V.        David Hume

 

 

 

 

Der Empirismus John Lockes erhält seine konsequenteste, aber auch radikalste Ausbildung durch David Hume, der zum Klassiker des englischen Empirismus wurde. 1711 in Edinburgh, Schottland, geboren, studiert er dort Rechtswissenschaft, zugleich Philosophie, Literatur und Geschichte. Auch er macht (wie Hobbes, Locke, Berkeley u. a.) große Reisen, lebt 1734-1737 in Frankreich, später 1748/49 in Italien.

Schon mit 23 Jahren schreibt er sein erstes philosophisches Werk »A Treatise on Human Nature« (Ein Traktat über die menschliche Natur), das in drei Bänden (1739/40) erscheint, aber anfangs wenig Beachtung findet. Besser aufgenommen werden die »Essays Moral and Political« (Moralische und politische Versuche; 1741/42). Aus einer Überarbeitung des ersten Teils des »Treatise« entstehen die »Philosophical Essays Concerning Human Understanding« (Philosophische Versuche über den menschlichen Verstand; 1748), bekannter geworden unter dem Titel der zweiten Auflage »An Enquiry Concerning Human Understanding« (Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand; 1751); es ist zum Hauptwerk Humes geworden. Der zweite Teil der Überarbeitung erhält den Namen »An Enquiry Concerning the Principles of Morals« (Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral; 1751).

Später wendet sich Hume anderen, vor allem historischen und religionswissenschaftlichen Arbeiten zu. Er schreibt in sechs Bänden eine Geschichte Großbritanniens (1754-1762), unter anderen kleinen Studien überdies »The Natural History of Religion« (Naturgeschichte der Religion; 1757), sachlich weitergeführt in den »Dialogues Concerning Natural Religion« (Dialoge über die natürliche Religion; 1779 posthum erschienen). Daneben verfasst er politische und nationalökonomische Schriften, schließlich eine Autobiographie, die nach seinem Tode (1777) herauskam. Zum berühmten Mann geworden, lebt Hume wieder einige Jahre in Frankreich (1763-1766), findet in Paris glänzende Aufnahme, kommt mit Rousseau und den Enzyklopädisten in Verbindung. Nach England zurückgekehrt, wird er Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt (1767/68). Danach lebt er zurückgezogen in seiner Heimatstadt Edinburgh, wo er 1776 stirbt.

Literatur:Ayer 1980, 2000; Craig 1979; Jenkins 1992; Kulenkampff, J. 2003; Lüthe 1991; Norton 1993; Streminger 1995a, b

1.         Empiristische Grundlagen

Ähnlich wie Berkeley stellt sich Hume die Aufgabe, Lockes empiristische Erkenntnistheorie fortzuführen und zu vollenden. Durch die Lehre vom Menschen will er die Grundlage für das ganze System der Wissenschaft gewinnen. Es geht ihm um eine erkenntniskritische Fundierung des menschlichen Wissens. Die einzig sichere Erkenntnisquelle ist die Erfahrung und Beobachtung (experience and observation), also die Methode der Naturwissenschaft. Die empirisch-experimentelle Methode soll angewendet werden auf die Philosophie, auf die Ethik, auch auf den ganzen Bereich dessen, was man später als Geisteswissenschaften bezeichnen wird.

So werden die menschlichen Erkenntnisse kritisch analysiert, ähnlich wie bei Locke, dem Hume auch in Einzelheiten eng folgt. Er übernimmt die Lockesche Zweiheit der Quellen unserer Bewusstseinsinhalte, »sensation« und »reflection«, wie die Unterscheidung von einfachen und zusammengesetzten Ideen.

