»Ich erhielt ein Paket von einem gewissen Emanuele Cogoni. Der mir unbekannt war. Als ich es öffnete, fand ich ein Heft darin. Ich las es und stellte fest, dass es eine lange Beichte für mich enthielt. Cogoni begann damit, dass er sich umbringen würde. ›Wenn Sie dieses Tagebuch lesen‹, schrieb er, ›werde ich bereits tot sein.‹
Einige Tage später sollte ich feststellen, dass es stimmte, denn ich wohnte seinem Begräbnis bei … Das Tagebuch war ein ehrliches und detailliertes Geständnis dessen, was in dieser verfluchten Nacht geschehen war, es führte alle Namen der Beteiligten und sogar ihre Adressen auf. Nicola Vincis, Silvana Atzori, Elena und Riccardo Patteri, Giulia Pes und Emanuele Cogoni hatten damals meine Tochter zu einer privaten Feier in das Strandhaus der Patteri eingeladen. Alle studierten mit ihr Jura. Und jedem von ihnen war Sabrina ein Dorn im Auge, weil sie die Prüfungen mit links geschafft hatte, während die anderen schon einige Male durchgefallen waren, außerdem ärgerte es sie, dass sie bei allen Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern so hoch angesehen war, weil sie derart ernsthaft und unbeirrbar ihren Weg verfolgte und sich durch nichts von ihrem Studium abbringen ließ. Kurz gesagt: Sie hassten Sabrina. Und so hatten sie beschlossen, sie dafür büßen zu lassen. Hinter dieser Einladung verbarg sich in Wirklichkeit ein ausgeklügelter Plan, um es ihr heimzuzahlen. Sie gaben ihr zu trinken. Und als sie betrunken war – sie hatte ja keinerlei Erfahrung mit Alkohol –, verabreichten sie ihr ohne ihr Wissen synthetische Drogen, wodurch sie jegliche Hemmungen verlor. Sie machten sich einen Spaß daraus, Sabrina zu demütigen, sie ›auf Abwege zu führen‹, und hatten Sex mit der ›Streberin‹, um auf die Worte von Cogoni zurückzugreifen. Der Cocktail aus Alkohol und Drogen machte sie immer grausamer. Sie reagierten all ihre Frustration als mittelmäßige Studenten an ihr ab. All den Neid, den sie Semester für Semester angehäuft hatten. Die ganze Enttäuschung darüber, dass sie den Erwartungen ihrer Familien nicht genügten. … Angefeuert von den drei Mädchen vergingen sich die Jungen mehrmals an ihr. Sabrina war ja von den Drogen vollkommen weggetreten und ihrer Willkür ganz und gar ausgeliefert.«
Die Dienstagsdetektive hielten den Atem an.
»Während die Männer sie immer brutaler rannahmen, wurde Sabrina schlecht, und sie übergab sich auf einen von ihnen, Nicola Vincis. Der versetzte ihr zur Strafe einen Schlag gegen die Kehle. Sabrina musste sich noch einmal erbrechen und ›beschmutzte‹, wie sie es ausdrückten, damit das Haus der Patteri. Daraufhin hagelte es weitere Schläge. Sabrina versuchte sich zu verteidigen, was die Wut der anderen nur umso mehr schürte. Brutal warfen sie sie vom Bett auf den Boden. Sabrina schlug hart mit dem Kopf auf, sie wurde bewusstlos und verlor Blut. In der Annahme, dass sie schlief, ließen sie sie dort liegen, blutend und bewusstlos, und gingen ins Wohnzimmer, um sich erneut vollzudröhnen. Als sie einige Stunden später versuchten, Sabrina aufzuwecken, stellten sie fest, dass sie zu weit gegangen waren: Sabrina wollte einfach nicht wieder aus der Bewusstlosigkeit auftauchen … Sie versuchten alles Mögliche, legten sie in eine Badewanne und ließen eiskaltes Wasser ein, aber meine Tochter reagierte auf keinerlei Außenreize … Je mehr Zeit verging und je mehr die Wirkung der Drogen bei ihnen nachließ, desto klarer wurde ihnen, was sie getan hatten … In ihrer Not riefen die beiden Geschwister Patteri schließlich ihren Vater Samuele Patteri an, einen Polizeibeamten.«
Während Scalabrini die Ereignisse schilderte, brachten die Mitglieder des Leseklubs die einzelnen Elemente des Verbrechens in Zusammenhang, Spuren und Hinweise ergaben nun einen Sinn. Und das sich abzeichnende Gesamtbild nahm immer schlimmere Formen an.
