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Die Strömung zerrte unbarmherzig am Kiel des Küstenbootes. Noch hielt die Schiffsleine der Kraft stand, noch umklammerten die Haken des Steges tapfer die Leitersprossen. Doch beides konnte sich jeden Moment ändern. Anton wusste, dass ihm keine Zeit blieb. Tomasz bekräftigte diese Einsicht mit einer unmissverständlichen Geste. Trotzdem machte Anton noch einmal kehrt. Durchnässt bis auf die Haut kletterte er zurück ins Steuerhaus und ging zum Waffensafe. Er nahm seine Pistole heraus und befestigte das Holster an seinem Gürtel.

»Du hast hoffentlich nicht vor, die zu benutzen.« Hansen hatte es endgültig aufgegeben, Anton von seinem Selbstmordkommando abzubringen.

»Nicht, wenn es sich vermeiden lässt.« Die Gefahr von Querschlägern wäre im Innern des Turms verdammt groß. Aber Anton hielt es für besser, auf alles vorbereitet zu sein. Neuer Argwohn überschwemmte ihn, als er beobachtete, wie Hansen sich ebenfalls eine Waffe umschnallte.

»Was hast du vor?«

»Ich begleite dich. Oder hast du ernsthaft geglaubt, ich lass dich allein da rauf?«

»Den Physikunterricht habt ihr komplett verschlafen, oder?«, mischte sich Dorothea ein. »Da draußen tobt ein Gewitter. Dieser Turm dort besteht aus purem Stahl. Er ist der höchste Punkt weit und breit. Na, klingelt da etwas im Oberstübchen?«

Anton stieß sie achtlos zur Seite.

»Hey, Leute, könntet ihr vielleicht endlich zur Vernunft kommen?«, versuchte es Hauke mit unverhohlener Verzweiflung in der Stimme. »Ihr habt wirklich eine Mordsshow geliefert. Aber da draußen blitzt es gewaltig. Schon klar, das erhöht den Nervenkitzel und so. Aber nicht einmal Adrenalinjunkies sind gegen eine Millionen-Volt-Ladung immun.« Seine Stimme drohte, sich zu überschlagen.

»Dann bete einfach für uns, dass es nicht so weit kommt«, entgegnete Anton.

Endlich trat er zurück an Deck. Mit einem knappen Nicken signalisierte er Tomasz, dass er bereit war. Dann gewahrte er eine zweite Person, die Tomasz half, den Steg so gut es ging mit Muskelkraft am Abrutschen zu hindern. Gero. Anton legte ihm flüchtig eine Hand auf die Schulter, bevor er sich auf alle viere niederließ. Aufrecht stehend hätte er keine Chance, die Leiter zu erreichen, ohne vom Sturm erfasst und durch die Luft geschleudert zu werden. Er musste auf den Knien hinüberkriechen.

Ein Schauer durchrieselte seinen Körper. Einen Atemzug lang genoss er dieses eigentümliche Gefühl der bevorstehenden Gefahr. Mit zorniger Verbissenheit machte er sich auf den Weg. Der Steg buckelte bei jeder Welle wie ein Mustang beim Rodeo. Einige Meter darunter brodelte die Nordsee wie ein Hexenkessel. Unmittelbar neben ihm ragten die mächtigen Dalben rabenschwarz in den Unwetterhimmel. Ihre Zinken grinsten wie die Zähne eines Ungeheuers. Ein gewaltiger Schwall salzige Gischt spritzte Anton in die Augen, gerade als ein gleißender Blitz durch die zunehmende Abenddämmerung zuckte. Für einen kurzen Moment schienen die gezackten Pfähle zum Leben zu erwachen, als lechzten sie danach, alles zu verschlingen, was sich dem Leuchtturm näherte. Nur so zum Spaß.

Zentimeter für Zentimeter überwand Anton die Strecke. Die eiserne Turmleiter befand sich nun direkt vor seiner Stirn. Um nach einer Sprosse zu greifen, musste er den Halt auf dem Steg aufgeben. Er wartete auf einen Moment, der ihm weniger dramatisch erschien als der davor. Und erklomm die Leiter, den Blick starr auf die weit geöffnete Tür geheftet.

Wer auch immer ihn erwartete, ließ sich nicht blicken.