IV.      George Berkeley

 

 

 

 

Zwischen Locke und Hume steht George Berkeley [’ba:kli], der den empiristischen Ansatz auf idealistisch-spiritualistische Weise auslegt. 1685 in Irland geboren, studiert er am Trinity College in Dublin, wirkt dann als anglikanischer Kaplan in Dublin, später in London, ist mehrere Jahre auf Reisen in Frankreich und Italien (1713/14 und 1715-20), zwei Jahre als Missionar in Rhode Island tätig (1729-31), wird 1734 Bischof von Cloyne in Irland und stirbt 1753 in Oxford.

Sein Hauptwerk ist »A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge« (Ein Traktat über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis; 1710). Daneben verfasst er »A New Theory of Vision« (Eine neue Theorie des Sehens; 1709), »Three Dialogues Between Hylas and Philonous« (Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous; 1713), »Alciphron« (1732) und andere Schriften, ferner eine Sammlung persönlicher Notizen, die später als sein Philosophisches Tagebuch (Philosophical Commentaries) veröffentlicht wurden.

Literatur:Hicks 1968; Kulenkampff, A. 1987; Warnock 1983; Winkler 1989

1.         Empiristischer Ansatz

Die Grundlage seines Denkens bildet ein Empirismus, den Berkeley im Wesentlichen von Locke übernimmt, aber noch fortbildet und verschärft. Dies zeigt sich schon deutlich am Beginn des »Treatise«, wo er jede abstrakte Allgemeinidee ablehnt. Damit wendet er sich nicht nur gegen die Existenz allgemeiner Wesenheiten im platonischen Sinn, sondern auch gegen jede Vorstellung allgemeiner Inhalte; das Wort »idea« ist hier wieder im weitesten Sinn von Vorstellungs- oder Bewusstseinsinhalt gebraucht.

Ein Mensch im Allgemeinen kann gar nicht vorgestellt werden, sondern immer nur dieser oder jener bestimmte Einzelmensch; ebensowenig ein allgemeines Dreieck, das weder gleichseitig noch ungleichseitig, weder recht- noch schiefwinkelig wäre. Mit dem zuletzt genannten Beispiel polemisiert Berkeley gegen eine unglückliche Formulierung von Locke, der die verallgemeinernde Abstraktion an einer Stelle seines Werkes so darstellt, als würde sie nicht das Absehen von der jeweiligen konkreten Ausgestaltung, sondern deren Leugnung bedeuten.

Vorgestellt werden kann nach Berkeley immer nur ein konkret bestimmtes Einzelding, nicht ein allgemeiner Inhalt. Wohl aber gibt es Worte unserer Sprache, die mehr als einen Gegenstand bezeichnen. Dies wird zum Anlass für die irrige Meinung, wir hätten abstrakte und allgemeine Vorstellungen.

Der Ursprung der falschen Annahme allgemeiner Ideen liegt also in der Sprache. Denn daraus, dass bei einem korrekten Sprachgebrauch jeder Ausdruck im Sinn derselben Bedeutung verwendet wird, schließt man fälschlich, es werde damit auch immer dieselbe Idee bezeichnet, während in Wahrheit damit eine große Zahl unbestimmter Ideen gemeint wird. Der Missbrauch von Worten ist eine Hauptquelle unserer Irrtümer. Deshalb sollen wir uns nicht von sprachlichen Benennungen irreführen lassen, sondern auf die gemeinten Ideen selbst schauen.

Bei dieser Gelegenheit verweist Berkeley auch als einer der ersten modernen Denker darauf, dass das Wesen der Sprache nicht nur in der Mitteilung gedanklicher Inhalte besteht. Vielmehr gibt es andere Zwecke der Sprache, »wie z. B. die Erregung irgend einer Leidenschaft, die Bewirkung eines Entschlusses, eine Handlung auszuführen oder zu unterlassen, die Versetzung des Gemüts in irgend einen bestimmten Zustand, Zwecke, denen der erstgenannte in manchen Fällen völlig untergeordnet ist; ja er kann ganz wegfallen, wenn diese Zwecke sich ohne ihn erreichen lassen, wie dies, denke ich, nicht selten, in dem gewöhnlichen Reden der Fall ist.« (Prinz. d. menschl. Erk., § 20)

