D.   Immanuel Kant

 

Mit Kant beginnt eine neue Epoche philosophischen Denkens. Er bildet die Mitte der neuzeitlichen Philosophie. Denn er will beide vorherrschenden Denkbewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts, Rationalismus und Empirismus, kritisch überwinden und zur höheren Einheit bringen. Dadurch erreicht er eine neue Problemebene des Denkens, die »transzendentale« Reflexion auf die vorgängigen Bedingungen der Möglichkeit jeglicher Erkenntnis. Diese Wende bei Kant wird grundlegend und richtungweisend für die nachfolgende Philosophie, nicht nur für den deutschen Idealismus, der unmittelbar von Kant ausgeht, sondern fast für die gesamte nachkantische Philosophie seit dem 19. Jahrhundert. Kritisch-philosophisches Denken ist nach Kant nicht mehr ohne Kant möglich.

Immanuel Kant wurde am 22. April 1724 in Königsberg (Ostpreußen; heute Kaliningrad, Russland) geboren. Als Sohn eines Sattlers wächst er unter einfachen Verhältnissen in einer kinderreichen Familie auf und wird streng religiös im Geiste des Pietismus erzogen, schon von der frommen Mutter, dann noch mehr im Gymnasium Fridericianum, das als »Pietistenschule« bekannt war. 1740-46 studiert er an der Universität Königsberg Philosophie, Mathematik und Physik, daneben auch Theologie. Philosophisch wird er durch den Schulrationalismus im Gefolge von Christian Wolff geprägt. Zugleich steht er unter starkem Eindruck der Physik Isaak Newtons.

1746-55 ist Kant an verschiedenen Orten Ostpreußens als Hauslehrer tätig. Seine erste Veröffentlichung »Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte« (1747) ist deutlich von Leibniz abhängig. Im übrigen treten um diese Zeit philosophische Fragen gegenüber naturwissenschaftlichen Interessen zurück, wie mehrere Arbeiten zu physikalischen, geologischen, astronomischen und anderen Problemen zeigen. Philosophisch steht er noch auf dem Boden der rationalistischen Metaphysik, so auch in seiner Habilitationsarbeit »Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio« (Neue Erhellung der ersten Prinzipien metaphysischer Erkenntnis; 1755). Damit nimmt er schon das Grundthema seines philosophischen Lebenswerkes auf; noch in der »Kritik der reinen Vernunft« wird es, wenn auch kritisch, um die ersten Prinzipien metaphysischer Erkenntnis gehen.

1755-70 liest Kant als Privatdozent in Königsberg neben philosophischen Fächern auch Mathematik, Physik, Geologie, Mineralogie, Pädagogik u. a. Doch treten in dieser Zeit philosophische Interessen wieder mehr in den Vordergrund. Er untersucht die Möglichkeit natürlicher Theologie und Moral, auch befasst er sich mit ästhetischen Fragen. In der Grundlegung der Ethik zeigt sich unter dem Einfluss von Rousseau und Shaftesbury die Neigung, rein spekulative Probleme zurückzustellen und praktische Lösungen zu suchen. Darin bereitet sich schon die Autonomie des Sittlichen gegenüber theoretischer Erkenntnis vor. Besonders wichtig und für diese Periode bezeichnend ist die Schrift »Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes« (1763), worin Kant aus der Möglichkeit existierender Dinge überhaupt auf die Wirklichkeit Gottes als den Realgrund jeglicher Möglichkeit schließt; noch hierin ist die Abhängigkeit von Leibniz erkennbar.

Die Wende von der vorkritischen zur kritischen Periode im Denken Kants bereitet sich gegen das Jahr 1770 vor. Schon in der Schrift »Träume eines Geistersehers« (1766) ist die herkömmliche Metaphysik beinahe preisgegeben. Dennoch ist es nach seinem Geständnis die Metaphysik, »in welche ich das Schicksal habe verliebt zu sein, ob ich mich gleich von ihr nur selten einiger Gunstbezeugungen rühmen kann« (II 367). Sein zwiespältiges Verhältnis »unglücklicher Liebe« zur Metaphysik bleibt auch später bestehen. Kant will die Metaphysik nicht vernichten, sondern kritisch neu begründen. Wenn sie als Wissenschaft nicht möglich ist, so zeigt sich schon hier die Tendenz, über alles theoretische Wissen den »moralischen Glauben« zu setzen, »dessen Einfalt mancher Spitzfindigkeit des Vernünftelns überhoben sein kann« (II 373).

1770 wird Kant zum ordentlichen Professor für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg berufen. In der Antrittsvorlesung »De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis« (Form und Prinzipien der Sinnen- und Verstandeswelt; 1770) nimmt er sein Zentralthema wieder auf. Bezüglich der Sinnenwelt vertritt er schon einen kritischen Idealismus, hinsichtlich der intelligiblen Welt ist er noch metaphysischer Realist, auch mit dieser Unterscheidung Leibniz folgend. Die Sinnenwelt bietet bloße Erscheinungen, doch erschließt sich der Vernunft die wahrhafte Wirklichkeit. In den folgenden Jahren dringt die kritische Reflexion auch in den Bereich der intellektuellen Erkenntnis vor und führt Kant zur Unmöglichkeit der Metaphysik als Wissenschaft. Viele Jahre arbeitet er intensiv an dem Hauptwerk »Kritik der reinen Vernunft« (1781), deren Grundgedanken er sodann in den »Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können« (1783), meist abgekürzt nur »Prolegomena« (dt.: Vorbemerkungen) genannt, kürzer und verständlicher darzulegen sucht. In rascher Folge kommt eine Reihe weiterer Werke heraus, darunter vor allem »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785), »Kritik der praktischen Vernunft« (1788); »Kritik der Urteilskraft« (1790), »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« (1793), »Metaphysik der Sitten« (1797), »Der Streit der Fakultäten« (1798), »Anthropologie in pragmatischer Hinsicht« (1798) sowie eine Reihe kleinerer Schriften, von denen einige von geschichts- und staatsphilosophischem Interesse sind, wie: »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht« (1784), »Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte« (1786), »Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis« (1793), »Zum ewigen Frieden« (1795).

Die aus vier Abschnitten (»Stücken«) bestehende Religionsschrift hatte Kant ursprünglich als verschiedene Artikel in der Berliner Monatsschrift publizieren wollen, was er dann aber wegen Problemen mit der Zensur nur mit dem ersten Abschnitt tat.

Kant war schon zu Lebzeiten hochgeachtet, wenn auch umstritten. Er doziert noch bis 1796. Nachdem er sein Leben lang Ostpreußen nie verlassen hat, stirbt er mit 80 Jahren in Königsberg am 17. Februar 1804.

Es hat sich eingebürgert, die 1. und 2. Auflage der »Kritik der reinen Vernunft« bei Zitaten mit den Buchstaben A oder B zu bezeichnen. Leider hat sich für die übrigen Werke keine einheitliche Zitationsweise durchgesetzt. Zumeist werden entweder die Seiten der jeweiligen Originalausgaben oder die der Akademie-Ausgabe angegeben. Leider geben nicht alle Kant-Ausgaben sowohl die Paginierung der Originalausgaben als auch die der Akademie-Ausgabe am Rand an, was die Zitation wesentlich erleichtern würde, so dass manchmal mühsame Seitenvergleiche nötig sind.

Literatur:Bubner 2004; Heidegger 2010; Höffe 2014; Kaulbach 1983; Sandvoss 1983; Vaihinger 1970; Vorländer 1986; Wundt 1984