Montecristo hatte sich schließlich doch ein Herz gefasst und sich mit ihr im Le Terrazze verabredet, einem der romantischsten Lokale der Stadt mit einem atemberaubenden Blick auf die Bucht von Calamosca. Dieser wunderbare natürliche Meerbusen wurde von zwei majestätischen Landzungen vom Wind geschützt: im Osten vom Capo Sant’Elia, auf dem ein alter Leuchtturm und ein wuchtiger Festungsturm spanischen Ursprungs thronten, im Westen von der Sella del Diavolo, einer wie ein »Teufelssattel« aussehenden Felsformation, die über die Bucht, den glitzernden Sandstrand und das glasklare, in allen Türkistönen schillernde Meer wachte. Der Anblick der sich endlos erstreckenden Weite vermittelte jedem Betrachter unmittelbar ein tiefes Gefühl von Freiheit.

Auf dieser Terrasse, die zwischen Himmel und Meer zu schweben schien, beobachtete Montecristo die untergehende Sonne und sann über die Sanduhrmorde nach. Obwohl die Verhaftung Scalabrinis inzwischen eine Woche zurücklag, war es ihm noch nicht gelungen, sich mit dieser traurigen Wahrheit abzufinden.

»Ciao, Sherlock Holmes«, begrüßte ihn Angela Dimase und setzte sich zu Montecristo an den Tisch, den besten, wie er sich bei der Reservierung von den Kellnern hatte versichern lassen, denn von dort aus war die Aussicht am wunderbarsten. »Wo willst du denn so aufgebrezelt hin? Hast du etwa einen Job in einer Bank ergattert? Ach, endlich eine richtige Arbeit …«

»Ich dachte schon, du würdest mich versetzen.«

»Frauen müssen auf sich warten lassen, das solltest du inzwischen wissen«, erwiderte Dimase und biss in eine der Tartelettes. Für diese Häppchen zum Aperitif war das Lokal berühmt. Sie bestellten eine weitere Spezialität des Hauses, Austern »alla Marilyn«, dazu Prosecco, und genossen schweigend diese magische Atmosphäre, während es immer dunkler wurde und die Nacht allmählich vom Himmel Besitz ergriff. Die Lautsprecher lieferten dazu das stimmungsvolle Pyro der Kings of Leon.

»Es gibt einiges, auf das wir anstoßen müssen«, verkündete Dimase und hob ihr Glas.

»Ach ja? Auf was stoßen wir an?«

»Als Erstes schlage ich vor: auf die Lösung des Falles. Das haben wir ja noch gar nicht gefeiert.«

»Na ja, so viel gibt es da auch nicht zu begehen, Angie. Der Mörder war mitten unter uns …«

»Ich weiß, aber immerhin habt ihr ihn ausfindig gemacht.«

»Das ist ein schwacher Trost, glaub mir.«

»Wie auch immer … Auf die Dienstagsdetektive!«

Sie ließen die Gläser klirren und nahmen einen Schluck.

»Zweiter Trinkspruch«, fuhr Dimase fort.

»Himmel … Du willst mich also unbedingt betrunken machen … Okay. Lass hören.«

»Der Leiter der Mordkommission hat die Unterlagen

»Herzlichen Glückwunsch, Angie. Das hast du dir redlich verdient.«

»Ich muss vor allem dir danken, Marzio. Du warst wirklich … unersetzlich

Dieses Adjektiv rechtfertigte den Ring, den Montecristo in der Jackeninnentasche bei sich trug und für den er sich für mindestens die nächsten zwei Jahre noch weitere Schulden aufgebürdet hatte.

»Unersetzlich …«, wiederholte er. »Das gefällt mir … Zu dem Thema gibt es etwas, das ich dir sagen wollte.«

»Was für ein Zufall! Ich hab dir auch was dazu zu sagen«, verkündete Dimase euphorisch.

»Na dann schieß los.«

»Nein, du zuerst.«

»Wo denkst du hin? Ladies first

»Okay. Schließ die Augen.«

»Wie meinst du das?«

»Was ist daran denn nicht zu verstehen? Schließ einfach die Augen. Press die Lider zusammen. Tu irgendwas, damit du nichts sehen kannst. Stell dich blind für ein paar …«

»Okay, okay, ich hab’s schon kapiert.« Montecristo gehorchte. »Du sagst mir aber, wann ich sie wieder aufmachen darf?«

»Warte noch etwas … noch eine Sekunde … Okay. Jetzt darfst du gucken.«

Montecristo öffnete die Lider und hatte nun Angelas Hand direkt vor den Augen, sie wedelte ihm damit wenige Zentimeter vor der Nase herum. Eine Hand, an der er unmöglich den Diamantring übersehen konnte, der funkelte wie alle Sterne am Firmament zusammen.

Montecristo war wie versteinert.

