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Tausend Gegner

„Habt Mitleid!“, flehte Peter. „Wir sind nur ein kleiner Aufklärungstrupp. Wir hätten euch nichts getan.“

„Ihr wolltet uns an Malvel ausliefern“, sagte Tom. „Glaubt ihr, er hätte Mitleid mit uns?“

Der Mann leckte sich nervös über die Lippen.

„Ihr müsst euch keine Sorgen machen“, sagte Tom. „Wir sind keine kaltblütigen Mörder. Elenna, rufe Silver zurück.“

Seine Freundin pfiff und der Wolf ließ Peter los, der sich stöhnend den verletzten Arm rieb.

Nathan stand langsam auf. Mit der Hand strich er über die Stelle an seinem Hinterkopf, wo Tom ihn getroffen hatte. „Malvel hat eine ganze Armee ausgesandt, um euch zu finden“, sagte er. „Es gibt kein Entkommen.“

„Zeigt uns diese Armee“, verlangte Elenna.

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Der Mann grinste schief. Er deutete auf einen Hügelkamm. „Schaut selbst.“

„Pass auf sie auf“, sagte Tom zu Elenna und stieg den Hang hoch. Sie richtete ihre Armbrust auf die Männer und spannte einen Pfeil. Silver saß knurrend neben ihr.

Tom kletterte auf den Hügelkamm und achtete darauf, im Dunkeln nicht den Halt zu verlieren. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ sein Herz schneller schlagen.

Die Ebene wimmelte vor Soldaten, die im unheimlichen Licht des Portals gut zu sehen waren. Tom ließ sich auf den Bauch fallen, um nicht entdeckt zu werden, und beobachtete sie.

Zum Glück waren auch die Soldaten in der vordersten Reihe noch ein gutes Stück entfernt. Aber es waren Hunderte. Ihre Waffen glänzten im Licht, während sie auf das Portal zumarschierten.

Tom kroch ein Stück zurück und winkte Elenna zu sich.

Während Silver die beiden Männer bewachte, erzählte Tom seiner Freundin, was er gesehen hatte.

„Wie sollen wir so das Biest finden?“, fragte sie mit leiser Stimme. „Wenn sich Madara tatsächlich in der Nähe des Portals aufhält, müssen wir durch diese ganze Armee hindurch.“

Tom dachte scharf nach. „Wir können nicht schneller sein als die Armee und wir können sie nicht umgehen, aber vielleicht können wir uns ihr anschließen.“

Elenna sah ihn überrascht an. „Wenn sie uns sehen, werden wir gefangen genommen und zu Malvel gebracht“, flüsterte sie.

„Ja, aber das wird nicht passieren, wenn die Soldaten nicht erkennen, wer wir sind“, erklärte Tom. Er deutete zu Peter und Nathan. „Ihre Kleider und Helme sind etwas groß, aber in der Nacht stehen unsere Chancen gut, dass wir mit den Soldaten mitlaufen können, ohne Verdacht zu erregen. Und sobald es geht, überholen wir sie und suchen das Biest.“

„Was ist mit Storm und Silver?“, fragte sie. „Sie können wir nicht verkleiden.“

„Wir könnten behaupten, dass wir sie gefangen haben“, meinte Tom.

„Gute Idee“, sagte Elenna. Dann runzelte sie die Stirn. „Aber ich sehe nicht aus wie ein Mann. Moment!“ Sie überlegte einen Augenblick und sah sich um. Dann kniete sie sich auf den Boden und nahm eine Handvoll Erde. Sie rieb sich den Schmutz ins Gesicht. „Sehe ich jetzt überzeugend aus?“

Ihre Augen leuchteten im dreckigen Gesicht. Mit den kurzen Haaren und der schlanken Figur sah sie wie ein junger Rekrut in Malvels Armee aus.

„Ja, tust du“, sagte Tom lächelnd. „Lass uns die Tarnung vervollständigen.“

Die beiden Freunde kletterten zu Storm und Silver und den Männern zurück.

„Wir brauchen eure Kleidung“, sagte Tom.

Die Soldaten zögerten, dann zogen sie ihre Kettenhemden und Helme aus. Schließlich standen sie zitternd in ihrer Unterwäsche da. Peter war etwas kleiner und schmaler als Nathan. Elenna zog deshalb seine Sachen an und Tom Nathans. Das Kettenhemd war ungemütlich und der Helm drückte schwer auf seinen Kopf.

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„Ihr werdet nicht weit kommen“, sagte Nathan.

„Das werden wir ja sehen“, erwiderte Tom.

Elenna und er benutzten das Seil der Männer, um sie an Händen und Füßen zu fesseln.

In der Satteltasche fand Tom alte Lappen, die sie als Knebel benutzten. Nathan sah ihn böse an, als Tom das Tuch um seinen Mund band. Tom war nicht wohl dabei, die Männer so zu behandeln, aber sie durften nicht riskieren, dass sie nach ihren Kameraden riefen.

„Ich bin sicher, dass euch bald jemand finden wird“, sagte Tom zu ihnen. Er wandte sich an Elenna. „Wir sollten nicht auf Storm reiten“, sagte er. „Wir binden ihn und Silver fest, dann sehen sie mehr wie unsere Gefangenen aus.“

Sie ließen die beiden Soldaten gefesselt und geknebelt zurück, umrundeten mit ihren Tieren den Hügel und betraten die Ebene.

Weit vor ihnen bereiteten die Soldaten ihr Nachtlager vor. Rote Zelte wurden aufgebaut und Feuer entzündet.

„Das gefällt ihm überhaupt nicht“, sagte Elenna und sah Silver besorgt an. Der Wolf zerrte an dem Seil und drehte immer wieder den Kopf, als wollte er es durchbeißen.

Tom klopfte Storm den Nacken. „Keine Angst“, versuchte er ihn zu beruhigen. „Euch wird nichts geschehen, versprochen.“

Die vier Freunde näherten sich dem ersten Zelt. Tom sah etwa ein Dutzend Männer um ein Feuer stehen. Ihre Waffen glänzten im Feuerschein und sie unterhielten sich leise.

Tom blinzelte unter seinem Helm hervor.

„Ich hoffe, die Verkleidung funktioniert“, dachte er. Sein Herz schlug schneller. „Wenn nicht, laufen wir geradewegs in Malvels Hände!“