Er folgt Locke auch darin, dass die einfachen Ideen rein passiv aufgenommene Eindrücke oder Abbilder der Gegenstände sind. Hier macht er jedoch den Unterschied zwischen »impressions« (Eindrücken) und »ideas« (Ideen). »Impressions« sind aktuelle Empfindungen der äußeren Sinne, somit Abdrücke der sinnlich wahrgenommenen Gegenstände. »Ideas« sind bei Hume nicht Ideen oder Begriffe im eigentlichen Sinn, sondern reproduzierte Sinneserkenntnisse, also Vorstellungen, die durch die Erinnerung oder die Einbildungskraft in uns wiedererweckt werden. Sie sind darum weniger klar, weniger lebendig; sie sind schwächere Vorstellungen, gewissermaßen abgeblasste Wahrnehmungen. Auch der ganze Bereich begrifflichen Denkens wird auf die sinnliche Wahrnehmung zurückgeführt. Der Begriff ist die reproduzierte Vorstellung eines früher aktuell wahrgenommenen Gegenstandes, also ein Produkt der Einbildungskraft, aber ein schwächeres, undeutlicheres, abgeblasstes Sinnenbild.

Wir haben aber die Fähigkeit, den sinnlichen Wahrnehmungsgehalt selbsttätig umzuformen. Dies geschieht durch Kombination von Vorstellungen, woraus zusammengesetzte Ideen entstehen. Hier steht deutlich die Unterscheidung zwischen einfachen und zusammengesetzten Ideen bei Locke dahinter.

Auch Hume will die psychologischen Gesetze ergründen, die bei der Bildung zusammengesetzter Ideen wirksam sind. Wie Locke erklärt auch er die Ideenverknüpfung durch psychologische Assoziation, also dadurch, dass Erfahrungsinhalte, die in einer bestimmten Beziehung oder Verbindung miteinander wahrgenommen werden, mit psychologischer Notwendigkeit als verbunden vorgestellt werden. Die Vorstellung des Einen ruft die Vorstellung des Anderen hervor; sie treten in Assoziation auf.

Hume kennt drei Prinzipien der Assoziation, also drei Arten der Verbundenheit von Inhalten als Ursprung der assoziativen Vorstellung. Der erste Grund der Assoziation ist die Ähnlichkeit: Ähnliches wird in Verbindung mit Ähnlichem vorgestellt. Der zweite Grund liegt in zeitlicher oder räumlicher Berührung: Was wir in Raum und Zeit verbunden wahrnehmen, stellen wir auch in Verbindung miteinander vor. Der dritte Grund liegt im Verhältnis von Ursache und Wirkung: Mit der Vorstellung der Wirkung verbindet sich assoziativ die Vorstellung der Ursache und umgekehrt. Was Hume allerdings unter Ursache und Wirkung versteht, wird sich im folgenden noch zeigen.

Aus all dem scheint zu folgen, dass für Hume unser ganzes Denken vollkommen untergeht in der sinnlichen Vorstellung und eine begriffliche Erfassung von Wesensstrukturen oder -gesetzen nicht mehr möglich ist. Dennoch wird diese Konsequenz an der Stelle durchbrochen, wo Hume in der inneren Erfahrung auf Sachverhalte stößt, die in eine andere Richtung weisen. Er macht in unseren Vorstellungs- oder Bewusstseinsinhalten die Unterscheidung zwischen Ideenbeziehungen (relations of ideas) und Tatsachen (matters of fact). Diese Zweiheit, die Hume im »Enquiry« entwickelt, meint zunächst dasselbe wie die Unterscheidung, die Leibniz zwischen Vernunftwahrheiten (vérités de raison) und Tatsachenwahrheiten (vérités de fait) macht.

Hume schreibt darüber: »Alle Gegenstände der menschlichen Vernunft und Forschung lassen sich naturgemäß in zwei Arten zerlegen, nämlich in Beziehungen von Vorstellungen [relations of ideas] und in Tatsachen [matters of fact]. Von der ersten Art sind die Wissenschaften der Geometrie, Algebra und Arithmetik; und kurz gesagt, jede Behauptung von entweder intuitiver oder demonstrativer Gewissheit […] Sätze dieser Art sind durch die reine Tätigkeit des Denkens zu entdecken, ohne von irgend einem Dasein in der Welt abhängig zu sein. Wenn es auch niemals einen Kreis oder ein Dreieck in der Natur gegeben hätte, so würden doch die von Euklid demonstrierten Wahrheiten für immer ihre Gewissheit und Evidenz behalten.« (Enquiry IV, 1).

