Die geschichtlichen Wurzeln der Aufklärung reichen weit zurück. Im Grunde ist sie ein weiterer Schritt derselben Entwicklung, die Jahrhunderte zuvor im Humanismus und in der Renaissance ihren Ausdruck gefunden hat. Schon damals war es eine »Entdeckung der Welt und des Menschen«, ein Freiwerden der natürlich-menschlichen Kräfte und eine Hinwendung zur Welt.
Daraus entspringt der Einsatz der neuen Naturwissenschaften, die durch die Anwendung mathematischer Methoden bedeutende Fortschritte machen, einen Umsturz des gesamten Weltbildes auslösen und zu einem Aufstieg der materiellen Kultur führen. Der neue wissenschaftliche Geist findet seinen philosophischen Niederschlag im rationalistischen und empiristischen Denken, das trotz des Gegensatzes der Denkrichtungen aus dem gemeinsamen Willen zu kritisch-methodischer Neubegründung der Philosophie hervorgeht.
Gemeinsam ist der Glaube an die Wissenschaft und ihren Fortschritt, der Glaube daran, dass die Menschheit einen beständigen Aufstieg erlebt, der wesentlich bedingt ist durch den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis. Man glaubt daran, dass der menschliche Geist, wenn er sich von Vorurteilen und Aberglauben befreit und die richtigen Methoden der Forschung einsetzt, alle Rätsel der Welt zu lösen, alle Geheimnisse der Wirklichkeit zu enthüllen imstande ist. Man glaubt an die Allmacht der Vernunft. Die neue Wissenschaft und Philosophie kann erst ein eigentlich menschenwürdiges Leben des Einzelnen und der Gesellschaft begründen. Daraus ergibt sich eine wesentlich praktische Zielsetzung der Aufklärung. Das kommt schon bei Francis Bacon zum Ausdruck: »Wissen ist Macht«. Die Wissenschaft steht im Dienst der Weltbeherrschung zum Zweck der Weltverbesserung und Weltbeglückung durch den Sieg der Vernunft. Aus dieser praktischen Zielsetzung entspringt das Bestreben, das Licht der Vernunft möglichst weit zu verbreiten, die Erkenntnisse der Wissenschaft und Philosophie möglichst weiten Kreisen zugänglich zu machen, um sie dadurch »aufzuklären«.
Daraus entspringen sehr positive Leistungen. Erst zur Zeit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wird das Schulwesen aufgebaut, Volksschulen werden errichtet, die allgemeine Schulpflicht wird eingeführt. Bis dahin waren auch in Europa die meisten Menschen noch Analphabeten. Die typische, kulturell so bedeutsame Gestalt des Lehrers, auch auf dem Land, in jeder Dorfgemeinde, tritt erst seit damals auf. Allgemeines Bildungswesen dieser Art wird besonders durch den aufgeklärten Absolutismus gefördert. Damit wird »allgemeine Bildung« zum Ideal erhoben, nämlich möglichst vielseitig umfassendes Wissen, das jedoch vielfach auf Kosten echten Tiefgangs geht und zu Vielwisserei wird. Dieses Bildungsideal wird noch im ganzen 19. und bis ins 20. Jahrhundert nachwirken.
Ihm entspringt der sogenannte »Gebildete« oder Halbgebildete, der wissenschaftlich aufgeklärt sein will, sich deshalb über die Unwissenheit und den Aberglauben der Vergangenheit und des ungebildeten Volkes erhaben dünkt.
Wenn wir über diese formale Kennzeichnung hinaus nach dem inneren Gehalt fragen, der dem Denken der Aufklärung eigen ist, können wir ihn vor allem in zwei Stichworten nennen: Liberalismus und Deismus.