»Fabrizio?«, stammelte Montecristo ungläubig. »Aber … habt ihr euch nicht getrennt?«

»Ja, aber am Ende ist er zurückgekommen, wir haben uns versöhnt, und endlich hat er sich zu dem Schritt entschlossen, auf den ich schon seit Ewigkeiten gewartet habe. Männer …«

Montecristo kam sich vor wie ein kompletter Vollidiot. Am liebsten wäre er im Boden versunken oder hätte sich in Luft aufgelöst wie ein Geist, stattdessen konnte er nichts anderes tun, als wie gelähmt auf diesen funkelnden Verlobungsring zu starren, der das Zehnfache von seinem armseligen Ring gekostet haben musste.

Du bist ein jämmerliches Würstchen, sagte er sich. Wie hast du dir bloß einbilden können …

»Du wirkst bestürzt.«

»Das bin ich auch.«

»Freust du dich nicht für mich?«

»Freuen? Äh … na klar. Ich hatte nur nicht damit gerechnet.«

»Ich auch nicht, das kannst du mir glauben. Aber wenn dich das jetzt schon geschockt hat, dann wirst du gleich erst recht geschockt sein, wenn du gehört hast, was ich dir noch zu sagen habe.«

»Du bist schwanger?«, kam ihr Montecristo zuvor.

»Ach, erzähl doch keinen Blödsinn, nein! Erheb dein Glas …«

»Angela …«

»Los, erheb dein Glas.«

Im Bann ihrer blauen Augen gehorchte Montecristo wie ein kleines Kind.

»Genug, um einen großen Bogen darum zu machen.«

»Idiot … Du weißt bestimmt, dass es da Brautjungfern, Trauzeugen und so was gibt, oder?«

»Ich mag wie ein tumber Barbar wirken, und oft bin ich das auch, aber ich bin immer noch ein menschliches Wesen, das in einer sozialen Gemeinschaft lebt. Also ja, ich weiß, was eine Hochzeit ist, Angie.«

»Bestens. Denn ich habe dich zu meinem Trauzeugen erwählt.«

Montecristo verschluckte sich am Prosecco. »Entschuldigung … Was hast du gesagt?«

»Ich habe dich zu meinem Trauzeugen erwählt!«

Montecristo nickte und versuchte, die Lippen so zu verziehen, dass es den Anschein eines Lächelns erweckte. Ein eher kompliziertes Unterfangen, schließlich hatte er sich hier mit ihr verabredet, um ihr einen Antrag zu machen, und hatte jetzt nur noch den einen Wunsch, sich von der Terrasse auf die Klippen in der Bucht von Calamosca hinabzustürzen und so seinem Leben ein Ende zu setzen, in der Hoffnung, dass die Möwen seine Überreste fressen und von seiner Existenz auf diesem Planeten keine Spuren übrig bleiben würden.

»Was meinst du? Bist du dabei?«

Montecristo schüttelte ungläubig den Kopf, dann stand er auf und umarmte sie gerührt.

»Na klar bin ich dabei! Ich danke dir von Herzen, dass du an mich gedacht hast, Angie«, flüsterte er ihr ins Ohr und küsste sie auf die Stirn. »Es wird mir eine Ehre sein, an diesem Tag an deiner Seite zu sein.«

»Du bist doch mein bester Freund. Natürlich habe ich da an dich gedacht!«

»Na klar. Und ich bin wirklich geschmeichelt.«

Nachdem sie ausgetrunken hatte, winkte Angela einem Kellner, dann wandte sie sich an Montecristo. »Und du?«

»Ich was?«

»Was wolltest du mir sagen?«

Er zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf. »Ach nichts. Es war nur etwas zum Fall, aber jetzt, nach dieser großartigen Nachricht, habe ich keine Lust mehr, darüber zu reden. Konzentrieren wir uns auf die schönen Dinge.«

»Du hast recht. Apropos: Ich kann es gar nicht erwarten, dir das Kleid zu zeigen, das ich mir ausgesucht habe!«, sagte Dimase aufgekratzt und drückte seine Hand.

Als der Kellner geflissentlich an ihren Tisch kam, orderte Angela noch einen Prosecco. Montecristo dagegen, der wusste, was für ein schlimmer Abend vor ihm lag, nahm einen Whisky. Doppelt. Und pur. Ohne Eis. »Den stärksten, den ihr habt.«

Der Kellner blickte ihm in die traurigen Augen, ehe er die Bestellung in sein Tablet tippte, und begriff sofort, dass Montecristo keinen Drink brauchte, sondern einen Seelentröster. Wieder im Lokal gab er die Bestellung an den Barmann weiter mit der Bitte, bei diesem doppelten Whisky ruhig etwas großzügiger zu sein. Der Barmann nickte und ließ die funkelnde Flüssigkeit länger ins Glas laufen als nötig, wofür Montecristo ihm mehr als dankbar war.