Johanna Dombois

Von Second Life® zur Laterna Magica oder Eine Art Fortschritt

Was vergangen, kehrt nicht wieder, aber ging es leuchtend nieder, leuchtet’s lange noch zurück.

ANONYMUS

Dies ist ein Text über einen Anfang, und zwar einen unmöglichen. Im Frühjahr 2007 begann ich mit den Vorbereitungen für die Inszenierung des Vorspiels zu Wagners Rheingold. Gemäß Regiekonzept für den Ring-Zyklus konnte das separiert geschehen1, erwies sich aber als anspruchsvoll genug. Ähnlich wie die sprichwörtlichen »5 Minuten vor 12« dauert Wagners »vorerstes Spiel« zwar nur kurz, ist aber doch viel länger, als man denkt.

Rheingold ist das Satyrspiel des Ring. Angesiedelt zwischen Konversationsstück und Kammeroper muss es leicht darin zugehen, fast sportlich, federnd; der Stab mag schon gebrochen sein, noch aber kommt alles wie eine Kateridee heraus, die Geschütze stehen auf Unterhaltung. Wagners Figuren werden allerdings schon von einer verdeckten Spannung beieinandergehalten vergleichbar der, die zwischen den Individuen eines Vogelschwarms herrscht. Das ist die Crux: Wirkt das Rheingold auch wie ein Leichtgewicht, eigentlich ist es ein Atomkern, in den viel Leichtgewichtiges eingeschmolzen ist. Es stellt ein Mixtum compositum dar aus Geplänkel und Anschlag, Tea-Time und Kurssturz. Und dieses höchst divergente Material, dessen Versatzteile notwendig alle ihren eigenen Aufbruch mit sich führen, will nun per se: ein Anfang sein.

Wagner hat es »Vorabend« genannt. Man darf sich fragen, warum nicht »Morgen« oder auch »Nacht«, aus welcher dann der »Erste«, »Zweite« und »Dritte Tag« der Tetralogie (Walküre, Siegfried, Götterdämmerung) meteorologisch genau hätten hervortauchen können. Doch es musste zum Kuriosum in Wagners Kosmogonie, eben jenem Ur-Spätnachmittag kommen, weil das Rheingold ein Vexierspiel mit dem Anfang ist, der anderen Anfängen voransteht, um sich selbst behaupten zu können angesichts einer Handlung, die er erst auf den Plan ruft. Was heißt das? Die ganze Oper Rheingold ist ein Anfang, der aus Anfängen zusammengeschnürt ist. Als solcher aber hat sie selbst auch wieder einen Anfang. Damit sind wir beim Anfang des Anfangs aus Anfängen. Es wird unübersichtlich. Wo kann das, über die Schulter gesprochen, enden? Es ist wie mit den Urururgroßeltern. Man kennt sie nicht, weiß aber, dass sie da gewesen sind, weil man selbst da ist. Mnemotechnisch fällt man so in einen Schacht, in dem man dem Anfang, der »Ursprung« ist, je näher kommt, desto weniger man ihn »wiederzuerkennen« vermag.

Wagner hat das im Vorspiel des Rheingold auf den Punkt gebracht. Die Krebsgänge, die ihn selbst dramaturgisch zum Anfangsanfang (zurück)geführt haben, um diesen dann kompositorisch vom Ende der Textgestaltung her zu aktivieren, sind oft beschrieben worden. Die Frage, die sich deshalb dringender stellt, ist, auf welche Weise sich eine solche Anfangsmelange inszenieren lässt, wenn man selbst nicht noch einmal eine neue Anfangsstufe komponieren kann, durch die die Wagnersche als ultimative hervorsticht. Wie kann ich mit Mitteln der Regie etwas »strecken«, um Erzählraum zu gewinnen, ohne dass ich den Partiturvorgaben etwas »zufüttern« muss? Die Bühne in sich zu verschachteln, zur russischen Puppe zu machen, wäre fad und auch redundant, weil der Werkstoff selbst sich damit nicht erfassen lässt. Wenn der Anfang durch eine Tür ins Zimmer tritt, kann der Uranfang nicht aus Holz sein.