Literatur:Cassirer 2007; Gay 1995-96; Jüttner / Schlobach 1992; Kondylis 2002; Kopper 1996; Krauss 1963; Wundt 1992b
Der Fortschritt der Menschheit verlangt Fortschritt der Wissenschaft und Bildung, dieser fordert aber Freiheit der Vernunft. Bezeichnend für das Zeitalter der Aufklärung ist der Glaube an die Allmacht der Vernunft, daher die Forderung nach Autonomie der Vernunft. Sie kann keine ihr auferlegten Bindungen dulden, ohne sich selbst preiszugeben. Unbeschränkte Freiheit des Geistes, freie und voraussetzungslose Wissenschaft werden zum Programm erhoben. Das Denken will nur anerkennen, was ihm selbst klar und rational einsichtig, was wissenschaftlich durchschaubar ist wie ein mathematisches oder physikalisches Gesetz. Was darüber hinausgeht, wird als Beschränkung abgelehnt, die dem Recht auf Freiheit der Vernunft widerstreitet. Daher werden Bindungen aufgelöst, die dem Einzelnen im Ganzen der Gesellschaft auferlegt sind. Die gesellschaftliche Ordnung in ihren geschichtlich gewachsenen und überkommenen, sicher zum Teil überholten Strukturen wird in Frage gestellt und schließlich gesprengt.
Der absolute Freiheitsdrang der Aufklärung betont vor allem das Recht und die Freiheit des Einzelnen, er empfindet jede geschichtliche und gesellschaftliche Bindung als Beschränkung des Rechts auf die eigene Freiheit. Hier wird ein Freiheitsbegriff entwickelt, den später Hegel treffend als »abstrakte Freiheit« gegenüber »konkreter Freiheit« bezeichnen wird; insofern abstrakt, als die Freiheit abgehoben von konkret vorgegebenen Bedingungen oder Bindungen verstanden und angestrebt wird. Dem Liberalismus der Aufklärung liegt ein Individualismus zugrunde, der seine geistigen Wurzeln einerseits in der Auflösung des Allgemeinbegriffs durch Nominalismus und Empirismus, andererseits in der isoliert autonomen Subjektivität des Rationalismus hat. Beiden fehlt in gleicher Weise ein Verständnis des konkreten Menschen in seiner Welt, in Geschichte und Gemeinschaft. Dieser Individualismus wirkt sich mit weitreichenden Folgen im ökonomischen, politischen und theologischen Liberalismus aus.
Auf ökonomischem Gebiet führt er zum Wirtschaftsliberalismus, mit dem Aufkommen moderner Industrialisierung auch Manchester-Liberalismus genannt, der allein die immanente Eigengesetzlichkeit freier Marktwirtschaft in der Hand des Unternehmers, nicht aber soziale Rücksichten auf Rechte und Bedürfnisse der Arbeitnehmer anerkennt. Diesem Liberalismus entstammt eine Art der Wirtschaftsführung, die in der Frühzeit der industriellen Entwicklung zu brutaler Ausbeutung der Arbeiter, auch zu Frauen- und Kinderarbeit mit minimaler Entlohnung führt und schließlich den sozial-revolutionären Protest von Karl Marx hervorruft.
Ähnlich wie im Wirtschaftsleben wirkt sich der Liberalismus im politischen Bereich aus. Ihm entspricht der Absolutismus, die allgemeine Regierungsform jener Zeit, in welcher der Landesfürst als absoluter Herrscher unumschränkte Staatsgewalt und Freiheit politischer Entscheidung beansprucht, ohne durch eine verfassungsmäßig gesicherte Willensbildung der Staatsbürger gebunden zu sein. Das ist nichts anderes als die Anwendung des Liberalismus auf die individuelle Autonomie des Herrschers.
Doch werden gerade absolutistisch regierende Herrscher, etwa in Deutschland (nicht in Frankreich!) Hauptträger und Förderer der Gedanken der Aufklärung; so in Preußen König Friedrich II., in Österreich Maria Theresia und ihr Sohn Kaiser Josef II., ähnlich auch viele kleinere Landesfürsten.
