Aeliaki, 1927
Sie stand auf dem Boot und hatte die Arme ausgebreitet. Sie hatte es im Morgengrauen von der Mole gelöst und war hinausgerudert. Das hölzerne Ding war klein wie eine Nussschale, aber absolut seetüchtig. Ihr Mann war damit jeden Tag rausgefahren, um die Familie mit frischem Fisch zu versorgen. Er hatte sie gelehrt, es zu bedienen, und sie hatte ihn oft begleitet, daher waren ihre Arme auch stark und schafften es, das Boot durch die Strömung zu manövrieren. Er hatte sie geachtet und geliebt. Sie hatten das Wagnis auf sich genommen und das Dorf in den Bergen verlassen, waren nach Skaleta ans Meer gewandert, und es war ihnen gelungen, sich hier eine Existenz aufzubauen, doch dann war er an einem Fieber gestorben.
Sie waren glücklich gewesen, obwohl Aeliaki wohl das Manko ihrer Mutter Garyfallia geerbt hatte, nicht so leicht schwanger werden zu können, denn sie war das einzige Kind der Eltern. Ihr kranker Vater hatte sich bis zu seinem Tod auf sie konzentriert, während die Mutter immer am Herumwirbeln gewesen war. Sie hatte dafür gesorgt, dass ihr Mädchen etwas zu essen auf den Tisch bekam und die Kleidung stets sauber und ordentlich geflickt war. Sie hatte sie zärtlich geliebt. Aeliaki hatte sich damit abgefunden, ihren Eltern Tochter und Sohn zugleich zu sein. Sie hatte geholfen, die Ziegen zusammenzurufen und zu melken, und alle Arbeiten im Haus mit ihrer Mutter gemeinsam erledigt. Nach ihrer Heirat und dem mutigen Umzug war dieses Wissen sehr hilfreich gewesen. Später hatte sie das Steuern des Bootes gelernt und wie sie Netze oder die Angel auswerfen musste, wie man den Fang versorgte, indem man die Fische tötete und ausnahm oder den Oktopus zum Trocknen aufhängte, nachdem er geputzt war. Sie konnte aber auch nähen, Wolle herstellen, Leder bearbeiten und kochen. Sie musste sich für all das nicht besonders anstrengen, und doch war es die Liebe zu ihrem Mann gewesen, den das Schicksal ihr beschert hatte, die sie angetrieben hatte, in allem wirklich gut zu sein. Er war ein guter Mann gewesen, auch wenn ihn die Kinderlosigkeit oft an seine Grenzen gebracht hatte. Er hatte dann stets gehofft, seinen Frieden in den Tiefen der Weinflaschen zu finden.
Doch vor rund zwei Jahren war er krank geworden und nicht mehr zu seiner alten Kraft zurückgekehrt. Es begann wie eine Erkältung – mit Husten und Schnupfen. Nach einigen Tagen kam Fieber hinzu, erst nur leicht, sodass er seinen täglichen Aufgaben wie immer nachging. Doch dann wurde es schlimmer. Der eintretende Schüttelfrost schwächte ihn so sehr, dass er das Bett nicht mehr verlassen konnte, und der Husten wurde furchtbar schlimm. Ihre Mutter kam aus den Bergen zu ihr, um ihr zu helfen, doch sie war eine alte Frau und daher nur eine begrenzte Hilfe: Sie kochte Tee und Brühe und brachte immer wieder kühle, saubere Lappen, die Aeliaki ihrem Gatten auf die Stirn legte und um die Waden wickelte, um das Böse der Krankheit aus ihm herauszuziehen. Es dauerte sehr lange, bis er wieder so viel Kraft aufbrachte, dass er ohne Hilfe aufstehen und ein paar Schritte gehen konnte. Sie fuhr in dieser Zeit hinaus, fischte und versorgte die Familie mit Essen. Sie kannte das Meer und wusste um seine Tücken. Sie liebte es, respektierte es aber auch – denn reagierte man unbedacht, nahm es einen einfach mit.