Die Lösung schien allein ein Medienwechsel liefern zu können. Nur der Umschwung von einem herkömmlichen Medium bzw. Medienpool, dem der Opernbühne, zu einem neuen Medium, in dem diese Bühne auf andere Art herkömmlich aussieht, kann uns eine Infrastruktur bieten, durch die sich auch »Anfang« als etwas »im Anfangen Befindliches«, d.h. als Abfolge und Vollzug zeigen lässt. Es ging mir um ein Heraustreten aus der Bühne, ohne die Bühne im Eigentlichen verlassen zu müssen – eine mediale Staffelung. Das perfekte Instrumentarium dafür bot seinerzeit das 3D-Online-Computerspiel Second Life®, das gestalterisch schon seit ein paar Jahren über faszinierende Möglichkeiten verfügte, allgemein aber erst bekannt wurde durch eine spektakuläre Baisse im Februar 2007, die rund 30 Millionen registrierte Nutzer vorübergehend heimatlos machte und auf Grund der Rückschlagkraft für den realen globalen Wirtschaftskreislauf durch die Kommentarspalten der besten Zeitungen der Welt ging.2 Notabene: Das Platzen der Spekulationsblase kam uns organisatorisch nicht eben zupass, schien aber durchaus nicht das Uninteressanteste an Second Life® zu sein, im Gegenteil. Für mein Gefühl war dieses Scheitern ab ovo im Ästhetischen angelegt und dort auch längst absehbar. sl® war ein utopistischer Krämerladen. Jeder konnte damals alles bauen und sein, überall hin navigieren, jedweden Handel treiben. Außer ein paar fundamentalen, juristischen Schranken galten nur jene Grenzen, die der digitale Raum uns auferlegt, bis der Strom dereinst gekappt wird – keine. Das Ausschlagen jeden Strukturgesetzes prallte auf die Hypertrophie der Ansprüche. Mit Blick auf Wagners Ring kam es mir insofern gerade recht, sich fragen zu müssen, was mit einem Kunstplaneten geschieht, der von den eigenen Phantasmen überfrachtet wird.3

Als Second Life® sich entvölkerte, das Grid des Programms nebst der gesamten Client-Software und Grafik, die schon seit je als rückständig galten, mehr Fehler denn je generierte, begannen wir zu produzieren. Es machte Sinn, in den Schutt zu stechen. Bauboom gekreuzt mit dem Unzureichenden des Ou-tópos – das war meine Parallele zu Wagner. Hype und hehrster Wahn, kapitalistischer Mehrwert und Rousseaus Naturzustand, virtueller Finanzcrash und Weltenbrand fielen plötzlich ineins. Ein ideal unidealer Moment. Rein handwerklich gesprochen wurde unser Rheingold -Vorspiel schließlich eine Musikvisualisierung als 3D-Animation aus Beständen eines Computerspiels.4 Auf der Opernbühne wird diese Animation als dreidimensionale Projektion gezeigt, der Bildfluss dabei durch eine Art Video-Jockeying an das jeweilige Abenddirigat angepasst. Künstlerisch konnten wir durch Second Life® Perspektiven gewinnen, die als abgeleitete Modelle der Welt selbst Ursprung behaupteten, ohne eine eigene Schwerkraft oder Präsenz im Stofflichen zu entwickeln. Das war sehr wichtig. Denn hätten sie dies getan, wären sie als Spiegel für das, was auf einer realen Bühne generell vollzogen wird, sofort untauglich geworden. Man kann dem Ursprung der Welt nicht beiwohnen. Außer man reduziert ihn aufs Brettspiel. Dass Chéreau für sein Rheingold damals mit so starken Bühnennebeln gearbeitet hat, ist bezeichnend und ausgelöst durch die Überlegung, dass eine »andere« Materie folienhaft über dem Beginn liegen muss, damit dieser sich als Ursprung ausweisen lässt. Auch wenn es paradox klingt: Erst die Simulation zeigte uns, was an Wagners Uranfang wahrhaft mächtig ist.

