III.      John Locke

 

 

 

 

John Locke, geboren 1632 in Wrington (bei Bristol), studiert in London und Oxford, wo er die scholastische Philosophie in nominalistischer Form kennenlernt. Sie befriedigt ihn zwar wenig, wirkt aber maßgeblich auf sein eigenes Denken. Großen Eindruck macht ihm die Klarheit und methodische Konsequenz des cartesianischen Denkens, obwohl er ihm sachlich nicht zu folgen vermag. Auch Locke ist wissenschaftlich vielseitig interessiert. Neben der Philosophie betreibt er Medizin, Meteorologie und andere Naturwissenschaften.

Einige Jahre lebt er in Frankreich (1675-79), später als politischer Emigrant in Holland (1683-89), bis er nach dem Regierungsantritt Wilhelms von Oranien nach England zurückkehren kann und dort (bis 1700) in Politik und Verwaltung tätig ist. Am fruchtbarsten wurde die Zeit der holländischen Emigration. Dort schreibt er sein philosophisches Hauptwerk, »An Essay Concerning Human Understanding« (Ein Versuch über den menschlichen Verstand; 1690), noch zu Lebzeiten des Verfassers mehrmals neu aufgelegt, auch in französischer (1700) und lateinischer Übersetzung (1701) herausgegeben. Dies zeigt den nachhaltigen Eindruck dieses Werkes, mit dem sich Leibniz in seinen »Nouveaux essais sur l’entendement humain« (Neue Versuche über den menschlichen Verstand; 1703/4) eingehend auseinandersetzt.

Lockes politische Philosophie erscheint in »Two Treatises of Government« (Zwei Traktate über die Regierung; 1690), die Erziehungslehre in »Some Thoughts Concerning Education« (Einige Gedanken über Erziehung; 1693) und die Religionsphilosophie in »The Reasonableness of Christianity« (Die Vernünftigkeit des Christentums; 1695). Unter den Schriften aus dem Nachlass am wichtigsten ist »The Conduct of Understanding« (hrsg. 1706). Locke ist ein klarer und sachlicher Denker, ausgewogen, wahrheitsliebend und tief religiös gesinnt.

Wenn er als Begründer der englischen Aufklärung gilt, so bietet er zwar manche Ansätze, ist selbst aber allen radikalen Konsequenzen abgeneigt. Er stirbt in Oates (Essex) 1704.

Literatur:Aaron 1971; Ayers 1991; Chappell 1997; Specht 2007; Yolton 1985, 1990

1.         Sinneseindruck

Lockes theoretisches Hauptwerk »An Essay Concerning Human Understanding« (Ein Versuch über den menschlichen Verstand) dürfte die erste Schrift in der neuzeitlichen Philosophiegeschichte sein, die bereits in ihrem Titel ausdrücklich erkenntnistheoretisch orientiert ist. Locke stellt die erkenntniskritische Frage: Wie kommt Erkenntnis zustande? Welchen Grad der Gewissheit kann sie erreichen? Schon die Fragestellung zeigt den Einfluss Descartes’, dessen kritisch-methodischer Ansatz auf Locke eingewirkt hat. Auch er will die ursprünglichsten Erkenntnisquellen freilegen, daher die komplexen Bewusstseinsinhalte auf ihre einfachsten Urelemente zurückführen. Es geht hier wieder um die ersten, unmittelbarsten Inhalte der Erkenntnis.

Locke stellt dieselbe Frage wie Descartes, geht in der Antwort darauf aber von Anfang an einen völlig anderen Weg. Für ihn gibt es weder eingeborene Ideen noch eingeborene Prinzipien, seien es theoretische oder praktische Grundsätze. Der Widerlegung des rationalistischen Ansatzes bei den »ideae innatae« (an-oder eingeborene Ideen als grundlegende Elemente unserer geistigen Erkenntnis, wie sie Descartes vertreten hatte), vor allem aber der Widerlegung angeborener erster Prinzipien, seien sie theoretischer oder praktischer Art, ist das erste Buch des Werkes gewidmet.

Dabei polemisiert Locke jedoch gegen eine geradezu naiv zu nennende Auffassung von ein- oder angeborenen Ideen oder Prinzipien, die von Descartes nie so vertreten wurde und sich auch sonst bei keinem bedeutenden Philosophen findet. So schreibt Descartes in einem Brief, er vertrete nicht die These, schon ein Embryo treibe Metaphysik (Brief an Hyperaspistes Nr. 2, August 1641, AT III 423; Corresp. V 41). Wenn Descartes von an- oder eingeborenen Ideen spricht, so meint er damit, dass alle unsere Begriffe auf Grundbegriffen aufruhen, die ihren Ursprung in unserem eigenen Geist haben, und dass wir prinzipiell in der Lage sind, dies durch philosophische Reflexion zu erkennen.

Es zeigt sich also, dass der Unterschied zwischen der Theorie von an- oder eingeborenen Ideen und Prinzipien und der Auffassung, unsere Vernunft besitze lediglich die Fähigkeit, die Grundbegriffe und Grundprinzipien zu erkennen, weniger groß ist, als zumeist angenommen wird. Locke unterstellt aber, an- oder eingeborene Ideen oder Prinzipien müssten jedem Menschen jederzeit ausdrücklich bewusst sein. Dies lässt sich natürlich leicht widerlegen: Weder kleine Kinder noch ungebildete Menschen sind sich von sich aus der grundlegenden philosophischen Begriffe und Prinzipien bewusst. Aber diese Argumentation besagt nichts über die eigentlich kontroverse Frage, ob nämlich alle unsere Begriffe der Erfahrung entstammen oder nicht.

