II.       Der Okkasionalismus

 

 

 

 

Unter der Bezeichnung »Okkasionalisten« (Occasionalisten) pflegt man die nachcartesischen Philosophen zusammenzufassen, die das Problem des Zusammenwirkens von Leib und Seele durch die Annahme zu lösen versuchten, dass Gott anlässlich (lat. occasio = Gelegenheit, Anlass) eines Bewusstseinsaktes die entsprechende körperliche Bewegung hervorruft und umgekehrt. Diese Bezeichnung ist freilich – vor allem für Malebranche – einseitig, da sie nur einen Aspekt des Denkens der betreffenden Philosophen heraushebt und nicht eine zusammenfassende Charakterisierung dieser Philosophen ist.

1.         Die Problemstellung

Descartes hatte eine Interaktion zwischen Geist und Körper behauptet, aber nicht wirklich erklären können. Zum einen waren Körper und Geist metaphysisch so radikal voneinander verschieden, dass nicht nur ihre Einheit philosophisch unbegreiflich war, sondern auch das Einwirken des Einen auf das Andere, wie es Descartes für den Fall der sinnlichen Wahrnehmung und der beabsichtigten körperlichen Bewegung angenommen hatte, wobei die Zirbeldrüse als Schaltstelle dienen sollte. Descartes hatte zwar nicht nur die metaphysische Verschiedenheit von Leib und Seele gelehrt, sondern auch ihre Einheit im Sinn einer Quasi-Vermischung, aber wie beide Theorien miteinander vereinbar waren, blieb ein Rätsel.

Zum anderen lehrte Descartes, dass Gott den Anstoß zum Gesamtsystem der mechanischen Bewegungen gibt, so dass er die universale oder totale Ursache von allem ist, während das System dann als ganzes im Gleichgewicht bleibt. Denn Descartes war (zu Unrecht) der Auffassung, die Summe aller Bewegungen sei eine Konstante. Somit musste man sich fragen, ob dann überhaupt noch ein Einfluss auf Bewegungen von außerhalb der Materie widerspruchslos denkbar war.

Die metaphysische Interpretation der Leib-Seele-Einheit war gleichfalls nicht problemlos. Denn Descartes hatte zwar die These seines Anhängers Henricus Regius (Hendrik de Roy, Utrecht 1598-1679) zurückgewiesen, der Mensch als Ganzer sei nur ein ens per accidens, d. h. ein nur zufällig zur Einheit verbundenes Gefüge, aber andererseits lehnte Descartes die scholastische These ab, der Leib und die Seele seien je für sich allein nur unvollständige Substanzen, d. h. sie seien innerlich jeweils aufeinander hingeordnet und bildeten nur gemeinsam eine vollständige Substanz. Nach Descartes’ Auffassung bilden Leib und Seele nur aufgrund göttlicher Fügung eine Einheit, nicht aber aufgrund ihrer jeweils eigenen metaphysischen Verfassung.

Es war darum nur konsequent, wenn in der Folge Anhänger der cartesischen Philosophie diese Problematik so zu lösen versuchten, dass sie mehr und mehr davon abrückten, einen realen Einfluss der Seele auf den Körper und umgekehrt anzunehmen, und statt dessen Gott zur einzig wahren Wirkursache der Übereinstimmung von körperlichem und geistigem Geschehen erklärten.

Die These, dass Gott sich an menschliche Tätigkeiten bindet, insofern er jedesmal, wenn Menschen etwas Bestimmtes tun, selbst eingreift und die entscheidende Wirkung hervorbringt, ist keine Erfindung der Okkasionalisten. Dies galt bei der Erschaffung der menschlichen Seele und bei den Sakramenten. In beiden Fällen ist nämlich Gott der eigentlich Wirkende, während der Mensch lediglich den entsprechenden Anlass für das göttliche Wirken bietet: bei der Zeugung eines neuen Menschen schafft Gott eine neue Seele und beim korrekten Vollzug des sakramentalen Ritus durch den »Spender« des Sakraments schenkt Gott die diesem Sakrament entsprechende Gnade (vgl. Specht, 39).