Manchmal tauchte während der schlimmen Zeit eine auslaugende Traurigkeit in ihr auf. Dann wollte Aeliaki sich selbst an den Schultern packen, schütteln und rufen: »Er lebt noch! Siehst du das nicht? Genieße die Zeit mit ihm.« Doch sie wusste irgendwie, dass sie ihn verlieren würde, daher sparte sie sich einfach den Atem für wichtigere Dinge.
Eines Abends saßen sie an seinem Bett und versuchten gemeinsam, das glühende Fieber abzukühlen, als ihre Mutter mit leiser Stimme zu reden begann und ihr vollkommen unvermittelt das Geheimnis der Frauen ihrer Familie anvertraute. Aeliaki hörte zu und nahm staunend zur Kenntnis, dass die Mutter wirklich überzeugt zu sein schien, dass das Meer nicht einfach nur eine Ansammlung salzigen Wassers war, sondern magische Kräfte hatte, derer man sich bedienen konnte. Vorausgesetzt, man wusste, wie.
Sie ließ es lange Zeit unkommentiert und bewegte es in sich. Es handle sich um ein mächtiges Ritual mit starker Kraft, so die Mutter. Es kam Aeliaki verrückt vor, und sie machte sich schon Sorgen, dass die alte Frau langsam den Verstand verlor, ohne dass sie es bemerkte. Doch es arbeitete im Anschluss an diese Offenbarung spürbar in ihr, und irgendwann war es wie eine Art inneres Erwachen: Als hätte sie schon lange gespürt, dass sie etwas Besonderes war und dass ihre Leidenschaft, auf dem Wasser zu sein, nicht nur daher rührte, dem Partner gefallen zu wollen und zur Hand zu gehen. Es war mehr.
Also begann sie, sich damit zu beschäftigen, besorgte Farben und sammelte Steine. Doch dann bremste das Schicksal sie in ihrem Eifer. Ihr Mann kam für wenige Wochen wieder zu Kräften, und sie teilten das Bett miteinander. Es war das letzte Aufbäumen von Körper und Seele, und er starb, bevor sie feststellte, dass sie schwanger war. Ihre Mutter war wieder nach Hause zurückgegangen, und Aeliaki bat sie, von nun an bei ihr zu wohnen. Sie wollte nicht schwanger und allein sein, zumal sich eine Mischung aus Trauer und Freude in ihr breitmachte, die sie ständig weinen ließ. So war sie normalerweise nicht. Sie hatte ihren Mann geliebt, und er war ein guter Mann gewesen. Nun war sie allein – eine Witwe mit sechsundzwanzig und eine späte Mutter. Sie brauchte jemanden an ihrer Seite. Ihre Mutter kam bereitwillig zurück, denn sie liebte ihre Tochter und das Meer sehr.
Nach der Geburt der kleinen Hera 1926 nahm Aeliaki ihr Leben als Fischerin wieder auf und versorgte den Dreifrauenhaushalt mit sicherer Hand. Doch sie vermisste die Liebe in ihrem Leben sehr schnell und erinnerte sich bald wieder an das Ritual. Sie wünschte sich Liebe. Sie wollte nicht so leben: eine einsame dunkel gekleidete Witwe, deren Körper niemand mehr berührte. Liebe war das Wichtigste, wenn es um zwei Menschen ging, denn sie besiegte alles und gab den Partnern die Kraft, selbst die steilsten Anhöhen miteinander zu bewältigen. So hatten sie und ihr Mann es geschafft, die Jahre miteinander zu bestreiten und jeden Tag dankbar dafür zu sein, einander zu haben.