Der Grund dafür, dass sich Locke so vehement gegen angeborene Prinzipien ausspricht, liegt darin, dass er kein Prinzip von einer kritischen Untersuchung ausnehmen will. Er fürchtet nämlich, dass man bestimmte Prinzipien nur deshalb für angeboren erklärt, um sie auf diese Weise gegen jede Art von Kritik zu immunisieren. Stammen jedoch alle Prinzipien und Ideen aus der Erfahrung, so unterliegen sie ausnahmslos der Möglichkeit einer kritischen Überprüfung.

Das zweite Buch geht positiv auf die Frage ein, woher dann die Inhalte der Erkenntnis stammen. Die Antwort lautet: aus der Erfahrung. Die Seele ist ursprünglich leer wie ein unbeschriebenes Blatt Papier (a white paper) – ein Vergleich, der auf Aristoteles zurückgeht (De an. III, 4). Damit will Locke eingeborene Anlagen oder Vermögen nicht bestreiten, nur sind sie noch nicht Ideen oder Bewusstseinsinhalte; diese stammen allein aus der Erfahrung.

Wenn hier wie im ganzen Empirismus von »Ideen« die Rede ist, muss der Bedeutungswandel dieses Begriffes beachtet werden. Das Wort »Idee« (englisch »idea«) meint weder eine platonische Idee als allgemeine Wesenheit noch eine reine Vernunfteinsicht, aber auch nicht einen durch Abstraktion gewonnenen Begriff. Das Wort bedeutet vielmehr im weitesten Sinn jegliche Vorstellung, jeden Bewusstseinsinhalt sowohl begrifflich-rationaler als auch sinnenhafter Art.

Locke sagt darüber: »Alles, was der Geist in sich selbst wahrnimmt oder was unmittelbares Objekt der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verstandes ist, das nenne ich Idee« (2. Buch, 8, 8); er meine damit alles, »was immer man unter Phantasma, Begriff, Vorstellung, oder was immer es sei, das den denkenden Geist beschäftigen kann, versteht« (Einl. 8) – also die Gesamtheit der Inhalte oder Gegenstände des Bewusstseins.

Die einfachen und ursprünglichen Inhalte (Ideen) der Erkenntnis stammen aus der Erfahrung. Doch macht Locke den Unterschied zwischen äußerer und innerer Erfahrung. Die äußere Erfahrung (sensation) nimmt sinnliche Eindrücke der Körperdinge auf, die innere Erfahrung (reflection) eigene Akte, Zustände und Erlebnisse. Nun gibt es nicht nur einfache Ideen (simple ideas), sondern auch zusammengesetzte Ideen (complex ideas), die wir durch Verbindung, Vergleich oder Beziehung der einfachen Ideen bilden, ohne jedoch im Denken neue Ideen hervorbringen zu können; inhaltlich gehen sie durchaus auf einfache, rein passiv aufgenommene Ideen zurück. Diese entstammen im Bereich der äußeren Erfahrung (sensation) entweder einem einzelnen Sinnesvermögen wie Empfindungen der Farbe, der Töne, des Geruchs, des Geschmacks usw. oder mehreren Sinnesvermögen (etwa dem Gesichts- und Tastsinn) wie Ausdehnung, Gestalt oder Bewegung.

Die innere Wahrnehmung (reflection) gewinnt die Ideen des Denkens oder Vorstellens und des Wollens oder Strebens. Zugleich aus äußerer und innerer Wahrnehmung entspringen die einfachen Ideen der Lust (Freude) oder Unlust (Schmerz), der Kraft, des Daseins und der zeitlichen Sukzession. Damit sind, wie Locke meint, sämtliche Grundelemente erfasst, aus denen sich die Erkenntniswelt zusammensetzt.

Schon bei den einfachen Ideen der äußeren Sinnlichkeit macht Locke den Unterschied zwischen primären und sekundären Sinnesqualitäten. Nur die primären Qualitäten (primary qualities) sind reale Eigenschaften der Dinge, nämlich Ausdehnung und Gestalt, Undurchdringlichkeit, Bewegung oder Ruhe und Zahl. Die sekundären Qualitäten (secondary qualities), nämlich Farbe, Ton, Geschmack, Geruch und Wärme, sind nicht Eigenschaften der Dinge selbst, sondern nur durch das Wirken der Dinge auf unsere Sinnesorgane hervorgerufen.

Diese Unterscheidung stammt vermutlich von Robert Boyle, dem Begründer wissenschaftlicher Chemie (De ipsa natura, 1682), geht der Sache nach aber schon auf Descartes zurück: Wenn das Wesen der Körperdinge die Ausdehnung (extensio) ist, können nur darin gründende oder darauf rückführbare Bestimmungen, die in »klaren und distinkten« Begriffen fassbar sind, als reale Eigenschaften der Dinge gelten.