Und so ragen die Wurzeln der Ring-Studie 01 aus dem Stück heraus, das ihr ihren Gegenstand bot. Das Neue Medium – Second Life® – hatte uns geholfen, das alte Medium – Oper – ins volle Bild zu setzen. Doch damit nicht genug. Ich war technologisch so weit vorangeprescht, um so weit zurückzugelangen – es sollte jetzt nicht so aussehen, als ob das Alte immer bloß auf das Neue angewiesen ist. Umgekehrt wird es ebenso richtig. Ich wollte für die textuelle Dichte des Rheingold-Anfangs auch meine Interpretationsplattform Second Life® wiederum nicht ohne Ursprung belassen. Denn auch sie ist – natürlich – nicht ursprungslos. sl® ist nur eines von zahllosen digitalen Archipelen im Metaversum und selbst in eine bestimmte Zeitlichkeit eingebettet, die sich aus dem Abstand von nur einer Handvoll Jahren als ebenso »historisch« zu erkennen geben wird wie etwa das erste Brillenglas oder das Tischtelefon. Die Auseinandersetzung mit Ursprungsfragen fängt eigentlich erst da an, wo das Auseinandersetzen selbst in Frage gestellt wird.

Aus diesem Grund habe ich dem virtuellen Szenario eine Bilderstaffel vorgeschaltet, die anhand von Insignien des Anfangs aus der Mediengeschichte wie im Zeitraffer einen Gang durch diese beschreibt, just bevor Wagners Vorspiel einsetzt: Die erste der ur-ersten Einstellungen zeigt ein Weißes Rauschen – das letzte Signal aus der analogen Fernsehwelt und dort stets als Zeichen für eine Signalunterbrechung gebraucht. Die Projektion ist portalgroß im Bühnenausschnitt zu sehen, wenn die Zuschauer in den Saal hereinkommen. Es könnte ewige Pause geherrscht haben. Jedenfalls scheint ein Neuanfang nicht unmöglich. Man darf ihn erwarten, wenngleich nicht wissend woher.5 Nach einer ganzen Weile bricht das Weiße Rauschen in die Ansicht nervöser Schaltbefehle und Script-Informationen um, wie man sie noch vom Startvorgang der ersten PC-Generation her kennt. »Press < ESC> to boot: 7 ... 6 ... 5 ... ... ... 2 ... 1 ... 0«. Cut. Dritte Einstellung: »Recovery Menu« mit der berüchtigten Blue Screen von Windows und rotem Suchbalken. Ein Computerabsturz muss stattgefunden haben. Der Balken wird von unsichtbarer Hand bewegt und friert auf der Zeile »Repair broken packages« ein, als wär’s eine Erinnerung des Wanderers. Vierte Einstellung: Man ist bei Macintosh gelandet. Die Oberfläche zeigt das MAC-Lautstärkesymbol mit den 3 Schallwellen im Off-Modus (vgl. Abb. 3/2). Plötzlich Regung in den Ladeblocks, die Lautstärke fährt hoch, Überleitung von Geräusch zu Klang. Cut. Einsatz Musik. Der Liegeton der ersten acht Kontrabässe in Es-Dur ist da wie aus tiefer Ferne. Und zu sehen die letzte Voreinstellung mit dem Ladebalken aus der ersten Testphase von Second Life® des Jahres 2002. Beinahe sind wir in der Gegenwart unseres aktuellen Uranfangs angelangt. Stereotypien eines Boot-Ups erscheinen: »Loading > Logging in > Welt wird initialisiert«. Mit dem Progredieren der Takte und dem Anschwellen des Klangs rückt der Balken vor, mal zögernd, mal schubartig. Kein Zweifel, dies ist der originale Ladevorgang von sl®. Doch seine Bewegungen sind in Wahrheit inszeniert, wie auch die sämtlicher Sequenzen zuvor. »Multimedia wird initialisiert > Debugging Opera > Wagner wird entfaltet«. Ja, im Anfang war alles Tuning und Timing, es kann nicht anders sein. Das wird rückblickend klar, entgegen etlichen Meinungen aus den Reihen der Zuschauer, die darauf hielten, hier sei das Laden eines Backstage-Rechners versehentlich publik geworden, Theaterpanne, peinlich. Dabei gehört »das Laden« zum Rheingold wie zu sonst keinem anderen Stück dazu.6 Exakt mit T. 17 und dem Einsatz der Hörner stößt der Balken an sein Ziel und die Ansicht springt zum Filmteil der Animation. Über einer Wasserschlucht liegen die Konsolen der gegenwärtigen Version von Second Life®, deren Programmkurven gegen ihre Koordinatengrenzen schlagen wie die Wellen des Rheins darunter gegen ihre virtuellen Ufer.7 Das Medium ist mehr als nur die Message. Es besitzt ein eigenes Antlitz. Im Suchfenster hat jemand die Befehle: »Gold, Ursprung« eingetragen. Ab jetzt fließt dieser Anfang seinem Ende zu. Das Neue Medium Second Life® hatte mir geholfen, dem alten Medium »Oper« im Anfangen erweiterte Gültigkeit zu verschaffen. Signa der alten Medien – TV, Video und Pac-Man-Grafik – helfen nun, dem Neuen Medium sl® seinen Platz in der Geschichte anzuzeigen. Als die Produktion der Ring-Studie 01 abgeschlossen war, die Premiere längst vorüber, verfiel ich Ende 2010 der Idee, ein Bühnenbildmodell für sie anzufertigen. Das entspricht nicht dem üblichen Gang der Dinge. Bühnenbildmodelle werden unter normalen Gesichtspunkten zu Beginn einer Produktion hergestellt, zum einen als Vorlage für die Bauproben, zum