Dabei gibt es natürlich eine ganze Reihe von Zwischenpositionen, die eine eingeschränkte Art von Kausalität für die Seele (und den Leib) zulassen, obwohl die eigentliche Kausalität Gott zukommt. Der Übergang von der klassischen Lehre, nach der Gott für alles weltliche Geschehen Erstursache ist, was die weltlichen Zweitursachen aber nicht an ihrer wahren Ursächlichkeit hindert, bis zu der Annahme, dass das Weltliche nur noch rein äußere Veranlassung ist, ist fließend.

Bei nicht wenigen Okkasionalisten findet sich konsequenterweise auch die These, dass wir bei Naturgeschehen keine Kausalität, sondern lediglich ein Nacheinander feststellen können. Diese Auffassung ist also keineswegs erst, wie oft gemeint wird, von David Hume vertreten worden (der sie freilich anders begründet und aus ihr andere Konsequenzen zieht als die Okkasionalisten), durch den sie dann in der Philosophie bekannt geworden ist und auf Immanuel Kant eingewirkt hat.

Die Überzeugung der Okkasionalisten, dass die Wesensverschiedenheit zwischen körperlichen Vorgängen und Bewusstseinsgegebenheiten eine beide übergreifende Kausalität nicht zulässt, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Position derjenigen Vertreter der »philosophy of mind«, die eine unüberbrückbare Verschiedenheit zwischen den bewussten Qualia und den biologischen Prozessen sehen.

Literatur: Nadler 2011; Perler / Rudolph 2000; Specht 1966

2.         Clauberg, de la Forge, Cordemoy

Nach dem deutschen Cartesianer Johann Clauberg (geboren 1622 in Solingen, Studium in Groningen, Professor in Herborn und Duisburg, gestorben 1665 in Duisburg) besteht die Verbindung zwischen Seele und Leib darin, dass der Leib nach dem Wink der Seele bewegt wird und die Seele etwas gleichsam auf Anregung des Leibes verworren erfasst.

In seinem Werk »De corporis et animae in homine conjunctione« vertritt Clauberg die Auffassung, dass es keine so unterschiedliche und doch so enge Verbindung in der Natur gebe wie die von Seele und Körper. Aber es handelt sich dennoch um keine Einheit, denn der Leib kann mit der Seele weder wie ein Körper mit einem anderen noch wie eine Seele mit einer anderen geeint sein. Es gibt keine Vereinigung beider in der Substanz, sondern nur in ihren Handlungen oder Affektionen. Die Verbindung zwischen Seele und Leib besteht lediglich darin, dass der Leib nach dem Wink der Seele bewegt wird und die Seele etwas gleichsam auf die Anregung des Leibes hin verworren erfasst. Diese Wechselwirkung von Leib und Seele kann aber nur als Wunder des göttlichen Willens, nicht jedoch als Wirkung eines Naturgesetzes verstanden werden.

Die Seele ist die moralische und nicht die physische Ursache der Bewegungen des Leibes; sie erzeugt nicht die Bewegung, sondern lenkt sie nur, ähnlich dem Kutscher, der nur die moralische Ursache für die Bewegung der Kutsche ist, während die physische das vom Kutscher gelenkte Pferd ist. Die Bewegungen des Leibes sind nur »prokatarktische« Ursachen, d. h. sie stellen lediglich eine Gelegenheit für die Hauptursache, die Seele, dar, eine Idee hervorzubringen, die sie potentiell bereits besitzt.

Zwar gesteht Clauberg durch ein Wunder Gottes das Wirken der Seele auf den Leib zu, aber nicht das Wirken des Leibes auf die Seele: hier handelt es sich nur um Gelegenheitsursachen. Die Wirkung kann nämlich nicht höher sein als die Ursache. Letzten Endes ist die Erklärung der Wille Gottes.

In seiner Terminologie hält Clauberg aber immer daran fest, dass die Seele auf den Leib und der Leib auf die Seele wirkt, und dass beide miteinander verbunden sind, so dass man mit einigem Recht bestreiten kann, dass Clauberg bereits im eigentlichen Sinn als Okkasionalist bezeichnet werden darf.

Louis de la Forge (geboren 1632 in La Flèche, gestorben 1666 in Saumur) spricht als Erster von »causes occasionnelles« (Gelegenheitsursachen), wobei er sich auf Descartes’ Ausführungen in dessen »Notae in programma« über die angeborenen Ideen beruft. Deren Aktualisierung in uns geschehe nicht durch Gegenstände, die ihnen nicht ähnlich sind, sondern nur gelegentlich der Bewegungen dieser Gegenstände. Es genüge aber nicht, wie Clauberg von einem geistigen Austausch von Geist und Leib zu reden, denn die fundamentale Abhängigkeit der Seele und des Körpers bleibe dieselbe auch bei Fehlen des Austauschs (Lähmungen usf.). Darum lehnt de la Forge auch das Bild von Reiter und Pferd oder Steuermann und Schiff für die Leib-Seele-Einheit ab.