Dies zeigt, dass Hume zu den Ideenrelationen alle intuitiven (unmittelbaren) und demonstrativen (durch Schlussfolgerung vermittelten) Einsichten rechnet wie die Gesetze der Arithmetik und Geometrie, die sich nicht auf real existierende Einzeldinge beziehen. Sie sind unabhängig von der Existenz des Gegenstandes in sich selbst gültig. Auch wenn ich keinen Kreis und kein Dreieck real wahrnehme, ja wenn es überhaupt keinen Kreis und kein Dreieck wirklich gäbe, so hätten die geometrischen Sätze über den Kreis und das Dreieck doch unbedingte und unabänderliche Geltung.

Hier stellt sich jedoch die Frage: Führt diese Feststellung von allgemein gültigen Vernunftwahrheiten nicht schon über das empiristische Erkenntnisprinzip hinaus? Könnten wir allgemein und notwendig gültige Wesensgesetze einsehen, wenn wir nur vage Sinnesvorstellungen, unklarer und verschwommener als der aktuelle Sinneseindruck, hätten, nicht aber Begriffe, die eine allgemein gültige Wesensstruktur erfassen und damit über die sinnliche Vorstellung hinausgehen? Ich weiß, was ein Kreis ist, auch wenn ich mir durch die Einbildungskraft nur undeutlich einen Kreis vorstelle. Erst aufgrund dieses Wissens, das eine Wesensstruktur erfasst, können notwendige Wesensgesetze des Kreises eingesehen werden.

Die zweite Gruppe von Bewusstseinsinhalten sind die Tatsachenwahrheiten (matters of fact). Eine Tatsache ist nie allein aus dem Begriff zu erweisen, sondern fordert, wenn sie nicht unmittelbar gegeben ist, eine andere Art der Beweisführung. Man muss von einem unmittelbar gegebenen Faktum ausgehen und aufgrund eines Kausalzusammenhangs die andere Tatsache erschließen.

Damit wendet sich Hume entschieden gegen die rationalistische Meinung, allein aus Begriffen (ideae innatae) rein analytisch auf die Wirklichkeit schließen zu können. Die Frage ist aber, wie Hume die Kausalität versteht, die für jede mittelbare Erkenntnis von Tatsachen, erst recht für die metaphysische Erkenntnis einer nicht unmittelbar erfahrbaren Wirklichkeit von fundamentaler Bedeutung ist. Hier setzt Humes kritische Analyse des Kausalbegriffs und in Zusammenhang damit auch des Substanzbegriffes ein.

2.         Kritik der Kausalität

Diese beiden Probleme sind sachlich von zentraler Bedeutung für philosophische Erkenntnis; sie haben auch historisch aus der Sicht Humes entscheidend eingewirkt auf die Problematik Kants, der die Kritik am Kausal- und Substanzbegriff aufnehmen und in seiner Weise weiterführen wird.

Der Kausalzusammenhang zwischen Ursache und Wirkung kann nach Hume nie a priori eingesehen werden, nämlich allein durch eine Analyse des Begriffs der Ursache. Aus einem Ding geht nie mit analytischer Notwendigkeit ein anderes als seine Wirkung hervor. Damit stellt sich Hume dem analytischen Prinzip des Rationalismus, besonders von Leibniz entwickelt, entgegen. Er sucht dies aus der realen Verschiedenheit von Ursache und Wirkung zu beweisen. Die reale Verschiedenheit bedingt auch eine logische Verschiedenheit. Der eine Begriff ist nicht im anderen enthalten, kann daher auch nicht analytisch daraus abgeleitet werden.

Ein Stein fällt zur Erde, wenn er frei losgelassen wird. Das kann nicht aus dem Begriff des Steines erschlossen werden – warum bewegt er sich nicht nach oben oder in eine andere Richtung? Würde dies geschehen oder auch nur gedacht (vorgestellt) werden, so wäre dies kein logischer Widerspruch zum Begriff des Steines; es stände nur im Widerspruch zu empirisch beobachteten Tatsachen. Dasselbe gilt von anderen Naturvorgängen, deren Notwendigkeit nicht a priori eingesehen, sondern nur a posteriori aus der Erfahrung festgestellt werden kann. Man muss sich allein an die Erfahrung halten.

