Tom wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Der Kampf mit Raptox hatte ihn erschöpft, aber er hatte keine Zeit, sich auszuruhen – eine neue Aufgabe wartete auf ihn. Er betrachtete sein Schwert. Die Klinge war durch Raptox’ ätzende Säure zerstört worden.
Storm, Toms treuer Hengst, lief achtsam den Bergpfad hinab. Silver, Elennas Wolf, sprang von Fels zu Fels. Sein grauer Körper war tief über den Boden geduckt und seine gelben Augen leuchteten.
Tom drehte sich zu Elenna um, die hinter ihm in Storms Sattel saß. Sie betrachtete die Hügel, hinter denen eine weite Ebene lag.
„Ich muss mich dauernd selbst daran erinnern, dass wir nicht in Avantia sind“, sagte sie.
Tom verstand, was sie meinte. Tavania ähnelte ihrem Heimatland Avantia, und doch war es anders. Tavania war von einer Glaskuppel überwölbt. Biester, die durch magische Portale kamen, waren in ganz Tavania verstreut worden. Weit weg von ihrem Zuhause waren sie verwirrt und zornig.
Noch schlimmer war, dass Malvel, Toms Feind, das Königreich beherrschte. Nur wenn er die Biester besiegte, konnte Tom König Henri helfen, den Thron erneut zu besteigen und das Gleichgewicht im Königreich wiederherzustellen. Erst dann konnte auch Malvel besiegt werden.
Doch mit Toms und Elennas Hilfe wurde der gute Zauberer Oradu immer kräftiger. Tom hatte bereits drei Biester besiegt und mit jedem Sieg erhielt Oradu einen seiner magischen Gegenstände zurück: einen Umhang, einen Hut und zuletzt den Zauberstab. Wenn alles wieder in seinem Besitz war, würde Oradu stark genug sein, um gegen Malvel kämpfen zu können.
Oradu hatte ihnen bereits den Namen des nächsten Biests verraten: Madara.
Aber wo lauerte das Biest?
Tom zog die magische Landkarte aus seinem Hemd. Zu Beginn seiner Mission hatte er sie in der Satteltasche gefunden. Oradu hatte sie dort versteckt und bisher hatte sie Tom immer den richtigen Weg gezeigt.
Er faltete die goldenen Kartenstücke auseinander. Das Metall fühlte sich kühl in seinen Händen an. Eine schimmernde gelbe Spur würde sie zum nächsten Biest führen. Doch bevor ein Pfad auf der Karte erschien, packte Elenna ihn an der Schulter.
„Ich glaube, dieses Mal brauchen wir die Karte nicht“, sagte sie. „Schau!“
Sie deutete zu den Hügeln, von wo aus sich die weite Ebene erstreckte. Die Sonne stand tief am Himmel. Der Nachmittag ging in den Abend über. Lange Schatten fielen auf das Land.
Am dunkler werdenden Himmel entdeckte Tom ein neues Portal. Es sah aus wie eine lange Wunde, die in der Luft hing. Rote Wolken wirbelten um die Öffnung, die von bedrohlichen Blitzen durchzuckt wurden – gelb, blau und grün.
„Wir müssen schnell dorthin“, sagte Tom. Er ließ die Zügel schnalzen und Storm galoppierte die Hügel hinab. Elenna hielt sich an Tom fest. Silver raste hechelnd neben ihnen her.
Sie erreichten die Ebene. Erdklumpen und Grasbüschel flogen auf, als Storm über die Grasebene donnerte. Tom starrte zu dem bedrohlichen Portal hoch, das am dunklen Himmel zuckte.
Als sie sich dem Portal näherten, nahm er die Zügel kürzer. Ein starker Wind fegte plötzlich über die Ebene. Er war so stark, dass Tom sich kaum im Sattel halten konnte.
„Das ist kein normaler Sturm“, rief Elenna. „Malvel lässt das Land wieder gegen uns kämpfen!“
Tom nickte. Malvels Macht über Tavania war so stark, dass er seine Feinde mit Erde und Wasser angreifen konnte – und jetzt auch mit Wind.
„Wir müssen absteigen!“, rief Tom Elenna zu. „Wenn wir uns hinter Storm stellen, sind wir geschützt vor dem Wind.“
Sie rutschten von Storms Rücken und duckten sich neben ihn. Trotzdem peitschte der Wind erbarmungslos auf sie ein. Das Brüllen des Sturms wurde lauter. Storm taumelte hin und her. Silver kam tief auf den Boden geduckt näher. Sein Fell wurde wild zerzaust. Er legte die Ohren an und fletschte knurrend die Zähne.
Tom suchte nach dem Grund für Silvers Verhalten und sah sich um.
Durch den Wind kam etwas auf sie zu – mit unheimlicher Geschwindigkeit.