Während die Cartesianer Clauberg und de la Forge der Seele noch eine gewisse Ursächlichkeit zuerkannten, dürfte Gérau(l)d de Cordemoy (Paris 1626-1684), der überhaupt jedes Wirken zweier Körper aufeinander für unbegreiflich erachtete, als der erste Okkasionalist im vollen Wortsinn zu betrachten sein. Was wir für die Ursachen beim Zusammenhang zwischen unseren Bewegungen und unseren Gedanken halten, sind in Wirklichkeit nur Gelegenheiten. Wir nehmen nur eine Aufeinanderfolge von zwei Bewegungen bzw. von Bewegungen und Gedanken oder umgekehrt wahr. Angesichts des Fehlens jeder Beziehung zwischen Ausdehnung und Denken sagt man, das eine wirke auf das andere, wenn es bei einem entsprechenden Anlass bewegt oder anders angeordnet wird: Die Kraft, die den Körper bereits bewegt, lenkt die Bewegung gemäß der Ausrichtung des Willens. Dabei verändert der Wille lediglich die Bewegung. Gott bewegt die Geister ihrem Ziel entgegen, aber die Richtung bestimmen sie selbst.

3.         Geulincx

Die Hauptvertreter der philosophischen Richtung des Okkasionalismus sind Geulincx und Malebranche. Schon Descartes hatte ein Problem darin gesehen, dass bestimmte physiologische Vorgänge auf unerklärliche Weise bestimmte Gefühle (z. B. Hunger) hervorrufen. Dieses Problem greift der 1624 in Antwerpen geborene Arnold Geulincx ['xø:liŋks] auf, der zuerst in Löwen und dann nach seinem Übertritt zum Calvinismus in Leiden lehrte und dort auch 1669 starb.

Geulincx erklärt nun, dass eine Verursachung nur dann stattfindet, wenn wir uns nicht nur des Zieles, sondern auch der Mittel der Durchführung bewusst sind: »Es ist unmöglich, dass derjenige etwas macht, der nicht weiß, wie es gemacht wird.« Da wir aber nicht wissen, auf welche Weise (physiologisch) die Bewegung unseres Körpers zustande kommt, wenn wir sie wollen, so sind wir auch nicht deren echte Ursache. Diese Ursache ist vielmehr Gott.

Wir sind lediglich Zuschauer im Universum, unser Tun wird nicht nach außen hin wirksam. Mein Denken und Wollen bleibt in mir. Wir können keine Wirkung auf andere Körper ausüben. Desgleichen kann auch die Körperwelt nicht Ursache der Welt der Erscheinungen sein, die durch unsere sinnlichen Wahrnehmungen konstituiert wird. Nur Gott kann unserem Geist die äußeren Gegenstände offenbaren. Geulincx geht sogar noch weiter und behauptet, wir seien nur Modi des unendlichen Geistes, so wie auch jeder Körper nur ein Modus des unendlichen unteilbaren Körpers sei, was auf Spinozas Auffassung vorausweist.

Da wir den Eindruck haben, dass bestimmte Willensentschlüsse entsprechenden körperlichen Bewegungen zugeordnet sind und umgekehrt bestimmte körperliche Vorgänge entsprechende Empfindungen auslösen, so muss Gott jedesmal dafür sorgen, dass diese Übereinstimmung tatsächlich stattfindet. Gott gibt uns unsere Wahrnehmungen durch das Instrument des Leibes, aber nur als Erscheinungen. Der Körper ist Werkzeug, nicht Ursache: »occasio aliqua instrumentalis« (ein gewisser werkzeuglicher Anlass).

Zumindest in seiner späteren Zeit hat Geulincx dies aber offenbar nicht als ein jeweils neues Eingreifen Gottes interpretiert, sondern er gebraucht für das Bewirken dieser Übereinstimmung – wie später Leibniz – den Vergleich mit zwei Uhren, die so eingestellt sind, dass sie immer dieselbe Zeit anzeigen, weil sie beide nach dem gleichen Plan und mit derselben Genauigkeit konstruiert sind. Aber auch unabhängig vom Menschen ist die Materie als solche träge und statisch und kennt keine echte Kausalität, sondern alles ist Gottes Handeln.