Die Unterscheidung primärer und sekundärer Qualitäten ist daher eine folgerichtige Anwendung der grundsätzlichen Reduktion der Qualität auf die Quantität; nur quantitative, nicht qualitative Bestimmungen können den realen Dingen zukommen. Insofern schließt sich Locke dem quantitativen Denken der modernen Naturwissenschaft an. Doch unterscheidet er sich darin von Descartes, dass er das Wesen der Körperdinge nicht in der Ausdehnung (extensio), sondern in deren Dichte oder Undurchdringlichkeit (solidity) sieht, die bei Descartes keine Eigenschaft ist, die den Dingen selbst zugehört. (Es scheint zwar, dass sich tatsächlich alle qualitativen Eigenschaften mit quantitativen korrelieren lassen. Dennoch erweist sich die These, nur primäre, d. h. quantitative Eigenschaften würden den Objekten selbst zukommen, aber dadurch als fragwürdig, dass quantitative Unterschiede überhaupt erst beim Vorliegen qualitativer Unterschiede messbar sind.)

Die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Sinnesqualitäten geht von Locke aus in die gesamte psychologische und philosophische Terminologie der Folgezeit ein. Problemgeschichtlich ist sie dadurch bedeutsam, dass sie den streng empiristischen Ansatz schon fragwürdig macht. Locke will doch auf die ursprünglichen Bewusstseinsinhalte zurückgehen, deren Einfachheit und unmittelbare Gegebenheit, noch vor jeder Eigentätigkeit des erkennenden Subjekts, ihre Wahrheit verbürgt. Schon hier zeigt sich aber, dass auch unter den ersten und unmittelbaren Empfindungsinhalten nochmals kritisch unterschieden werden muss, wenn sie auf reale Objekte bezogen werden. Woher stammt die Norm derart kritischer Unterscheidung reflektierenden Denkens? In der scheinbaren Unmittelbarkeit kommt bereits die Vermittlung durch das Subjekt in den Blick.

2.         Grundbegriffe

Die Eigentätigkeit des Denkens nehmen wir durch innere Erfahrung oder Reflexion (reflection) wahr und können dadurch die subjektiven Elemente feststellen und kritisch ausscheiden. Innere Akte des Denkens können jedoch keinerlei inhaltliche Ideen oder Vorstellungen erzeugen, sondern nur die einfachen Ideen (simple ideas) verbinden und vergleichen, aufeinander beziehen und so zusammengesetzte (complex ideas) bilden. Nur durch derartige Verarbeitungen des sinnlichen Erfahrungsmaterials gewinnen wir die Grundbegriffe, die Locke auf drei Klassen oder Kategorien zurückführt: Modi, Substanzen und Relationen.

Modi (oder Modifikationen) sind zusammengesetzte Ideen, die nicht etwas für sich Bestehendes bezeichnen, sondern als Bestimmungen oder Eigenschaften eines Dinges zu betrachten sind. Obwohl Locke Substanz und Akzidenz als ontologische Kategorien verwirft, treten dennoch erkenntnistheoretisch die Modi an die Stelle dessen, was aus aristotelischer Tradition Akzidenz hieß – terminologisch ebenso, wenn auch anders verstanden, wie bei Lockes gleichaltrigem Zeitgenossen Spinoza (auch 1632 geboren). Die Entfaltung der Lehre von den Modi findet sich bereits in der Spätscholastik, etwa bei Suárez, und führt bereits bei Descartes dazu, dass die Modi weitestgehend an die Stelle der traditionellen Akzidenzien treten.

Bei Locke gibt es einfache Modi (simple modes), wenn sie aus gleichartigen Teilelementen, und gemischte Modi (mixed modes), wenn sie aus ungleichartigen Elementen bestehen, also aus einfachen Ideen verschiedener Art zusammengesetzt sind. Zu den einfachen Modi zählt Locke die Idee des Raumes, die auf der einfachen Vorstellung der Ausdehnung nach Länge, Breite und Tiefe beruht, sowie die Idee der Zeit (Dauer), die der Vorstellung sukzessiver Veränderung entspringt; dazu gehören auch die Ideen der Zahl, der Kraft (Energie) u. a. Sie sind nicht selbständig bestehende Größen, sondern verweisen auf etwas anderes, dem sie zukommen. Was ist dieses andere?

Die Idee der Substanz als dessen, was in sich selbst besteht, entspringt der Wahrnehmung einer konstanten Verbindung einfacher Ideen. Bestimmte Eigenschaften, primäre und sekundäre Qualitäten, finden wir in beharrlicher Verbindung vor; sie bilden einen konstanten Komplex. Daher schreiben wir diese Eigenschaften einem gemeinsam tragenden, selbständig bestehenden Substrat zu, das wir Substanz nennen, ohne jedoch wissen zu können, was es in sich sei. Objektiv gegeben ist immer nur die konstante Verbindung einfacher Ideen.

Mit dieser kritischen Untersuchung, worin die streng empiristisch-sensualistische Sichtweise deutlich ist, will jedoch Locke den Substanzbegriff nicht völlig preisgeben. Er hält an der Realität der Substanz ebenso fest wie an der Unterscheidung zwischen materiellen und geistigen Substanzen, wenn wir auch ihr eigentliches Wesen nicht zu erreichen oder zu bestimmen vermögen.

Schon Leibniz wird dagegen einwenden, dass so, nämlich rein empiristisch betrachtet, die Substanz zu einem leeren Etwas wird, von dem wir nichts wissen (so wenig wie später Kant vom »Ding an sich«). Die eigentliche Frage betrifft aber die Sinngestalt des Ganzen, die Wesenheit als sinn- und formgebendes Einheitsprinzip in der Vielheit akzidenteller Bestimmungen. Diese Sinnganzheit kann aber Locke als Empirist nicht erfassen; er sieht nur das jeweils einzelne faktisch-sinnlich Gegebene. Locke bietet damit den entscheidenden Ansatz zur Kritik des Substanzbegriffs, die noch radikaler von Hume weitergeführt und, wenn auch auf andere Weise, von Kant aufgenommen wird. Locke hat aus empiristischer Sicht das Problem aufgeworfen, das weit über ihn hinaus fortwirken sollte.