Berkeleys Ablehnung der Allgemeinbegriffe ist Nominalismus im reinsten Sinn. Es gibt keinen Begriff, der das allgemeine, einer Mehrheit von Dingen gemeinsame Wesen erfassen würde. Wie dann auch nur im mathematischen Bereich arithmetische oder geometrische Gesetze einsichtig werden, etwa Gesetze des Dreiecks, die von allen, auch verschiedenartigen Dreiecken notwendig gelten, bleibt hier wie im ganzen Empirismus unerfindlich; dasselbe gilt erst recht von der allgemeinen Verbindlichkeit ethischer Normen u. a.

Aber Berkeley hält daran fest, es gibt keinen echten Allgemeinbegriff, es gibt nur Wörter als sprachliche Zeichen, mit denen wir eine Mehrheit von Dingen äußerlich benennen, um sie zu ordnen, zu klassifizieren. Das Wort weist jeweils auf das bestimmte und konkrete Einzelding hin, das wir wahrnehmen oder vorstellen. Zugleich wird hier noch mehr als bei Locke deutlich, dass der Empirismus in einem Sensismus gründet. Wenn Berkeley sagt, wir können das Allgemeine nicht vorstellen, so ist damit offenkundig allein die sinnliche Vorstellung gemeint. Abstrakte und allgemeine Inhalte können wir sicher niemals sinnenhaft vorstellen. Dass wir aber allgemeine Inhalte intellektuell erfassen, denkend einen Allgemeinbegriff bilden können, der dem Wort sinngebend zugrunde liegt, ist hier vollkommen preisgegeben. Das Denken wird auf die sinnliche Vorstellung reduziert und verliert jede eigene höhere Funktion.

2.         Idealistische Deutung

Trotzdem entstammt die Sinneserkenntnis nach Berkeley nicht real existierenden Körperdingen, deren Eigenschaften sich unseren Sinnen darbieten und einprägen, vielmehr sind die sinnlichen Wahrnehmungen nichts anderes als reine Vorstellungen des Geistes. Ihr Inhalt existiert nicht in materiellen Substanzen, sondern allein in der Vorstellungswelt des Geistes. Die Lockesche Unterscheidung zwischen primären und sekundären Sinnesqualitäten wird aufgegeben. Nicht nur die sekundären Qualitäten (wie Farbe, Töne, Geschmack, Geruch usw.) sind subjektive Vorstellungen, sondern auch die primären Qualitäten (wie Ausdehnung, Gestalt, Größe, Bewegung und Ruhe usw.). Etwa die räumliche Größe oder Entfernung eines Gegenstandes wird nicht unmittelbar sinnlich empfunden, sondern ihre Vorstellung wird durch die Verbindung des optischen Eindrucks mit Bewegungsempfindungen, Erinnerungen und Assoziationen hervorgerufen. Dies geschieht nicht aus logischer oder sachlicher Notwendigkeit, sondern allein psychologisch durch Übung und Gewöhnung.

Berkeley sucht zu beweisen, dass die Annahme einer außer uns existierenden Körperwelt nicht nur unbegründet, sondern widerspruchsvoll sei. Es gibt keine materielle Welt, die unseren Vorstellungen entspräche. Das Sein der Körperdinge besteht darin, dass sie wahrgenommen werden; dies besagt das berühmte Wort »Their esse is percipi« (Ihr Sein ist Perzipiertwerden [d. h. Vorgestelltwerden]; II 42). Diese Auffassung kann aber nicht erklären, wieso wir nach einer Unterbrechung unserer Wahrnehmungen normalerweise dieselben Dinge wieder ebenso wahrnehmen wie vorher. Darum modifiziert Berkeley seine These dahingehend, dass das Sein der Dinge nicht in ihrem aktuellen Erfasstwerden, sondern in ihrem Perzipiert-Werden-Können (percipi posse) besteht. Und gegen Ende seiner »Prinzipien« scheint es nur noch nötig zu sein, dass Gott die Dinge erkennt.

