übergeben hatte, zog Montecristo einige Fotos und legte sie vor dem Jungen auf den Tisch. Sie zeigten Antonio Atzori, Michela Onnis und Samuele Patteri, einige der Opfer des Killers. »Sind die dir jemals begegnet oder erinnerst du dich, dass du sie irgendwo zusammen mit deinen Eltern gesehen hast?«

Lorenzo schüttelte entschieden den Kopf. »Die habe ich noch nie gesehen.«

»Gut. Dann noch eines.«

Diesmal zeigte ihm Montecristo das Foto vom

»Oh, war der da jung …«, sagte der Junge leise und zeigte auf seinen Vater.

»Abgesehen von deinem Papa, erkennst du da sonst noch jemanden?«

Lorenzo schaute sich die Gesichter von Elena und Riccardo Patteri, Silvana Atzori, Emanuele Cogoni und den zwei anderen Männern an, die Tiziana D’Ambrosio bereits unter Polizeischutz gestellt hatte, weil sie die nächsten möglichen Opfer des Killers sein könnten.

»Nein, tut mir leid.«

Also muss Vincis alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen haben, überlegte Montecristo. »Jetzt noch das allerletzte, versprochen, dann lass ich dich in Ruhe.« Montecristo hielt kurz den Atem an und zeigte ihm das Bild, das seiner Meinung nach und auch nach Meinung seiner Krimigefährten den Mörder zeigte. »Und der hier?«

Der Junge runzelte schlagartig die Stirn und studierte schweigend das Foto, als hätte er Schwierigkeiten, diese Gesichtszüge mit seiner Erinnerung in Einklang zu bringen. Daher beschloss Montecristo, ihm eine Hilfestellung zu geben, und holte das Bild hervor, auf dem Maina das Foto mit einer Grafiksoftware bearbeitet und eine schwarze Sturmhaube darübergelegt hatte. »Und jetzt?«

Als einzige Antwort weiteten sich Lorenzos Augen, er schluchzte auf und fing an zu weinen. »Das ist er!«, sagte er immer wieder, wenn er nicht gerade schluchzte, und flüchtete sich in die Arme von Ilaria Saccon.

Montecristo nickte ernst und legte die Bilder zurück in die Aktenmappe. Er hatte gehofft, er würde sich irren. Stattdessen hatten die Tränen des Kindes seine Ahnung bestätigt.