Zu den Komplexideen gehören schließlich noch die Relationen (relations). Indem wir einfache Ideen vergleichen und in Beziehung setzen, bilden wir mannigfache Begriffe ihrer Verhältnisse oder Relationen wie Identität und Verschiedenheit, Gleichheit und Ungleichheit, auch Raum und Zeitbestimmungen, die auf Beziehungen der Dinge aufeinander beruhen. Wenn aber etwas durch ein anderes zu existieren beginnt, so nennen wir dieses Verhältnis Kausalität, d. h. die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Doch versteht Locke wieder streng empiristisch, allein vom sinnlich Gegebenen her, unter Ursache etwas, das notwendig als vorausgehend gedacht werden muss, wenn etwas zu existieren beginnt. Das bedeutet nicht mehr eine reale Kausalbeziehung, in welcher das produktive Wirken eine Wirkung hervorbringt, sondern nur noch eine Denknotwendigkeit, etwas als »vorausgehend« anzunehmen, weil wir beobachten, dass bestimmten Erscheinungen regelmäßig andere Erscheinungen »nachfolgen«. Daraus ergibt sich eine Assoziation von Vorstellungen, d. h. die psychologische Notwendigkeit, mit der einen Idee (des Entstehenden) die andere Idee (der Ursache) zu verknüpfen. Es ist nicht mehr eine objektive, in der Sache begründete Kausalrelation, sondern nur noch eine subjektive, psychologisch notwendige, durch die Regelmäßigkeit der Erfahrung bedingte Assoziation.

Lockes Feststellung assoziativer Vorgänge kommt in der empirischen Psychologie zu breiter Auswirkung und regt weitere Forschungen an. Im Problem der Kausalrelation wird aber der kritische Ansatz Lockes – ebenso wie die Substanzkritik – später von Hume aufgegriffen und radikaler fortgeführt; auch er wird unter dem Anstoß Humes in Kants Vernunftkritik eingehen.

Locke unterscheidet wie Descartes klare von dunklen und deutliche von verworrenen Ideen. Wichtiger ist aber die Frage nach der Realität und Adäquatheit der Ideen. Alle einfachen Ideen sind real und somit auch wahr; sie sind die Grundbausteine unserer Erkenntnis, bei denen sich unsere Sinne nicht täuschen. Die gemischten Modi und Relationen sind dann real, wenn sie widerspruchsfrei sind, denn sie sind im Gegensatz zu den einfachen Ideen nicht Abbilder von irgendetwas außerhalb ihrer selbst. Adäquate Ideen stellen ihre Urbilder vollständig dar. Dies gilt für alle einfachen Ideen, da dies Gott so eingerichtet hat. Ferner sind alle Modi und Relationen aus den oben genannten Gründen adäquat, wenn auch vielleicht nicht in bezug auf ihre Bezeichnung. Die partikulären Substanzen hingegen sind inadäquat, da wir ihr wahres Wesen nicht erfassen, können aber durchaus real sein, wenn sie mit der Existenz der Dinge übereinstimmen.

Im Kapitel 27 des Zweiten Buches entfaltet Locke seine Lehre von der Person. Unter dem Titel »Über Identität und Verschiedenheit« erörtert Locke unter anderem auch die Identität des Menschen. Diese hängt wie bei allen anderen Lebewesen nicht an der Identität der körperlichen Materie, sondern an der Identität des Lebens(prozesses), wobei dem organischen Körper nacheinander verschiedene Partikel eingegliedert werden. Der Begriff des Menschen ist aber von dem der Person ebenso wie von dem der Substanz zu unterscheiden.

Unter einer Person versteht Locke ein vernünftiges seiner selbst bewusstes Wesen, das sich als ein Ich begreift. Die Identität der Person beruht somit einzig und allein auf der Identität des (Selbst-)Bewusstseins, nicht aber auf der Identität der Substanz. Alle gegenwärtigen oder vergangenen Handlungen, deren ich mir bewusst bin, sind die Handlungen derselben Person. Eine Handlung, die absolut vergessen wird, gehört zwar immer noch zum selben Menschen, aber nicht zur selben Person. »Person« ist nämlich ein juristischer Ausdruck und umfasst nur das, woran sich jemand erinnern kann. Denn man könne jemanden nur für das belohnen oder bestrafen, dessen er sich auch als sein eigenes Tun bewusst ist. Allerdings gesteht Locke zu, dass jemand auch für etwas bestraft werden darf, woran er sich nicht mehr erinnern kann, weil er zur Tatzeit betrunken war, da sich dieses Nichtwissen nicht beweisen lässt.

Lässt sich diese Theorie der Person dann aber überhaupt noch juristisch anwenden, oder bedeutet sie nur, dass Gott uns nur für Taten belohnt oder bestraft, deren wir uns bewusst sind? Dass sich aber jemand im Angesicht Gottes nicht all dessen bewusst wird, was er in seinem gesamten Leben als derselbe Mensch getan hat, ist undenkbar. Lockes Auffassung von der Person erweist sich also als höchst problematisch.

