Der Empirismus bildet einen Gegensatz zum Rationalismus. Die Entgegensetzung dieser beiden Denktypen findet sich schon bei Francis Bacon. Durch Immanuel Kant, der sich als Überwinder dieses Gegensatzes der ihm vorausgehenden Philosophie betrachtet, wird sie zur philosophiegeschichtlichen Standardklassifizierung. Die Entgegensetzung dieser beiden Richtungen darf aber nicht übersehen lassen, dass sie auch viele Gemeinsamkeiten aufweisen. So ist beiden Richtungen das Bestreben gemeinsam, nach dem Leitbild der exakten Wissenschaften die Philosophie als strenge Wissenschaft neu zu begründen und dafür einen ersten, unmittelbar gesicherten Ausgangspunkt zu finden.
Seit Descartes und den von ihm beeinflussten Philosophen handelt es sich dabei um Bewusstseinsphilosophie. Das heißt, dass an die erste Stelle die Frage nach der Wahrheit unserer Erkenntnis gesetzt wird. Die Antwort hierauf bildet eine ganz bestimmte Idee oder Art von Ideen, die gegenüber den anderen Ideen ausgezeichnet wird. In beiden Fällen handelt es sich um eine Philosophie, die mit der Reflexion beginnt. Denn weder die Selbsterkenntnis noch der Sinneseindruck sind das in der Alltagserkenntnis zuerst Gegebene, sondern sie werden erst aufgrund der analysierenden Reflexion als der ursprüngliche Ausgangspunkt unserer Erkenntnis betrachtet. Die Alltagserkenntnis ist hingegen ganzheitlich.
Der Rationalismus setzt im reinen Denken an und vertritt die These, dass es der Vernunft ursprünglich innewohnende Begriffe und Prinzipien gibt, und gerät dadurch in Gefahr, die Erfahrung zu entwerten. Der Empirismus geht von der sinnlichen Erfahrung aus, die er aber auf den bloßen Sinneseindruck zurückführt. Dadurch entwertet er Einsicht und Denken der Vernunft so sehr, dass sich schließlich die Wirklichkeit in Komplexe sinnlicher Erscheinungen auflöst (Hume).
Der eigentlich entscheidende Unterschied zum Rationalismus besteht darin, dass der Empirismus die These von Begriffen und Prinzipien, die der Vernunft angeboren sind, ablehnt, normalerweise aber akzeptiert, dass Logik und Mathematik nicht auf Sinneseindrücke zurückgeführt werden können. Die terminologische Entgegensetzung von Rationalismus und Empirismus könnte die falsche Meinung suggerieren, der Empirismus gehe im Gegensatz zum Rationalismus von keinerlei vorgefassten Grundsätzen aus. In Wahrheit setzen beide Richtungen voraus, dass unsere Erkenntnis möglichst systematisch aus ursprünglichen, gleichsam atomaren Ideen rekonstruiert werden muss, die im Bewusstsein angetroffen werden und im Wesentlichen als gewiss angesehen werden können.
Die Heimat empiristischen Denkens ist England. Schon im 13. Jahrhundert hatte der englische Franziskaner Roger Bacon (1210-92) eine scientia experimentalis gefordert und die Bedeutung der Mathematik für die Physik erkannt. Später wird Wilhelm von Ockham (ca. 1300-1349) zum Begründer des Nominalismus, der dem Empirismus den Boden bereitet. Besonders in Oxford herrscht seit dem 15. Jahrhundert der Nominalismus vor.
Der englische Empirismus des 17. und 18. Jahrhunderts wurde vorbereitet durch Francis Bacon und Thomas Hobbes, seine Hauptvertreter werden John Locke und – nach dem Intermezzo durch George Berkeley – vor allem David Hume, der ihm seine schärfste Ausprägung gibt.
Literatur: Gawlick 2005