anderen, um den an der Inszenierung Beteiligten eine Ahnung zu vermitteln, wie und in welchen Räumen diese verlaufen wird. Natürlich ist das Rheingold-Vorspiel ein Instrumentalwerk, und auch bei uns treten keine Personen vorzeitig darin auf. Die virtuelle Umsetzung schien es ohnehin überflüssig zu machen, genaue Abmessungen, Fluchtpunkte oder Schärfungsgrade zu justieren, wenn diese im schwerelosen Datenraum so oder so jede Gültigkeit verlieren. Ich verfolgte darum von vornherein einen anderen Zweck. Angesichts der Tatsache, dass ein Bühnenbildmodell auf seine Art Spiegel einer Inszenierung ist, ja, kraft des üblichen Gebrauchs im Theater vor allem selbst wieder eine Chiffre für das Anfangen darstellt, wollte ich ein Objekt bauen, das losgelöst ist von seiner Hilfsmittelfunktion. Ein Bühnenbildmodell, in dem mein Blick auf das Rheingold-Vorspiel noch einmal wie im Brennglas eingefasst wird, desgleichen in sich autark funktioniert. Das mag sich verwickelt anhören Ein Anfang aber, der nicht verwickelt ist, kann kein Uranfang werden. In gewisser Weise nahm ich nur ernst, dass es bei Wagner um die Herstellung von »Schöpfung« geht. Ich gab mir Mühe. Wie konnte Second Life® als Terrain und Milieu in einem Modell repräsentiert werden und gleichzeitig Wagners Musik erfasst? Ich mache es kurz: Mit einer Laterna Magica, dem Phänotyp aller Projektionstechnologien und -phantasien. Erfunden Mitte des 17. Jahrhunderts und zunächst zur religiösen Belehrung eingesetzt – das älteste erhaltene Zeugnis einer Projektion mit Hilfe der »Zauberlaterne« zeigt einen kleinen Teufel, mithin das Gottlose der Schöpfung (sic!), das damit buchstäblich an die Wand gemalt wurde –, ist sie, die Laterna Magica, in Wagners Jahrhundert zu dem Massenmedium schlechthin avanciert, aufgestellt zwischen Zauberei und Wissenschaft, Geistersehen und Polytechnik. In Cosimas Tagebüchern ist allenthalben von Laterna-Vorstellungen die Rede, durch die den Kindern zu Hause mit Leuchtbildern Unterhaltung gemacht wurde.8 Ein wenig tönt es nach Fernsehstunde am Samstagnachmittag plus Sandmännchen. Die Laterna Magica ist das Instrument, das die Magie technifizierte, und das Nachhaltige an ihr ist, dass ihr Licht nicht szenische Beleuchtung erzeugt, sondern Szenerie selbst erschafft. Daraus resultierte auch die Grundidee für meine Modellbühne: In einer originalen Laterna Magica, die durch Petroleumlicht angetrieben wird, wollte ich Ansichten meiner digitalen Interpretation des Rheingold-Vorspiels mittels analoger Projektionstechnologie wiederaufrufen. Da das Projektionsgerät somit älter als das Projizierte sein würde, konnte jenes diesem auf formaler Ebene vorgeschaltet werden und die Auseinandersetzung mit dem Anfang noch einmal nach hinten bzw. vorne, wie man will, jedenfalls Richtung »Urgeschichte« weiterschreiben. Auskopplung sollte zur Rückkopplung werden, die Inszenierung des Anfangs sich selbst als Projektion begegnen. Ich entsann mich einer Bemerkung aus Prousts Recherche: »Gewiß, sie waren nicht ohne Reiz, diese glitzernden Projektionen, die aus merowingischer Vorzeit zu kommen schienen und Bilder längst vergangener Zeiten an mir vorbeiziehen ließen.« Es schien bestens zu Wagner zu passen. Dieser selbst hatte für den Ring des Nibelungen 1876 den Einsatz von Laterna-Effekten im Festspielhaus vorgesehen. Für den Walkürenritt sollte das ganze Reitergeschwader als Prospekt illuminierter Nebel dargestellt werden – wie aus der Vorzeit kommend. Der berühmte Illustrator und Kostümbildner Carl Emil Doepler wurde dafür eigens engagiert, die Proben waren aufwendig, Wagner bestand wie immer auf technischen Raffinements, und der Projektionsapparat, den er für Bayreuth anfertigen ließ, kam von der Hamburger Fa. A. Krüss, dem damals wichtigsten Laterna-Hersteller Europas. Dass all dies am Ende doch nicht zu einer substantiellen Inszenierung hinreichte, lag wohl an mechanischen Problemen, vielleicht auch an dem Irrglauben, dass realistische Szenenvorlagen automatisch einen realistischen Eindruck hinterlassen müssten. Das Gegenteil war der Fall.9 Daraus lässt sich lernen. Und so gingen wir von derselben Faszination unter umgekehrten Vorzeichen aus. Der Anspruch, »den« Anfang als Urwelt, etwa mit Schemen des Tertiärs zu illustrieren, entfiel. An ihrer Statt hatten wir die virtuellen Projektionsvorgaben, die sichtbar künstlich blieben – an die Position des Authentischen rückte der Projektionsapparat selbst. In diesem Sinn sollte die Laterna Magica Anfangsmaschine werden. Erst sie würde unsere mediale Gegenwart zwischen Second Life® und Röhren-TV als irritierte Zukunftsvision vom Anfang vorführen, welcher sich im Moment seines Aufflackerns als etwas Vergängliches preisgibt.