Was bietet aber die Erfahrung? Aus welchen Tatsachen der Erfahrung gewinnen wir die Erkenntnis eines ursächlichen Zusammenhangs der Dinge? Wir erfahren nach Hume nur eine regelmäßige Abfolge von Erscheinungen. Jedesmal, wenn ich einen Stein oder sonst ein Ding frei loslasse, fällt es zur Erde; jedesmal, wenn ich einen Kessel mit Wasser über das Feuer stelle, wird das Wasser erhitzt und zum Kochen gebracht. Daraus entspringt die Gewohnheit, diese Erscheinungen in zeitlicher Abfolge verbunden vorzustellen. Die Gewohnheit erweckt die Erwartung, dass auch in Zukunft auf die eine Erscheinung die andere folgen werde. Diese Erwartung beruht nicht auf einer Vernunfteinsicht in eine innerlich notwendige Kausalverbindung des Einen mit dem Anderen, sondern allein aus der Gewöhnung an das faktisch regelmäßige Geschehen. Daraus entspringt eine subjektive, nämlich bloß psychologische Notwendigkeit, die eine Erscheinung mit der anderen zu verknüpfen und auch in Zukunft dieselbe Verknüpfung zu erwarten.

Der Begriff der Kausalität – das Eine »bewirkt« das Andere, d. h. es bringt durch sein Wirken eine entsprechende Wirkung hervor – deutet die subjektive in eine objektive Notwendigkeit um. Das faktisch gegebene »post hoc« (danach) wird als notwendiges »propter hoc« (deshalb) interpretiert. Sinnlicher Wahrnehmung gegeben ist immer nur die zeitliche Abfolge: »unum post aliud« (eines nach dem anderen), nicht ein kausaler Zusammenhang: »unum per (propter) aliud« (eines durch das andere [wegen des anderen]). Das bedeutet für Hume, dass wir keinerlei Kausalgeschehen erkennen, daher auch nicht mit Sicherheit wissen, sondern nur aus Gewohnheit annehmen, dass auch in Zukunft dieselbe Abfolge zu erwarten sei.

Hume sieht darin richtig, dass wir allein durch sinnliche Erfahrung niemals Kausalität erkennen. Sinnlich gegeben ist uns immer nur ein zeitliches Nacheinander von Erscheinungen, nicht aber ein kausaler Zusammenhang der Dinge. Insofern ist Hume konsequenter Empirist und zeigt in scharfsinniger Analyse die Grenzen der sinnlichen Wahrnehmung auf. Aber ist damit der Kausalbegriff sachlich widerlegt? Wenn wir den kausalen Vorgang als solchen auch nicht sehen oder hören, überhaupt nicht sinnlich wahrzunehmen vermögen, folgt daraus schon, dass er nicht besteht und nicht dem Denken einsichtig werden kann? Das folgt nur, wenn die gesamte Erkenntnis auf sinnliche Wahrnehmung reduziert, der Vernunfteinsicht aber jede darüber hinausreichende Fähigkeit abgesprochen wird.

Wenn Hume behauptet, aus dem bisherigen Geschehen folge nicht notwendig, dass es später ähnlich zugehen müsse, so ist dies nicht nur ein Angriff auf unseren Begriff der Kausalität, sondern auch auf die Vorgehensweise der Naturwissenschaft, aus häufigen Erfahrungen auf Gesetzmäßigkeiten zu schließen, was wir üblicherweise Induktion nennen. Damit hat Hume ein Problem angesprochen, das über die Frage der Kausalität im Einzelfall hinausgeht und die Fundierung der Erfahrungswissenschaften überhaupt betrifft. Die bloße Ansammlung von Fakten kann als solche nicht die Aufstellung von Gesetzen rechtfertigen, sondern es bedarf dazu der Begründung, dass eine Einsicht in einen wesentlichen und notwendigen Zusammenhang vorliegt.

Kant hat richtig gesehen, dass Hume damit das Fundament jeder empirischen Wissenschaft in Frage gestellt hat, und war deshalb darum bemüht, eine neue Rechtfertigung für die Erkenntnis der Kausalität zu finden.

