Francis Bacon, der spätere Lord of Verulam, geboren 1561 in London, hatte hohe Staatsämter inne. Er war Oberstaatsanwalt (1613), später Großsiegelbewahrer (1617) und schließlich Lordkanzler (1618). In einer Bestechungsaffäre verurteilt, wird er zwar vom König begnadigt, verliert aber 1621 seine öffentlichen Ämter und lebt dann zurückgezogen allein wissenschaftlicher Arbeit gewidmet bis zu seinem Tod 1626. Er war nicht nur Jurist und Staatsmann, sondern auch Naturforscher und Historiker, Philosoph und Schriftsteller, ein vielseitig gebildeter und tätiger Mann, der noch ganz dem Geist der Renaissance angehört. Die neue Naturwissenschaft beginnt Gestalt zu gewinnen. Ein neues Weltbild, mehr dem Anspruch als der Durchführung nach, beginnt sich durchzusetzen.
Bacon will die aristotelisch-scholastische Philosophie durch induktive Erfahrungswissenschaft überwinden und setzt dem »Organon« (wörtl.: Werkzeug) der aristotelischen Logik ein »Novum Organum« (Neues Werkzeug, 1620) als neue Logik und Methodenlehre entgegen. Schon seit 1607 verfolgt er den Plan eines wissenschaftlich enzyklopädischen Werkes »Instauratio magna scientiarum« (Große Erneuerung der Wissenschaften).
Dieses Werk sollte sechs Teile umfassen: 1. Einteilungen der Wissenschaften; 2. Novum Organum; 3. Natur- und Experimentalgeschichte als Grundlage der Philosophie; 4. Die Leiter der Erkenntnis; 5. Vorläufer oder Antizipationen der zweiten Philosophie; 6. Zweite Philosophie oder aktive Wissenschaft. Vollendet ist neben dem »Novum Organum« nur der erste Teil »De dignitate et augmentis scientiarum« (Würde und Mehrung der Wissenschaften, 1623).
Möglicherweise ist die »Instauratio magna« bewusst als ein Werk konzipiert worden, das andere vollenden sollten. Fragmentarisch bleiben auch die meisten von Bacons übrigen Schriften. Die Verwirklichung steht weit hinter den hohen Ansprüchen zurück. Doch werden die methodischen und philosophischen Intentionen deutlich.
Literatur:Anderson 1975; Farrington 1970, 1979; Krohn 2006; Whitney 1989
Mit Francis Bacon greifen wir geschichtlich weit zurück in die Zeit der Renaissance und zu den Ursprüngen neuzeitlicher Naturwissenschaft. Sie wird zum Ideal und zur methodischen Norm wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt. Daher wird die Forderung erhoben, alle Wissenschaften, auch und vor allem die Philosophie, empirisch-induktiv neu zu begründen.
Für Bacon ist die Grundlage aller Wissenschaften die »Philosophia prima« (Erste Philosophie). Damit übernimmt er einen aristotelischen Begriff, der aber hier, ähnlich wie (wenig später) bei Descartes, eine völlig andere Bedeutung gewinnt. Für Aristoteles war die »erste Philosophie« Metaphysik, die krönende Vollendung philosophischer Erkenntnis. Bei Bacon ist die erste Wissenschaft nicht mehr Metaphysik als Seinslehre, sondern formale Grundwissenschaft mit der Aufgabe, die ersten und allgemeinsten Prinzipien aller Wissenschaften zu erstellen. Die obersten Prinzipien sind aber nach Bacon durch Induktion aus den Erfahrungswissenschaften zu gewinnen, insofern allen Einzelwissenschaften gemeinsame, allgemein gültige Prinzipien zugrunde liegen, die induktiv zu erarbeiten sind.
Die »erste Philosophie« wird von Bacon nicht voll durchgeführt. Sie ist nur skizziert in der Methodenlehre des Novum Organum, worin Bacon als Erster eine Theorie der Induktion ausarbeitet und damit die erkenntnistheoretischen und methodologischen Grundlagen der Erfahrungswissenschaften zu sichern sucht. Die bisherigen Naturforscher seien entweder Empirici oder Dogmatici bzw. Rationales gewesen. Die Empiriker oder Empiristen hätten wie die Ameisen nur Material gesammelt; die Dogmatiker oder Rationalisten hätten wie die Spinnen von sich aus ein Gewebe konstruiert. Man müsse aber einen Mittelweg gehen wie die Bienen, die ihren Stoff von den Blüten sammeln, ihn dann aber durch ihre eigenen Fähigkeiten verarbeiten und verdauen. Man muss also die empirische und die rationale Methode miteinander verbinden und darf weder nur auf die Kräfte des eigenen Verstandes vertrauen noch nur die Naturgeschichte (d. h. die gesammelten Erfahrungen) und die mechanischen Experimente allein heranziehen. Jeder Schritt muss von der ersten Sinneswahrnehmung an gesichert werden.