»Als Patteri vor Ort eintraf, traute er seinen Augen nicht. Als er fragte, was der Auslöser für die brutale Gewalt gewesen sei, und seine Kinder ihm die Nichtigkeit des Anlasses erklärten, hätte er sie beinahe geschlagen … Er hätte es tun sollen. Aber er tat es nicht … Der Mann hatte sofort begriffen, dass dieses Mädchen jeden Augenblick sterben konnte und dass ihr Tod das Leben der Anwesenden für immer zerstören würde. Deshalb entschloss er sich, ihnen zu helfen. Er wies sie an, was sie tun, was sie sagen und wie sie sich verhalten sollten. Dann lud er meine Tochter in ihren Wagen, fuhr zu dem einsamen Feldweg und ließ sie dort liegen. Er bläute seinen Kindern und ihren Freunden ein Alibi ein, säuberte das Haus gründlichst und entfernte verräterische Beweise … Ich denke, Sie verstehen, was passierte. Zur Sicherheit untersagte er ihnen jeglichen freundschaftlichen oder anderen Kontakt miteinander und wies sie an, die Universität zu verlassen und damit jede Verbindung zu Sabrina zu kappen. In jener Nacht schlossen sie einen Pakt. Sie hatten einen furchtbaren Fehler begangen, aber wenn sie sich an Patteris Anordnungen hielten, würden sie davonkommen … Und so war es auch: Jeder deckte den anderen, und niemand hatte sie in Verdacht. Patteri ließ sich versetzen, um Cagliari hinter sich zu lassen und seine Kinder unter Kontrolle zu haben. Er zog mit ihnen nach Busto Arsizio, seinem neuen Arbeitsplatz. Die anderen aus der Gruppe wählten alle neue Berufswege, aber sie hielten sich strikt daran, einander aus dem Weg zu gehen.«
In der Buchhandlung hatte sich eine undurchdringliche Stille ausgebreitet, es herrschte eine Stimmung wie in einer griechischen Tragödie. Fra Raimondo und Camilla Solinas hatten Tränen in den Augen.
»Nun stand ich vor einem großen Problem: Was sollte ich mit Cogonis Beichte anfangen? Ich beschloss, mir Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Und diese Zeit war schlimm für mich. Ich konnte nachts nicht schlafen. Ich träumte, wie meine Tochter schrie und um Hilfe rief. In meinen schlimmsten Träumen rief sie nach mir und flehte mich an, etwas zu unternehmen. Immer wieder las ich wie ein Besessener dieses Tagebuch eines Verbrechens, bis ich Teile davon auswendig kannte. Diese Worte waren wie ein Gift, das meine Seele verätzte. Cogonis Geständnis wurde wie ein Stachel in meinem Fleisch. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Die Bürde dieser schrecklichen Tat brachte mich beinahe um den Verstand. Mein Kopf kehrte immer wieder zu der bewussten Nacht zurück. Zu dem Schrecklichen, was mein Kind hatte durchmachen müssen. Mein Kopf kreiste ständig nur um den Gedanken, was ihr und uns genommen worden war, während diese abscheulichen Menschen weiter ihr Leben lebten, als wäre nichts geschehen. Sie konnten sich verlieben, heiraten, Kinder bekommen und ein glückliches Leben führen … Dieses Tagebuch wurde zu meinem Fluch. Cogoni hätte sein Geheimnis mit ins Grab nehmen und mir wenigstens den Frieden der Unwissenheit zugestehen können. Aber feige wie er war, wollte er sein Gewissen erleichtern und hat die Bürde dieser Nacht auf mich abgewälzt. Er hatte mich gezwungen, mit dieser Wahrheit zu leben. Was hätte ich als Ehemann im Gedenken an meine Frau anderes tun sollen, als Gerechtigkeit zu üben? Und was hätte ich als Vater anderes tun können, als mich zu rächen? Wie hätte ich meine Tochter noch ansehen können, ohne mich zu schämen? Das konnte ich einfach nicht. Deshalb habe ich mich dem Bösen ergeben. Ich habe mir unsere Lektüren zunutze gemacht und meine Rache vorbereitet: Ich bin den Mördern meiner Tochter gefolgt, habe sie ausspioniert und überwacht, habe ihren Tagesablauf, ihre Gewohnheiten studiert, bis ich jede ihrer Bewegungen voraussehen konnte. Ich gestehe, dass die Thriller von Richard Stark und Edward Bunker sowie die Abenteuer von Maurice Leblancs Lupin für mich sehr lehrreich waren, um als Verbrecher umsichtig und tödlich zu agieren.«
Vittorio Scalabrini, der Sanduhrmörder, ertrug mit Würde die Blicke seiner Leseklubgefährten, die in diesem Moment alle nur einen Gedanken hatten: Wie sehr sein Schicksal doch dem von Amanzio Berzaghi glich, einer der wichtigsten Figuren in Giorgio Scerbanencos Ein pflichtbewusster Mörder. Ein Meisterwerk vom Erfinder des italienischen Kriminalromans. Im Leseklub hatten sie das Buch vor einigen Jahren gelesen und darüber diskutiert. Niemand von ihnen hätte sich je vorstellen können, dass sie diese Leseerfahrung damals mit einem schmerzerfüllten Vater geteilt hatten, der genauso nach Rache dürstete wie der Mann in Scerbanencos Roman.
