III.      Blaise Pascal

 

 

 

 

Eine der wichtigsten Gestalten in der Anfangszeit des Cartesianismus ist Pascal. Er ist wie Descartes ein genialer Mathematiker, steht aber denkerisch in einem zwiespältigen Verhältnis zu ihm. Einerseits übernimmt er cartesianisches Gedankengut, andererseits wendet er sich schroff gegen Descartes. Er ist kein systematischer Philosoph, sondern ein zutiefst religiös bestimmter Denker.

Blaise Pascal wurde am 19. Januar 1623 in Clermont (heute Clermont-Ferrand, Auvergne) geboren. Seine Mutter starb früh, und er kam 1631 nach Paris, um dort eine angemessene Ausbildung zu erhalten. Sein mathematisches Genie zeigt sich bald: 1640 veröffentlicht er eine Arbeit über Kegelschnitte, anschließend arbeitet er an einer Rechenmaschine, für die er mehr als 50 Modelle entworfen hat, von denen sechs erhalten geblieben sind. Er diskutierte eine ganze Reihe mathematischer und physikalischer Fragen und interessierte sich lebhaft an der in der damaligen Physik heiß umstrittenen Frage, ob es ein Vakuum gibt, weshalb er Torricellis Versuch auf dem Puy-de-Dôme nachmachen lässt. Seine mathematischen Forschungen erstrecken sich auch auf das Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung, was ihn zu seinem berühmten Argument der Wette führte.

1655 entsteht das »Entretien avec M. de Sacy sur Epictète et Montaigne« (Gespräch mit Herrn [Le Maistre] de Sacy über Epiktet und Montaigne). 1646 erlebt Pascal seine erste religiöse Bekehrung, die ihn in den Einfluss des jansenistisch geprägten Klosters Port-Royal bringt, wo seine Schwester Jacqueline 1653 eintreten wird. In den folgenden Jahren widmet er sich weiterhin der Wissenschaft und dem gesellschaftlichen Leben, bis er 1654 seine eigentliche, tiefe Bekehrung erlebt, die er in dem berühmten »Mémorial« (Erinnerungsschrift) zu Papier bringt, wo er den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und nicht den Gott der Philosophen als den wahren und eigentlichen Gott herausstellt.

Seine Verbindung mit Port-Royal ist jetzt sehr intensiv, aber er nimmt nie den Jansenismus an und bleibt römisch-katholisch. In den Jahren 1655-57 verfasste er die »Lettres provinciales« (Briefe an einen Provinzler, »Provinzialsbriefe«), in denen er die seiner Meinung nach zu laxe Moralauffassung der Jesuiten kritisiert. In den folgenden Jahren arbeitet er an einer »Apologie« des christlichen Glaubens, die er aber nicht mehr fertigzustellen vermag. Die Fragmente davon sind in den posthum herausgegebenen »Pensées« enthalten. Pascal stirbt am 19. August 1662 in Paris.

Literatur:Carraud 1992; Gouhier 1984, 1986; Hammond 2003; Mesnard 1967; Raffelt / Reiffenberg 2011; Steinmann 1962; Wasmuth 1962

1.         Gespräch mit de Sacy

Hier arbeitet Pascal die Größen und die Grenzen des Stoikers Epiktet und des Skeptikers Montaigne heraus, die er einander entgegensetzt und deren Werke seine meistgelesenen Bücher gewesen seien.

Epiktet habe in hervorragender Weise die Pflichten des Menschen gegenüber Gott erkannt, aber irrigerweise gemeint, der Mensch könne alle diese Pflichten auch aus eigener Kraft erfüllen. Dieses Übersehen der Schwäche des Menschen und die Übersteigerung seiner Größe führen aber zu Stolz und Überheblichkeit und zu der falschen Meinung, die Seele sei ein Teil Gottes.

Montaigne hingegen unterwirft alles dem Zweifel. Sein ganzes Bestreben bestehe darin, die Schwäche unserer Meinungen aufzuzeigen. Auf diese Weise schlage Montaigne zwar erfreulicherweise den überheblichen Verstand mit seinen eigenen Waffen, aber er vertrete leider eine problematische Moral, die zwar zunächst einmal an den herkömmlichen Regeln festhält, aber nur, solange diese nicht gegen die Bequemlichkeit stehen, die das letzten Maß darstelle.

So sehe Epiktet nur die Größe des Menschen und seiner Vernunft, was aber zum Hochmut führe, während Montaigne nur das Elend des Menschen zeige, was zu Verzweiflung, Feigheit und Trägheit führe. Beide Positionen zerstören sich also gegenseitig, um Raum zu lassen für die Botschaft des Evangeliums, die die wahre Versöhnung der beiden Positionen bringt, da sie das Schwache in die menschliche Natur, das Starke aber in die göttliche Gnade legt.

