I.         Für und Wider Kant

 

 

 

1.         Allgemein

(Vgl. hierzu auch den Anfang von »Philosophie des 19. Jahrhunderts«.)

Kants KrV wurde anfangs noch wenig beachtet und verstanden. Ihre Verbreitung wurde besonders gefördert durch Karl (Carl) Leonhard Reinhold (geboren 1758 in Wien, gestorben 1823 in Kiel. Weiteres über ihn in »Philosophie des 19. Jahrhunderts«), einen begeisterten Anhänger Kants, der »Briefe über die kantische Philosophie« (im »Deutschen Merkur« 1786/87) herausgab. Daraufhin wurde Reinhold 1787 als Professor der Philosophie nach Jena berufen und machte nun Jena zum Mittelpunkt kantischer und in ihrem Gefolge idealistischer Philosophie. Reinholds Nachfolger in Jena wurde 1794 Fichte; 1798 kommt Schelling und 1801 Hegel nach Jena. Dort vor allem vollzieht sich die Weiterentwicklung der Philosophie Kants zum Deutschen Idealismus. Die gemeinsame Wurzel von theoretischer und praktischer Vernunft sehen Reinhold und andere im Bewusstsein, auf dessen Analyse sich ihr Denken nun konzentriert. Man könnte darum sagen, dass sich Kants Transzendentalphilosophie jetzt zur Bewusstseinsphilosophie fortentwickelt.

Zugleich dringt jedoch Kant, noch mehr durch die KpV und die KU, in das gesamte Geistesleben ein. Die deutschen Klassiker nehmen Gedanken Kants auf, besonders Friedrich Schiller, der z. B. in der Schrift »Über Anmut und Würde« (1793) ästhetische Ideen übernimmt, aber Kants ethischen Rigorismus ablehnt. Auch Heinrich Kleist u. a. sind von Kant beeinflusst.

Doch meldet sich schon früh Kritik an Kants Philosophie. Als einer der ersten deckt Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819; s. u.) den Widerspruch im Kantischen Ding an sich auf. Salomon Maimon (geb. ca. 1753 in Sukowiborg in Litauen, gest. 1800 in Nieder-Siegersdorf in Schlesien) und Jakob Sigismund Beck (geb. 1761 in Marienburg, Professor in Halle und Rostock, wo er 1840 starb; »Einzigmöglicher Standpunkt, aus welchem die kritische Philosophie beurteilt werden muss«, 1796) sind zwar Verteidiger und Verbreiter der Kantischen Philosophie, haben jedoch gleichfalls Schwierigkeiten mit seiner Lehre vom Ding an sich. Unter dem Titel »Aenesidemus« (1792) übt Gottlob Ernst Schulze (1761-1833, Professor in Göttingen) scharfe Kritik an Kant und stellt ihm einen skeptischen Standpunkt gegenüber. Damit setzt sich wiederum Fichte in seiner berühmten »Aenesidemus-Rezension« (1794) auseinander, einer der ersten Schriften Fichtes, worin er, über Reinhold hinausgehend, seinen eigenen Standort entwickelt. Damals ist Fichte noch ebenso wie Reinhold davon überzeugt, treuer und konsequenter Anhänger Kants zu sein, obwohl er schon weit über Kant hinausgeht. Jedenfalls steht schon in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts die Philosophie Kants mitten in der geistigen Auseinandersetzung der Zeit. Unter den Gegnern Kants, nicht nur als Kritiker seiner Philosophie, sondern als Gegenkräfte im Geistesleben der Zeit, treten besonders Jacobi, Hamann und Herder hervor, die darin übereinkommen, dass sie schon in die Richtung romantischen Denkens und Fühlens weisen.