Abb. 1: Originale Laterna Magica, Fa. Ernst Plank, ca. 1885, unverbaut.

Konkret ging ich auf die Suche nach einem Gerät aus der Zeit Wagners. Der Ehrgeiz ging so weit, eine echte Krüss zu kaufen. Die Firma von einst existiert noch heute (A. Krüss Optronic GmbH). Doch deren historische Laterna-Bestände gehören fast ausschließlich in den Bereich der Industrieware – für ein Bühnenbildmodell zu teuer, zu aufwendig in der Inbetriebnahme und vor allem: zu groß. Durch Zufall stieß ich auf eine handliche, fassförmige Kinderlaterne der Nürnberger Traditionsfirma Ernst Plank von ca. 1885. Die Grundausstattung war komplett: lackiertes Weißblech, zylindrisches Gehäuse, herausziehbares Okular, 2 bikonvexe Linsen, Brenner, Hohlspiegel, Schlot / Rauchfang [Abb. 1]. Der Projektionsmittelpunkt lag bei 11,35 cm. Das speziell war überzeugend, weil ich das Modell für Wagners Anfang nicht verfugen, sondern in einen eigens dafür anzufertigenden Koffer einbauen wollte10, mit dem man dann – Fackelträger eines beweglichen Musiktheaters – wie die alten Laternisten über Land würde ziehen können.11 Seit je schien die Walz eine Präfiguration jener Fluktuation der Mittel zu sein, wie sie durch die Neuen Medien wieder virulent wird. Desgleichen gehört es zum Regiekonzept der Opera minima, dass Wagners Ring modular gestaltet und aufgeführt werden kann.12 Seinen Anfang musste ich im Sinne des Wortes: selber tragen können.