Bacon ist Zeitgenosse von Kepler und Galilei; sein Bemühen um die naturwissenschaftliche Methode liegt zeitlich parallel zu deren Erkenntnissen. Es war ein Anliegen jener Zeit, auf die methodischen Grundlagen der neuen Wissenschaft zu reflektieren, um ihren weiteren Fortschritt zu sichern. Darin kommt Bacon als einem der ersten Theoretiker der induktiven Methode hohes Verdienst zu. Doch hat er die Bedeutung dieser Methode einseitig überschätzt. Er will die Induktion auf alle Erkenntnisbereiche ausdehnen, somit alle Einsicht auf die Erfahrung zurückführen. Darin liegt ein spezifisch empiristischer Ansatz seines Denkens. Das grundsätzliche Problem aller Induktion, der Schluss vom Einzelnen auf das Allgemeine, ist noch nicht voll bewusst. Doch ist damit das Problem gestellt, dem in der Grundlagendiskussion der Erfahrungswissenschaften über Kant bis heute eine zentrale Rolle zukommt.
Von der induktiven Methode verspricht sich Bacon eine Erneuerung aller Wissenschaften, Welterkenntnis zum Zweck der Weltbeherrschung. Hier bricht ein Gedanke auf, der für die neuzeitliche Wissenschaft richtungweisend wird: ihr praktischer Nutzen. Die Philosophie soll im Dienst der materiellen Wohlfahrt der Menschheit stehen. Das griechische, theoretisch-kontemplative Ideal einer Schau der Wahrheit um ihrer selbst willen wird grundsätzlich aufgegeben und durch die praktisch-technische Verwendbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnis zur Beherrschung der Welt durch den Menschen ersetzt. »Natura non nisi parendo vincitur« (Nur wenn man der Natur gehorcht, kann man sie besiegen). Darum ist zu untersuchen, wie die Natur wirkt und wozu sie durch Experimente veranlasst werden kann. »Die Induktion gibt uns die Herrschaft über die Welt durch die Erkenntnis ihrer Formen«.
Damit bezieht sich Bacon auf die aristotelische Formenlehre, die Formen der Dinge sind der eigentliche Gegenstand wahrer Naturerkenntnis. Doch steht die Erkenntnis im Dienst der Weltbeherrschung. Es geht nicht mehr um zweckfreie Wissenschaft, sondern um praktisch zweckgebundene Forschung. Wissen ist Macht: »Tantum possumus quantum scimus« (Wir vermögen so viel, als wir wissen) – ein prägnantes Wort, das Bacon dem kommenden Zeitalter wissenschaftlicher Technik mit auf den Weg gibt.
Es gibt vier Arten von Vorurteilen (» Idole«), die uns an einer richtigen Erkenntnis hindern. Die »idola tribus« (»Idole des Stammes«) sind die anthropologischen Vorurteile. Sie entspringen der menschlichen Natur, zu ihnen gehört vor allem die Teleologie, also die Annahme, alle Naturvorgänge seien zielgerichtet. Die »idola specus« (»Idole der Höhle«) bezeichnen die individuellen Vorurteile, die psychologischer Natur sind. Als »idola fori« (»Idole des Marktes«) kennzeichnet Bacon diejenigen Vorurteile, die soziologisch in der Ungenauigkeit unserer Sprache grundgelegt sind, was daher kommt, dass diese primär der Verständigung im Alltag und nicht der wissenschaftlichen Erkenntnis dient. Die letzte Gruppe machen die »idola theatri« (»Idole des Theaters«) aus, womit die philosophisch-metaphysisch und theologisch fundierten Weltanschauungen gemeint sind.
Als Gegenstände der Philosophie bezeichnet Bacon Gott, die Natur und den Menschen. Diese Dreiheit entspricht der cartesianischen Einteilung der Substanzen und geht sowohl in Chr. Wolffs Gliederung der »metaphysica specialis« (spezielle Metaphysik) in Kosmologie, Psychologie und natürliche Theologie als auch von daher bei Kant in die drei Ideen der reinen Vernunft (Welt, Seele, Gott) und in die drei Postulate der praktischen Vernunft (Freiheit, Unsterblichkeit, Dasein Gottes) ein.
Der unmittelbare Einfluss Bacons war nicht sehr groß. Doch hat er mitgewirkt, dem induktiven Denken der Naturwissenschaft auch philosophisch zum Durchbruch zu verhelfen und dem Empirismus, besonders in England, den Boden zu bereiten.