2.         Pensées

Pascal akzeptiert zwar Descartes’ geometrische Methode, aber er hält sie für unzureichend, wenn es um die Metaphysik als ganze geht. Die mathematische Vorgehensweise, der geometrische Geist (esprit de géométrie), wie Pascal sagt, ist notwendig und gut für das Fortschreiten wissenschaftlicher Erkenntnis, wenn wir aus bestimmten Sätzen schlussfolgernd zu weiteren Erkenntnissen gelangen wollen.

Aber nicht nur die entscheidenden metaphysischen Erkenntnisse, sondern auch die mathematischen Grundeinsichten können auf diese Weise nicht gewonnen werden, wie dies Descartes anscheinend gemeint hatte. Grundbegriffe wie Raum, Zeit, Bewegung, Dreidimensionalität können nur durch eine Intuition der ersten Prinzipien erfasst werden.

Der Sache nach arbeitet Pascal hiermit wieder den von Descartes eingeebneten klassischen Unterschied heraus, der zwischen dem intellectus (Vernunft), der die Grundprinzipien erfasst, und der ratio (Verstand) besteht, der das diskursive Denken zukommt. Dieses intuitive Erkennen nennt Pascal auch Fühlen. Neben den genannten Prinzipien umfasst es alles, was den Bereich des Rationalen übersteigt, sei dies im Hinblick auf metaphysische und religiöse Einsichten oder im praktischen Leben und der Menschenkenntnis.

Organ dieser Art von Erkennen ist das Herz (cœur). Von ihm sagt Pascal mit einem im Deutschen nicht wiederzugebenden Wortspiel, das auf der Doppelbedeutung des Wortes »raison« beruht, das wie das lateinische »ratio« sowohl Verstand, Vernunft als auch Grund bedeutet: »Le cœur a ses raisons, que la raison ne connaît point« (Das Herz hat seine Vernunftgründe, welche die Vernunft nicht kennt: Pensées/Gedanken 423/277). Im Gegensatz zum geometrischen Geist ist hier der Geist des Feinsinns (esprit de finesse) am Werk.

Während der esprit de géométrie diskursiv beweisend vorangeht, zeichnet den esprit de finesse intuitive Gewissheit aus. Es geht hier um Höheres als die bloße Rationalität. Im Sinne des Gesprächs mit de Sacy kommt es darauf an, die richtige Mitte zu finden zwischen den beiden Extremen der Skepsis, für die die Vernunft total verdorben ist, und des Dogmatismus, für den die Vernunft total unverdorben ist.

Pascal vertritt einen Primat der Religion gegenüber der Philosophie, des Lebens gegenüber der Theorie, des Herzens gegenüber dem Verstand, ohne dass er das Rationale auf seinem Gebiet in irgendeiner Weise herabwürdigen möchte.

Die Wirklichkeit gliedert sich nach Pascal in drei Ordnungen, die jeweils einander unendlich überlegen sind. Die unterste Ordnung ist die des Körpers, die Auslieferung ans Fleischliche. Darüber steht die Ordnung des Geistes, des Denkens, der Wissenschaft. Doch noch weit überragender ist die dritte und höchste Ordnung, die Ordnung der Liebe, die Ordnung Gottes, wie sie uns in Jesus Christus erscheint.

Pascals kritische Bemerkungen über die philosophische Gotteserkenntnis müssen im Licht seiner Zuordnung der zweiten und dritten Ordnung gesehen werden. Er will nicht die Möglichkeit eines philosophischen Aufweises der Existenz Gottes rundweg bestreiten, aber er hält den Nutzen eines solchen Arguments für fragwürdig. Denn zum einen pflegen die Gottesleugner dadurch nicht überzeugt zu werden, und zum anderen kommt es darauf an, sich als ganzer Mensch zu dem in Jesus Christus geoffenbarten Gott zu bekehren.

Diesem Zweck soll auch das Argument der Wette dienen. Wenn die Annahme der Existenz Gottes falsch ist, verliere ich in keinem Fall; wenn es aber Gott gibt, dann kommt alles darauf an, auf ihn gesetzt zu haben. Damit soll kein schlüssiges Argument vorgebracht werden, sondern ein Ansporn für den Willen, sich frei zum Glauben zu entscheiden.

Unsere Wirklichkeit und die Situation des Menschen charakterisiert Pascal in extremen, ja paradoxen Formulierungen. Im Kosmos ist die Erde samt ihrer Bahn wie ein winziger Punkt. Der Welt kommt ebenso unendliche Ausdehnung zu wie unendliche Teilbarkeit. Sie ist eine unendliche Kugel, deren Mittelpunkt überall, deren Peripherie nirgends ist: ein Zeichen der Allmacht Gottes. Die Extreme berühren sich, begegnen sich in Gott.