3.         Sprache

Das dritte Buch des »Essay« ist dem Thema Sprache gewidmet, zu dem sich auch an anderen Stellen Hinweise finden. Die Sprache ist das hauptsächliche Werkzeug und das gemeinsame Band für die menschliche Gesellschaft. Sie setzt die Fähigkeit voraus, Laute artikulieren und als Zeichen für innere Ideen verwenden zu können. Außerdem müssen diese Zeichen so verwendbar sein, dass sie als allgemeine Ausdrücke mehreres zusammenfassen.

Besonders wichtig für die gesamte Lehre von der Begriffsbildung ist Lockes Auffassung von allgemeinen Wörtern und Namen oder Begriffen, die durch Abstraktion gebildet werden (abstract ideas), womit sich besonders das dritte Buch des »Essay« befasst. Der Begriff der Abstraktion stammt aus der aristotelisch-scholastischen Tradition, wird aber hier – nominalistisch-empiristisch – völlig anders verstanden. Er bedeutet nicht mehr das Vordringen des Denkens zum intelligiblen Wesensgehalt des sinnlich wahrgenommenen Dinges (intelligibile in sensibili), sondern nur noch das äußere Weglassen bestimmter Inhalte oder Eigenschaften des konkreten Einzeldinges, so dass wir die Dinge leichter ordnen und klassifizieren, mit einem gemeinsamen Wort bezeichnen können, das die Gemeinsamkeit hervorhebt und von der Verschiedenheit absieht. Der Allgemeinbegriff ist nur noch ein gemeinsamer Name, der einer Mehrheit von Dingen äußerlich beigelegt wird, nicht mehr die Erfassung ihres innerlich gemeinsamen Wesens. Das ist rein nominalistisch gedacht – wie überhaupt der englische Empirismus geradlinig dem Nominalismus entspringt.

Auch Lockes Verständnis der Wesenheit ist nominalistisch. Er unterscheidet zwischen den realen, das eigentliche Sein eines Dinges darstellenden Wesenheiten und den mit den abstrakten Ideen übereinstimmenden nominalen Wesenheiten. Nur bei einfachen Ideen und Modi sind die realen und die nominalen Wesenheiten identisch. Bei den Substanzen hingegen sind uns die realen Wesenheiten unbekannt. Wir behelfen uns darum damit, aufgrund der Ähnlichkeiten sinnlich wahrnehmbarer Qualitäten die Unterscheidung der nominalen Wesenheiten zu treffen. Dass wir die realen Wesenheiten nicht kennen, zeigt sich nach Locke daran, dass wir sonst alle Strukturen und Eigenschaften der betreffenden Substanzen kennen und erklären könnten.

Der Grund für diese nominalistische Auffassung liegt also daran, dass die Wesenserkenntnis mit der wissenschaftlich exakten und möglichst erschöpfenden Erkenntnis von etwas gleichgesetzt wird. Dies ist aber irrig: Wir wissen beispielsweise sehr wohl um die wesentlichen Charakteristika und folglich um das Wesen des Menschen (Leib, Geist, Freiheit, Würde …) – aber gerade darum ist und bleibt der Mensch für uns ein unergründliches Geheimnis.

Die Namen (d. h. Bezeichnungen) einfacher Ideen sind nicht definierbar, sondern können nur durch Hinweise angegeben werden. Dagegen sind die Namen komplexer Ideen definierbar, da sie aus mehreren Ideen bestehen. Die Namen gemischter Modi werden im Interesse der Zweckmäßigkeit gebildet und sind manchmal von Sprache zu Sprache verschieden. Sie helfen uns, die entsprechenden gemischten Modi gedanklich zusammenzuhalten.

Die wichtigste Aufgabe der Sprache besteht in der möglichst leichten und schnellen Mitteilung unserer Ideen, um auf diese Weise die Kenntnis von Dingen zu vermitteln. Darum sollen die Wörter genau definiert sein, so dass ihnen klare Ideen entsprechen. Ihre Bedeutungen müssen gleich bleiben und sollen dem gewöhnlichen Gebrauch entsprechen. Bei den Bezeichnungen für die Substanzen sollten sich die Forscher allerdings nicht auf den üblichen »bürgerlichen« Sprachgebrauch verlassen, sondern für eine »philosophische« (d. h. wissenschaftlich exakte) Verwendung der Wörter sorgen. Dies geschieht am besten durch ein Wörterbuch, in dem die einfachen Ideen verzeichnet sind, in denen die Einzelwesen einer Art übereinstimmen.

4.         Gewissheit

In scheinbarem Gegensatz zu Lockes Nominalismus steht seine Lehre von der Gewissheit der Erkenntnis (im 4. Buch des »Essay«). Er stellt hier die Frage, wie wir zu sicherem Wissen gelangen. Dieses besteht in der Erkenntnis der Übereinstimmung oder des Widerstreits der Ideen. Der höchste und sicherste Grad der Gewissheit ist durch intuitives Wissen gegeben, das aus dem Vergleich der Ideen deren Übereinstimmung oder Gegensatz unmittelbar einsieht. So erkennen wir, dass Weiß nicht Schwarz und der Kreis kein Dreieck ist, ebenso, dass wir selbst existieren, weil wir dies in intuitiver Unmittelbarkeit wahrnehmen. Darin ist, durchaus im Sinne Descartes’, die Garantie der Wahrheit und Gewissheit gegeben.