Literatur: De Lattre 1967; Rousset 1999

4.         Malebranche

Der Pariser Oratorianerpater Nicolas Malebranche (Paris 1638-1715), dessen zweibändiges Hauptwerk den Titel »La recherche de la vérité« (Die Suche nach der Wahrheit) trägt (1674/75), übernimmt Descartes’ naturphilosophische Anschauungen, hält sich aber für seine Ideenlehre an die augustinische Tradition, der er als Oratorianer verbunden ist.

Dass die Ideen, wie Descartes annahm, im Subjekt ihren Ort haben sollen, geht nicht an, da das endliche Subjekt nicht ewige, unveränderliche Ideen besitzen kann. Die Ideen haben ihren Ort in dem, der sie urbildlich hervorbringt, in Gott. In ihm schauen wir zunächst einmal die unveränderlichen und ewigen Wahrheiten, dann aber auch die intelligible Ausdehnung, die den Archetyp der materiellen Welt darstellt. Und wir sehen in Gott die geometrischen Beziehungen dieser Ausdehnung.

Wenn wir die Sinneswahrnehmungen eines Gegenstandes machen, dann erkennen wir ihn, indem wir seine Idee in Gott schauen. So kann Malebranche sagen: »Wir sehen alle Dinge in Gott.« (Rech. III, 2, 6) Gott ist der Ort für die Geister, wie der Raum der Ort für die Körper ist. Zugang zur Welt der Körper hat der Mensch allein aufgrund seiner unmittelbaren Vereinigung mit dem göttlichen Wort als seinem inneren Lehrmeister.

Man hat Malebranche unterstellt, er lehre eine unmittelbare Gottesschau (im 19. Jahrhundert wurde dafür der Name Ontologismus geprägt). Aber Malebranche behauptet nicht, dass wir natürlicherweise Gott in seinem Ansichsein erkennen könnten. Wir sehen ihn nur, soweit er für uns mitteilbar ist. Weder von Gott noch von unserer Seele haben wir eine klare und deutliche Idee; diese haben wir nur von der intelligiblen Ausdehnung.

Die Sinne liefern uns keine klare Erkenntnis; in diesem Punkt geht Malebranche mit Descartes einig. Da unsere geistige Erkenntnis Schau der Ideen ist, vermittelt sie uns keine Gewissheit über die Existenz der materiellen Dinge, die von uns nur auf Grund von Sinneserfahrung und Gefühl nahegelegt wird. Die Existenz der Körper ist nicht beweisbar, obwohl ihre Wesenheiten gesehen werden, denn ihre Erschaffung hängt von Gottes freiem Entschluss ab. Die Menschen sehen zwar Gottes Weisheit, aber nicht seinen Willen; darum ist die Offenbarung nötig, die von der Erschaffung der Welt berichtet. Wirkliche Gewissheit über die Existenz des Materiellen haben wir somit nur auf Grund der Offenbarung, also im Glauben.

Gott ist die einzige Ursache von allem, was geschieht. Daraus ergibt sich Malebranches Okkasionalismus. Es gibt keinerlei Wirken von einem Geist auf einen Körper oder umgekehrt, ja nicht einmal von einem Geist auf einen anderen oder von einem Körper auf einen anderen. Die materiellen Körper können nicht durch sich selbst wirksam sein. Alle Wirkungen der Schöpfung verweisen auf Gott als ihre einzige Ursache. Dabei gehorcht Gott dem Prinzip der Einfachheit der Wege. Er handelt nach einer bestimmten Ordnung. Malebranche kennt insgesamt fünf okkasionelle Gesetze. Drei davon betreffen das Naturgeschehen: die Bewegungen der Körper, die Vereinigung von Seele und Körper sowie die Vereinigung von menschlicher Geistseele und göttlicher universeller Vernunft, die dem menschlichen Geist infolge seiner Aufmerksamkeit die klaren Ideen enthüllt. Die beiden anderen gehören dem Bereich der Gnade an.

Literatur:Alquié 1974; Gueroult 1955-59; Lewin 1981; Nadler 2000; Reiter 1972