3.         Kritik des Substanzbegriffes

Auch in der Kritik der Substanz lehnt sich Hume an Locke an und führt dessen Gedanken um einen radikalen Schritt weiter. Auch dieser Begriff geht auf eine beständige Verknüpfung von Phänomenen zurück. Während es sich beim Kausalbegriff um eine regelmäßige Abfolge im zeitlichen Nacheinander des Geschehens handelt, gründet der Substanzbegriff in einer zeitlich konstanten, räumlichen Verbindung von Erscheinungen.

Locke hatte die Substanz als konstante Verbindung einfacher Ideen verstanden. Während er aber als Träger der konstant verbundenen Eigenschaften an einer, wenn auch nicht näher erkennbaren Substanz festhielt, gibt Hume den Substanzbegriff schlechterdings auf. Was wir erkennen, sind immer nur sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften in einer faktisch konstanten Verbindung. Ich nehme »etwas« wahr als so und so lang, breit und hoch, als hart und glatt, von brauner Farbe; wenn ich darauf klopfe, höre ich einen bestimmten Ton: der Schreibtisch, an dem ich sitze und arbeite. Aber ich sehe, höre oder ertaste nicht ein bestimmtes Ding (meinen Schreibtisch), sondern nur ein Bündel von Eindrücken verschiedener Sinnesvermögen (des Sehens, Hörens, Tastens usw.) in beständiger Verbindung. Dies allein ist der Inhalt der Eindrücke (impressions), die wir empfangen.

Wir haben uns an die konstante Verbindung solcher Eindrücke gewöhnt. Dies verführt uns dazu, die Eigenschaften, die in konstanter Verbindung erscheinen, einem gemeinsamen Träger zuzuschreiben, also hinter den wahrnehmbaren Eigenschaften eine uns unbekannte Substanz anzunehmen. Diese Annahme ist aber von der Sache her völlig unberechtigt, weil wir niemals eine Substanz sinnlich wahrnehmen oder feststellen können.

Wie Hume im Allgemeinen keine Substanz annimmt, so auch keine geistige Substanz der Seele, kein substantielles Ich. Das Ich oder die Seele ist ein Komplex von Vorstellungen oder Bewusstseinsinhalten. Einen substantiellen Träger dieser Bewusstseinsinhalte anzunehmen, ist unbegründet. Auch hier ist die Annahme einer Substanz ein unberechtigter Schluss von einer konstanten Verknüpfung von Phänomenen auf einen geheimnisvollen Grund, dem sie zugeschrieben werden.

Die These von der Seele als einem Bündel von Vorstellungen hat Hume allerdings in seiner von ihm selbst später für allein maßgeblich erklärten Schrift »An Enquiry Concerning Human Understanding« nicht mehr vorgebracht.

Auch von der Kritik des Substanzbegriffes gilt, dass Hume hier mit vollem Recht darauf hinweist, wo die Grenzen der sinnlichen Erkenntnis liegen. Substanz ist als solche sicher niemals in sinnlicher Wahrnehmung zu erfassen. Ist sie nicht trotzdem vom Denken zu erreichen, das im eigenen Ich einen Träger des Bewusstseins und seiner Einzelinhalte erfährt, daraus den Begriff der Substanz als eines in sich Bestehenden zu bilden vermag und ihn analog auch auf andere Dinge übertragen kann? Wird jedoch die menschliche Erkenntnis allein auf sinnliche Erscheinung reduziert, so muss folgerichtig der Substanzbegriff fallen. Daraus ergibt sich bei Hume, dass wir überhaupt nicht mehr reale Dinge erkennen, die uns in unserer Welt begegnen und mit denen wir umgehen, sondern nur noch eine Vielfalt, wenn auch gebündelter, relativ konstanter Komplexe sinnlicher Phänomene. Unsere ganze Erkenntniswelt löst sich somit in sinnliche Qualitäten auf, denen keine objektive Realität zukommt. Sie wird zu einer rein sinnlich-phänomenalen Welt – die Wirklichkeit ist nicht mehr erreichbar.

Humes Kritik am Verständnis der Substanz und der Seele findet sich allerdings nur in seinem »Traktat über die menschliche Natur« und nicht mehr in seiner »Untersuchung über den menschlichen Verstand«, die er später als die einzig gültige Darstellung seiner theoretischen Philosophie gelten lassen wollte.