Was ist der Mensch gegenüber dem Unendlichen? Der Mensch ist ein denkendes Schilfrohr. Er ist wie ein schwankendes Rohr ein Nichts, verglichen mit der Unendlichkeit des Alls. Andererseits ist er aber wieder unvergleichlich ausgezeichnet durch sein Denken und übertrifft damit das ganze Universum. Im Verhältnis zum Nichts ist er alles.

Der Mensch steht also in der Mitte zwischen zwei Extremen. Er ist einerseits elend und ausgeliefert, hat aber zum anderen seine Würde gerade dadurch, dass er darum weiß. Ziel wie Ursprung sind ihm verborgen, er erkennt nur einen Anschein der Mitte. Auch unsere Wahrnehmung befindet sich zwischen den Extremen: zu viel Lärm oder Licht, zu große Nähe oder Ferne hindern uns daran, etwas sinnlich zu erfassen. Übermäßige Qualitäten vermögen wir nicht zu fühlen. Was zu kurz oder zu lang, zu jung oder zu alt ist, stellt ein Hindernis für unser Erkennen dar. Dasselbe gilt auch für ein Zuviel wie für ein Zuwenig an Nachdenken. Es gibt für uns weder Gewissheit noch Unfähigkeit: Wir befinden uns im Mittelfeld und sind darum unsicher und schwankend, denn nichts bleibt stehen. Dabei wollen wir unbedingt festen Boden, um darauf zu bauen. Ferner sind die Dinge einfach, während wir aus zwei artverschiedenen Naturen zusammengesetzt sind: aus Seele und Leib. Darum verwechseln fast alle das Geistige und das Körperliche. Wir setzen alles aus Geist und Körper zusammen, und doch ist gerade diese Zusammensetzung für uns das Unverständlichste. Der Mensch kann nicht begreifen, was Körper, und noch weniger, was Geist ist.

Diese dialektische Zerrissenheit weiß Pascal mit existenzialistischen Farben als Langeweile, Elend und Eitelkeit zu schildern, woraus der Mensch nur erlöst wird, wenn er sich Jesus Christus und seiner Gnade öffnet. Sich als elend empfinden, heißt elend sein, aber auch, groß sein, weil man es einsieht. Denn nur wer König war, ist unglücklich, es nicht mehr zu sein.

Ähnlich wie später Schopenhauer meint Pascal: Da uns die Natur immer unglücklich macht, stellen wir uns den Zustand vor, in dem wir nicht sind. Hätten wir aber diese Freuden, wären wir nicht glücklich, sondern hätten neue Wünsche. Wir träumen immer von anderen Zeiten als der Gegenwart, denn diese verletzt uns meist. Also leben wir nie, sondern hoffen es immer nur; »und indem wir uns immerfort anschicken, glücklich zu sein, ist es unausweichlich, dass wir es niemals sind.« (47/172) Ein Zustand ohne Ruhe, Leidenschaft, Geschäft, Zerstreuung ist uns unerträglich. Denn dann fühlen wir unser Nichts, unsere Ohnmacht und Leere und werden mit Trauer, Enttäuschung und Verzweiflung erfüllt. Darum sucht alle Welt Spiel, Unterhaltung und Zeitvertreib.

Andererseits bejaht Pascal aber doch auch das Leitbild des gebildeten und reifen Menschen, das sich zu seiner Zeit herausgebildet hatte und das ihm vor allem durch den Chevalier de Méré vertraut war, nämlich den »honnête homme« (rechtschaffenen, ehrbaren Menschen). Ein solcher sollte nicht auf irgendeinen Spezialbereich eingegrenzt sein, sondern als universal denkender Mensch jedermann gerecht werden.

3.         Würdigung

Pascal reduziert die Gewissheit der Vernunft zugunsten der Offenbarung, aber er ist deshalb noch lange kein Skeptiker oder Vernunftgegner, denn die Apologie seiner »Pensées« ist eine vernünftige Argumentation, und Pascal wendet sich sowohl gegen eine Überschätzung als auch gegen eine Unterschätzung der Vernunft. Allerdings ist und bleibt das Wissen des Menschen begrenzt. Die Rolle des Nichtrationalen ist viel stärker als bei Descartes.

Pascal spürt sehr deutlich die Spannung zwischen einem rein mathematisch-naturwissenschaftlichen und einem personalen Denken. Das Letztere ist das Entscheidende und übersteigt in seinen Augen die Philosophie. Angesichts seiner spannungsvollen Existenz und der Widersprüche des philosophischen Denkens soll der Mensch zum christlichen Glauben finden, der allein die Antwort auf all diese Fragen gibt. Dabei entwickelt Pascal eine sehr modern anmutende Anthropologie, wie er überhaupt in nicht wenigen Punkten seiner Existenzanalyse, seines dialektischen Denkstils, seiner Erkenntnistheorie und seiner Verhältnisbestimmung von Philosophie und religiösem Glauben Grundgedanken späterer Philosophen vorwegnimmt.