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Ein heftiger Sturm

Tom warf sich zur Seite. Ein großer Ballen aus Steppenpflanzen fegte, angetrieben vom Wind, an ihnen vorbei.

„Pass auf!“, schrie Elenna, als Tom sich wieder aufrappelte.

Ein zweiter Pflanzenball kam herangewirbelt und zwang ihn, auf die Knie zu gehen, als er Tom mit voller Wucht traf und zu Boden stieß.

Tom biss vor Schmerz die Zähne zusammen. Das war kein gewöhnliches Steppengras – das wirbelnde Knäuel hatte Dornen. Sie hatten seine Kleidung zerrissen und seine Haut zerkratzt, sodass er blutete.

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Storm wieherte voll Sorge, als Tom von einem dritten Knäuel getroffen wurde. Tom verlor das Gleichgewicht und seine Kleider wurden noch stärker zerrissen.

Und es kamen noch mehr – eine große Menge tödlicher Pflanzenbälle stürzte jetzt auf Tom und seine Freunde zu. Heulend warf sich Silver hin und her, um den Geschossen auszuweichen. Storm ging auf die Hinterbeine und trat mit den Vorderbeinen aus. Er wieherte panisch.

„Hier herüber!“ Tom konnte Elennas Stimme durch den tosenden Wind kaum hören. Flach auf den Boden gedrückt, drehte er den Kopf und sah sich nach ihr um.

Ihr Arm winkte ihm aus einer Bodensenke über das wirbelnde Steppengras hinweg zu.

„Ich komme!“, rief Tom.

Er gab Storm einen Klaps aufs Hinterteil. Der Hengst machte einen Satz zur Seite und wich einem Dornenbüschel aus.

Schützend legte Tom einen Arm über sein Gesicht und warf sich in die flache Senke, wo Elenna Schutz gefunden hatte. Die Vertiefung war gerade groß genug für sie beide.

„Silver! Verschwinde von hier. Folge Storm in Sicherheit“, rief Elenna. Der Wolf heulte und rannte davon.

„Das ist Malvels Werk“, keuchte Tom. „Er bringt das Land gegen uns auf, so wie er es auch schon mit dem Fluss und den Felsen in den Bergen gemacht hat.“

„Was können wir gegen seinen dunklen Zauber tun?“, schrie Elenna über den tosenden Wind.

Tom drückte sich noch tiefer in die Senke. „Im Moment gar nichts“, antwortete er. „Wir müssen warten.“

Für eine lange Zeit tobte der Wind weiter und peitschte die Dornenbündel über das Land. Die Sorge um ihre Tiere nagte an Toms Eingeweiden. Langsam wurde der Himmel dunkler.

Würde der Spuk denn nie ein Ende haben?

Elenna und Tom sahen sich besorgt an, als aus dem Abend langsam Nacht wurde. Immer noch stürmten Pflanzenbälle an ihnen vorbei, die von Malvels magischem Wind angetrieben wurden.

Dann, ganz plötzlich, hörte der Wind auf.

Tom sprang auf die Füße und hob die geballten Fäuste zum Himmel. „Hör gut zu, Malvel!“, schrie er. „Solange Blut in meinen Adern fließt, wirst du mich nicht aufhalten.“

Tom erwartete ein Zeichen des Zauberers, aber auf der Ebene blieb es unheimlich still. Nur das Portal zuckte bedrohlich am Himmel.

Die Staubwolken legten sich und Silver und Storm kamen zu ihnen getrottet. Tom hatte einige Risse in der Kleidung und an den Stellen, wo die Dornen ihn erwischt hatten, blutete er etwas. Zum Glück waren die Kratzer nicht tief.

„Alles in Ordnung?“, fragte Tom seine Freundin, die den Schmutz aus ihren Kleidern klopfte.

Sie zuckte mit den Schultern. „Jetzt, wo der Sturm vorbei ist, schon. Komm, lass uns weitergehen.“

Sie stiegen auf Storms Rücken und trabten über die hügelige Ebene. Ihr Weg wurde vom unheimlichen Flackern rund um das Portal erleuchtet. Sie näherten sich dem Loch im Himmel. Die Wolken, die es umringten, hingen tief über ihren Köpfen und Blitze zuckten bis zum Boden.

„Ob es eine gute Idee ist, bei Nacht mitten in einen Sturm zu reiten?“, fragte Elenna.

„Wahrscheinlich nicht“, erwiderte Tom. „Aber wir sind noch nie vor Gefahren zurückgewichen und jetzt werde ich nicht damit anfangen.“ Er sah sie an. „Die Biester waren immer in der Nähe der Portale. Madara ist bestimmt auch irgendwo hier. Bist du bereit für den Kampf?“

„Na klar!“, sagte Elenna.

Sie ritten weiter auf den Sturm zu. Donner grollte und Blitze schossen wie Pfeile zur Erde.

„Halt, wer ist da?“, rief eine Männerstimme.

Zwei Gestalten standen auf einer Erhöhung. Sie waren im Sternenlicht gut zu erkennen. Nach ihrer Ausrüstung zu urteilen, waren es Soldaten.

Sie kamen die Erhöhung herunter und mit gesenkten Lanzen auf sie zu.

„Steigt ab“, verlangte der erste Mann. Er richtete seine mit Widerhaken besetzte Speerspitze auf Silver, der knurrte und die Zähne bleckte. „Haltet das Mistvieh zurück!“

„Ruhig, Silver“, sagte Elenna.

Toms Gedanken rasten. Seine einzige Waffe war das kaputte Schwert – und das war gegen zwei bewaffnete Soldaten rein gar nichts.

„Tu, was sie sagen“, wisperte Tom Elenna zu. „Aber gib Silver auf mein Zeichen das Kommando zum Angriff.“

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„Kein Gequatsche!“, rief der erste Mann. „Nathan, fessele sie.“

„Runter mit euch!“, befahl der zweite Mann. „Gehorcht uns, und euch wird nichts geschehen.“

Tom und Elenna stiegen ab.

„Ruhig“, murmelte Tom seinem Hengst zu.

„Lass sie nicht aus dem Auge, Peter“, sagte Nathan.

Peter richtete seine Lanze auf die Freunde. „Das werde ich nicht. Binde die Knoten richtig fest. Denk nur an die Belohnung, die Malvel uns geben wird, weil wir die meistgesuchten Flüchtlinge von ganz Tavania gefangen haben!“

Tom sah den Mann an. Die beiden wussten also, wer sie waren.

Nathan kam mit einem Seil in den Händen näher.

„Jetzt!“, zischte Tom Elenna zu.

Sie wandte sich zu Silver um und pfiff schrill.

Der Wolf verstand sofort. Er sprang vor und schnappte nach Peters Arm.

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Als Nathan den Schmerzensschrei hörte, wirbelte er herum. Blitzschnell zückte Tom sein kaputtes Schwert und hieb Nathan mit dem Griff gegen den Hinterkopf.

Nathan stürzte auf alle viere und ließ seinen Speer fallen.

Tom hob die Waffe auf und Elenna rannte zu Silver, der Peter mit den Zähnen gefangen hielt. Sie streckte die Hand aus. Der Soldat wand sich vor Schmerz und ließ die Lanze in ihre Hand fallen.

Tom sah die beiden Männer grimmig an. „Tut, was wir euch befehlen“, sagte er. „Und macht keinen Unsinn!“