Sie hatte die Steine wiedergefunden, und es hatte lange gedauert, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden war, und nun stand sie hier draußen. Das Meer war spiegelglatt, und die aufgehende Sonne malte ihr Lichterspiel auf die glitzernde Oberfläche. Selbstverständlich hatte sie auch das Netz im Boot, um vielleicht noch ein gutes Mittagessen zu fangen. Doch nun wollte sie das in die Tat umsetzen, was die Mutter ihr einst erklärt hatte. In ihrem Kopf klang das Mantra schon seit Tagen – der Satz, der sie und ihren Wunsch auf einer hohen Gefühlswelle trug: Liebe ist alles. Sie ist der Tag und die Nacht. Sie ist die Nahrung für Körper und Seele. Liebe ist alles, und alles, was ich mir wünsche, ist die aufrichtige Liebe einer reinen Seele.
Sie war sich sicher, dass diese Worte richtig waren und ihr erneut eine erfüllende Beziehung bescheren würden – auch wenn sie anfangs gedacht hatte, dass es vermessen sei, zweimal im Leben ein solches Glück haben zu wollen, wo andere doch niemals glücklich waren und die Ehe nur Leid und Schmerz für sie mit sich brachte. Aber es war den Versuch wert!
Als sie das Boot an der Mole befestigte und ihren Fang des Tages zufrieden nach Hause transportierte, fühlte sie sich rein und kraftvoll. Mit sicheren Schritten ging sie die Dorfstraße entlang, spürte das Lächeln in ihren Zügen und bemerkte nicht, dass eine andere Person auf ebendiese Art aus einer Seitenstraße kam. Sie stießen zusammen, erschraken beide sichtlich, und ihre Blicke trafen sich, als sie sich gegenseitig für ihre Unachtsamkeit entschuldigten. Aeliaki wusste nicht, wie ihr geschah, es war, als schlüge ein Blitz ein, und die Worte, die sie noch vor wenigen Stunden draußen auf dem Meer mal laut, mal leise und mal in Gedanken ausgesprochen hatte, hallten nun in ihrem Kopf nach. Was war hier los? Liebe – reine Liebe, skandierte ihr Herz, und sie schüttelte sich, beinahe unangenehm berührt von dem, was in ihr vorging. Das war doch vollkommen verrückt. So schnell konnte es doch nicht gehen. Sie hatte die Worte sorgsam gewählt. Ihre Mutter hatte – nach dem, was ihrer Familie durch zu unachtsam gewählte Worte im Ritual bereits zugestoßen war – mehrfach verdeutlicht, dass es ganz entscheidend war, was man sagte und schrieb. Garyfallia hatte die Augen aufgerissen und mit einem Zittern in der Stimme gesagt, dass die falschen Worte eine Katastrophe auslösen konnten, auch wenn ihr eigener Wunsch für ihre Tochter durchaus Gutes gebracht hatte. Aeliaki hatte zugehört und alles ernst genommen, doch gleichzeitig war es ihr auch übertrieben erschienen. Trotzdem hatte sie lange an ihren Worten gefeilt, um ein gutes Mantra zu erschaffen.
Jetzt spürte sie, wie ihr Herz zu rasen begann, denn da, wo sie geglaubt hatte, alles bedacht zu haben, tauchte plötzlich ein Spielraum auf, der so groß und unfassbar war, dass sie am liebsten weggerannt wäre. Aber ihre Beine gehorchten ihr nicht, und die fremden Augen trafen auf ihre Seele, offenbarten sich. Es war, als würden sich zwei Teile ineinanderfügen und endlich ihren angestammten Platz finden.
»Ich bin Sotiria, und wie heißt du?« Die Frau reichte ihr die Hand, und obwohl alles in Aeliaki warnend Achtung! Lauf weg! schrie, ergriff sie die Hand – und als Haut an Haut lag, wurde ihr bewusst, was es bedeutete, wenn man vom Blitz getroffen wurde.
So war es also, wenn man die Worte sorgfältig gewählt und doch etwas Elementares vergessen hatte.