Mit Humes Kritik am Substanz- und Kausalbegriff vollzieht sich eine völlige Destruktion realer Seinserkenntnis. Zwar weist Hume sehr klar die Grenzen bloß sinnlicher Erkenntnis auf. Indem er aber die gesamte Erkenntnis auf sinnliche Wahrnehmung beschränkt, treibt er einen radikalen Empirismus in seinen letzten Konsequenzen. Es gibt weder die Erkenntnis einer realen Seinswirklichkeit (Substanz) noch eines realen Seinszusammenhangs der Dinge unserer Welt (Kausalität).

Diese Konsequenz erweist umso deutlicher, dass unsere tatsächliche Lebenswelt nicht empiristisch-sensualistisch rekonstruierbar ist, sondern dass wir über sinnliche Empfindungen hinaus Vernunfteinsichten haben, die das wirkliche Sein in seinen Strukturen erfassen, Sinngestalten und -zusammenhänge verstehen können. Dies einzusehen und anzuerkennen ist durch Humes radikal empiristischen Ansatz verwehrt.

4.         Moral und Religion

In seinen »Prinzipien der Moral« will Hume die Ethik von jeder religiösen oder metaphysischen Begründung lösen und allein von der Erfahrung her eine natürliche Moral aufbauen. Dass man allgemein sittliche Unterscheidungen zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht macht, ist eine Tatsache der Erfahrung, die jeden ethischen Skeptizismus widerlegt. Die Frage stellt sich aber, woher die sittlichen Werturteile stammen. Das Kriterium dafür, welche Handlungen und Eigenschaften Lob oder Tadel, Billigung oder Missbilligung erfahren, liegt nach Hume allein darin, ob sie nützlich oder angenehm sind. Es ist eine grundsätzlich utilitaristisch-hedonistische Ethik, die Hume entwickelt. Gut und Böse sind allein in Lust oder Unlust begründet.

Im persönlichen Bereich ist das Ziel sittlichen Handelns die allseitige Ausbildung der menschlichen Persönlichkeit, welche eine entsprechende Befriedigung mit sich bringt. Darüber hinaus gibt es auch soziale Tugenden, die im Zusammenleben der Menschen von Bedeutung sind. Sie beruhen auf der Sympathie, einem gefühlsmäßigen Affekt, durch den wir Freuden und Leiden anderer Menschen mitempfinden und das allgemeine Wohl zu unserem eigenen Interesse machen.

Eine wesentliche Grenze weist Humes Moral darin auf, dass sie den sittlichen Wert nur in der psychologischen Befriedigung oder Genugtuung begründet, nicht aber den unbedingten Wert des Sittlichen erreicht. Andererseits wird durch die Leugnung der Willensfreiheit, also auch die Leugnung einer Unterscheidung zwischen natürlichen Anlagen und frei erworbenen Tugenden, d. h. zwischen dem Natürlichen und dem Sittlichen, zwischen dem Notwendigen und dem Freiwilligen, der Eigenart sittlichen Handelns der Boden entzogen und sein spezifisches Wesen weder erfasst noch begründet.

Von größerer Bedeutung ist Humes Religionsphilosophie, die sich zwei Fragen stellt: nach der Möglichkeit einer vernünftigen Religionsbegründung und nach dem psychologischen Ursprung und der geschichtlichen Entwicklung der Religion.

Die erste Frage geht auf das Problem der Gotteserkenntnis zurück. Hume behandelt es in den »Dialogen über natürliche Religion«. Es ist ein Gespräch zwischen drei Freunden, von denen einer den christlichen Offenbarungsglauben, der zweite einen skeptischen Standpunkt und der dritte den Deismus der Aufklärung vertritt. Alle Gottesbeweise der klassischen Metaphysik werden hier kritisch diskutiert. Dies führt zum Ergebnis, dass wir nichts mit Gewissheit über Gott aussagen können, alle Beweise sich in Widersprüche verstricken und die letzte Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit vernunftgemäßer Religionsbegründung ein skeptisch-agnostischer Standpunkt sein muss. Durch Vernunftgründe lässt sich die Religion nicht rechtfertigen.