Maina fand als Erste ihre Sprache wieder und wagte eine Frage: »Haben Sie nie daran gedacht, sich an die Polizei zu wenden und …«
»Nach all der Zeit? Das hätte keinen Zweck gehabt. Außerdem war Patteri ja Polizist. Das machte alles komplizierter. Ich konnte mich an niemanden wenden. Es war an mir, hier etwas zu unternehmen.«
»Wo ist das Tagebuch jetzt?«, fragte Montecristo.
»Unterwegs. Ich wollte, dass Dottoressa D’Ambrosio als mit dem Fall betraute Staatsanwältin es erhält, aber erst in ein paar Tagen, wenn meine Arbeit beendet wäre.«
»Haben Sie daran gedacht, alles zu gestehen und sich den Behörden zu stellen?«, fragte Fra Raimondo.
»Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Sobald erledigt war, was erledigt werden musste, hätte ich wohl den letzten Schritt getan.«
»Warum mussten Sie die Leute vor diese schreckliche Wahl stellen, hätte es nicht genügt, sie zu töten?«, fragte Camilla.
Scalabrini zuckte mit den Schultern. »Vielleicht weil auch ich jeden Tag, seit meine Frau mich verlassen hatte, einer quälenden Entscheidung ausgesetzt war, was ich tun sollte: Sollte ich die Stecker von den Apparaten ziehen, die Sabrina am Leben erhielten, oder sie in diesem bedauernswerten Zustand weiterleben lassen? Was war weniger grausam? Die eigene Tochter töten, damit sie aus diesem Zustand befreit wäre, oder sie zu einem so unmenschlichen Zustand verdammen? Diese Frage habe ich mir jeden Tag gestellt. Sie quälte mich, aber ich fand keine Antwort darauf … Ich wusste genau, wie sehr es jemanden vernichten kann, die Entscheidung über Leben oder Tod eines geliebten Menschen treffen zu müssen, weil ich es seit Jahren am eigenen Leib erfahre. Die Täter von damals zu töten wäre eine zu leichte Strafe gewesen. Sie sollten die gleiche Hölle durchmachen wie ich und eine Entscheidung treffen müssen. Denn diese Entscheidung würde sie für immer zerstören. Sie sollten entscheiden müssen, wer zu töten sei. Ich würde nur der Henker sein … Dies war die schlimmste Strafe, die mein Kopf sich ausdenken konnte. Die gleiche, die sie mir unbewusst auferlegt hatten.«
Die Tür zum Nebenraum öffnete sich: Caruso und Dimase betraten den Raum, gefolgt von zwei Beamten in Uniform. In dem Versteck hatten sie Scalabrinis Geständnis mitangehört.
Keineswegs überrascht lächelte dieser nur, stand ergeben auf und hüllte sich in seinen dunklen schweren Mantel, der ihn aufrecht zu halten schien. »Ich bin bereit«, sagte er zu den Polizeibeamten.
»Nur eine letzte Fragte«, hielt Montecristo ihn auf. »Kommen wir zum ersten Mord zurück … Was hätten Sie getan, wenn Vincis sich entschieden hätte, seinen Sohn zu opfern und nicht seine Frau?«
»Ich hätte ihn getötet und die Frau und das Kind am Leben gelassen«, erklärte Scalabrini.
Die Antwort beruhigte Montecristo. Er reichte ihm den Hut, den der alte Mann auf dem Sessel abgelegt hatte.
»Behalten Sie ihn, ich möchte, dass etwas von mir hierbleibt … Und ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen bei Ihnen allen. Ich hätte Sie nie in das alles hineinziehen sollen, aber die Umstände haben mir keine Wahl gelassen. Ich wusste, dass Sie auf mich kommen würden. Es war nur eine Frage der Zeit.« Fra Raimondo weinte. Scalabrini ging zu ihm und legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter. »Bitte besuchen Sie ab und zu meine Tochter, Padre. Das würde mir sehr viel bedeuten.«
»Das werde ich bestimmt tun«, antwortete Fra Raimondo. »Und ich werde auch Sie besuchen, das versichere ich Ihnen.«
»Wir auch«, versprach Montecristo.
Caruso trat vor und holte die Handschellen heraus. Vittorio Scalabrini begriff, dass der Moment gekommen war, und er nickte ergeben. »Ich danke Ihnen allen von ganzem Herzen für die Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Es war mir wirklich eine Freude. Grüßen Sie bitte die Präsidentin von mir.«
Immer noch vollkommen perplex und erschüttert sahen die Dienstagsdetektive zu, wie die Polizeibeamten ihren Freund abführten. Als sie endlich allein waren, richteten Maina, Signora Solinas und Fra Raimondo ihre Blicke erwartungsvoll auf Montecristo. Dieser tauchte erst dann aus seiner Erschütterung auf, als Miss Marple und Poirot in einem seltenen Ausbruch von Zärtlichkeit an seinen Beinen entlangstrichen, als wollten sie ihn trösten.
Montecristo sah in die Runde und verkündete: »Jetzt gehen wir ins Pub und betrinken uns, und ich akzeptiere keine Ausreden!«