2.         Jacobi, Hamann, Herder

Friedrich Heinrich Jacobi, 1743 in Düsseldorf geboren, war Geschäftsmann und Privatgelehrter und seit 1807 Präsident der Akademie der Wissenschaften in München, wo er 1819 starb. Er hat kein philosophisches System erstellt, aber in zahlreichen Schriften zu philosophischen Bewegungen seiner Zeit Stellung genommen und darin eine Philosophie des Gefühls und des Glaubens vertreten. Großes Aufsehen erregte seine Schrift »Über die Lehre des Spinoza, in Briefen an Moses Mendelssohn« (1785), worin er das Bekenntnis Lessings zum Spinozismus mitteilt, den er nicht nur für Pantheismus, sondern in letzter Konsequenz für Atheismus erklärt. Mit Hume setzt er sich in der Schrift »David Hume über den Glauben oder Idealismus und Realismus« (1787), mit Fichte in einem »Sendschreiben an Fichte« (1799), mit Schelling in der Schrift »Von göttlichen Dingen« (1811) auseinander. In seiner Philosophie des Glaubens, der nicht in Vernunfteinsicht, sondern im Gefühl gründet, wird er zum Philosophen der Romantik, auf die er stark einwirkt, zugleich auf Anliegen der späteren Lebens- und Existenzphilosophie vorausweisend.

Nicht minder bedeutsam ist Johann Georg Hamann, geb. 1730 in Königsberg, dort als Beamter tätig, mit Kant, Herder, Jacobi befreundet; er stirbt auf einer Reise in Münster 1788. Dieser originelle und tiefsinnige, christlich mystische Denker wird schon zu seiner Zeit als »Magus des Nordens« bezeichnet. Er ist entschiedener Gegner der rationalistischen Aufklärung, weist gegen Kant auf die schöpferischen Kräfte des Gemütes hin und entwickelt eine lebendig organische Sprachauffassung, die über die bloße Bezeichnungsfunktion der Sprache hinausgeht, in der christlichen Logoslehre gründet und in der Sprache die Mutter der Vernunft und der Offenbarung sieht: Vernunft ist Sprache, Logos, »Organon und zugleich Kriterion der Vernunft« (III 284). Diese Sprachauffassung, weitergeführt durch Herder, Wilhelm v. Humboldt, Schleiermacher, wirkt nicht nur entscheidend auf die Romantik ihrer Zeit, sondern kommt von neuem zur Geltung in der Hermeneutik und Sprachphilosophie der Gegenwart.

In dieselbe Richtung wirkt Johann Gottfried Herder, auch in Ostpreußen (Mohrungen) 1744 geboren. Nach dem Theologiestudium in Königsberg ist er als evangelischer Pfarrer, Lehrer und Hofprediger tätig, schließlich als Generalsuperintendent in Weimar 1803 gestorben. Er war in Königsberg Schüler Kants in dessen vorkritischer Periode, lehnt aber die kritische Philosophie entschieden ab und schreibt eine »Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft« (1799). Im besonderen stellt er dem kantischen Dualismus zwischen empirischem Inhalt und apriorischer Form, zwischen Notwendigkeit der Naturkausalität und Freiheit sittlichen Handelns eine organisch-einheitliche Entwicklung der Natur und des Geistes entgegen, so dass die geschichtliche Entwicklung der Menschheit (Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784-91) in der Entwicklung des Naturgeschehens auf den Geist hin gründet. Damit nähert er sich, von Giordano Bruno angeregt, der Philosophie Spinozas, die er aber durch die Überzeugung vom persönlichen Gott korrigiert (Gott. Gespräche über Spinozas System, 1787), und übernimmt von Leibniz den Gedanken der Individualität. Doch entwickelt Herder selbst kein ausgereiftes und abgerundetes System. Ähnlich wie Hamann, mit dem er befreundet war, legt auch Herder besonderen Wert auf die Sprache, die in der menschlichen Natur gründet und darum göttlichen Ursprungs ist. Die Sprache ist die Vermittlung vom Sinneseindruck zum Denken. Raum und Zeit sind Erfahrungsbegriffe, Materie und Form der Erkenntnis entspringen derselben lebendigen Einheit und Unmittelbarkeit gesamtmenschlichen Erlebens, dessen vorgegebener Inhalt in der Sprache reflektiert und zum Ausdruck gebracht wird. So bedeutsam Herders sprachphilosophische Ansätze sind, so wenig Verständnis zeigt er für die Problematik Kants, die er entschieden zurückweist, die aber rasch an Einfluss gewinnt und zur Ausbildung des deutschen Idealismus führt.