Montecristo schenkte sich noch zwei Fingerbreit Sherry ein und setzte sich wieder. Diesmal rückte er seinen Sessel vor den Halbkreis, den die Leseklubmitglieder gebildet hatten. Die beiden schwarzen Katzen gesellten sich wieder dicht an seine Seite, fast als seien sie ein Teil von ihm. Der Buchhändler nahm einen Schluck, und während der seidige weiche Geschmack des Harveys seinem Gaumen schmeichelte, ergriff er das Wort: »Anfangs gab es keinen bestimmten Grund für meinen Verdacht, es war mehr eine Reihe von Elementen, die mich erst stutzig machten, sich dann zu Indizien verstärkten und erst später zu Beweisen … Wenn ich aber den genauen Moment nennen sollte, an dem mein Verdacht geweckt wurde, dann war das bestimmt, als Sie Ihren Hut hier in der Buchhandlung auf der Büste von Conan Doyle vergessen hatten – und zwar an dem Abend, als die Familie Patteri ermordet wurde.«

Scalabrini nickte und forderte ihn stumm auf fortzufahren.

»Es war so merkwürdig, dass Sie – einer der präzisesten und aufmerksamsten Menschen, die ich je kennengelernt habe – einen Gegenstand vergessen haben, der untrennbar mit Ihnen verbunden ist. Ich habe versucht, Sie anzurufen, aber Ihr Handy war ausgeschaltet. Also habe ich angenommen, Sie hätten vielleicht vergessen, es nach unserem Treffen wieder einzuschalten, aber das wären schon zwei Versehen gewesen, und da habe ich mir gesagt, das

»Sie hatten Ihren Hut vergessen, weil Sie nervös waren und vielleicht auch ein wenig fassungslos: An jenem Abend hatten Caruso und Dimase uns doch glatt in Ihren Fall einbezogen. Das hat Sie komplett durcheinandergebracht, stimmt’s?«, fragte Maina.

Scalabrini nickte. »Das mit dem Hut war ein doppelter Fehler«, überlegte er laut.

»Ganz genau«, bestätigte Montecristo. »Bei unserem nächsten Treffen habe ich, vielleicht aus diesem unterschwelligen Gefühl heraus, das ich aber noch nicht so recht zu fassen bekam, Ihren Hut auf die Büste von Agatha Christie gesetzt, weil ich sehen wollte, wie Sie darauf reagierten. Und Sie haben ihn von dort genommen, ohne etwas zu sagen, ja ohne überhaupt zu bemerken, dass der Hut seinen Platz gewechselt hatte. An sich war das nichts Dramatisches: Das Ganze konnte auch nichts zu bedeuten haben, aber mein Kopf hatte alles registriert. Die Saat des Zweifels war gesät.«

»Das zweite entscheidende Element, das zu Ihnen führte, war Ihr Nachname«, fuhr Maina fort. »Sie sind nicht von

»Unter anderen Umständen wäre mir vielleicht nichts aufgefallen«, räumte Montecristo ein. »Aber da war dieser verdammte Zweifel, dieses nicht greifbare Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, und das hat mich dazu gebracht, diesen Nachnamen mit Ihnen in Verbindung zu bringen und nachzusehen, ob es irgendeine Gemeinsamkeit gab. Und da kam dann Signora Solinas ins Spiel.«

Die alte Dame ergriff lächelnd das Wort: »Marzio hatte mir gesagt, dass Ihre Nachbarin sich in jener Nacht als ziemliche Plaudertasche erwiesen hatte, deshalb habe ich sie aufgesucht, und wir haben uns im Handumdrehen angefreundet. Sie hat mir erzählt, dass Sie seit Jahren verwitwet wären, aber dass Sie eine Tochter hätten, Sabrina, die infolge eines Unfalls, der vor Jahren geschehen sei, als sie die Universität besuchte, im Wachkoma in einer Klinik läge. Sabrina Scalabrini hat Jura studiert und war tatsächlich eine Kommilitonin der Opfer. Nach Aussage dieser redseligen Nachbarin haben Sie keine Verwandten auf

Montecristo bemerkte, dass Scalabrini nichts mehr im Glas hatte. Er ahnte, dass der andere dies jetzt brauchte, und goss ihm noch einen großen Schluck Sherry ein. Der alte Herr dankte es ihm mit einem Kopfnicken.

»Dann hat Marzio sich an mich gewandt und mich gebeten, Ihrer Tochter in der Einrichtung, in der sie liegt, einen Besuch abzustatten«, fuhr Fra Raimondo mit ruhiger, schmerzerfüllter Stimme fort, die so gar nicht zu seinem bärenhaften Erscheinungsbild passen wollte. »Ich muss sagen, da war meine Kutte sehr hilfreich, niemand ist misstrauisch geworden … Das Erste, was ich bemerkt habe, abgesehen von der armen jungen Frau natürlich, waren die Romane auf dem Nachttisch neben ihr.«

Scalabrini lächelte traurig.

»Es waren nicht nur alles Kriminalromane, sondern genau dieselben, die wir hier in den vergangenen Monaten gelesen und besprochen haben. Eine der Krankenschwestern hat mir erzählt, dass Sie gewöhnlich Ihrer Tochter daraus vorlesen, auch wenn sie nicht einmal … Sie wissen schon, was ich meine.«

»In der Zwischenzeit hatte die Polizei die Passagierlisten der Flüge von Cagliari nach Mailand und zurück erhalten, ebenso die Übernachtungsnachweise aus Hotels, Pensionen und Bed and Breakfasts in Saronno«, fuhr Montecristo fort. »In letzter Zeit sind Sie mehrmals dorthin geflogen und haben vier Mal in Saronno übernachtet. Jedes Mal in einer anderen Unterkunft. In der Nacht, in der die Patteri ermordet wurden, sind Sie von Cagliari nach Mailand Linate geflogen. Und die Überwachungskameras am Flughafen haben aufgezeichnet, wie Sie dort in ein Taxi stiegen. Mittels des Autokennzeichens

»Während sich all diese Indizien gegen Sie häuften«, ergriff nun wieder Signora Solinas das Wort, »hat Marzio mich, Maina und Fra Raimondo mit einem Foto von Ihnen zu den Trödelläden in Cagliari ausgeschickt. Zwei der Händler haben Sie wiedererkannt. Sie hatten bei ihnen alte Sanduhren gekauft.«

»Nun war der Corpus der Beweise beinahe lückenlos«, sagte Montecristo. »Es fehlte nur ein letztes Detail, der Schlüsselbeweis: Ich habe Ihr Foto meinem ehemaligen Schüler gezeigt. Maina hatte das Foto mit einem Grafikprogramm bearbeitet und eine schwarze Sturmhaube über Ihr Gesicht gelegt … Lorenzo hat Ihre Augen sofort wiedererkannt.«

»Von da an wurden Sie von Polizisten in Zivil observiert, die auch Ihre Wohnung in Ihrer Abwesenheit durchsucht haben. Sie haben die Videoaufzeichnungen der Morde gefunden«, erklärte Maina Scalabrini.

»Die Pistole und der Schalldämpfer hingegen waren im Zimmer Ihrer Tochter in der Klinik versteckt, und zwar im Schrank unter einem doppelten Boden«, fuhr Fra Raimondo fort, während er seinen vom Gebrauch abgenutzten Rosenkranz zwischen den Fingern drehte. »Ein genialer Schachzug. Niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, dort nachzusehen.«

»Dass Sie in diesen Jahren so viele Krimis gelesen haben, war bestimmt hilfreich, stimmt’s?«, bemerkte Montecristo.