Es gibt also keine substantiell existierenden materielle Dinge, aber es gibt sehr wohl außer uns andere reale Substanzen, jedoch nur solche von geistiger, immaterieller Art. Berkeley behält somit den Begriff der Substanz bei, wendet ihn aber allein auf geistige Realitäten an, die wir nicht durch »Ideen« wahrnehmen, sondern mit Hilfe von »notions« (Begriffen) erkennen. (Man kann sich hier natürlich fragen, wie Berkeley dem Menschen noch einen Leib zuerkennen kann. Aber ohne die Vermittlung des Leibes können wir nicht die Anwesenheit anderer Menschen feststellen.) Sein Empirismus und Sensismus erfährt hier, merkwürdig genug, die Wende zu einem reinen Spiritualismus. Bezüglich der materiellen Welt ist es ein Idealismus, der die realen Dinge in sinnlich-anschauliche Bewusstseinsinhalte – »Ideen« – des Geistes aufhebt.

Der Grund für Berkeleys Theorie liegt nicht nur in seiner Gleichsetzung von Sein und Erkanntwerden. Berkeley bekämpft mit seiner Theorie auch die Annahme einer absolut gesetzten Materie, die für ihn die Grundlage des Atheismus darstellt. So wie Berkeley die Materie versteht, nämlich als ein rein an und für sich und ohne Beziehung auf einen erkennenden Geist existierendes Absolutes, wäre sie nicht nur das Fundament eines Materialismus, der die Existenz Gottes ausschließt, sondern sie wäre überhaupt ein in sich widersprüchlicher Gedanke.

Darin, dass es eine derart verstandene Materie nicht geben kann, hat Berkeley natürlich Recht, aber sein Irrtum besteht darin, dass er meint, die einzige Alternative zu dieser Konzeption bestünde darin, die Materie zur bloßen Vorstellung zu depotenzieren. Die substantielle Existenz der Materie ist im Gegensatz zu Berkeleys Ansicht sehr wohl mit ihrer Erkennbarkeit und ihrem Geschaffensein von Gott vereinbar.

Die Vorstellungsgehalte, die wir vorfinden, sind jedoch nicht von uns selbst hervorgebracht; sie sind nicht Setzungen unseres eigenen Geistes. Denn wir erfahren unsere Erkenntnis nicht als produktiv, sondern als rezeptiv. Die Vorstellungen müssen also einer anderen Ursache entstammen.

Diese Ursache kann nicht in materiellen Dingen liegen, die es außer unseren Vorstellungen nicht gibt noch geben kann. Also müssen diese von einem geistigen Wesen stammen, und zwar vom unendlichen und allmächtigen Geist, der die endlichen Geistwesen erschaffen hat, von Gott. Er bringt in uns die Vorstellungen hervor. Er bringt auch die Übereinstimmung der Vorstellungen in den einzelnen Geistwesen hervor, so dass wir uns in einer gemeinsamen Vorstellungswelt erfahren. Alle Inhalte, die wir darin wahrnehmen, sind Mitteilungen Gottes an uns, gleichsam sein Wort, das uns unmittelbar anspricht, so dass wir auch in allen Dingen, die wir erfahren, Gottes Stimme vernehmen und verstehen sollen.

Im Zusammenhang mit dem Wirken Gottes verteidigt Berkeley seine idealistische These auch mit dem ontologischen Sparsamkeitsprinzip (und zeigt damit, wenn auch ungewollt, die Problematik dieses Prinzips). Die eigenständige Existenz der Materie ist überflüssig, denn durch sie wird unseren Vorstellungen nichts hinzugefügt, was sie nicht auch schon ohne die Existenz der Materie enthalten. Somit hätte Gott in diesem Fall nutzlose Dinge geschaffen.

Außerdem wird mit der Bestreitung der Selbständigkeit der Materie auch der Skepsis der Boden entzogen. Denn die Zuverlässigkeit der Sinne wird nicht bezweifelt, aber die skeptische Frage, ob uns die Sinneswahrnehmung Kenntnis von eigenständigen existierenden Dingen vermittelt, kann nicht mehr gestellt werden.