Daneben gibt es als zweiten Grad der Erkenntnis auch demonstratives Wissen, das die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Ideen nur durch Vermittlung von Zwischenvorstellungen einzusehen vermag. Damit ist ein schlussfolgerndes Beweisverfahren gemeint, das auch zu sicherem Wissen führt. Der Beweis ist nicht so leicht und klar wie intuitives Wissen. Und jeder Einzelschritt des Beweisverfahrens muss sich wieder auf intuitive Einsicht gründen. Derart ableitendes Wissen ist in der Mathematik möglich, ähnlich in der Moral. Auch ihre Prinzipien sind intuitiv einsichtig; von ihnen können konkrete Handlungsnormen abgeleitet werden. Demonstratives Wissen haben wir ferner vom Dasein Gottes, weil intuitiv einsichtig ist, dass aus nichts auch nichts hervorgehen kann, also ein ewiger, ursprungsloser Seinsgrund vorauszusetzen ist: Gott als allmächtiger und allwissender Schöpfer der Welt.

Als den letzten und niedrigsten Grad der Gewissheit führt Locke das sensitive Wissen ein. Es erreicht keine volle Gewissheit. Solches Wissen haben wir von der Existenz endlicher Dinge außer uns, aber es reicht nicht über die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände hinaus. Wir haben kein sicheres Wissen von den Körperdingen, weil uns von ihnen adäquate Ideen fehlen; auch Locke nimmt den Begriff der »adäquaten Ideen« (vgl. Spinoza und Leibniz) auf.

In dieser Bewertung der Stufen unseres Wissens zeigt sich ein seltsamer Gegensatz zum empiristischen Ansatz. Einerseits wird alle Erkenntnis auf sinnliche Wahrnehmung zurückgeführt; andererseits wird der sinnlichen Wahrnehmung doch der geringste Grad der Gewissheit zuerkannt. Es gibt über die Sinnlichkeit hinaus eine intuitive Einsicht des Geistes, der allein die höchste Gewissheit, sogar jede voll gültige Gewissheit entspringt. Jedenfalls aber vertritt Locke einen Realismus, der die Erkenntnisinhalte nicht auf die Immanenz bloßer Bewusstseinserscheinungen beschränkt, sondern eine dem Bewusstsein transzendente Wirklichkeit sowohl der Körper- als auch der Geisteswelt voraussetzt und anerkennt.

Weil aber das Wissen des Menschen begrenzt ist, hat Gott durch seine Offenbarung unser Wissen bereichert. So endet Lockes »Versuch über den menschlichen Verstand« mit einer Hinführung des Denkens zum Glauben. Was Gott geoffenbart hat, ist unbedingt anzunehmen, weil es unzweifelhaft wahr ist.

Zwischen Wissen und Glauben, Vernunft und Offenbarung kann es keinen Widerspruch geben, weil beide aus Gott stammen. Was aber göttliche Offenbarung ist oder sein kann und was nicht, das muss die Vernunft beurteilen. »Die Vernunft muss unser oberster Richter und Führer in allen Dingen sein« (IV, 19, 14).

5.         Religionsphilosophie

In demselben Geist schreibt Locke über »Die Vernünftigkeit des Christentums« (1695). Dies ist sein religionsphilosophisches, man kann auch sagen fundamentaltheologisches Werk, worin er den christlichen Glauben mit Vernunftgründen rechtfertigen und seine Übereinstimmung mit vernünftigem Denken aufweisen will. Christus, der von Gott gesandte Erlöser und Gesetzgeber, habe die ursprüngliche Naturreligion wiederhergestellt; sein Sittengebot entspreche durchaus vernünftiger Einsicht, aber auch alten Weisheitslehren im Westen wie im Osten.

So enthält die Offenbarung Aussagen, die »vernünftig«, also der natürlichen Vernunft einsichtig sind, aber auch Aussagen, die »übervernünftig«, der Vernunft allein nicht erreichbar, aber deshalb nicht »widervernünftig« sind, weil sie intuitiv einsichtigen Wahrheiten nicht widersprechen. In diesem Sinn hält Locke auch Wunder und Offenbarung für möglich und erweisbar. Locke löst nicht wie die nachfolgenden »Freidenker« der englischen Aufklärung das Christentum in eine natürliche Vernunftreligion auf, sondern hält am Offenbarungsglauben fest.

Doch versteht er die christliche Religion so weit und allgemein, dass sie keiner besonderen Konfession bedarf. Hier beginnt bereits die Tendenz der Aufklärung, der Religionskämpfe im Gefolge der Reformation müde geworden, den christlichen Glauben auf Vernunftreligion zu reduzieren, in der sich alle »vernünftigen« Menschen, auch verschiedener Konfession, einigen können.

Demgemäß tritt Locke für weitgehende Toleranz gegenüber anderen Religionen und Konfessionen ein; so vor allem in den »Briefen über Toleranz« (1689-1704). Wegen des religiösen Bekenntnisses solle niemand vom Staatswesen ausgeschlossen werden, weder Juden noch Moslems oder Heiden. Von der Toleranz ausgenommen sind nur Katholiken und Atheisten: Katholiken, weil sie durch ihre Abhängigkeit von Rom die bürgerliche Ruhe und Freiheit gefährden; Atheisten, weil sie Gott und die Offenbarung, somit die Grundlagen der staatlichen Ordnung überhaupt, bestreiten.

