A.   Rationalismus

 

Unter der Bezeichnung Rationalismus pflegt man in der Philosophiegeschichte diejenigen Philosophen des 17. Jahrhunderts zusammenzufassen, nach denen die Grundprinzipien und die Grundbegriffe des menschlichen Erkennens allein im Geist begründet sind, während die sinnliche Erkenntnis gegenüber dem reinen Denken von minderem Rang ist. Ferner besteht bei diesen Philosophen teilweise die Tendenz, allein auf Grund logischer Zusammenhänge wirkliche Sachverhalte zu deduzieren.

Die Lehre von den der menschlichen Vernunft an- oder eingeborenen grundlegenden Ideen und Prinzipien (auch »Innatismus« genannt) ergibt sich daraus, dass die in der Scholastik herrschende aristotelische Abstraktionslehre nicht mehr akzeptiert wird, nach der die allgemeinen geistigen Strukturen durch das Wirken der menschlichen Vernunft in den Dingen selbst erfasst werden und begrifflich ausformuliert werden können. Diese aristotelische Lehre setzt nämlich die entsprechende Metaphysik voraus, nach der alles aus Form und Materie zusammengesetzt ist, wobei die Form die gemeinsame Natur einer bestimmten Art zum Ausdruck bringt und darum eine Affinität zum Geist besitzt, der diese spezifische Allgemeinheit zu erkennen vermag. Die Metaphysik Descartes’ und der Philosophen seiner Zeit kennt aber in der Objektwelt nur noch rein materielle Substanzen, so dass es keine Form mehr gibt, die die Abstraktion der arteigenen Natur eines materiellen Körpers ermöglichen würde.

Statt dessen wirkt die – in der Scholastik zwar auch weiter tradierte, aber mehr in den Hintergrund getretene – platonisch inspirierte augustinische Lehre weiter, nach der der menschliche Geist von Gott Anteil an der Wesenserkenntnis der Wirklichkeit erhält. Wird diese Lehre auf die Grundprinzipien und -kategorien der menschlichen Erkenntnis reduziert, so führt sie zu der These, dass diese Grundbausteine der spezifisch menschlichen Erkenntnis der menschlichen Vernunft von Anfang an mitgegeben, also ein- oder angeboren sind.

Der Begründer des rationalistischen Denkens ist René Descartes. Durch ihn wird die erkenntnistheoretische Fragestellung in der modernen Philosophie zum notwendigen Ausgangspunkt und zur Vorbedingung für die metaphysische Analyse der Wirklichkeit. Allerdings dürfte erst der Empirist John Locke der Erste sein, der formell die Analyse der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zum Thema seines Werkes macht.

Literatur:Bouillier 1969; Specht 2002