In unserer Alltagssprache dürfen wir freilich weiterhin so reden, als ob es die materiellen Dinge tatsächlich gäbe. Und es bleibt auch der Unterschied zwischen Realität und Phantasievorstellung in Kraft. Denn das Reale ist kräftiger, zusammenhängender und geordneter als die Produkte der Phantasie. Ferner wird auch der vom christlichen Glauben geforderte Unterschied zwischen den ewigen Ideen Gottes und der zeitlichen Schöpfung nicht aufgehoben. Dass Gott bestimmte Dinge geschaffen hat, heißt nichts anderes, als dass er ihnen während dieser Zeit das Wahrnehmbarsein für endliche Geister mit den entsprechenden naturgesetzlichen Verknüpfungen verliehen hat. Dass der Materie darüber hinaus eine absolute Existenz zukomme, behauptet der christliche Glaube hingegen keineswegs.

Hiermit verrät Berkeley eine gewisse Nähe zu Malebranche, mit dem er sich in den »Drei Dialogen« auch ausdrücklich auseinandersetzt. Noch mehr, er zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit der ganzen Tradition platonischen, augustinischen und rationalistischen Denkens, von der Illumination (Augustinus) über die eingeborenen Ideen (Descartes) bis zur prästabilierten Harmonie (Leibniz). Der entscheidende, jedoch radikale Schritt darüber hinaus besteht darin, dass Berkeley nicht nur intellektuelle Einsichten von allgemeiner und notwendiger Geltung, sondern auch alle sinnlichen Eindrücke unmittelbar auf das Wirken Gottes zurückführt.

Insbesondere gegen Malebranche betont Berkeley ausdrücklich, er lehre nicht, dass wir alle Dinge in Gott selbst sehen, sondern nur, dass Gott in uns die Vorstellung bewirke; er führe auch nicht nur abstrakte und allgemeine Ideen auf Gott zurück, sondern die Gesamtheit unserer (sinnlichen) Vorstellungen. Er behaupte auch nicht, dass die Sinne uns täuschen und wir aus der sinnlichen Wahrnehmung nicht die wahre Natur der Dinge erkennen, weil es überhaupt keine materiellen Dinge außer uns gebe. Vielmehr sind alle Vorstellungen allein von Gott in unserem Geist hervorgebracht. Kein Wunder, dass die Legende aufkam, der alte Malebranche sei nach einem heftigen Gespräch mit dem jungen Berkeley einem Herzschlag erlegen (1715).

Wenn sich in Berkeleys Philosophie auch auf seltsame Weise das empiristisch-sensualistische mit dem spiritualistisch-idealistischen Element verbindet, so erweist sich problemgeschichtlich seine Position als sehr bedeutungsvoll. Ihm geht es darum, zu zeigen, dass die empiristische Auffassung der Erkenntnis noch durchaus verschieden deutbar ist. Wenn der Empirismus die Erkenntnis in der Sinneserfahrung begründet, so setzt er zwar die Tatsache voraus, dass wir Sinneseindrücke haben. Daraus folgt aber nicht unmittelbar, dass sie realen Dingen entsprechen.

Nimmt man reale Dinge als Ursache der Erscheinungen an, so muss es sich um materielle Dinge von sinnlich wahrnehmbarer Beschaffenheit handeln. Wird nun empiristisch die gesamte Erkenntnis auf die sinnliche Wahrnehmung reduziert, so folgt daraus, dass es nur materielle Dinge gibt; es folgt eine materialistische Weltauffassung. Dies ist jedoch nur eine Deutung, die schon weit über die bloße Gegebenheit sinnlicher Erscheinungen hinausgeht.

Man kann diese auch anders interpretieren, wie Berkeley es tut. Er bleibt bei der bloßen Erscheinung als einem Phänomen unseres Bewusstseins, dem jedoch kein materielles Ding entspricht. Wohl aber setzt das Phänomen ein bewusstes, also geistiges Subjekt voraus, dem es zur Erscheinung kommt. Diese spiritualistische Deutung ist ebenso möglich wie die materialistische, wenn sich diese auch vom empiristischen Ansatz nahezulegen scheint. Berkeley bezeugt dagegen, dass dies nur eine der möglichen Auslegungen ist, gegenüber welcher der empiristische Ansatz als solcher indifferent bleibt.