Der Koffer ist nun das Theater [Abb. 2], und in ihm ist Ursprung, Theaterursprung. Wird sein Gehäuse geöffnet, lässt sich der Laterna Magica gegenüber eine Projektionsfläche aus grundierter Malerleinwand ausklappen, deren Form und Format ich dem Monitor des MAC-Books abgenommen habe (22,7 x 32,5 cm). Acht ausgewählte Motive meiner Vorspiel-Inszenierung in Second Life® hatte ich bereits zuvor zu Diapositiven umkopieren, in die Abmessung des typischen, für diese Art Apparate erforderlichen Rundausschnitts bringen lassen [Abb. 3/1–8] und schließlich zwischen je zwei geschliffene Glasträger eingespannt.13

Abb. 2: Originale Laterna Magica im Koffertheater: Das Triebwerk des Bühnenbildmodells für die Ring-Studie 01 | Rheingold, Vorspiel. 2010/11.

So kann ich heute »lanternieren«14: Ist die Flamme für die Vorstellung über den Brenner angezündet15, werden die Glasbilder von Hand in die Projektionsschiene der Laterna eingelegt und motivweise durchgezogen, bei Bedarf rhythmisiert oder auch kommentiert. Was zu sehen ist, ist gänzlich unwahrscheinlich und auf seine Weise doch höchst real: durchleuchtete Oblaten anfänglicher Landschaften, bizarr konturierte Fata Morganen, in denen Zeitschichten sich über das Medium ihrer Darstellung ausweisen. Medien mediatisieren sich hier selbst. Das Modell in sich mag beinhart analog sein, doch in ihm zeigt sich ein digital fabrizierter Ursprung, Kerzenlicht trifft Pixelstruktur. Nicht das Alte ist diesmal im Neuen, sondern das Neue »vor-spielhaft« im Alten geborgen. Wir hatten das Internet umgestülpt. Jetzt präsentiert sich die Simulation des Simulakrums: Medienkunst – ohne Strom. Und die Musik? Klavierfassung – Zuspielung – Sound-Tracking? Wagner: »Musik ist das Licht dieser Laterne.«16

Den letzten Grad der Verdichtung vollzog ich auf Einladung des Kunstmuseums Thun, und er war für mich auch ultimativ17: In einer Installation konnte ich gleichzeitig das Rheingold -Vorspiel auf- und das Modell seiner Bühne vorführen.19 Analoge und digitale Projektionsart staffelten sich so nicht mehr bloß nach- oder neben-, sondern ineinander. Das gipfelte in Situationen, in denen im selben Augenblick ein Bild aufschimmerte, das sich im zweiten brach, welches doch das Gleiche zeigte, bloß verschieden [Abb. 4].

Abb. 3/1–8: Verwandelte Wiederkehr: Digitales Szenenmaterial aus Second Life® als Glasbilder für Laterna-Magica-Vorführungen. Analogisierte Motive der Inszenierung Ring-Studie 01 | Rheingold, Vorspiel. 2010/11.18

Frakturen von Anfängen lagen teils frei, teils verborgen zur Vorstellung parat. Gebündelt ergaben sie den gemengten, den potenzierten Anfang – Uranfang. Denn was war und wird das dereinst sein: »Anfang auf dem Theater«? – Ein Modus, in dem alle Präsentationsformen bereit sind. So wie das Bühnenbildmodell der Ring-Studie 01 selbst Teil jener Inszenierung geworden ist, welche sie nachformt, können deren Panoramen jetzt mit ihrer eigenen Modellhaftigkeit konfrontiert werden. Eine kleine und eine große Weltwagnerbühne stehen sich als Spieglein an der Wand gegenüber. Anfang ist immer eine Schimäre. Das zu erkennen, bringt uns – womöglich – voran.

Abb. 4: Analoge und digitale Projektion ergeben zusammen ein gleiches Bild, das nicht dasselbe ist. Ring-Studie 01 | Rheingold, Vorspiel. Inszenierung und Installation Johanna Dombois, 2009, 2010/11.20

Frei nach Kittler, der es frei nach Hegel veranschlagt hat: Wagner lehrt, dass unser Theater immer nur so ursprünglich sein kann, wie es sich in seine Technologien zu verlieren getraut.