Der »aufgeklärte Absolutismus« hat nicht nur das Schul- und Bildungswesen aufgebaut, sondern auch allgemeiner durch weitgehende Reform der staatlichen Verwaltung, Rechtsprechung u. a. die Ausbildung des modernen Rechtsstaates begründet. Sobald aber das Gedankengut der Aufklärung in breitere Kreise dringt und die Staatsbürger dasselbe Recht autonomer Freiheit beanspruchen, wie es bisher allein der Herrscher besaß, hebt sich diese Staatsform von innen her, aus innerer Folgerichtigkeit auf, aber aus demselben Geist des Liberalismus, der sich jetzt befreien will von der absoluten Regierungsgewalt des Herrschers. Gerade in Frankreich, wo es bisher einen reinen, noch nicht »aufgeklärten« Absolutismus gab, kommt es zur großen Revolution. Sie steht unter den Parolen der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie erhebt die reine Vernunft auf den Thron. In ihrem Gefolge kommt es, weit über Frankreich hinaus, zu einer völligen Umgestaltung des Staatswesens und der Gesellschaftsordnung.
Der Liberalismus der Aufklärung betrifft auch den christlichen Glauben, der weder rational voll einsichtig noch wissenschaftlich streng beweisbar ist. Daraus entspringt der Liberalismus im religiösen und theologischen Sinn. Man lehnt die Kirche mit ihrer Lehre als »Dogmenzwang«, überhaupt den übernatürlichen Glauben als eine Bindung ab, die der Freiheit der Vernunft widerstreitet.
Hier setzt der theologische Rationalismus ein, der mit dem philosophischen Rationalismus nicht identisch ist, weil er ebenso empiristischen wie rationalistischen Ansätzen entspringt. Er bedeutet das Bestreben, die religiösen Wahrheiten der Offenbarung auf natürlich einsichtige, rational beweisbare Wahrheiten zu reduzieren, den christlichen Glauben als rein natürliche Vernunftreligion auszulegen, damit aber zentrale Glaubensinhalte ihres Offenbarungs- und Geheimnischarakters zu entkleiden. Die Ansätze dazu liegen bei den »Freidenkern« der englischen Aufklärung, wirken sich aber weithin auch in der französischen und der deutschen Aufklärung nachhaltig aus.
Damit eng verbunden ist der Deismus, die typische Gottesvorstellung der Aufklärung, sofern diese am Gottesglauben festhält. Diese Einschränkung ist erfordert, weil sich die Aufklärung zum Teil, besonders in Frankreich, zu einem Materialismus und Atheismus verschärft. Zumeist aber tritt sie nicht dem Gottesglauben als solchem entgegen. Sie entwickelt vielmehr eine Vorstellung von Gott, die sich von der christlichen Auffassung der Tradition weit unterscheidet.
Um den Unterschied zu kennzeichnen und sich vom verschwommenen »Deismus« (von lat. »Deus«) der Aufklärung zu distanzieren, wird von christlicher Seite her erst im 18. Jahrhundert der Begriff des »Theismus« (von griech. »Theós«) geprägt. Was ist mit Deismus gemeint? Man hält am Dasein Gottes fest, man glaubt auch an den einen, transzendenten und persönlichen Gott, der die Welt erschaffen hat; insofern ist es noch der Gott des christlichen Glaubens. Aber er wird verstanden als ein Gott, der »außer« der Welt oder »über« der Welt existiert, der zwar einmal die Welt erschaffen und ihr die Gesetze der Natur gegeben hat, ihr aber freien Lauf lässt, ohne wirksam in das Weltgeschehen einzugreifen. Es ist ein Gott, der sich um die Welt und die Menschen nicht kümmert, um den wir uns deshalb auch nicht weiter zu bekümmern brauchen. Er soll den Menschen in seiner Welt nicht stören, er soll die Freiheit des Menschen nicht binden, die autonome Macht des Menschen über die Welt nicht beschränken. Es ist ein rein jenseitiger Gott, der im Diesseits der Welt nichts zu suchen hat; hier ist der Mensch Herr seiner Welt.
Eine solche Vorstellung legt sich schon durch das Uhrengleichnis bei Geulincx und Leibniz nahe. Was ist vollkommener: ein Uhrwerk, das den beständig kontrollierenden und korrigierenden Eingriff erfordert, oder ein Uhrwerk, das von Anfang an so vollkommen konstruiert ist, dass es auch ohne weiteren Eingriff mit vollkommener Präzision abläuft? Offenbar wäre dies das vollkommenste Uhrwerk. Wenn aber die Welt von Gott geschaffen ist, so muss sie auch von Anfang an so vollkommen eingerichtet sein, dass ohne weiteren Eingriff Gottes das Geschehen abläuft wie ein vollkommenes Uhrwerk – oder wie eine Unzahl einzelner Uhrwerke, die in völliger Übereinstimmung, in »prästabilierter Harmonie«, ablaufen.