6.         Staatslehre

Eine herausragende Stellung nimmt Locke in der Lehre von Staat ein. Er hat maßgeblich die amerikanische Revolution inspiriert und kann als der klassische Vertreter einer liberalen Staatsauffassung gelten. Angeregt durch seine eigene politische Tätigkeit, entfaltet Locke besonders in den »Two Treatises of Government« (Zwei Abhandlungen über die Regierung; 1690) in sehr ausgewogener Weise seine politische Philosophie. Von Interesse ist praktisch nur die zweite Abhandlung, der »Second Treatise of Government«, der Lockes eigene Staatstheorie enthält, denn im ersten Traktat setzt sich Locke nur mit der patriarchalischen Staatstheorie R.Filmers (1604-1647) auseinander, der durch natürliche Erbfolge vom Stammvater Adam her alle gottgegebene Herrschaft der Fürsten ebenso wie das Vorrecht des Vaters über seine Kinder ableiten will. Dies lehnt Locke ebenso ab wie die absolutistische Staatskonzeption von Thomas Hobbes, dessen Name Locke freilich nie erwähnt, der keine vorstaatlichen Rechte kennt und dem Herrscher alle Macht einräumt.

Auch Locke geht wie Hobbes auf einen Naturzustand (natural state) zurück, aber in diesem leben die Menschen gemäß der Vernunft. Es gilt das Naturgesetz, dass alle Menschen frei, gleich und unabhängig sind, und dass niemand dem Leben, der Gesundheit, der Freiheit oder dem Besitz des anderen Schaden zufügen darf. Zwar wird kaum einsichtig, wie ein allgemein gültiges Naturrecht empiristisch begründbar ist; Lockes politische Philosophie ist relativ unabhängig von erkenntnistheoretischen Voraussetzungen. Doch bemüht er sich um eine vernünftige, gerechte und freiheitliche Staats- und Gesellschaftslehre. Für die Vollstreckung des Naturgesetzes ist im Naturzustand jeder sein eigener Herr und Richter. Er darf den Missetäter zur Abschreckung bestrafen und hat das Recht auf Wiedergutmachung. In diesem Naturzustand, in dem sich die Herrscher der Staaten nach wie vor gegeneinander befinden, besteht aber die Gefahr eines gewaltsamen rechtswidrigen Angriffs auf die Freiheit eines anderen, wodurch es zum Kriegszustand kommt.

Da es im Naturzustand keine Autorität gibt, kann die kleinste Streitigkeit zum Kriegszustand führen, und dies »ist ein Hauptgrund, dass sich die Menschen zu einer Gesellschaft vereinigen und den Naturzustand verlassen.« (Kap. III, 21) Der Zweck des Staates besteht darin, für jedermann die Dreiheit von Leben, Freiheit und Besitz zu gewährleisten, die für Locke die Grundrechte jedes Menschen ausmacht und die er auch mit dem Sammelbegriff Eigentum bezeichnet.

Wie ist es möglich, dass die Menschen – anders als bei Hobbes – schon vorgängig zur Entstehung des Staates ein Recht auf Eigentum besitzen? Zur Begründung des Eigentumsrechtes entwickelt Locke eine Arbeitswertlehre. Denn zunächst gehören die Früchte und Tiere der Erde allen Menschen gemeinsam. Aber jeder Mensch hat ein Eigentum an seiner Person, damit aber auch an der Arbeit seines Körpers und seiner Hände. Eigentum wird also durch Arbeit legitimiert, die auch schon im bloßen Auflesen und Einsammeln bestehen kann. Dieses Eigentum beschränkt sich aber ursprünglich auf das, was man genießen kann, oder im Falle des Landbesitzes auf den Grund, den man bebaut.

Der Boden als solcher hat kaum einen Wert. Fast aller Wert verdankt sich der Arbeit. Im Lauf der Zeit musste man die Aufteilung des Landes vertraglich regeln, und es wurden außer Dingen, die zum unmittelbaren Verbrauch bestimmt waren, auch langlebige Gegenstände wie Edelmetalle, Diamanten und Geld angesammelt, wodurch die Begrenzung des Eigentums auf das zum Verbrauch Bestimmte aufhörte und das Verlangen nach Anhäufung von Besitz Platz griff.

Die Staatsgewalt gründet im Willen der Einzelnen. Alle Macht geht vom Volke aus. Ziel des Staates ist Sicherheit und Selbsterhaltung jedes Bürgers, wofür Freiheit und Besitz die unverzichtbaren Grundlagen darstellen. Darum hat der Staat die Aufgabe, Friede, Sicherheit und öffentliches Wohl zu gewährleisten, was den Schutz des Eigentums (property), also von Leben, Freiheit und Besitz, bedeutet. Zu diesem Zweck schließen sich die Menschen durch einen Vertrag zusammen und treten Macht, Gewalt und Rechte zugunsten der Beschlüsse der Mehrheit ab. Die Menschen sind »von Natur alle frei, gleich und unabhängig, und niemand kann ohne seine Einwilligung aus diesem Zustand verstoßen und der politischen Gewalt eines anderen unterworfen werden.«

Dies ist nur durch freiwilligen vertraglichen Zusammenschluss einer beliebigen Anzahl von Menschen möglich. Gewaltsame Eroberung oder Usurpation begründet hingegen keine rechtmäßige Herrschaft. »Sobald eine Anzahl von Menschen auf diese Weise übereingekommen ist, eine Gemeinschaft oder Regierung zu bilden, haben sie sich ihr sogleich einverleibt, und sie bilden einen einzigen politischen Körper, in dem die Mehrheit das Recht hat, zu handeln und die übrigen Glieder mitzuverpflichten.« (Kap. VIII, Nr. 95)