Um so mehr stellt sich die weitere Frage nach dem psychologischen Ursprung der historischen Religionen der Menschheit. Dieser Ursprung liegt nach Humes »Naturgeschichte der Religion« nicht im Denken des Verstandes, sondern allein in Bedürfnissen des Gemütes: in banger Sorge um das Glück und Wohlergehen, in Furcht vor künftigem Unglück, in Angst vor dem Tode, im stets gefährdeten Streben nach Bedürfnissen des Lebens. Dies alles führt den Menschen dazu, göttliche Mächte anzunehmen und mit abergläubischer Furcht und Schmeichelei zu verehren.

Damit nimmt Hume schon weitgehend die spätere Religionskritik, besonders bei Feuerbach, vorweg oder bereitet ihr wenigstens den Weg. Für die historisch ursprüngliche Gestalt der Religion hält Hume den Polytheismus, aus dem sich später der Monotheismus entwickelt habe. Aber auch er gründet nicht in Verstandeseinsicht, sondern nur in Furcht und Schmeichelei. Darum verbindet sich die Religion leicht mit den niedrigsten Instinkten der menschlichen Natur.

Das ganze Phänomen des Religiösen erscheint Hume als ein unlösbares Rätsel. Daher sind Zweifel und Urteilsenthaltung angebracht, wieder also ein skeptisch-agnostischer Standpunkt die einzig vernünftige Antwort. Religionen stecken an wie Krankheiten. Das einzige Heilmittel dagegen ist, aus all den Formen des Aberglaubens und Vorurteils in philosophisches Denken zu fliehen.

5.         Würdigung

Der englische Empirismus, von J. Locke begründet und von D. Hume voll ausgeprägt, bringt gegenüber dem Rationalismus die Erfahrung als legitime Erkenntnisquelle zur Geltung. Darin liegt seine Bedeutung. Aber er verfällt einer neuen, nicht minder verhängnisvollen Einseitigkeit, indem er alle Erkenntnis in der Erfahrung begründet und die Erfahrung auf bloß sinnliche Empfindungen zurückführt. Erfahrung und Denken kommen nicht zur Synthese, in der einerseits das Denken immer und notwendig auf Erfahrung angewiesen ist und aus ihr seine Inhalte gewinnt, andererseits aber die Erfahrung immer schon als geistig durchdrungene, im Denken und Verstehen vollzogene Erfahrung begriffen wird, das Denken des Verstandes also die sinnliche Anschauung durchdringt und übersteigt.

Wenn dies übersehen wird, so bleibt allein das sinnlich erscheinende Phänomen bestehen, ohne eine Seinswirklichkeit zu offenbaren und aus einem realen Seinszusammenhang erklärbar zu sein. Dies wurde besonders deutlich an den Problemen der Substanz und der Kausalität bei Locke und Hume. Die Rückführung aller Erkenntnis auf sinnliche Empfindungen bedeutet den grundsätzlichen Verzicht auf jede Seinserkenntnis. Das heißt nicht nur, dass in einem metaphysischen Sinn ein Ausgriff des Denkens über den Bereich sinnlicher Erfahrung nicht mehr möglich ist, sondern auch, dass innerhalb der Erfahrungswelt kein reales Sein, das den Phänomenen zugrunde läge, noch ein kausaler Seinszusammenhang der Dinge erkennbar wird. Die Erfahrungswelt löst sich in eine disparate Pluralität bloßer Phänomene auf. Damit wird aber unsere wirkliche Erfahrungs- und Verständniswelt nicht eingeholt, weil diese immer schon wesentlich mehr an Seins- und Sinngehalt offenbart, als sinnlich wahrnehmbar ist.

Mit Hume erreicht der Empirismus seine vorläufige Vollendung. Zugleich aber gibt Hume den entscheidenden Anstoß nicht nur für das positivistisch-materialistische Denken der Folgezeit, von den französischen Enzyklopädisten über den PositivismusComtes und den Materialismus des 19. Jahrhunderts bis zu den Neupositivismen des 20. Jahrhunderts, sondern auch für Kant, der von Hume aus dem »dogmatischen Schlummer« (Prol. A 13) geweckt wurde. Sein Bestreben geht dahin, Denken und sinnliche Anschauung, Rationalismus und Empirismus in höherer Einheit zu versöhnen.