Leibniz selbst gehört noch nicht dem Deismus an; er leugnet zwar die Wechselwirkung zwischen endlichen Dingen, aber nicht das Einwirken Gottes in die geschaffene Welt. Trotzdem legt seine Lehre eine deistische Gottesvorstellung nahe.
Diese übersieht den wesentlichen Unterschied zwischen dem Verhältnis des Uhrmachers zum Uhrwerk und dem Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung. Die Welt ist nicht nur von Gott geschaffen und gestaltet, sondern sie ist in ihrem Sein und Wirken vollkommen von Gott abhängig, sie wird durch Gott getragen und erhalten, könnte also ohne aktuelles Wirken Gottes gar nicht bestehen.
Dem Deismus der Aufklärung ist es eigen, den Bezug zwischen Gott und der Welt abzubrechen. Daraus ergibt sich, dass jedes gegenwärtige Wirken Gottes in der Schöpfung negiert wird: sowohl die Erhaltung der Schöpfung durch Gott (conservatio) als auch sein Mitwirken beim Wirken des Geschöpfes (concursus), somit auch die göttliche Vorsehung und Lenkung des Weltgeschehens, alles Inhalte, die von der christlichen Theologie bisher allgemein gelehrt wurden. Die Welt wird zu einer säkularisierten, in sich geschlossenen, insofern gott-freien und gottlosen Welt, die mit Gott nichts mehr zu tun hat und ihn nicht mehr braucht.
Erst recht lehnt der Deismus jedes übernatürliche Einwirken Gottes in diese Welt ab: Offenbarung und Wunder, Menschwerdung und Erlösung werden geleugnet. Es gibt keine übernatürliche Ordnung mehr, die ja ihrem Wesen nach in einem Eingriff Gottes in die natürliche Schöpfungsordnung gründet. Hier wird auch deutlich, dass der theologische Rationalismus in seiner Reduktion des christlichen Glaubens auf eine natürliche Vernunftreligion durch das Gottesbild des Deismus bedingt ist.
Umgekehrt ergibt sich daraus ein verändertes Verhältnis des Menschen zu Gott. Ein solcher Gott kann keine Forderungen an den Menschen stellen. Gebet und Gottesdienst, überhaupt alle ausdrücklich religiösen Akte, in denen wir Gott verehren, werden abgelehnt als Aberglauben, als unwürdige und sinnlose Schmeichelei, in der wir das Wohlgefallen, den Schutz und die Hilfe Gottes erbetteln wollen. Man denke an die psychologische Motivation des Religiösen bei Hume. Vom Menschen wird allein ein sittliches Leben auf dem Boden natürlicher und vernunftgemäßer Ethik verlangt. Wahre Religion ist Moral.
So wird das Wesen des Religiösen im bloß Moralischen aufgehoben. Dies ist ein für die Aufklärung typischer Zug, der in Kants Religionsphilosophie einen klaren Ausdruck finden wird. Er hängt zusammen mit der allgemein praktischen Zielsetzung im Denken der Aufklärung. Auch wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse sollen praktischen Nutzen für den Fortschritt der Menschheit erbringen. So auch die Religion; sie ist sinnlos und wertlos, wenn sie nicht praktisch greifbaren Nutzen erbringt. Praktischen Nutzen für die menschliche Gesellschaft bringt sie aber allein im moralischen Handeln.
In einem gewissen Sinn kann man auch die ersten Anfänge der Geschichtsphilosophie der Aufklärung zurechnen, denn es geht ähnlich wie bei den Enzyklopädisten darum, die Gegebenheiten der Welt vorurteilslos in den Blick zu nehmen. Außerdem ist die ganze Neuzeit, und besonders die Aufklärung vom Pathos des Fortschritts getragen, der in historischen Forschungen und Interpretationen aufzuweisen ist.