Der auf diese Weise geschlossene Staatsvertrag besteht in der »bloßen Übereinkunft, sich zu einer politischen Gesellschaft zu vereinigen«. Der Vertrag ist »nichts anderes als die Übereinkunft einer der Mehrheitsbildung fähigen Anzahl freier Menschen, sich zu vereinigen und sich einer solchen Gesellschaft einzugliedern.« (Kap. VIII, 99)

Locke kennt drei Staatsgewalten: die Legislative, zu der auch die Rechtsprechung dazugehört, die Exekutive und die »Föderative«. Die Forderung nach Gewaltenteilung wird später durch Montesquieu zu einer Dreiteilung in eine legislative, exekutive und judikative Gewalt erweitert und geht in dieser Form in die Verfassung des modernen Rechtsstaates ein. Die im Naturzustand gegebene Macht auf Selbstverteidigung und Verurteilung anderer wird an die Legislative, die gesetzgebende Gewalt, abgetreten. Ihre Begründung ist das erste, grundlegende positive Gesetz aller Staaten. Die Legislative ist nicht nur die höchste Gewalt, sondern auch geheiligt und normalerweise während der dafür vorgesehenen Zeit unabänderlich in den Händen derer, in die sie die Gemeinschaft gelegt hat. Dennoch gilt, dass die Abtretung der Rechte treuhänderisch geschieht, denn der eigentliche Träger der Souveränität ist und bleibt das Volk. Die Legislative hat allgemeingültige Gesetze und nicht konkrete Maßnahmeverordnungen zu erlassen. Sie soll nicht ständig tagen, sondern nur zeitweise zusammentreten (wie dies damals in England üblich war und heute noch bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen der Fall ist). Die Legislative oder die von ihr ernannte Obrigkeit übt das Richteramt aus. Erst Montesquieu wird die klare Trennung von Legislative und Judikative fordern.

Die Durchführung der Gesetze liegt in den Händen der Exekutive, also der Regierung, die ständig im Amt ist. Sie ist meist von der Legislative getrennt. Wenn jemand als Monarch sowohl der Exekutive als auch der Legislative angehört, so dass kein Gesetz ohne seine Zustimmung erlassen werden kann, so kann er die höchste Gewalt genannt werden. Aber die Treue ihm gegenüber ist nur die Treue gegenüber dem Gesetz, und wo er nicht den öffentlichen Willen repräsentiert, ist er ipso facto Privatperson. Locke tritt demnach für einen liberalen Verfassungsstaat ein, genauer für eine konstitutionelle Monarchie. Die Aufgabe der Exekutive ist die Durchführung der Gesetze, mit heutigen Worten formuliert, die Innenpolitik, während die Außenpolitik (Krieg und Frieden, Bündnisse und Verträge mit anderen Staaten) Aufgabe der Föderative ist, die gewöhnlich aber von denselben Personen ausgeübt wird.

Da nicht alles gesetzlich geregelt werden kann, muss der Exekutive ein gewisser Ermessensspielraum eingeräumt werden, den Locke die Prärogative nennt. Diese Prärogative umfasst auch die Möglichkeit, im Bedarfsfall von der Strenge des Gesetzes abzuweichen. Solange dies im Interesse des öffentlichen Wohls geschieht, ist es unproblematisch. Wo dies nicht der Fall ist, bleibt nur wie im Fall anderer Missbräuche der Staatsmacht die Anrufung Gottes, und das heißt konkret, das Recht auf Widerstand. Locke nennt eine ganze Reihe von Fällen, in denen das Volk ein Widerstandsrecht besitzt: wenn die gesetzmäßige Wahl, Zusammensetzung oder Tätigkeit der Legislative verhindert werden oder wenn der Staatszweck nicht mehr erfüllt ist. Letzteres ist dann der Fall, wenn aufgrund des Versagens der Exekutive Anarchie herrscht, wenn das Volk fremder Gewalt ausgeliefert wird oder wenn die Grundrechte der Bürger verletzt werden. In diesen Fällen ist nur Gott im Himmel Richter, und die Staatsgewalt fällt an das Volk zurück, das dann die Legislative abberufen und eine neue einsetzen kann.

7.         Erziehung

Ebenso liberalen Geist zeigen Lockes »Gedanken über Erziehung« (1693). Ihre Aufgabe ist es, den jungen Menschen nicht zu unterdrücken oder mit Gewalt in feststehende Schemata zu zwingen, sondern ihn zu eigenem Denken anzuleiten, in der Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, der Ausbildung seiner Persönlichkeit zu fördern. Locke gibt darum der Privaterziehung den Vorrang vor öffentlichen Schulen. Obwohl Privaterziehung nur höheren Ständen möglich ist, komme sie indirekt doch dem Gemeinwohl zugute. Wie Lockes Staatslehre von Montesquieu, so wird seine Erziehungslehre von Rousseau aufgenommen, fortgebildet und weithin wirksam gemacht.

John Locke gibt den entscheidenden Ansatz des englischen Empirismus, den Hume am radikalsten und konsequentesten zu Ende führen wird, wie die liberalen Ansätze bei Locke im folgenden Jahrhundert der Aufklärung, dem maßvollen Geist Lockes durchaus widersprechend, eine scharfe Radikalisierung erfahren.